Rezensiert fuer Polhist von: Lars Jockheck M.A. <jockheck@unibw-hamburg.de>, Universitaet der Bundeswehr Hamburg
In den letzten zehn Jahren hat sich eine Reihe von kommunikationsgeschichtlichen Arbeiten mehr oder minder intensiv mit den wechselnden Haltungen der NS-Propaganda zu Polen befasst: Nachdem Peter Fischer in seiner 1991 erschienenen grundlegenden Dissertation die Wege staatlicher und staatsnaher Kommunikationspolitik in der deutschen Polenpublizistik fuer die gesamte Zeit zwischen den Weltkriegen rekonstruiert hatte, befasste sich Martina Pietsch in einer traditionellen zeitungswissenschaftlichen Studie mit dem Pilsudski-Bild „im Spiegel der deutschen Presse“. Auch der Verfasser dieser Rezension hat eine Fallstudie zum Wandel in der Polenberichterstattung des „Voelkischen Beobachters“ vor und nach der NS-„Machtergreifung“ beigetragen. Juengst sind dann wieder zwei breiter angelegte Werke erschienen: die im folgenden besprochene Giessener Dissertation des Historikers und Journalisten Roschke und die faktenreiche, aber Analyse und Synthese vermissen lassende Darstellung ueber „Wege und Irrwege kultureller Zusammenarbeit“ zwischen Deutschland und Polen in der Zwischenkriegszeit von Boguslaw Drewniak. Zu erwaehnen waere schliesslich noch die im Vorjahr erschienene, breit angelegte Studie von Eugeniusz Cezary Krol über die NS-Propaganda in Deutschland von 1919-1945, in der sich ein umfangreicher Teil (S. 511-643) mit der „Polnischen Problematik in Propaganda und Indoktrination des Nationalsozialismus“ befasst. Zudem ist eine Saarbruecker Dissertation von Thomas Kees ueber Polen in der NS-Publizistik angekuendigt. Das Thema hat also offensichtlich Konjunktur. [1]
In all diesen Untersuchungen bildet der Beginn des Jahres 1934 einen wichtigen Einschnitt. Nach der seit Spaetherbst 1933 ausgehandelten und im Januar 1934 unterzeichneten deutsch-polnischen Nichtangriffserklaerung, von der die Oeffentlichkeit nach einem jahrelangen Propaganda- und Wirtschaftskrieg zwischen beiden Staaten ueberrascht wurde, vereinbarten Vertreter der Regierungen im Februar 1934 eine offiziell so genannte „deutsch-polnische Zusammenarbeit in der oeffentlichen Meinungsbildung“. Diese in Quellen und Literatur meist verkuerzt als „Presseabkommen“ bezeichnete Vereinbarung, die Roschke anachronistisch ein „bilaterales Medienabkommen“ nennt (gluecklicher waere wohl eine Bezeichnung wie ‚deutsch-polnisches Abkommen zur Meinungsbildung’, die sowohl die zeitgenoessische Terminologie als auch den Zweck der Vereinbarung beruecksichtigte), bildet den Ausgangspunkt der Untersuchung Roschkes. Roschke geht dabei in Anlehnung an Guenther Wollstein [2] davon aus, dass Hitler bis zum Scheitern seiner Bemuehungen um die Jahreswende 1938/39 einer politisch-militaerischen Konzeption folgte, die Polen in die Rolle eines „Juniorpartners“ bei der angestrebten Konfrontation mit der Sowjetunion zu draengen versuchte. Im Gefolge dieser Absicht, so Roschkes Grundthese, habe die NS-Propaganda von Anfang 1934 bis Anfang 1939 den breit angelegten Versuch unternommen, ein positives Bild des umworbenen Nachbarstaates in der deutschen Oeffentlichkeit zu lancieren.
Wie die oben erwaehnten Arbeiten stuetzt sich auch Roschkes Darstellung ueberwiegend auf die Presse und weitere publizistische Zeugnisse, was angesichts der relativ leichten Zugaenglichkeit dieser Quellengattung nicht verwundern darf. Roschke untersucht darueber hinaus aber auch erstmals in einer Zusammenschau die Propaganda mittels weiterer Medien, namentlich des Rundfunks, des Films und des Theaters. Weitgehend unberuecksichtigt laesst er aber leider das fuer die Propaganda der NSDAP mit ihrem Mythos von der ‚Macht des gesprochenen Wortes’ so wesentliche Redner- und Kundgebungswesen, darunter wichtige Propagandainszenierungen wie ‚Grenzlandfahrten’ oder ‚Schulungslager’, aber auch Denkmale und aehnliches. Weitere Desiderate sind eine geschlossene Darstellung und Analyse sowohl der recht gut ueberlieferten offiziellen polnischen Reaktionen auf die NS-Propaganda wie auch von Stellungnahmen der polnischen veroeffentlichten Meinung. Auch waere es wuenschenswert gewesen, trotz weniger und kritikwuerdiger Quellen und der methodischen Probleme, welche die Wirkungsforschung ganz allgemein aufwirft, die Frage, wie das neue Polenbild vom deutschen Publikum aufgenommen wurde, zumindest zu problematisieren. Gelegentliche punktuelle Anmerkungen koennen die draengende Frage nach den Ergebnissen der Propaganda jedenfalls nicht beantworten.
Roschke konstatiert anhand zahlreicher Beispiele eine bereits im Herbst 1933 einsetzende und nach dem Februar 1934 vorherrschende grundsaetzlich polonophile Tendenz der NS-Propaganda, die besonders die ideologische Annaeherung der Regime in Berlin und Warschau, geschichtliche Beruehrungspunkte beider Laender, ihren wirtschaftlichen Austausch und positive Portraets fuehrender Persoenlichkeiten aus Politik und Kultur zum Inhalt hatte. Dabei interessieren ihn vorwiegend diese Inhalte; mit der Entstehung und damit mit den Traegern und Machern der Propaganda, ihren persoenlichen Ansichten und Absichten, befasst er sich allenfalls am Rande. Hieran wie an den nur kurzen, oft redundanten analytischen Abschnitten der Arbeit wird deutlich, dass Roschke im Grunde genommen einer traditionellen Sichtweise des NS-Propagandaapparates verpflichtet bleibt und sich nicht der Muehe unterzogen hat, das Funktionieren dieses Apparates am Beispiel der Polen-Propaganda zu ueberpruefen. So erscheint bei ihm die NS-Propaganda als eine weitgehend reibungslos Anweisungen von oben nach unten umsetzende und anonym funktionierende Maschine, ganz so, wie es die NS-Propagandisten mit Joseph Goebbels an der Spitze gern gehabt haetten. An diesem von der NS-Propaganda selbst gepraegten Bild hat die Forschung seit langem erheblich gekratzt, was Roschke, der ueberhaupt die Forschungsliteratur in einer wenig aktuellen Auswahl wahrgenommen hat, leider nicht ausreichend beruecksichtigt. Darum vermutet Roschke auch hinter Diskrepanzen in der grundsaetzlich Polen-freundlichen Propaganda der Jahre 1934 bis 1938, etwa in den hochsensiblen Bereichen der Grenzen und der Minderheiten-Problematik, meist mehr oder minder versteckte Absichten der NS-Propagandalenkung, statt sich die Frage zu stellen, ob es sich hier nicht vielfach ganz einfach um Reibungsverluste handelt. Auf ein zentrales Dilemma der polonophilen Phase in der NS-Propaganda geht Roschke naemlich kaum jemals ein: Die Produzenten wie die Konsumenten dieser Propaganda waren weitgehend die selben, die bis Frühjahr 1934 und vielfach eben auch darueber hinaus ihre tief sitzenden antipolnischen Stereotype gepflegt hatten. Die skrupellose Flexibilitaet, mit der die NS-Fuehrung auch die radikalsten Kehrtwendungen in ihrer politischen Taktik propagandistisch zu rechtfertigen suchte, war den Produzenten dieser Propaganda nicht immer in dem Masse zu eigen, wie sich das leitende Instanzen wuenschten. Zudem ist zu beruecksichtigen, dass es auch und gerade unter den Spitzen des Regimes durchaus divergierende Anschauungen ueber die Polenpolitik gab, die infolge der nicht zuletzt im Bereich der Propaganda polykratischen Fuehrungsstruktur des ‚Dritten Reiches’ notwendigerweise zu Diskrepanzen fuehren mussten. So wird auch erklaerlich, dass es ausgerechnet Nicht-Nationalsozialisten, wie die Nationalliberalen Friedrich Wilhelm von Oertzen, von Roschke zu Unrecht als notorisch antipolnischer Pamphletist abgestempelt, und der von Roschke gar nicht erwaehnte Friedrich Sieburg waren, die sich in vorauseilendem Gehorsam am ehesten und entschiedensten an die neue Linie anpassten, da sie schon vor 1933 nicht voellig in antipolnischen Ansichten befangen gewesen waren, waehrend sich viele Deutschnationale und gestandene Nationalsozialisten weitaus schwerer taten.
Mit den erwaehnten Einschraenkungen ist Roschke ein anerkennenswerter, quellennah gearbeiteter und im allgemeinen zuverlaessiger Ueberblick zur auf Polen bezogenen NS-Propaganda im Zeitraum der Annaeherung zwischen den Regimes in Berlin und Warschau gelungen. Dabei ist es vor allem sein Ansatz, das nationalsozialistische Werben um Polen in seinen multimedialen Dimensionen darzustellen, der das Buch lesenswert macht. Ueber einem breitangelegten deskriptiven Teil ist aber die synthetische Analyse zu kurz gekommen. Festzuhalten bleibt, dass es Roschke eindrucksvoll aufzuzeigen gelingt, von wie vielfaeltigen polonophilen propagandistischen Aktivitaeten die deutsch-polnische Annaeherung von 1934 bis 1938 auf deutscher Seite begleitet wurde. Diese propolnische Propaganda des NS-Regimes ist in ihrer Breite und Vielfalt bislang meist unterschaetzt und deshalb vielfach als blosses Tarn- und Ablenkungsmanoever abgetan worden. Dagegen ist Roschke zuzustimmen, wenn er feststellt, dass Dauer und Intensität der Kampagne fuer die deutsch-polnische Annaeherung deutlich darauf hinweisen, dass es Hitler durchaus ernst damit war, Polen als einen „Juniorpartner“ (auf Zeit) gegen die Sowjetunion zu gewinnen. Andererseits zeigt die erneute radikale Kehrtwende in der NS-Propaganda gegenueber Polen im Fruehjahr und Sommer 1939 nachdruecklich, dass die propagandistischen Aktivitaeten sowohl auf Seiten der Initiatoren wie der Macher ganz ueberwiegend nicht mit dem Herzen, sondern aus einem taktischen Kalkuel heraus betrieben worden waren.
[1] Peter Fischer: Die deutsche Publizistik als Faktor der deutsch-polnischen Beziehungen 1919-1939. Wiesbaden 1991 (Studien der Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universitaet Dortmund, 7); Martina Pietsch: Zwischen Verehrung und Verachtung. Marschall Jozef Pilsudski im Spiegel der deutschen Presse 1926-1935. Weimar u.a. 1995 (Dresdner Historische Studien, 1); Lars Jockheck: Der „Voelkische Beobachter“ ueber Polen 1932-1934. Eine Fallstudie zum Uebergang vom „Kampfblatt“ zur „Regierungszeitung“. Hamburg 1999 (Osteuropa: Geschichte, Wirtschaft, Politik, 22); Boguslaw Drewniak: Polen und Deutschland 1919-1939. Wege und Irrwege kultureller Zusammenarbeit. Duesseldorf 1999 (Droste Taschenbuecher Geschichte); Eugeniusz Cezary Krol: Propaganda i indoktrynacja narodowego socjalizmu w Niemczech 1919-1945. Studium organizacji, tresci, metod i technik masowego oddzialywania. Warszawa 1999; Thomas Kees: Polen in Presse und Publizistik des ‚Dritten Reiches’ [Arbeitstitel eines Dissertationsprojektes an der Universitaet des Saarlandes].
[2] Guenther Wollstein: Hitlers gescheitertes Projekt einer Juniorpartnerschaft Polens. In: Universitas 38 (1983), S. 525-532.