Der Warschauer Aufstand
1944, hrsg. v. Bernd Martin und Stanislawa Lewandowska. Deutsch-polnischer
Verlag. Warschau 1999. 322, [20] S. : Ill.; Kt. + 2 Kt.
Fuer „Polhist“ rezensiert
von Dr. Heidi Hein (Mettmann), E-Mail: HeidiHein@web.de
Die brutale Niederschlagung
des von der Armia Krajowa (Heimatarmee) durchgefuehrten Warschauer Aufstandes,
der militaerisch Deutschland, politisch aber auch der Sowjetunion und den
polnischen Kommunisten galt, ist eines der dunkelsten Kapitel der
deutsch-polnischen Beziehungen. Waehrend die Zerstoerungen Warschaus auch einer
breiteren Oeffentlichkeit in Deutschland bekannt sind, ist das konkrete Wissen ueber
den Aufstand sehr gering und verliert vor dem "Schleier der Nichtbewaeltigung"
(Wolf-Dieter Dorn, S. 287) an Kontur.
Der hier zu besprechende
Band, zu dem parallel eine polnische Ausgabe erschienen ist, entstand in der
Folge des ersten deutsch-polnischen Symposiums ueber den Warschauer Aufstand im
Jahre 1996, das schon aufgrund der Zusammensetzung der Teilnehmer aussergewoehnlich
war: Drei Generationen von Polen und Deutschen, junge Studierende und
Graduierte, etablierte Wissenschaftler und betagte Veteranen nahmen daran teil.
Der Band spiegelt in seinen
insgesamt 23 Beitraegen das Bemuehen wider, den deutschen, polnischen und
sowjetischen Standpunkt zu praesentieren und zugleich die Vertreter der drei
Generationen zu Wort kommen zu lassen, was gerade seinen Reiz ausmacht. Obwohl der
in polnischer und deutscher Sprache erschienen ist, wird deutlich, dass er in
erster Linie einem deutschen Lesepublikum gewidmet ist, um Kenntnisse ueber den
Warschauer Aufstand zu vermitteln, wenn auch einige Aufsaetze einzelne neue,
bisher in der polnischen Forschung kaum bearbeitete Aspekte darstellen. Diese
Intention wird an zwei Beitraegen besonders deutlich:
Nach der Eroeffnungsrede der
Konferenz von Bernd Martin wird nur in der deutschsprachigen Ausgabe eine Diskussion
vom Maerz 1994 ueber den Forschungsstand und die Notwendigkeit zu weiteren
Forschungen ueber den Warschauer Aufstand von polnischen Historikern (Czeslaw
Madajczyk, Krzysztof Dunin-Wasowicz, Eugeniusz Duraczynski, Stanislaw Jaczynski)
wiedergegeben, da deren Inhalte in Polen als bekannt vorausgesetzt werden koennen.
Ausserdem endet der
Beitragsteil mit einem Essay ueber die Haltung der jungen Generation in
Deutschland zum Warschauer Aufstand, in dem Wolf-Dieter Dorn darlegt, dass sich
das eher konturenhafte Wissen ueber den Aufstand mit der Vermittlung der Zeit
des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs sowie mit dem fuer die
Gegenwart charakteristischen Polenbild begruenden laesst. So sind es fuer ihn
das ritualisierte Gedenken und der Automatismus der Betroffenheit, die seine
Altersgenossen (er ist Jahrgang 1965) nicht mehr in der Art wie die AElteren nachvollziehen
koennen, so dass das traditionelle Mischungsverhaeltnis aus Scham, Verdraengung
und gezieltem Sich-In-Erinnerung-Rufen durch eine natuerliche Distanz zum
Geschehenen, aber auch durch eine relative Unbeschwertheit und Indifferenz
ersetzt wird. Dem gegenueber steht eine Unsicherheit in bezug auf das ritualisierte
Gedenken, die Bewunderung des polnischen Widerstandsgeistes und die
unbefangeneren Fragen an die Geschichte.
Von den 17 historischen
Beitraegen geben zunaechst sieben einen Ueberblick ueber die internationale
politische (Bernd Martin) und militaerische Lage (Christoph Klessmann, Lew
Besymenski) sowie die Situation Polens im Jahre 1944 (Eugeniusz Duraczynski),
das Entstehen der Armia Krajowa (Grzegorz Mazur), die Genese des Aufstandes
(Jan Ciechanowski) und die Strategie und Kampfhandlungen auf polnischer Seite
(Tadeusz Sawicki). In zwei weiteren Beitraegen stellen Marek Getter und Stanislawa
Lewandowska die Zivilverwaltung und die Haltung der Zivilbevoelkerung waehrend
des Aufstandes dar. Bis auf den Aufsatz von Jost Duelffer, der die Einstellung
der USA und Grossbritanniens zum Warschauer Aufstand reflektiert, beschaeftigen
sich die weiteren Beitraege mit den Besatzern Polens. Wlodzimierz Borodziej und
Hans Umbreit eroertern die Reaktionen der Sicherheitspolizei auf den Aufstand
bzw. die Kaempfe der Wehrmachtsverbaende und Sonderheiten gegen die Aufstaendischen
und die Zivilbevoelkerung. Die Spannung zwischen den deutschen Vergeltungsmassnahmen
und dem Werben fuer eine antibolschewistische Front nach der Kapitulation
stellt Heinrich Schwendemann dar, waehrend Oliver Samson die diesbezuegliche
deutsche Auslandspropaganda analysiert. Der Beitrag von Tanja Villinger zeigt
auf, wie die Niederschlagung des Warschauer Aufstandes in den deutschen Medien
in das antibolschewistische und antibritische Feindbild eingeordnet und zum
letzten grossen Sieg der deutschen Waffen an der Ostfront stilisiert wurde. Die
desinteressierte Haltung Stalins gegenueber den Aufstaendischen, wodurch das
kommunistische Polski Komitet Wyzwolenia Narodowego (Polnisches Komitee der
Nationalen Befreiung) gefoerdert werden sollte, thematisieren Stanislaw Jaczynski
und Cynthia Flohr bei der Eroerterung der Rolle der Sowjetunion bzw. der Roten
Armee, wobei aber auch die Notwendigkeit zur Oeffnung sowjetischer Aktenbestaende
ueber den Warschauer Aufstand deutlich wird.
Drei Erinnerungen von
Wehrmachtsveteranen schliessen den Band ab, die allein nur deswegen die
deutsche Seite widerspiegeln, weil solche bislang unbekannt waren, waehrend
polnische Augenzeugenberichte bereits in vielfaeltiger Zahl existieren. Ein
Personenverzeichnis und die Abbildungen von Beteiligten, Kaempfen und Verwuestungen
des Aufstandes sowie die fuenf abgebildeten und zwei beiliegenden Karten runden
diese historische Bestandsaufnahme ueber den Warschauer Aufstand ab.
Somit ist dieser Band
abschliessend als ein gelungener Versuch zu kennzeichnen, polnische und
deutsche Wissenschaftler zu diesem neuralgischen Punkt der deutsch-polnischen
Beziehungsgeschichte und zugleich verschiedene Generationen zu einem
(wissenschaftlichen) Austausch ueber den Warschauer Aufstand anzuregen. Zu
hoffen bleibt, dass dieser Dialog in bezug auf dieses Thema, aber auch zu
anderen kritischen Aspekten der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte
ausgebaut wird.