Werner Benecke, Die Ostgebiete der Zweiten Polnischen Republik. Staatsmacht und oeffentliche Ordnung in einer Minderheitenregion 1918 - 1939, Koeln, Weimar u.a. 1999 (= Beitraege zur Geschichte Osteuropas Bd. 29).

Für Polhist rezensiert von Dr. des. Heidi Hein (Heinrich Heine-Universitaet Duesseldorf)

Der Begriff "kresy" ("Grenzland") wird in der Regel mit den "kresy wschodnie" ("oestliches Grenzland") assoziiert und ist reich an Konnotationen, die vor allem durch die polnische Literatur des 19. Jahrhunderts und den "Freiheitskampf" gegen die russische Teilungsmacht gepraegt wurden. Die Kresy der Zweiten Republik, d.h. die Wojewodschaften Wilna, Nowogrodek, Polesie und Wolyn, umfassten jedoch in territorialer Hinsicht nur Bruchstuecke der Ostgebiete der Adelsrepublik. In diesen durch die Kaempfe des Ersten Weltkrieges und des Buergerkrieges stark verwuesteten Regionen lebte eine in nationaler und sozialer Hinsicht sehr heterogen strukturierte Bevoelkerung. Die wesentliche Aufgabe der polnischen Innenpolitik der Zweiten Republik war es, in moeglichst kurzer Zeit die durch die Teilungsmaechte unterschiedlich gepraegten Teilgebiete zu einem einheitlichen Staatsgefuege zu integrieren. Die Kresy stellten aufgrund ihrer Struktur einen besonders problematischen Teilaspekt dieser Politik dar.

Werner Benecke hat sich in seiner Dissertation mit den konkreten Problemen befasst, die sich aus der Perspektive der Dorfbevoelkerung in den polnischen Ostgebieten waehrend der Zweiten Republik durch diese Integrationspolitik ergaben. Entsprechend hat er neben staatlichen Archivalien vor allem auf nationaler und regionaler Ebene erscheinende Fach- und Verbandszeitschriften fuer die im Dorf Taetigen (wojci, soltysi, Dorfschullehrer und Popen) ausgewertet. Auf diese Weise ist der Verfasser zu einer Neubewertung der staatlichen Kresy-Politik gelangt, da die Bedingungen und Handlungsspielraeume sich von denen, die in den westlichen Wojewodschaften galten, unterschieden.
Grundlegend hierfuer ist seine These, dass die Kresy als integraler Bestandteil der Republik mit hohen Anspruechen an die Rechtmaessigkeit der inneren Ordnung angesehen wurden und dass sich daher die staatliche Kresy-Politik nicht an den Grundsaetzen einer Minderheitenpolitik orientiert habe. Aus diesem Grund habe auch der traditionelle Gegensatz zwischen den Vorstellungen der Ostpolitik (Foederalismus vs. Inkorporationismus) die Kresy-Politik nicht mehr dominiert.
Nach einigen knappen Bemerkungen ueber die Konzepte polnischer Ostgebietspolitik und die Lage nach 1920 in bezug auf die Folgen von Krieg und Buergerkrieg, die insgesamt einen eher ein- und hinfuehrenden Charakter haben, analysiert Benecke die charakteristischen Probleme der Kresy in bezug auf die nationale Sicherheit, die sich aus dem Schmuggel und Irredentismus, aber auch aus der politischen Lage ergaben. Danach diskutiert der Verfasser die Landwirtschaft als wirtschaftliche Grundlage der Kresy und die Massnahmen fuer ihren Umbau resp. Umstrukturierung (Landreform, Parzellierung von Grossgrundbesitz, Militaerkolonisation). In einem umfangreichen Kapitel stellt der Verfasser die Verwaltungsstruktur in den Kresy und ihre spezifischen Aufgaben vor. Das Verhaeltnis von Staat und orthodoxer Kirche wird in einem weiteren Kapitel untersucht, woran sich eine Analyse der Schulsituation anschliesst. Als letztes Kapitel, das wegen der Quellenlage als Ausblick konzipiert ist, beschreibt Benecke die Legitimationskrise und den Assimilationsdruck, wodurch die Kresy in den 1930er Jahren zunehmend unter den Einfluss des Militaers gerieten. Aufgrund dieser Studien zieht der Verfasser die Schlussfolgerung, dass nicht der Maiumsturz Pilsudskis im Jahre 1926, sondern sein Tod (Mai 1935) die grundlegende Zaesur der Kresy-Politik der Zweiten Republik gebildet habe und dass lediglich in bezug auf die Konfessionspolitik langfristige minderheitenpolitische Erwaegungen vorhanden gewesen seien.

Da sich der Verfasser in seiner Analyse auf die Lage von doerflicher und laendlicher Bevoelkerung beschraenkt hat, hat er die Situation von Wilna und Lemberg/Lwow, den einzigen kulturellen Zentren der Kresy, leider voellig ausgeblendet, obwohl gerade eine diesbezuegliche Untersuchung weitere Aspekte der Integrationspolitik haette aufzeigen koennen. Benecke hat aus methodischen Gruenden auch nicht die zahlreiche juedische Bevoelkerung und ihre in oekonomischer, gesellschaftlicher, kultureller und sprachlicher Hinsicht besondere Situation in seine Studie einbezogen. Insgesamt diskutiert der Verfasser aufgrund seiner grundlegenden These die Minderheitenproblematik und die sich daraus ergebenden Integrationsprobleme durchweg am Rande, d.h. vorwiegend in den Kapiteln ueber das Verhaeltnis von Staat und orthodoxer Kirche sowie ueber das Schulwesen, ohne diese in einem eigenen Abschnitt zu thematisieren.
Benecke hat trotzdem mit seiner detailreichen Studie, die durch statistisches Material zur landwirtschaftlichen und administrativen Struktur im Anhang ergaenzt wird, einen profunden Beitrag zur Geschichte der Kresy Wschodnie in der Zwischenkriegszeit und damit zur inneren Entwicklung der Zweiten Republik insgesamt erbracht.