Autoritäre Regime wurden in zehn Staaten Ostmittel- und Südosteuropas nach krisenhaften Entwicklungen im Laufe der beiden Dekaden nach dem Ersten Weltkrieg eingeführt; lediglich in der Tschechoslowakei und in Finnland wurde die parlamentarisch-demokratische Grundordnung in der gesamten Zwischenkriegszeit beibehalten.
Erst nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft wurde eine freie Forschung zu diesem Themenkomplex ermöglicht, da die autoritären Staaten von vornherein als faschistoid bzw. faschistisch von dem herrschenden kommunistischen Regime qualifiziert worden sind, um sich selbst als antifaschistisch darzustellen. Das Sanacja-Regime gehört sicherlich zu den am besten und längsten erforschten autoritären Regimen, jedoch ist insgesamt festzustellen, daß die Transformation von demokratischen Staaten zu nationalen Diktaturen bzw. autoritären Regimen bisher unzureichend und noch nicht vergleichender Weise erforscht worden ist. Dieses Desiderat greift der vorliegende Band mit seinen insgesamt 18 Beiträgen auf.
Die geographische Untergliederung zwischen Ostmittel- (8 Beiträge) und Südosteuropa (10 Beiträge) entspricht dabei der Unterscheidung zwischen Präsidialdiktaturen und Königsdiktaturen. Innerhalb des Abschnittes sind die Beiträge chronologisch nach dem Zeitpunkt des Entstehens des jeweiligen autoritären Regimes angeordnet. Die vier Aufsätze über Jugoslawien bilden dabei einen eigenen Block. Damit folgt der Band den Unterschieden in den historischen Traditionen und der sozio-ökonomischen Entwicklung. Auf diese Weise wird auch die Differenz zwischen einer Krise der Demokratie (die Staaten Ostmitteleuropas ohne Ungarn) und der Entwicklung aus vordemokratischen Verhältnissen (die südosteuropäischen Staaten) Rechnung getragen.
In diesem Rahmen sei der Vergleich zwischen dem Horthy-Regime in Ungarn und der Sanacja Pi³sudskis hervorgehoben (S. 19-94). Der Verfasser, Jerzy Kochanowski, beschreibt zunächst die jeweiligen politischen und sozio-ökonomischen Verhältnisse, um dann von Polen ausgehend, beide Regime in bezug auf die „Führer“, die Armee, die politischen Eliten, die Regierungsparteien und das Verhältnis zur Kirche miteinander zu vergleichen. Er kommt zum Schluß, daß die Analyse beider Systeme die Regel bestätige, daß die autoritären Regime in Ostmitteleuropa, unabhängig von den Rahmenbedingungen, letztendlich einem vereinheitlichen Prozeß unterlagen und „so sui generis eine ‚autoritäre Internationale’ schufen. Und sie bestätigt auch die Tatsache, daß die Erinnerung von völlig anderen Gesetzen regiert wird.“ (S. 94). Da Kochanowski den aktuellen polnischen Forschungsstand über die Sanacja zusammenfaßt, erfüllt sein Beitrag auch das Desiderat nach einer modernen Darstellung der Sanacja-Herrschaft in deutscher Sprache.
Dieser Beitrag wie auch der Band insgesamt machen deutlich, daß die Entwicklung der autoritären Regime in Ostmittel- und Südosteuropa weiterhin nicht isoliert, sondern in komparatistischer Weise betrachtet und analysiert werden muß, um Gemeinsamkeiten zwischen den Regimen und auch jeweilige Besonderheiten herauszustellen, da autoritäre Regime einen „Systemtypus sui generis“ (Linz) bilden. Somit stellt der Band eine wichtige Grundlage und Ansatzpunkt für weitere Forschungen und auch für theoretische Überlegungen zu den autoritären Regimen dar.
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