Mentalitäten - Nationen - Spannungsfelder. Studien zu Mittel- und Osteuropa im 19. und 20. Jahrhundert. Beiträge eines Kolloquiums zum 65. Geburtstag von Hans Lemberg. Hrsg. von Eduard Mühle. Marburg: Verlag Herder-Institut 2001. X, 191 S., € 20,- (= Tagungen zur Ostmitteleuropa-Forschung ; 11).

Für „Polhist“ rezensiert von Dr. des. Markus Krzoska, Mainz

Soll man Festschriften oder Jubiläumsbände überhaupt rezensieren? Man weiß doch in der Regel, wie sie entstehen und welchem Zweck sie dienen. Nur äußerst selten bringen sie die Forschung entscheidend voran, die Beiträge sind äußerst heterogen, kaum jemand liest sie wirklich alle, seien wir ehrlich. Dabei sagen sie durchaus etwas über die Person des Geehrten und sein wissenschaftliches Oeuvre aus. Schon ihr Zustandekommen ist im Grunde genommen ein Erfolg. Jeder kennt mindestens eine Geschichte von einem potenziellen Herausgeber, der daran scheiterte, dass ihm nicht genügend Beiträge geschickt wurden.
Dass der Marburger Osteuropahistoriker Hans Lemberg zu denjenigen gehört, die solcher Ehrungen wert sind, bedarf keiner Diskussion. Zu vielfältig sind seine Verdienste für das Fach in Forschung, Lehre und Wissenschaftsorganisation. Anlässlich seines 65. Geburtstags 1998 fand zu seinen Ehren im Herder-Institut ein internationales Kolloquium statt, dessen Beiträge drei Jahre später teilweise in Buchform veröffentlicht worden sind. Sie sind entsprechend den Forschungsschwerpunkten Lembergs in drei Teile gegliedert, wobei die Unterkapitel zur böhmischen Geschichte und zur "nationalen Entmischung" im 20. Jahrhundert durchaus logisch konzipiert sind, während der Teil "Osteuropa und Mitteleuropa" sowohl einen russischen wie einen polnischen Bezug hat.
Die Würdigung Lembergs ist durch die Auswahl der Beitragenden zweifellos gelungen, sind unter ihnen doch große Namen der europäischen Geschichtswissenschaft. Von der inhaltlichen Qualität der Aufsätze lässt sich dies allerdings nur mit gewissen Einschränkungen sagen, die meisten Beiträge verdienen doch eher das Epitheton "solider Gelegenheitstext". Von den insgesamt zwölf Texten möchte der Rezensent lediglich drei von dieser Charakterisierung ausnehmen. Roger Bartlett (London) setzt sich mit Lembergs nunmehr über vierzig Jahre alter Kölner Dissertation zur nationalen Gedankenwelt der russischen Dekabristen auseinander und würdigt deren Bedeutung für die Forschung bei einer gleichzeitigen Einordnung in den heutigen Forschungsstand. Ferdinand Seibts (München) Beitrag über Franz Martin Pelzel und den Ursprung des böhmischen Dilemmas zeigt sehr schön die frühe Herausbildung einer "nationalen" Geschichtsschreibung durch den Prager Historiker und Slavisten am Ende des 18. Jahrhunderts, vor Herder und lange vor Palacký; Jan Havráneks (Prag) sehr persönlich gehaltene Überlegungen über "seinen" Prager Stadtteil Hanspaulka und seine Bewohner in der Vergangenheit schlagen den Bogen zur Alltagsgeschichte und ziehen eine emotionale Verbindung zu Lemberg, der vor dem Zweiten Weltkrieg als kleines Kind dort wohnte.
Auch W³odzimierz Borodziejs (Warschau) Text über die Integration der neuen West- und Nordgebiete Polens 1945-1946 hätte ein ausgezeichneter Beitrag werden können. Er nennt eine Reihe interessanter Details aus den jüngsten Forschungen zu dieser Fragestellung, etwa die unterschiedliche Haltung verschiedener Siedlergruppen zum neuen kommunistischen System und die Einschätzungen der Sicherheitsorgane gegenüber der aktuellen Lage. Leider bleibt er jedoch zu sehr an der Oberfläche und vertieft seine Thesen in nicht ausreichendem Maße.
Zu den soliden Beiträgen zählen Hans Heckers (Düsseldorf) Überlegungen zum Problem der politischen Legitimation in Russland und Polen im 19. Jahrhundert sowie Jörg Hoenschs (+) recht ausführliche Darstellung der Anfänge des Kameradschaftsbundes und der Sudetendeutschen Heimatfront in den 1930er Jahren. Beides sind Texte, die etwa als Einführungstexte in die Thematik durchaus geeignet sind, an neuen Erkenntnissen freilich wenig bieten. Ähnliches gilt für Rex Rexheusers (Lüneburg) Betrachtungen zur Bedeutung der Teilungen Polens für die nicht-polnische Bevölkerung der Adelsrepublik. Es ist sehr zu begrüßen, dass in diesem Sektor die nationalpolnische Fixierung allmählich verloren geht. Auch hier hätte man sich freilich mitunter eine etwas ausführlichere Analyse gewünscht. Ärgerlich ist lediglich, dass es der Redaktion nicht aufgefallen ist, dass im Text der ahistorische Topos "polnische Teilungen" wie in den besten (?) Zeiten der Ostforschung verwendet wird.
Jan Køens (Prag) Übersicht über tschechische Arbeiten zum Jahr 1945 liefert eine wünschenswerte Korrektur der populären These, dass die tschechische Geschichtswissenschaft sich an heikle Themen nicht heranwage. Er verschweigt allerdings, dass die Beschäftigung mit dem Schicksal der Deutschen in der Regel von jüngeren Historikern und solchen aus der Peripherie getragen wird, während die Etablierten dazu bisher wenig Substanzielles beizutragen hatten; ganz zu schweigen davon, dass die Arbeit von der tschechischen Gesellschaft praktisch gar nicht rezipiert wurden.
Die Beiträge der Mommsen-Zwillinge schließlich über die Anfänge des ethnic cleansing bzw. den "Ostraum" in Ideologie und Politik des Nationalsozialismus stellen den Forschungsstand der frühen neunziger Jahre gewohnt wortgewandt da, ohne neuere Ergebnisse jüngerer Historiker zur Geschichte der deutschen Besatzung in Polen oder zur Rolle der Ostforscher im Dritten Reich zur Kenntnis zu nehmen.
Alles in Allem liegt ein interessanter Band vor, über den sich der Geehrte sicherlich gefreut haben dürfte. Muss man ihn nun unbedingt gelesen haben, wenn man sich für Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert interessiert? Nicht unbedingt.
 

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