Gertrud Pickhan, „Gegen den Strom“. Der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund „Bund“ in Polen 1918 – 1939, Stuttgart, München: Deutsche Verlags-Anstalt 2001 (= Schriften des Simon-Dubnow-Instituts, Bd. 1), 448 S., Leinen mit Schutzumschlag. € 68,-/ sFr. 114,-
 
Für „Polhist“ rezensiert von Dr. Heidi Hein (Mettmann, z.Z. Warschau), heidihein@web.de
 
Die jüdische Bevölkerung war in der polnischen Zweiten Republik in sozialer, religiöser und politischer Hinsicht sehr fragmentiert, was sich u.a. auch in der Art der Bildung von politischen Parteien zeigte. So lassen sich drei Hauptrichtungen – die Orthodoxen, die traditionell Orientierten, sowie die Zionisten und die sozialistischen Bundisten – ausmachen. Eine bedeutsame Großgruppe innerhalb des polnischen Judentums waren die Arbeiter, wobei diese Zielgruppe des „Bundes“ erweitert werden muss: Die jüdische Arbeiterschaft war auf Unternehmen der Bekleidungs-, Textil- und Nahrungsmittelindustrie konzentriert. Kennzeichnend war aber, dass die überwiegende Mehrzahl der Erwerbstätigen in Klein- und Kleinstbetrieben arbeitete. Obwohl es einige, auch neuere Synthesen zur Geschichte der jüdischen Minderheit im Polen der Zwischenkriegszeit, die rund 10 Prozent der Bevölkerung ausmachte, gibt, so lässt sich feststellen, dass kaum Spezialstudien zu den genannten Richtungen vorliegen, zumal hierzu nicht nur polnische, sondern auch jiddische und hebräische Quellen herangezogen werden müssen. Die Quellenlage wird darüber hinaus noch dadurch erschwert, dass zahlreiche grundlegende Aktenbestände infolge der Kriegsereignisse vernichtet wurden.
Die vorliegende Studie über den „Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbund ‚Bund’ in Polen“ schließt damit eine wichtige Forschungslücke zur jüdischen Arbeiterbewegung in Polen in der Zwischenkriegszeit. Die Verfasserin geht dabei über den traditionellen Parteienbegriff hinaus, indem sie trotz der angesprochenenen schwierigen Quellenlage nicht nur so weit wie möglich die Parteistruktur rekonstruiert, sondern ihn auch auf kulturgeschichtliche Fragestellungen ausdehnt. Damit wird sie den Intentionen des „Bundes“, der sich als „meshpokhe“, als Familie, verstand,  gerecht, da es sein Hauptanliegen neben den sozialistischen Zielen war, die jiddische Sprache und Kultur zu stärken und für den Bereich des kulturellen Lebens einen autonomen Status zu erlangen. Zugrunde liegt hierbei einerseits die These, dass die Identität der jüdischen Arbeiter in weit stärkerem Maße von der sozialen Frage als vom Verlangen nach „nationaler Freiheit“ geprägt sei. Andererseits wird die „yidishkeyt“ ein wesentlicher Teil ihrer Identität, so dass der Bund eine dezidiert jüdische Partei war. Diesen Prämissen geht die Verfasserin in ihren detaillierten Ausführungen nach, die sich auf Aktenbestände des Staatsapparates und vor allem auf das Hauptorgan des „Bund“ , die „Naye Folkstsaytung“, stützen und durch weitere publizistische Quellen wie das Blatt der innerparteilichen linken Opposition der „Tsveyer“ (im Gegensatz zur Mehrheit der „Eyntser) „Gegn Shtrom“ ergänzt werden.
Nach einem historischen Abriss, wie sich der „Bund“ von einer im Russischen Reich verwurzelten, aber antizaristischen sozialistischen Partei zu einer im Rahmen der jungen polnischen Republik etablierten Partei wandelte, verfolgt Pickhan in vier Abschnitten, wie der „Bund“ als Partei und – das wird durch die Ausweitung auf kulturelle Fragestellungen impliziert – als kulturell-soziale Organisation versuchte, das jüdische Leben in Polen mitzugestalten.
Dazu stellt die Verfasserin zunächst die „bundishe meshpokhe“, die „Familie der Bundisten“,  und ihre Gruppenidentität sowie ihr Erscheinungsbild dar. Lassen sich noch die Mitglieder der Parteiführung und ihre Herkunft rekonstruieren, so zeigt gerade dieses Kapitel, wie sehr die Vernichtung der Aktenbestände eine Analyse der Geschichte des Bundes beschränkt. Es wurden etwa die Mitgliederverzeichnisse vernichtet, so dass sich nur Tendenzen in der Sozialstruktur der Bundisten verzeichnen lassen. Tiefergehende Analysen mussten daher leider ausbleiben.
In einem zweiten Schritt wird der „Bund“ „oyf der yidishe gas“, also seine Einbindung in die jüdische Bevölkerung, untersucht. Hier wird der enge Zusammenhang von Arbeit und Kultur deutlich, den der „Bund“ sah. Als „zweite und dritte Front der Arbeiterbewegung“ wurden die Gewerkschaften und das jiddischsprachige, kulturelle Leben gesehen, in dem der „Bund“ eine führende Stellung einnahm. In diesem Zusammenhang wird auch das Verhältnis zu den Zionisten dargestellt. Im Gegensatz zu diesen verteidigte der Bund die „doykeyt“ (abgeleitet von jidd. do „hier“, im Gegensatz zur zionistischen Emigrationspolitik, Forderung nach national-kultureller Autonomie vor Ort): Er verstand sich in der Weise, dass man sich gleichzeitig verbunden fühlen und „anders“ sein könne, d.h. er empfand eine doppelte Loyalität – gegenüber der eigenen Gruppe und dem polnischen Staat.
Anschließend analysiert Pickhan die Stellung des „Bundes“ im polnischen Umfeld, vor allem im (partei-)politischen Spektrum der Zweiten Republik. Im Mittelpunkt dieser Überlegungen steht das Verhältnis zur Polnischen Sozialistischen Partei (PPS), das im Spannungsfeld von Konflikten und Kooperation stand. Bedeutsam ist, dass der „Bund“ in zahlreichen Stadtparlamenten, nicht aber im Sejm vertreten war. Hier reißt Pickhan sein kritisches Verhältnis zum nach 1926 herrschenden Sanacja-Regime und zu Marschall Pi³sudski an, indem sie feststellt, dass Äußerungen des Parteiideologen und Publizisten Henryk Erlich das vorherrschende Bild von der Wiedererrichtung Polens durch Pi³sudski insofern anzweifeln, als sie diese mit dem Zusammenbruch der Mittelmächte begründen.
In einem vierten Schritt stellt die Verfasserin das als kritisch zu bewertende Verhältnis zur Sowjetunion und die Einbindung des „Bundes“ in die Sozialistische Arbeiter-Internationale dar, die erst 1930 durch den Beitritt des „Bundes“ formell zustande kam. In diesem Teil der Ausführungen wird schließlich deutlich, dass der „Bund“ seine Identität nicht nur aus der „yidishkeyt“, sondern auch aus der Verbundenheit mit der „großen Arbeiterfamilie“ der Sozialistischen Internationale schöpfte.
Eine Tabelle mit den Lebensdaten führender Bundisten und Bundistinnen, ein umfangreiches Literaturverzeichnis sowie ein Personenregister runden diese verdienstvolle Studie ab. Sie leistet nicht nur einen wichtigen und notwendigen Beitrag zur politischen, zur Sozial- und letztlich auch zur Kulturgeschichte der polnischen Juden zwischen 1918 und 1939, sondern auch zur Geschichte der Zweiten Republik insgesamt.
 
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