Für „Polhist” rezensiert von Dr. Heidi Hein (Mettmann)
Der Pilsudski-Kult war in der polnischen Zweiten Republik
zwischen 1926 und 1939 ein Mittel der Selbstdarstellung des Staates und
des Regierungslagers („Sanacja“). Somit war er nicht nur ein Ersatz für
die wenig ausgeprägte Sanacja-Ideologie, sondern auch deren Essenz. Er
erhielt dadurch legitimatorische, integrative und identitätsbildende Funktionen
und schuf neue staatliche Traditionen, die der bis 1918 geteilte Staat
benötigte, um ein einheitliches Staatsvolk zu schaffen. Im polnischen Militär
wurde der Kult um den Ersten Marschall Polens auf besondere Weise gepflegt,
und dies nicht nur, weil dieser in dem offiziell vertretenden Pilsudski-Bild
als Schöpfer des polnischen Militärs galt, sondern auch weil der Unterricht
für die Wehrpflichtigen und Soldaten als Ersatz für die oft unzureichende
schulische Bildung diente und damit eine wichtige Rolle für die Integrationsprozesse
des jungen Staates wahrnahm.
Die vorliegende Studie untergliedert sich in fünf Abschnitte.
Zunächst beschreibt der Verfasser die Instrumente des Pilsudski-Kultes
im Militär (vor allem die Presseerzeugnisse und die Tätigkeit des Wojskowy
Instytut Naukowo-Wychowaczy). Die folgenden drei Kapitel widmen sich dem
Pilsudski-Bild. Zunächst beschreibt der Verfasser, wie Pilsudskis Biographie
in der Propaganda des Militärs, dann wie der Marschall als dessen Beschützer
und Patron und schließlich als zentrale Persönlichkeit des wiedererrichteten
Polens stilisiert wurde. Abschließend führt Cichoracki die Gelegenheiten
an, bei denen der Pilsudski-Kult vermittelt wurde (Namenstags- und andere
Feiern, Bilder, Sport und Exkursionen, Trauer um den Marschall). Durch
den ausführlichen Anhang mit wichtigen, repräsentativen Dokumenten und
Fotographien wird die Analyse illustriert.
Der Verfasser geht in seiner kurzen Studie leider nicht
über deskriptive Ansätze hinaus; etwa definiert er den Begriff „Kult“ nur
in einem Halbsatz. Eine breitere Reflexion dieses Begriffes würde darüber
hinaus auch noch auf wichtige Funktionen des Kultes, die hier nur oberflächlich
angedeutet werden, hinweisen und deren Analyse ermöglichen. Daher kann
der Autor beispielsweise nur feststellen, daß der Pilsudski-Kult bei sportlichen
Übungen im Militär eine bedeutende Rolle spielte, und zum Schluß kommen,
daß die Art und Weise, in der er im Militär gepflegt wurde, zeige, „wie
komplex und vieldeutig diese Erscheinung war“ (S. 82). Trotzdem ist die
vorliegende Studie ein erhellender Beitrag zur Geschichte des Pilsudski-Kultes
und zum Alltagsleben im polnischen Militär.
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