Für „Polhist“ rezensiert von Markus
Krzoska M.A. (Mainz/Berlin), krzoska@t-online.de
Die Ostmitteleuropaforschung in Deutschland
ist in den letzten Jahren sichtbar in Bewegung gekommen. Dazu hat die Gründung
neuer wissenschaftlicher Zentren wie des GWZO in Leipzig oder des Zentrums
für Vergleichende Geschichte Europas in Berlin ebenso beigetragen wie die
Reorganisation etablierter Einrichtungen wie des Marburger Herder-Instituts.
Zu den wesentlichen Neuerungen gehört die verstärkte Einbettung scheinbar
regionaler Themen in einen gesamteuropäischen Kontext sowie die endlich
angemessene Berücksichtigung ostmitteleuropäischer Forschungsergebnisse.
Besonders eindrucksvoll war und ist dies in den entstandenen Arbeiten zur
Frühen Neuzeit festzustellen.
Ein weiterer wichtiger Beitrag liegt nun
mit dem Buch des Kölner Osteuropahistorikers Christoph Schmidt vor, der
vor einigen Jahren schon durch eine Veröffentlichung zur Geschichte der
Leibeigenschaft im Ostseeraum (1) auf sich aufmerksam gemacht hatte.
Die Geschichte der Reformation in Polen war zwar immer schon ein breit diskutiertes Thema in der Historiographie, man denke in Deutschland nur an Theodor Wotschkes frühe Arbeiten oder an die bedeutenden Darstellungen Gottfried Schramms und Michael G. Müllers, in Polen an die Publikationen Maria Boguckas, Marceli Kosmans, Stanis³aw Kots oder Janusz Tazbirs. Eine wirkliche Gesamtdarstellung lag allerdings bisher nicht vor.
Schmidt verzichtet in seinem Buch erfreulicherweise
auf eine einfache chronologische Darstellung zugunsten einer problemorientierten.
Dabei möchte er die Reformation als Glaubenserlebnis und als politische
Bühne untersuchen sowie zudem die sozialhistorischen Ursachen und Konsequenzen
bzw. ihre kulturprägende Kraft nicht aus den Augen verlieren.
In einer zeitlichen Neubewertung unterscheidet
er drei Wellen der Reformationentwicklung: die erste mit einer versuchsweisen
Unterdrückung des „Ketzerglaubens“ bis zum Tode Zygmunts I. 1548, die zweite,
calvinistische bis etwa 1570, die von offenen Debatten und zeitweiliger
Anerkennung geprägt war, sowie die dritte, zunehmend repressive, als deren
Beginn die Berufung der Jesuiten gewertet werden kann.
Der Autor untersucht im Folgenden die verschiedenen Handlungsgruppen innerhalb des Protestantismus sowie die Rolle der Stände. Anknüpfend an ältere Arbeiten stellt er hier die Bedeutung des Calvinismus heraus. Ein wichtiger Teil des Buches ist der Blick über das eigentliche Herz der Rzeczpospolita hinaus ins Großfürstentum Litauen, in die beiden Preußen und nach Livland. Besonders den Vorgängen im Baltikum, die von den Ereignissen in der Adelsrepublik getrennt, wenn auch nicht völlig isoliert, betrachtet werden müssen, kommt dabei große Aufmerksamkeit Schmidts bei. Auch die kulturelle Bedeutung der Reformation (Buchdruck, Literatur) wird angesprochen. Am Ende steht ein vergleichender Blick auf die verschiedenen Formen von reformatorischen Ansätzen in Norddeutschland, Polen-Litauen und der Rus‘.
Schmidt gelingt es in beeindruckender Weise, die verschiedenen Kategorien miteinander zu verknüpfen. Das Buch zeugt von einer tiefen Sachkenntnis nicht nur in historischen, sondern auch in theologischen Fragen. Besonders überzeugend ist die Einbindung Polen-Litauens in den gesamteuropäischen Kontext. Das oftmals überstrapazierte Bild von Zentrum und Peripherie ist für den untersuchten Zeitraum wohl nicht aufrechtzuhalten, auch wenn Schmidt durchaus graduelle Unterschiede dieser Region aufzeigt und die Bedeutung der ausländischen Reformatoren auf der Hand liegt. Er liefert plausible Erklärungsmodelle nicht nur für den zeitweiligen Aufschwung und das letztendliche Scheitern der Reformation in Polen, sondern auch etwa für die Sonderentwicklung Litauens mit seinem nicht so sehr gefestigten Christentum. Hinzu kommen einige interessante Neuansätze in Detailfragen, zum Beispiel die Überlegung, dass der Reformator Jan £aski durchaus kein so strenger Calvinist gewesen ist, wie man bisher allgemein annahm, oder zur Rolle des Täufers Melchior Hoffmann in Livland.
Angesichts dieses Panoramas ist es schwierig, überhaupt etwas Kritisches zu dem Buch anzumerken. Vielleicht hätte man an der einen oder anderen Stelle die katholischen Gegenmaßnahmen noch etwas mehr herausstellen können. Unterbelichtet bleibt die Entwicklung im Herzogtum Kurland, das freilich erst in allerjüngster Zeit größeres Forschungsinteresse gefunden hat (2). In der ansonsten ausgezeichneten Bibliographie vermisst man einige wenige Titel (3).
Insgesamt bleibt aber der Eindruck, dass Christoph Schmidt ein Standardwerk geschrieben hat, an dem in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten niemand vorbeikommen wird, der sich mit diesem Thema beschäftigt. Die kluge Konzeption und die gute Lesbarkeit sollte dazu beitragen, dass das Buch auch im Bereich der universitären Lehre Einsatz findet. Zuletzt gilt es auch Layout und Lektorat zu loben, eine heutzutage eher selten anzutreffende Sache.
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(1) Christoph Schmidt: Leibeigenschaft
im Ostseeraum. Versuch einer Typologie. Köln 1997.
(2) Vgl. etwa: Das Herzogtum Kurland 1561-1795. Verfassung, Wirtschaft, Gesellschaft. Hrsg. von Erwin Oberländer und Ilgvars Misans, Lüneburg 1993; Volker Keller: Herzog Friedrich von Kurland. Verfassungs-, Nachfolge- und Neutralitätspolitik. Marburg (in Vorbereitung) (Diss. phil. Mainz 1999); Sebastian Plüer, Gotthard Kettler, Ordensmeister in Livland und Herzog von Kurland. Zur Problematik seiner Darstellung in der Historiographie. Mainz (unveröff. Magisterarbeit) 1999.
(3) Lasciana nebst den ältesten evangelischen
Synodalprotokollen Polens: 1555-1561. Hrsg. von Hermann Dalton, Berlin
1898; Bibliotheca Dissidentium: répertoire des non-conformistes religieux
des seizi?me et dix-septi?me si?cles. Hrsg. von André Séguenny. Baden-Baden
(u.a.) 1980ff., zu Polen besonders die Bände 8,13,14 und 18; W³adys³aw
Pociecha, Królowa Bona 1494-1557. Czasy i ludzie Odrodzenia. 4 Bde. Kraków
1949-1958. – Für eine Aufnahme der Arbeiten zum £aski-Jubiläum war es wohl
zu spät.