Wohin steuert die Osteuropaforschung? Eine Diskussion, hrsg. von Stefan Creuzberger, Ingo Manteuffel, Alexander Steininger und Jutta Unser, Köln: Verlag Wissenschaft und Politik 2000 (= Bibliothek Wissenschaft und Politik, Bd. 58), 281 S., € 19,43.

Für „Polhist“ rezensiert von Dr. Heidi Hein (Mettmann, z.Z. Warschau), heidihein@web.de

Bald nach den politischen Umbrüchen in Ostmittel- und Osteuropa entbrannte in der amerikanischen Osteuropaforschung eine Diskussion über die Vorhersehbarkeit der Ereignisse und in diesem Zusammenhang nach den Zukunftsperspektiven und gar der weiteren Existenzberechtigung der Osteuropaforschung. Hatte sich die Osteuropaforschung insbesondere aus der Russlandforschung entwickelt, so stammte ihre Legitimation seit dem Zweiten Weltkrieg vor allem aus dem Feindbild des Kalten Krieges. In Deutschland entbrannte die Debatte um die Zukunft dieser Forschungsrichtung erst 1998 in der Zeitschrift „Osteuropa“. Hier diskutierten deutsche, aber auch ausländische Fachvertreter kontrovers und engagiert über die Zukunftsperspektiven des Faches. Dazu gehörte eine Auseinandersetzung mit dem Selbstverständnis, über die Notwendigkeit neuer Forschungsansätze und die praktische Verwertbarkeit der erworbenen Kenntnisse.
Der vorzustellende Band fasst die im Rahmen dieser Debatte in „Osteuropa“ veröffentlichten 24 Beiträge zusammen. Die Herausgeber führen zunächst in die Hintergründe dieser Debatte ein, wobei sie nicht nur auf die innerfachlichen Argumente, sondern auch auf die (fragwürdigen) Bewertungskriterien eingehen, die durch den finanziellen Druck des Wissenschaftsbetriebes hervorgerufen wurden.Die folgenden zwölf Beiträge behandeln den Bereich der Osteuropäischen Geschichte. Diesen Abschnitt leitet der Beitrag Jörg Baberowskis ein, der mit seinem Artikel über das „Ende der Osteuropäischen Geschichte“ die Debatte in der Zeitschrift „Osteuropa“ startete. Die Artikel behandeln nicht nur Argumente für und wider, sondern bringen auch Anregungen zur weiteren Entwicklung des Faches. 

In den fünf Beiträgen des zweiten Abschnittes wird der „Sonderfall Bohemistik“ behandelt. Hier eröffnet der Beitrag von Eva Hahn „Deutsche Bohemistik – von außen gesehen“ die Kontroverse. Danach fehle die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des Faches und die deutsche Bohemistik befände sich in einer selbstverschuldeten Isolation, die die bisherigen Bemühungen begleite, sie als eine separate Fachdisziplin zu etablieren. Die folgenden Beiträge weisen auf ihre Defizite hin, abschließend wird aber ein Konzept der diskursiven Multiperspektivität vertreten.

Die sieben Beiträge des dritten Abschnitts behandeln die Osteuropaforschung zwischen Wissenschaft und Praxis, also das Verhältnis von Wissenschaft zu Politik. Die Nischenexistenz der Osteuropa-bezogenen Forschungen, aber auch die häufige theoretische Ausrichtung entspräche nicht mehr den Realitäten. Festgestellt wird auch, dass es der wirtschaftswissenschaftlichen Osteuropaforschung am ehesten gelungen ist, sich an die neuen Anforderungen und Gegebenheiten anzupassen. In diesem Rahmen wird auf das Desiderat hingewiesen, die Attraktivität der Osteuropaforschung zu erhöhen. 

Insgesamt legt der Band die Probleme, aber auch die Chancen der Osteuropaforschung offen. Dadurch wird er zu einer notwendigen Lektüre all derjenigen, die in diesem Bereich tätig sind.

Heidi Hein

Alle Rechte beim Verfasser. Diese Rezension befindet sich auch im Internet unter: http://home.t-online.de/home/krzoska/archiv23.htm

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