Für Polhist rezensiert von Dr. des. Heidi Hein (Heinrich Heine-Universitaet Duesseldorf)
Der Begriff "kresy" ("Grenzland") wird in der Regel mit den "kresy wschodnie" ("oestliches Grenzland") assoziiert und ist reich an Konnotationen, die vor allem durch die polnische Literatur des 19. Jahrhunderts und den "Freiheitskampf" gegen die russische Teilungsmacht gepraegt wurden. Die Kresy der Zweiten Republik, d.h. die Wojewodschaften Wilna, Nowogrodek, Polesie und Wolyn, umfassten jedoch in territorialer Hinsicht nur Bruchstuecke der Ostgebiete der Adelsrepublik. In diesen durch die Kaempfe des Ersten Weltkrieges und des Buergerkrieges stark verwuesteten Regionen lebte eine in nationaler und sozialer Hinsicht sehr heterogen strukturierte Bevoelkerung. Die wesentliche Aufgabe der polnischen Innenpolitik der Zweiten Republik war es, in moeglichst kurzer Zeit die durch die Teilungsmaechte unterschiedlich gepraegten Teilgebiete zu einem einheitlichen Staatsgefuege zu integrieren. Die Kresy stellten aufgrund ihrer Struktur einen besonders problematischen Teilaspekt dieser Politik dar.
Werner Benecke hat sich in seiner Dissertation mit den konkreten Problemen
befasst, die sich aus der Perspektive der Dorfbevoelkerung in den polnischen
Ostgebieten waehrend der Zweiten Republik durch diese Integrationspolitik
ergaben. Entsprechend hat er neben staatlichen Archivalien vor allem auf
nationaler und regionaler Ebene erscheinende Fach- und Verbandszeitschriften
fuer die im Dorf Taetigen (wojci, soltysi, Dorfschullehrer und Popen) ausgewertet.
Auf diese Weise ist der Verfasser zu einer Neubewertung der staatlichen
Kresy-Politik gelangt, da die Bedingungen und Handlungsspielraeume sich
von denen, die in den westlichen Wojewodschaften galten, unterschieden.
Grundlegend hierfuer ist seine These, dass die Kresy als integraler
Bestandteil der Republik mit hohen Anspruechen an die Rechtmaessigkeit
der inneren Ordnung angesehen wurden und dass sich daher die staatliche
Kresy-Politik nicht an den Grundsaetzen einer Minderheitenpolitik orientiert
habe. Aus diesem Grund habe auch der traditionelle Gegensatz zwischen den
Vorstellungen der Ostpolitik (Foederalismus vs. Inkorporationismus) die
Kresy-Politik nicht mehr dominiert.
Nach einigen knappen Bemerkungen ueber die Konzepte polnischer Ostgebietspolitik
und die Lage nach 1920 in bezug auf die Folgen von Krieg und Buergerkrieg,
die insgesamt einen eher ein- und hinfuehrenden Charakter haben, analysiert
Benecke die charakteristischen Probleme der Kresy in bezug auf die nationale
Sicherheit, die sich aus dem Schmuggel und Irredentismus, aber auch aus
der politischen Lage ergaben. Danach diskutiert der Verfasser die Landwirtschaft
als wirtschaftliche Grundlage der Kresy und die Massnahmen fuer ihren Umbau
resp. Umstrukturierung (Landreform, Parzellierung von Grossgrundbesitz,
Militaerkolonisation). In einem umfangreichen Kapitel stellt der Verfasser
die Verwaltungsstruktur in den Kresy und ihre spezifischen Aufgaben vor.
Das Verhaeltnis von Staat und orthodoxer Kirche wird in einem weiteren
Kapitel untersucht, woran sich eine Analyse der Schulsituation anschliesst.
Als letztes Kapitel, das wegen der Quellenlage als Ausblick konzipiert
ist, beschreibt Benecke die Legitimationskrise und den Assimilationsdruck,
wodurch die Kresy in den 1930er Jahren zunehmend unter den Einfluss des
Militaers gerieten. Aufgrund dieser Studien zieht der Verfasser die Schlussfolgerung,
dass nicht der Maiumsturz Pilsudskis im Jahre 1926, sondern sein Tod (Mai
1935) die grundlegende Zaesur der Kresy-Politik der Zweiten Republik gebildet
habe und dass lediglich in bezug auf die Konfessionspolitik langfristige
minderheitenpolitische Erwaegungen vorhanden gewesen seien.
Da sich der Verfasser in seiner Analyse auf die Lage von doerflicher
und laendlicher Bevoelkerung beschraenkt hat, hat er die Situation von
Wilna und Lemberg/Lwow, den einzigen kulturellen Zentren der Kresy, leider
voellig ausgeblendet, obwohl gerade eine diesbezuegliche Untersuchung weitere
Aspekte der Integrationspolitik haette aufzeigen koennen. Benecke hat aus
methodischen Gruenden auch nicht die zahlreiche juedische Bevoelkerung
und ihre in oekonomischer, gesellschaftlicher, kultureller und sprachlicher
Hinsicht besondere Situation in seine Studie einbezogen. Insgesamt diskutiert
der Verfasser aufgrund seiner grundlegenden These die Minderheitenproblematik
und die sich daraus ergebenden Integrationsprobleme durchweg am Rande,
d.h. vorwiegend in den Kapiteln ueber das Verhaeltnis von Staat und orthodoxer
Kirche sowie ueber das Schulwesen, ohne diese in einem eigenen Abschnitt
zu thematisieren.
Benecke hat trotzdem mit seiner detailreichen Studie, die durch statistisches
Material zur landwirtschaftlichen und administrativen Struktur im Anhang
ergaenzt wird, einen profunden Beitrag zur Geschichte der Kresy Wschodnie
in der Zwischenkriegszeit und damit zur inneren Entwicklung der Zweiten
Republik insgesamt erbracht.