Karin Friedrich: The Other Prussia. Royal Prussia, Poland and Liberty, 1569-1772. Cambridge 2000. 280 S.
Für “Polhist” rezensiert von Dr. des. Markus Krzoska
(Mainz)
Das “Preußenjahr” 2001, das nun allmählich zu Ende
geht, hat den Blick vor allem der deutschen Öffentlichkeit wieder einmal auf
die Elemente gelenkt, die mit jenem historischen mitteleuropäischen Staat
untrennbar verbunden zu sein scheinen: Machtstreben, Militär, staatliche
Effizienz, Nationalismus, Aufklärung, Absolutismus. Für jeden war bei der Reihe
der Veranstaltungen etwas dabei. Neue Biographien und Gesamtdarstellungen
erschienen, die das bisherige Bild im wesentlich zu bestätigen schienen. Man
sollte also meinen, alles Wesentliche zu diesem Staat und seinen geographischen
Regionen sei bereits gesagt.
Karin Friedrich, Lecturer für Geschichte an der
London School of Slavonic and East European Studies, zeigt in ihrer Arbeit,
dass dem nicht so ist. Die von ihr gewählte Region, die sie schon durch die
Titelwahl vom Gesamtgebilde abgrenzt, ist das sogenannte Königliche Preußen,
jener Teil des vormaligen Deutschordensstaates also, der infolge des
Dreizehnjährigen Krieges 1466 bei weitgehender Wahrung der bestehenden Rechte
unter die Oberhoheit der polnischen Krone geriet, unter der er bis zur Ersten
Teilung Polens 1772 verblieb.
Das Buch untersucht in erster Linie die
intellektuellen Strömungen innerhalb der Eliten dieses politischen Gebildes,
vor allem jener der drei dominierenden Städte Danzig, Elbing und Thorn, und
dabei insbesondere das Phänomen eines Nationsbildungsprozesses vor dem
Zeitalter des Nationalismus.
Im Unterschied zur älteren deutschen und Teilen der
polnischen Forschung – wobei Vertreter dieser Richtungen durchaus bis zum
heutigen Tage munter publizieren – stellt Friedrich die These auf, dass von
einer Identifizierung der mehrheitlich deutschsprachigen und protestantischen
Bevölkerung mit Deutschland respektive Brandenburg-Preußen keine Rede sein
könne, sondern dass bei allen Spannungen die Loyalität gegenüber der
polnisch-litauischen Monarchie deutlich im Vordergrund stand. Erst der
allmähliche Niedergang der „Rzeczpospolita szlachecka“ habe zu einer
Veränderung der Wahrnehmungen geführt.
Die Autorin kann auf beeindruckende Weise viele
Phänomene zeigen und erklären, die in der borussischen bzw. deutschnationalen
Historiographie bewusst verschwiegen oder falsch interpretiert wurden. Dadurch
gelingt es ihr, verschüttete Schichten der Vergangenheit dieser Provinz
freizulegen, die nichts mit „gemeinsamer deutscher Geschichte“ zu tun haben.
Sie erläutert, wie die preußische Identität des 16. bis frühen 18. Jahrhunderts
ein intellektuelles Konstrukt darstellte, das auf Begriffen wie
Staatsbürgerschaft, Eigentum sowie individueller und korporativer Freiheit
basierte und damit tief im System europäischer frühneuzeitlicher Staaten
verwurzelt war.
Die Veränderungen, die dieses Konstrukt im Laufe der
Zeit unterlag, sollen u.a. jene vor allem für die polnische Historiographie des
19. Jahrhunderts zentrale Frage mit beantworten helfen, ob die Bewohner
Königlich-Preußens einen Anteil am Untergang des polnischen Staates hatten,
weil sie sich zunehmend illoyal verhielten. Besonders interessant in diesem
Kontext ist für Friedrich der Vergleich zum anderen Modell preußischer
Staatlichkeit, wie es im Herzogtum Preußen mit der Hauptstadt Königsberg
entwickelt wurde. Hier kann sie zeigen, wie sich die beiden aus gemeinsamen
Wurzeln stammenden Staaten im Bewusstsein ihrer Eliten immer weiter voneinander
entfremdeten.
Eine zentrale Rolle für die Stände
Königlich-Preußens in ihrem Verhältnis zu König und Adel in Polen spielte der
Wunsch nach der Sicherung der „alten Rechte“, d.h. im Grunde genommen jener
Prinzipien, aufgrund deren man dem Staatsverbund nach der Revolte gegen den
Deutschen Orden beigetreten war. Die Wahrung der Vergünstigungen gegenüber
allgegenwärtigen Ansprüchen stellte für die Betroffenen eine entscheidende
Voraussetzung für eine Bewahrung der politischen, sozialen und ökonomischen
Zustände dar, wobei man gerade im ersten Zeitraum – natürlich nicht zufällig
angesichts deutlicher Parallelen – die Entwicklung der Niederlande als Vorbild
vor Augen hatte. Besonders für die Bürger der drei größeren Städte musste die
Entwicklung in Polen bedenklich erscheinen, wo das urbane Prinzip von Privatgründungen
abgesehen nicht gerade eine Blütezeit erlebte. Bei allen Anfechtungen blieb
jedoch eine enge Verbundenheit mit Polen bestehen, die sich auch in
Kriegszeiten bewährte, etwa in den schweren Jahren der schwedischen „Sintflut“,
als es Danzig gelang, den Angreifern zu trotzen. Eine Tatsache übrigens, die
weder im heutigen polnischen historischen Bewusstsein, das – wenn man so sagen
darf – vom Tschenstochau-Mythos überschwemmt ist, noch in Deutschland irgendwie
präsent ist.
Besonders dankbar muss man der Autorin in diesem Zusammenhang für ihre Darstellung der verschiedenen historischen Mythen sein, deren geschichtsmächtige Kraft in den letzten Jahrzehnten aufs Neue erkannt worden ist. Ihre Untersuchung des Goten- bzw. des Sarmatenmythos in der spezifischen Anwendung auf das Königliche Preußen gehört zu den gelungensten Teilen des Buches. Die Übernahme von Teilen des Sarmatenmythos unter Betonung der Eigenständigkeit und Freiheit war somit eine Grundlage von Identität und Selbstbewusstsein der Bürgereliten.
Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts, als
insbesondere infolge des Großen Nordischen Krieges die Machtstellung
Polen-Litauens für alle sichtbar zu bröckeln begann und unter dem Einfluss der
europäischen Aufklärung, vollzogen sich tiefergehende Veränderungen auch in
Bezug auf die vorherrschenden Loyalitäten. Friedrich kann hier die zentrale
Rolle des Rechtshistorikers Gottfried Lengnich deutlich machen. Man wandte sich
nun immer mehr von den alten historischen Mythen wie dem einer freien
heidnischen Republik der Prußen ab, wie sie ursprünglich z.B. Christoph
Hartknoch vertreten hatte, und setzte an ihre Stelle „die historische und
juristische Fiktion eines unabhängigen preußischen Staates“ als Ziel für die
Zukunft (S. 205). Die in religiösen Fragen zunehmend intolerante Politik der
polnischen Krone trug ebenfalls dazu bei, Zweifel bei den bürgerlichen Eliten
zu säen. Die Zentralisierungsbestrebungen der beiden Sachsenkönige, aber auch
die in diese Richtung gehenden Reformansätze seit der Wahl Stanislaw August
Poniatowskis, wurden vor diesem Hintergrund misstrauisch beäugt und trugen dazu
bei, dass sich die königlich-preußischen Stände eher im Lager der Reformgegner
aufhielten, die dabei auch auf die Hilfe äußerer Mächte setzten,
interessanterweise eher Russlands als Brandenburg-Preußens. Letzteres blieb –
vor allem angesichts der Entwicklung im Herzogtum Preußen, die man genau
beobachtete – der zweifellos ungeliebteste Nachbar.
Der besondere Wert von Friedrichs nicht nur
gründlich recherchierter und mit großer Fachkenntnis verfasster, sondern zudem
noch brillant geschriebener Studie liegt somit in jener Wiederentdeckung der
„anderen Seite“, der regionalen und prä-nationalen Identität der Eliten des
Königlichen Preußens. Damit schafft sie ein längst überfälliges Gegengewicht
zur bisher in der Forschung dominierenden germanozentrischen Perspektive auch
in bezug auf dieses Themengebiet. Diese bewusste Einseitigkeit macht die Arbeit
in manchen Punkten auch angreifbar, was der Autorin freilich klar gewesen sein
dürfte. Mitunter scheint es, als ob nun umgekehrt die unbestreitbar vorhandenen
Beziehungen ins Reich, aber auch nach Preußen vernachlässigt werden sollen.
Auch die Erklärungen für die nachlassende Loyalität gegenüber Polen im 18.
Jahrhundert überzeugen nicht vollständig. Die oftmals zitierten Belege für eine
propolnische Orientierung führender Vertreter der königlich-preußischen Stände
mögen häufig von einer tiefgehenden Überzeugung der Protagonisten verursacht
gewesen sein, doch sollte man den ganz pragmatischen Aspekt einer Aufbesserung
der Privatschatulle durch polnisches Geld nicht völlig vernachlässigen
(Friedrich spricht nur in einem Fall davon).
Am Rande sei noch bemerkt, dass die Praxis der
Namensgebung für Orte und Regionen in ihrer Uneinheitlichkeit nicht völlig
überzeugen kann und beim englischsprachigen Leser mitunter durchaus Verwirrung
stiften dürfte; zumal dann wenn ein Begriff wie „Sambia“ verwendet wird, der
zwar jedem Polen geläufig ist, den deutschen, vielleicht auch den englischen
Leser aber eher ans südliche Afrika denken lässt, und auch das Register nicht
auf das deutsche Äquivalent „Samland“ verweist (S. 39). Die Hochzeit von
Jadwiga und Jagiello fand im Februar 1386, nicht 1385 statt (S. 20).
Nichtsdestotrotz hat Karin Friedrich im wahrsten
Wortsinne ein Standardwerk geschrieben, eine moderne Geschichte
Königlich-Preußens, die ihres Gleichen sucht und hoffentlich den Anstoß zu
einer lebhaften Diskussion unter deutschen und polnischen Historikern liefert.
Wie schön wäre es, wenn sich jemand diese Mühe auch für andere Regionen
Ostmitteleuropas machen würde, deren Gesamtdarstellungen wie etwa in Bezug auf
Schlesien schon bei ihrem Erscheinen den dumpfen Geist des 19. und frühen 20.
Jahrhunderts versprühen.