Doswiadczenia przeszlosci. Niemcy w Europie
Srodkowo-Wschodniej w historiografii po 1945 roku / Erfahrungen der
Vergangenheit. Deutsche in
Ostmitteleuropa in der Historiographie nach 1945, hrsg. von Jerzy Kloczkowski,
Witold Matwiejczyk, Eduard Muehle (= Tagungen zur Ostmitteleuropa-Forschung,
Bd. 9). Instytut Europy Środkowo-Wschodniej, Verlag Herder-Institut,
Lublin-Marburg 2000, 250 S.
Rezensiert
fuer ‘Polhist’ von:
Blazej
Bialkowski (Frankfurt/Oder),
Email:
biabla@web.de
Der
vom Ostmitteleuropa-Institut Lublin und dem Herder-Institut Marburg
herausgegebene Sammelband geht auf die im Herbst 1997 veranstaltete Tagung in
Kazimierz Dolny zurueck [1], die - wie die Herausgeber formulierten - dem Zweck
diente, „sich in einem historiographiegeschichtlichen Rueckblick zunaechst
einmal ueber die Vergangenheit und Ausgangslage des neuen Ansatzes bzw. der
gegenwaertigen historischen Ostmitteleuropa-Forschung zu vergewissern“ (S. 4).
Dass
ein solches Vorhaben mit grossen Schwierigkeiten verbunden sein wird, war den
Herausgebern bewusst. Sie haben sich trotzdem dieser Herausforderung gestellt
und mit diesem Projekt einen ersten Versuch unternommen, multi- und
transnational einen Teilaspekt der Geschichte Ostmitteleuropas zu
praesentieren, der dank einer deutsch-polnischen institutionellen Kooperation
in einer arbeitsteilig produzierten Buchpublikation muendete. Dabei war man den
naturgemaess auftretenden thematischen Einschraenkungen im besonderen Masse
ausgesetzt. Zum einen beschraenkte man sich auf die Historiographie nach 1945,
zum anderen griff man nur einen Bestandteil der ostmitteleuropaeischen
Geschichte heraus, naemlich ‘deutsche Geschichte’. Eine zusaetzliche
Schwierigkeit lag in der Auseinandersetzung mit den politischen
Rahmenbedingungen vor und nach 1989, die zu einschneidenden Veraenderungen in
der „Frage nach dem Ort der Deutschen in Ostmitteleuropa bzw. nach dem Anteil
deutscher Geschichte an der Geschichte des oestlichen Mitteleuropa“ (S. 3)
gefuehrt haben.
Nach
der Umbruchphase 1989/90 rang man sich in den „gespaltenen Historiographien“
Mittel- und Osteuropas zu der Erkenntnis durch, dass die Historiker „nicht im
gesellschaftsabgewandten Elfenbeinturm“ arbeiten und dass insofern zu deren
professionellen Handwerkzeug eine traditions- und ideologiekritische Selbstreflexion
gehoert. Der „hier etwas isoliert herausgegriffene Teilaspekt“, der zwar
„Gegenstand gemeinsamer geschichtswissenschaftlicher Ueberlegungen“ sei,
gehoere jedoch „zu den dem offenen, transnationalen Gespraech noch weitgehend
entzogenen Themenbereichen“, so die Herausgeber (S. 3-4).
Vor
dem Hintergrund dieser politischen und fachinternen Standortbestimmung wurde
die Frage nach der Stellung der Deutschen in der Historiographie nach 1945 in
17 Aufsaetzen und 3 Diskussionsbeitraegen des vorliegenden Bandes aus
deutscher, polnischer, estnischer, tschechischer, ungarischer und ukrainischer
Perspektive praesentiert. Bei einer derart gestellten Aufgabe erwies sich
jedoch der strukturelle Aufbau des Tagungsbandes als schwierig. Fuer die
Regionen Pommern, West- und Ostpreussen, Grosspolen, Schlesien und Baltikum
sowie fuer Ungarn wurden zwei - ein deutscher und ein aus dem jeweiligen Land
kommender Spezialist herangezogen. Hingegen sind
Boehmen und die Ukraine nur mit je einem Artikel aus der Innenperspektive
vertreten. Hinzu kamen allerdings u.a. ein die franzoesische Sicht
praesentierender Diskussionsbeitrag und ein polnischer Blick auf die estnische
Historiographie nach 1945.
Witold
Matwiejczyk (Lublin) fuehrte einleitend aus, dass das Ziel der Tagung und des
nun vorliegenden Bandes „die Ermittlung [der] unterschiedlichen
geschichtswissenschaftlichen Bilder“ gewesen sei, die „sich die deutsche
Nachkriegshistoriographie wie auch die entsprechenden Historiographien der
einzelnen Staaten Ostmitteleuropas von der historischen deutschen Praesenz im
oestlichen Mitteleuropa gemacht haben“ (S. 12). Ferner wies er auf die in dem
Buch gezogenen Schlussfolgerungen hin, dass „in wissenschaftlicher Hinsicht als
endgueltig ueberholt angesehen werden muss, sich (...) auf jene aelteren
ethnozentrischen methodologischen Grundsaetze zu stuetzen, nach denen die historische Forschung etwa die Ereignisse,
Prozesse oder ganze geographische Landschaften lediglich als polnisch oder
deutsch zu deuten bemueht war“ (S. 16).
Danach
folgen zwei Einfuehrungsbeitraege von Jerzy Kloczowski (Lublin), der die
Forschungsprobleme im Bezug auf ‘deutsche Geschichte’ in Ostmitteleuropa
schildert und von Eduard Muehle (Marburg), der die Anfaenge der bundesdeutschen
Ostforschung in institutioneller und wissenschaftsprogrammatischer Hinsicht
beleuchtet. Zweifelsohne setzt Kloczowski in seinem zwar kurzen, aber praegnanten
Artikel neue Zeichen im Hinblick auf die Offenheit, mit der er ueber
„intellektuelle ethnische Saeuberungen“ in Geschichte und Historiographie
Volkspolens nach 1945 spricht. Er verweist dabei unmissverstaendlich auf die
erfolgreiche Allianz zwischen dem traditionellen nationaldemokratischen
Nationalismus und dem neuen kommunistischen Machtmonopol, die in Form eines
Nationalbolschewismus entscheidend zum negativen Deutschen- und Deutschlandbild
der Polen beigetragen hat (S. 20). Zum Schluss ruft Kloczowski zur einer
„authentischen Debatte“ ueber die nationalistischen Wurzeln der polnischen
Geschichtsschreibung auf. Ob in Polen den Worten Taten folgen werden, ist
zunaechst abzuwarten.
Muehle
beruehrt in seinem etwas laengeren Beitrag andere Themenbereiche, naemlich die
Re-Institutionalisierung der deutschen Ostforschung nach 1945. Er weist
zunaechst einleuchtend auf das Engagement der Ostforscher in die moerderische
Herrschaftspraxis des Nationalsozialismus hin (S. 26). Bei der Schilderung des
Neuanfangs an der Schwelle der 40er und 50er Jahre scheint jedoch seine
Differenzierung in der Rhetorik zwischen dem ‘Marburger Lager’ um H. Aubin und
J. Papritz und dem Goettinger Arbeitskreis wenig ueberzeugend zu sein. So wird
nur dem Letzeren eine explizite Revisionspolitik bescheinigt. Hingegen strebten
Aubin und Papritz „eine in echtem wissenschaftlichen Geist betriebene
Erinnerungsarbeit“ an, ohne „politische Fronten beziehen“ zu wollen (S. 35).
Dass der Differenzierungsversuch vage erscheint, zeigt eine fehlende
Selbstkritik der beiden Kreise im Hinblick auf die Aktivitaeten deren
Mitarbeiter in der NS-Zeit. Gerade diese Tatsache wird auch von Muehle selbst
zu Recht akzentuiert (S. 36).
Die Schwierigkeit, aber auch eine breite Palette von
Moeglichkeiten in der Bearbeitung der im Titel des Bandes genannten Frage
werden in den weiteren Beitraegen demonstriert: von Wolfgang Kesslers (Herne)
fundierter und strukturierter Bestandsaufnahme ‘deutscher Geschichte’ in
Grosspolen bis hin zur komparativen und beziehungsgeschichtlichen
Infragestellung der Beschaeftigung lediglich mit den Deutschen in
Ostmitteleuropa aus der Feder Joerg Hackmanns (Greifswald/Luebeck). Hackmann
weist in seinem Beitrag ueber „Grosspommern“ (nach G. Labuda: Hinterpommern,
West- und Ostpreussen) in der deutschen und polnischen Historiographie zu Recht
darauf hin, dass der Einschraenkung auf „Deutsche in Ostmitteleuropa“ „ein
praesentistischer Blick“ anhaftet, dem „ein volksgeschichtliches Paradigma“
zugrunde liegt. Ueberzeugend ist daher sein Vorschlag im allgemeinen von
„deutscher Geschichte in Ostmitteleuropa als Problem der Historiographie zu
sprechen“ (S. 75-76). Er fordert ferner eine Ausweitung des
Forschungsgegenstandes „auf die Landesgeschichte der frueheren preussischen
Ostprovinzen“ (S. 75). Eine Ausnahme hierzu bilden jedoch die „Frage der
deutschen Minderheit in Polen seit 1919“ und historiographiegeschichtlich die
Beschaeftigung „mit den Traditionen der deutschen Ostforschung“. Dennoch kann
hier nach Hackmann ein weit gestreifter Problemhorizont „zur Traditionskritik
und zur Auseinandersetzung mit politischen Instrumentalisierungen“ nicht nur
der deutschen, sondern auch anderer nationaler Historiographien im oestlichen
Mitteleuropa beitragen (S. 84). Wie sieht es dabei z.B. mit der polnischen
Historiographie aus?
Interessante
Beispiele, dass die polnische Historiographie weiterhin dem faktenzentrierten
Historismus treu bleibt, stellen die Beitraege von Jerzy Kozlowski (Poznan)
ueber Deutsche in Grosspolen und von Janusz Mallek (Torun) ueber „Grosspommern“
in der polnischen Historiographie nach 1945 dar. Der Artikel von Kozlowski ist
so konstruiert, dass zunaechst die Geschichte der Deutschen in Grosspolen seit
dem Mittelalter bis ins 20. Jh. geschildert wird, um anschliessend eine Bestandsaufnahme
der polnischen historiographischen Produktion nach 1945 zum Thema zu
praesentieren. Hingegen konzentriert sich Mallek zu Recht nur auf die Zeit nach
1945 und betrachtet die Entwicklungslinien der Historiographie im
kommunistischen Polen nur anhand der politikgeschichtlich gewaehlten Zaesuren
(1945-1950/51-1956-1970-1981-1989). Es mag sein, dass dieser beide Aufsaetze
betreffenden Darstellungsweise nichts Negatives anhaftet. Wenn aber Mallek zum
Schluss die Arbeit Marian Friedbergs „Kultura polska a niemiecka“ [2] mit dem
Buch Kurt Luecks ueber „Deutsche Aufbaukraefte in der Entwicklung Polens“ [3]
in einem Atemzug nennt, kann hier eine geschichtspositivistische, m.E.
zumindest problematische Trennung zwischen Person und Werk vermutet werden. Mallek
fuegt ferner noch hinzu, dass die letztere
Arbeit „zwar vom nationalistischen Standpunkt in der NS-Zeit geschrieben worden
sei, jedoch eine Fuelle faktographischen Materials beinhalte“ (S. 71, Ue.
B.B.). Heikel wirkt ein solcher Vergleich zum einen angesichts der „Simplifizierungen
in der deutsch-polnischen Geschichtsbetrachtung“ (S. 71, Ue. B.B.), die Mallek
allerdings selbst kritisiert und zum anderen angesichts der juengsten
Forschungen zum Engagement der deutschen Historiker im Nationalsozialismus.
Zum
Schluss sei noch ein Blick auf die estnische Historiographie erlaubt, der im
Vergleich zur polnischen Geschichtsschreibung interessante Parallelen und
Diskrepanzen erkennen laesst. Marti Laur (Tartu) hebt in seinem Beitrag hervor,
dass heute „die Behandlung der Deutschbalten in der estnischen Historiographie
wirklich keine politischen Akzente“ mehr zeitigt. Dabei wird freilich der Rolle
der Deutschbalten in der estnischen Geschichte eine immense Bedeutung
beigemessen (S. 147). Diese Dualitaet hat jedoch gewisse Risiken, auf die Jan
Lewandowski (Lublin/Tartu) in seinem Diskussionsbeitrag zu Recht hinweist.
Seiner Ansicht nach sucht die unabhaengige estnische Staatlichkeit (zunaechst
1920-1940, und jetzt seit 1991) ihre Wurzeln in der Zwischenweltkriegszeit,
also „in der Tradition des Kampfes gegen Fremdherrschaft“ (S. 235). Dies hat zur Folge, dass die nach 1945 erfolgte
sowjetrussische Besatzung, die die nazideutsche ersetzte, „wiederum teilweise
den estnisch-deutschen Antagonismus“ verdeckte (238). Auch in Polen richtet man
heute den Blick nach Osten und hebt man insbesondere die Notwendigkeit einer
Aufarbeitung der polnisch-(sowjet)russischen Beziehungen hervor. Man geht hier
auf zwischenstaatlicher Ebene zu Recht davon aus, dass sich die
deutsch-polnischen Beziehungen auf dem Wege „von der Normalisierung zur
Normalitaet“ (W. Borodziej) befinden. Dies birgt aber die Gefahr in sich, dass
im oeffentlichen Bewusstsein der Polen Relikte der negativen Stereotype latent
fortleben werden.
Zwar
war eine kritische Selbstvergewisserung der geschichtlichen
Ostmitteleuropaforschung aus der Perspektive des Jahres 1997 sehr zu begruessen,
durch die spaete Publikation des Tagungsbandes hat diese Frage allerdings viel
an Brisanz und Originalitaet verloren. Den Weg zur einer oeffentlichen Debatte
gebahnt haben m.E. vielmehr die Sektion „Deutsche Historiker im
Nationalsozialismus“ [4] des Frankfurter Historikertages vom Sept. 1998 und die
Posener Tagung „Der polnische Westgedanke und die deutsche Ostforschung
zwischen Wissenschaft und Politik“ [5] vom Dez. 1998. Nichtsdestoweniger nimmt
dieser Band mit seiner multinationalen Perspektive hinsichtlich der
Selbstreflexion ueber den historischen Berufsstand am Beispiel gewaehlter
Laender und Regionen Ostmitteleuropas in der Forschungslandschaft einen wichtigen
Platz ein. Wer sich kuenftig mit der Frage nach ‘deutscher Geschichte“ in den
ostmitteleuropaeischen ‘gespaltenen Historiographien’ nach 1945 befassen will,
wird auf die vorliegende Bilanz schwerlich verzichten koennen.
Anmerkungen:
[1]
Vgl. dazu z.B. die Rezension von J. Hackmann, Deutsche und Ostmitteleuropa im
Spiegel der Historiographie nach 1945. Internationaler Workshop in Kazimierz
Dolny (Polen) am 13. und 14. Sept. 1997, in:
Zeitschrift fuer Geschichtswissenschaft 46, 1998. S. 60-63.
[2] M. Friedberg, Kultura polska a niemiecka. Elemente
rodzime a wplywy niemieckie w ustroju i kulturze Polski sredniowiecznej, 2 Bde.
Poznan 1946.
[3]
K. Lueck, Deutsche Aufbaukraefte in der Entwicklung Polens. Forschungen zur
deutsch-polnischen Nachbarschaft im ostmitteleuropaeischen Raum. Plauen im Vogtland 1934.
[4]
Die Beitraege zu dieser Sektion sind als Buch erschienen: W. Schulze, O. G.
Oexle [Hg.]: Deutsche Historiker im Nationalsozialismus. Frankfurt/Main 1999.
Vgl. auch dazu z.B. die sehr anregende Rezension von F. Augstein, Auf der Suche
nach dem Nationalsozialismus, in: Rechtshistorisches Journal 19, 2000, S.
125-130.
[5]
Die Publikation der Beitraege ist fuer 2001 geplant. Vgl. Niendorf, M.:
Wissenschaft im Dienste nationaler Gebietsansprueche: „Deutsche
Ostforschung" und „polnischer Westgedanke". (Tagungsbericht), in:
Zeitschrift fuer Geschichtswissenschaft 47/1999, S. 537-539.