Rezensiert für Polhist von Gregor Thum M.A., thum@euv-frankfurt-o.de , Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder
Es ist ein mutiges Unterfangen, tausend
Jahre polnischer Geschichte im Format eines Taschenbuches darzustellen.
Es zwingt, komplexe Entwicklungen ganzer Jahrhunderte und Epochen in den
Blick zu nehmen und auf den erzählerisch notwendigen Punkt zu bringen.
Wenn das dann noch mit dem Anspruch der "kleinen Geschichte Polens" geschieht,
auch die neueren wissenschaftlichen Diskussionen über wichtige Fragen der
polnischen Geschichte zu bilanzieren und
einen breiteren Leserkreis zu erreichen, sind die Ziele weit gesteckt.
Etwas leichter wurde die Arbeit insofern, daß sich hier drei Autoren ans
Werk gemacht haben, wobei jeder einen chronologischen Abschnitt übernahm.
Lübke hat das Kapitel über die polnische Frühzeit und das Mittelalter bis
zur Entstehung der polnischen-litauischen Union 1569 verfaßt, Müller über
die Adelsrepublik bis zu den Teilungen Polens (1569-1795), Jaworski über
die Zeit der Teilung (1795-1918) sowie über Polen
im 20. Jahrhundert. Eine Auswahlbibliographie
v.a. neuerer Titel schließt das Buch ab.
Das Ergebnis der Gemeinschaftsarbeit kann
sich sehen lassen. Es hat vielleicht nicht den erzählerischen Schwung von
Norman Davies zeitgleich auf dem deutschen Buchmarkt erschienener Übersetzung
seiner
polnischen Geschichte "Im Herzen Europas".
Dafür aber bezieht das Autorentrio die wissenschaftliche Diskussion über
die polnische Geschichte in die Darstellung mit ein und macht auf diese
Weise deutlich, daß
Geschichtsschreibung immer nur das gegenwärtige
Ergebnis eines fortwährenden Diskussionsprozesses ist.
Lübke konzentriert sich auf die politisch-dynastische
Geschichte und ergänzt diese um ein sozial- und wirtschaftshistorisches
Kapitel. Bei der Darstellung der Frühgeschichte geht er der Frage nach,
inwieweit
es sich hier tatsächlich schon um polnische
Geschichte handelt, wie es die nationalpolnische Mythologie seit dem 19.
Jahrhundert postuliert.
Weil er dies aber eher zwischen den Zeilen
tut, riskiert er, daß gerade dem angesprochenen breiteren Leserkreis die
Bedeutung und Brisanz dieser Frage entgehen könnte. Auch die deutschsprachige
Ostsiedlung des Mittelalters stellt Lübke so vorsichtig dar, als wolle
er jeden Disput vermeiden. Gerade hier wäre die Chance gewesen, die ideologische
Bedeutung dieses Phänomens für das Nationalbewußtsein der Polen wie der
Deutschen zu erläutern und dabei die bis heute existierenden Mythen auf
deutscher wie auf polnischer
Seite offen anzugehen. So informativ die
relativ breit dargelegte chronologische Abfolge von Herrschern und historischen
Ereignissen auch ist, Lübke hätte den anvisierten Leserkreis der "Kleine
Geschichte"
sicherlich leichter durch eine Zuspitzung
auf die umstrittenen Fragen deutsch-polnischer Geschichte im Mittelalter
gewonnen.
Müller hat es in seinem Abschnitt auf beeindruckende Weise vermocht, den hohen Ansprüchen des Unternehmens in allen Punkten gerecht zu werden. In einer gelungenen Mischung von ausreichend detaillierter Information und intellektuell anspruchsvoller, inspirierender Interpretation werden das Wesen der polnisch-litauischen Union und die Grundzüge ihrer Entwicklung greifbar und plausibel. Ausgangspunkt seiner Darstellung ist die Verwunderung darüber, daß die polnisch-litauische Union nach ihrem fulminanten Beginn als einer der größten, bevölkerungsreichsten und mächtigsten Staaten Europas in der Mitte des 16. Jahrhunderts sich nur zwei Jahrhunderte später als ökonomisch rückständiges, politisch wenig handlungsfähiges und militärisch bedeutungsloses Staatsgebilde gegen ihre Aufteilung unter den Nachbarmächten kaum mehr wehren konnte. In einem konsistenten ereignis-, verfassungs-, sozial- und wirtschaftshistorischen Überblick, immer ausgehend von pointierten Aussagen und zur Diskussion gestellter Fragen, erklärt Müller den Niedergang der Union aus einem Zusammenspiel von zahlreichen Ursachen. So sehr dabei die Teilung Polens nicht als plötzlicher Schicksalsschlag erscheint, sondern als Folge eines langfristigen Prozesses, so betont Müller dennoch die Offenheit der Geschichte, in der immer auch alternative Entwicklungen und plötzliche Wendungen denkbar gewesen wären. Gerade dadurch erreicht Müller das eingangs formulierte Ziel, den Leser zum "Weiterlesen und Weiterdenken" zu animieren.
Jaworski setzt mehr auf die Information
des Lesers als darauf, ihn durch Eingehen auf wissenschaftliche Diskussionen
zur Teilnahme am Nachdenken über Geschichte zu bewegen. Es gelingt Jaworski,
den Gang der politischen Ereignisse plausibel darzustellen, wobei etwas
mehr an Exaktheit im Detail den Leser nicht überfordert hätte. Insgesamt
folgt Jaworski durchaus den gängigen polnischen Nationalhistoriographien,
die Polens jüngere Geschichte v.a. als Kampf gegen Fremdherrschaft und
für nationale Befreiung verstehen.
Auch seine verblüffende Aussage, die Darstellung
des 19. Jahrhunderts sei nur noch ein kompositorisches Problem, bei der
des 20. Jahrhunderts aber habe man es mit noch unsicheren Bewertungsmaßstäben
zu tun, ist allein aus der Sicht der polnischen Gesellschaft auf ihre Nationalgeschichte
nachzuvollziehen. Weil Jaworski historische Entwicklungen ohne Nennung
möglicher Alternativen beschreibt, mag der Eindruck entstehen,
als sei der Verlauf der Geschichte immer
nur so und nicht anders möglich gewesen: Auf die Teilung Polens habe im
Zeitalter der Nationalbewegungen seine Wiedergründung als unabhängiger
Nationalstaat folgen müssen, auf die hartnäckige polnische Opposition gegen
den Kommunismus der Volksrepublik
nach 1945 irgendwann der Sieg von Demokratie
und nationaler Unabhängigkeit.
Anknüpfend an Müllers Überlegung, die polnisch-litauische
Union hätte bei Ausbleiben der Teilung im 19. Jahrhundert durchaus den
staatliche Rahmen für eine große polnische Nationsbildung abgeben können,
hätte
Jaworski umgekehrt fragen können, ob angesichts
der Auseinanderentwicklung der Teilungsgebiete
ein Scheitern einer gesamtpolnischen Nationalbewegung
nicht denkbar gewesen wäre. In zwei Punkten aber weicht Jaworski von den
gängigen nationalpolnischen Darstellungen ab. So wenn er aus der Erfahrung
langer Fremdherrschaft die traditionelle
Neigung zur Fremdenfeindlichkeit innerhalb der polnischen Gesellschaft
ableitet sowie sich mit guten Argumenten dagegen sperrt, das kommunistische
Polen allein als Ergebnis einer Usurpation von außen zu sehen: Die Egalisierung
der polnischen Gesellschaft während des
Zweiten Weltkrieges durch gezielte Dezimierung
der Eliten und durch massenhafte Umsiedlung habe den Boden bereitet für
einen "Sozialismus des kleinen Mannes".
Gregor Thum