G. gibt in seiner Einführung zunächst einen Überblick über den staatlichen Propagandaapparat und den Stellenwert einzelner Medien im NS-Staat allgemein sowie im GG als ,Nebenland‘ des Dritten Reiches. Zudem gilt seine Aufmerksamkeit der Propagandastrategie der Nazis. Die chronologische Anordnung der Hauptkapitel folgt den für die Lage in Polen wichtigen und durch den Verlauf des Zweiten Weltkriegs vorgegebenen herkömmlichen Zäsuren: von der Besetzung Polens bis zur Kapitulation Frankreichs (II), von Juni 1940 bis zum Vorabend des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion (III), von Juni 1941 bis zu den ersten großen militärischen Niederlagen der Wehrmacht bzw. bis zur Katyn-Affäre (IV), von April 1943 bis zum Vorabend des Warschauer Aufstands (V) sowie die GG-Schlussphase bis Januar 1945 (VI). Alle vier Kapitel werden durch ein Zwischenresümee abgeschlossen.
Zu den Hauptthemen des inneren Lebens des GG stilisierten die Zeitungen anfangs die Abrechnung mit der entmachteten politischen Führungsmannschaft Polens und die angeblich enorme wirtschaftliche Aufbauleistung unter deutscher Herrschaft, etwa die Errungenschaften des Baudienstes, zu dem junge Polen einberufen wurden, um das polnische Arbeitspotential noch effektiver ausnutzen zu können, in öffentlichen Projekten. Der politischen Verwertung der in Katyn aufgedeckten Massengräber durch die Goebbels-Propaganda (auf S. 192 fälschlich auf März 1943 datiert) – dem Paradestück der GG-Blätter – räumt der Vf. zu Recht breiten Raum ein (S. 304-325).
In den Mittelpunkt seiner Analyse stellt G³owiñski (ab S. 145) die von den NS-Propagandisten 1940 aufgebrachte Vorstellung von einer europäischen “Neuen Ordnung” unter nationalsozialistischem Vorzeichen. Als Elemente dieser niemals konkret ausgestalteten oder politisch konsequent verfolgten Konzeption erkennt der Vf. die europäische Führerschaft des Dritten Reiches, ein auf dessen Markt ausgerichtetes Wirtschaftsbündnis, die Unterordnung von autoritär-faschistisch regierten Staaten der kleineren und sog. jüngeren Nationen Europas und die von einem ideologischen Arbeitsbegriff angeführte Wertordnung. Den politisch entmündigten polnischen Bewohnern des GG war dabei die Rolle von – zum Wohle des “Herrenvolks” – ökonomisch auszunutzenden Arbeitskräften zugedacht.
Die an der Neuen Ordnung teilhabenden Völker sollte ferner ein “Volksantisemitismus (zwyk³y antysemityzm)” (S. 159) zusammenschweißen, der in ,den Juden‘ die Ursache allen Übels erblickte. Dementsprechend verteilte die NS-Presse Lob und Tadel auf die mit Deutschland verbündeten bzw. auf dessen Feindstaaten. Unterdessen sei die GG-Bevölkerung einem auf die Nürnberger Diskriminierungsgesetze gestützten und ständig verschärften “totalen Antisemitismus” ausgesetzt gewesen (S. 166). G.s Befund, dass antisemitische Hetze in der Presse seit 1943 stark rückläufig gewesen ist (S. 336), scheint der in der Forschung wiederholt vertretenen These zu widersprechen, die antijüdische Gewalt in Polen in den ersten Nachkriegsmonaten sei u.a. als unmittelbare Folge der NS-Propaganda anzusehen. Die nazideutsche Besatzungsmacht, deren Selbstdarstellung gerne ihre vorgebliche Rolle als Wohltäter und Beschützer der Polen hervorhob, begründete die Absonderung und Einschließung der Juden mit der Bekämpfung akuter Seuchengefahren. Die Räumung der sog. Gettos und die Deportation seiner Insassen in den Tod 1942 sowie die jüdischen Revolten 1943 wurden – wie viele andere Nachrichten auch – in den gadzinówki totgeschwiegen.
Die NS-Propaganda für die ethnisch polnische Bevölkerung tat sich schwer angesichts des Schwankens in der NS-Führungsclique zwischen der Utopie, ,im Osten‘ ,Lebensraum‘ zu gewinnen und dem Wunsch, zur Stabilisierung der Lage im GG den Polen eine dauerhafte Heimstatt zuzusichern. Klarsichtige Überlegungen, mit denen die Reichsführung bewegt werden sollte, ihr Einverständnis zu einer Abkehr von der kruden Unterdrückungspolitik gegenüber den Polen zu geben, gingen von Machthabern des GG seit Anfang 1943 aus, doch konnten dergleichen Eingaben bis kurz vor Kriegsende keinen grundlegenden Politikwechsel der Zentrale herbeiführen. Der Glaube an die Allmacht der Propaganda war auch 1944 – trotz aller entgegenstehenden Realia – ungebrochen. Die Aufforderung, an einer gemeinsamen antibolschewistischen Front, ja einem ,Kreuzzug‘ zur Verteidigung des Abendlandes mitzuwirken, vermochte nicht zu verhehlen, dass der Besatzungsterror fortgesetzt wurde und die NS-Führung auch nach “Katyn” den Polen gegenüber zu keinen verlässlichen Zugeständnissen bereit war.
Nichts Neues trägt die Studie zu der bislang nur zum Teil geklärten Frage bei, welche Personen hinter der NS-Propaganda im GG standen und welchem sozialen und geistigen Milieu die polnischen und deutschen Journalisten der gadzinówki entstammten. Erstaunlich wenig ist auch über die von einer Redaktion polnischer Kollaborateure gemachte Monatsschrift „Prze³om” (1944) zu erfahren; gerade hier, scheint mir, hätte sich eine eingehendere Inhaltsanalyse als ertragreich erweisen können. Überhaupt ist G.s Untersuchung kaum kritisch problemorientiert und erschöpft sich weitgehend in der chronologischen Nachzeichnung einer Entwicklungsgeschichte. Die schwammige Propagandaformel von der ,Neuen Ordnung‘ ist dabei als ,Aufhänger‘ für eine solche Studie wenig geeignet. So bietet sie über weite Strecken eine nacherzählende, von Zeit zu Zeit durch Kommentare des Autors ergänzte Presse-Widerspiegelung des internationalen Kriegsverlaufs. Interessanter wäre es stattdessen gewesen, die Ergebnisse der Medienanalyse aus dem GG mit solchen aus dem Reich – oder auch aus anderen besetzten Gebieten – zu vergleichen. (Interessant ist die Bemerkung, die Inhalte der Propaganda für die polnische und die deutsche Bevölkerung im GG habe sich unterschieden, S. 75.) Fragwürdig erscheint mir überhaupt die eindimensionale, allein auf den Inhalt der gelenkten NS-Presseberichterstattung konzentrierte Herangehensweise der Untersuchung, in der gesellschaftlicher Kontext und Interaktion zwischen Besatzern und Besetzten überhaupt nicht zur Sprache kommen. Am Ende fragt sich der Leser vergebens, welches Echo die NS-Propaganda bei ihren Rezipienten gefunden hat, wie diese auf die Beeinflussungsversuche reagiert haben. Tagebücher, offizielle Lageberichte, ja die illegale polnische Presse sollten dazu mancherlei Äußerungen enthalten. Das gleiche gilt für die hier völlig unberücksichtigt gebliebenen Kleinanzeigen in den analysierten Blättern, deren Reklameseiten u.ä. Als reizvoll hätte sich schließlich erweisen können, den ideologisch-politischen Themenkatalog der NS-Presse mit jener der Untergrundpresse zu vergleichen – und dabei etwa allfällige Übereinstimmungen mit Inhalten der rechtsnationalistischen Blätter festzustellen.
Bei der schnellen Orientierung hilft ein Personenregister und eine fünfseitige deutsche Zusammenfassung. Wertvoll ist auch der Anhang mit 63 Abbildungen zur NS-Propaganda, wenngleich sie oft nur in losem Zusammenhang mit der Untersuchung stehen: Die hier wiedergegebenen Plakate, Anschläge und Wandzeitungen wurden für die Analyse nicht herangezogen, andererseits fehlen hier die beiden Zeitungen, die als Hauptquellen G.s dienen (2).
(1) Vgl. dazu den Forschungsbericht von Klaus-Peter Friedrich: Die deutsche polnischsprachige Presse im Generalgouvernement (1939-1945). NS-Propaganda für die polnische Bevölkerung, in: Publizistik 46 (2001), S. 162-188.
(2) Abbildungen des Goniec Krakowski und Nowy Kurier Warszawski finden sich zuletzt in dem Aufsatz von Klaus-Peter Friedrich: Publizistische Kollaboration im sog. Generalgouvernement. Personengeschichtliche Aspekte der deutschen Okkupationsherrschaft in Polen (1939-1945), in: ZfO 48 (1999), S. 50-89.
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