Rezensiert für „Polhist“ von Dr. Heidi Hein, Universität Düsseldorf, HeidiHein@web.de
Die deutsche Minderheit in Polen wurde nach der Machtergreifung Adolf Hitlers von der nationalsozialistischen Gleichschaltungspolitik erfasst, während das deutsch-polnische Nichtangriffsabkommen für eine "Beruhigung" der beiderseitigen Beziehungen sorgte und seit 1934 das Minderheitenschutzabkommen aufgekündigt worden war. Die politische Haltungen der Deutschen in Polen entsprachen im allgemeinen denjenigen in Deutschland, was sich in zahlreichen Institutionen, Verbänden etc. widerspiegelte. Von Bedeutung war diesbezüglich, dass sie häufig von deutschen Behörden finanziell unterstützt wurden, die diese politisch instrumentalisierten.
Eine wichtige Trennlinie zwischen den deutschen
Gruppen in Polen war ihre loyale bzw. ablehnende Haltung zum polnischen
Staat, wobei die katholischen Kräfte polenfreundlicher waren und die Protestanten
eher zum Nationalsozialismus tendierten. In diesem Rahmen muss das Entstehen
und Wirken der Wochenzeitung "Der Deutsche in Polen" gesehen werden. Diese
dezidiert katholische Zeitung sah sich als Organ der deutschen katholischen
Minderheit in Polen, so dass ihre Repräsentanten sich als Deutsche im polnischen
Staat fühlten. Nachdem die erste Ausgabe gut ein Jahr nach der Machtergreifung
Hitlers veröffentlicht worden war, erschien die letzte Nummer am 26. August
1939.
Die Entstehung, Zielsetzung und Inhalt
des "Deutschen in Polen", aber auch die Biographien und Aktivitäten seiner
Mitarbeiter weisen auf eine tiefe Gegnerschaft gegenüber dem Nationalsozialismus
hin, die aus einer christlichen Überzeugung resultierte. Diese Wochenschrift
war also zunächst als Oppositionsorgan gegen die Einflüsse des Nationalsozialismus
auf die deutsche Minderheit in Polen ins Leben gerufen worden, so dass
sie zunächst vorwiegend über die inneren Angelegenheiten der Minderheit
berichtete, ohne aber auf die politischen Ereignisse in Polen eingehend
zu erörtern.
Die kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der gegen ihn gerichteten Opposition aus einer christlichen Perspektive war dementsprechend das Hauptanliegen des "Deutschen in Polen". Ein zweites war sein Bemühen, die Rolle des Glaubens, der Kirchen und Konfessionen im Nationalsozialismus zu erklären, so daß sich diese katholische Wochenschrift mit dem katholischen und evangelischen Kirchenkampf und der Judenverfolgung auseinandersetzte. Schließlich stellte die Minderheitenproblematik in ihren theoretischen und praktischen Ausprägungen ein wichtiges Thema für sie dar.
Die Autorin will mit der vorliegenden Studie nicht nur einen Beitrag zur Geschichte des Nationalsozialismus sowie der deutschen katholischen und protestantischen Minderheit in Polen liefern, sondern auch die historische Presseforschung um einen weiteren Aspekt erweitern. Entsprechend hat sie nicht nur alle Ausgaben des "Deutschen in Polen", sondern auch Akten über die Chefredakteure und wichtigsten Autoren Eduard Pant und Johannes Maier-Hultschin und das Pressewesen der deutschen Minderheit insgesamt ausgewertet.
In der - das sei direkt betont - sehr detailreichen, häufig ausufernden Darstellung steht somit die Auseinandersetzung des "Deutschen in Polen" mit der nationalsozialistischen Weltanschauung und Politik unter verschiedenen Aspekten im Mittelpunkt, die die Verfasserin in acht Hauptkapitel untergliedert hat. Zunächst führt sie ausführlich in die Lebenswelt der deutschen Katholiken in Schlesien ein und stellt in diesem Rahmen den Gründer des "Deutschen in Polen", Eduard Pant, in einem biographischen Abriß vor. Das zweite Hauptkapitel widmet sie der Auseinandersetzung zwischen dem Nationalsozialismus und der "Richtung Pant". Dabei kommt sie zu dem Schluß, daß sowohl Pant als auch seine Gegner im liberalen und katholischen Minderheitenlager nach der Gründung des "Deutschen in Polen" die politischen Konfliktlinien hervorhoben, deren Grundlagen schon vor 1933 gelegt worden waren. So war etwa ein wichtiges Problem, ob die Minderheitenproblematik einer konfessionellen Basis bedurfte. In dem dritten Hauptkapitel stellt Pia Nordblom die Wochenzeitung "Der Deutsche in Polen", also ihre Zielsetzung, aber auch Mitarbeiter sowie die Verbreitung und das Verhältnis zu den polnischen Behörden, vor. Dabei wird deutlich, daß die Stellung der polnischen Behörden zum "Deutschen in Polen" in sehr starkem Maß von den deutsch-polnischen Beziehungen abhängig war. In dem vierten Kapitel wird die Haltung des "Deutschen in Polen" zur nationalsozialistischen Ideologie und Herrschaft expliziert erörtert, wobei sie aber auch in den anderen Kapitel mehr oder weniger deutlich behandelt wird. Die Autorin kommt hierbei zum Schluß, daß der "Deutsche in Polen" die Rolle der Minderheitendeutschen im Kampf gegen den Nationalsozialismus sehr überschätzte, so daß es aufgrund dieses Ziels zu einer Kooperation zwischen der nichtnationalsozialistischen Minderheit und der Emigration kam. Die Zeitung ging jedoch davon aus, daß der entscheidende Schlag gegen das Regime nur von innen heraus erfolgen könne. Dabei unterschied sie genau zwischen Nationalsozialisten und Deutschen, um jegliche globale Diffamierung von Deutschen zu vermeiden. Das fünfte Hauptkapitel ist der Haltung des "Deutschen in Polen" gegenüber dem Glauben und den Kirchen im nationalsozialistischen Kirchenkampf gewidmet. In bezug auf die Katholiken kontrollierte der "Deutsche in Polen" das Verhalten und die Verantwortlichkeit der Würdenträger und erwartete zumindest Weitblick und historisches Lernvermögen, so daß er auch kritisierte, wenn Repräsentanten des Katholizismus im Umgang mit dem Nationalsozialismus Schaden hervorriefen. Im Gegensatz dazu beurteilte er die Auseinandersetzungen mit der protestantischen Kirche mit einem leichten Überlegenheitsgefühl. Obwohl er im allgemeinen sehr skeptisch gegenüber der Widerstandskraft des gesamten Protestantismus gegenüber der Wirkung antikirchlicher staatlicher Maßnahmen war, wuchs sein Respekt insbesondere vor dem radikalen Flügel der Bekennenden Kirche unter Martin Niemöller. Dies führte wiederum bei den Mitarbeitern des "Deutschen in Polen" zu einem stärkeren Gefühl der Zusammengehörigkeit der Gläubigen beider Konfessionen. Das nächste Kapitel widmet die Autorin der "Judenfrage". Aufgrund seiner christlichen Grundeinstellung lehnte der "Deutsche in Polen" zwar Rassedenken und Judenverfolgung ab, ohne daß festzustellen ist, inwiefern es der Redaktion um die Rechte der Juden ging oder ob dies aus christlicher Pflicht erfolgt ist. Aber diese Problematik wurde auch von zahlreichen Eigeninteressen berührt, da etwa die Furcht, daß die Diskriminierung der jüdischen Minderheit in Polen sich auch auf die deutsche ausdehnen könne, die Sensibilität des katholischen Wochenblattes für Rechtsbeschränkungen der polnischen Juden verfeinerte. Im nächsten Kapitel untersucht Pia Nordblom die Deutschen im Ausland und die Minderheitenpolitik, wobei der "Deutsche in Polen" bei seinen Lesern auch die Vorstellung wecken wollte, daß Österreich der Träger eines "wahren Deutschtums" sei, aber über die Kontroversen zwischen den verschiedenen Richtungen nicht berichtete. Das letzte Kapitel gilt dem Verhältnis der deutschen Minderheit in Polen zum Nationalsozialismus. Die Wochenschrift beurteilte die Verbesserungen im deutsch-polnischen Verhältnis als taktisches Unterfangen kritisch und überschätzte die Kräfte Polens in der Auseinandersetzung mit Deutschland. Sie brachte ihre Sorge um die deutsche Minderheit deutlich zum Ausdruck, obwohl sie sich häufig von der Erörterung innenpolitischer Probleme zurückhielt. Nordblom kommt zum Schluß, daß dieses konservativ-katholische Blatt auf anspruchsvollem Niveau ihrer Leserschaft Orientierung in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus bieten wollte und mit seiner Zurücknahme aus innenpolitisch polnischen Fragen vergleichsweise ungehindert über den Nationalsozialismus schreiben konnte.
Die Verfasserin hat sich lediglich auf das Verhältnis zum Nationalsozialismus in all seinen Facetten konzentriert. Es wird in dieser Studie deutlich, daß sich der "Deutsche in Polen" vorwiegend in allen wichtigen weltanschaulichen, konfessionellen Bekenntnisfragen und wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Problemen am (deutschen) Kathholizismus orientierte. Die vergleichsweise wenigen Berichte über die innenpolitische Situation der polnischen Zweiten Republik im "Deutschen in Polen" hat die Verfasserin nicht weitergehend analysiert, obwohl sie sicherlich noch weiteren Aufschluß über die Haltung der deutschen Minderheit zur Zweiten Republik und zu ihrem Führer, Marschall Józef Pi³sudski, geben würde. Die Detailfülle und die teilweise ausufernden Beschreibungen lassen gelegentlich selbst den geneigten Leser "ersticken". Nichtsdestoweniger ist es der Verfasserin gelungen, einen weiteren wichtigen Aspekt zur Geschichte der deutschen Minderheit in Polen, zur deutschen Zeitungsgeschichte damit nicht zuletzt zu den polnisch-deutschen Beziehungen beizutragen.