Rezensiert für „Polhist“ von Dr. Heidi Hein, Mettmann (heidihein@web.de)
Das Minderheitenproblem in Ostmittel- und Südosteuropa war zweifelsohne eines der wichtigsten Politikfelder in der Zwischenkriegszeit. Es war nicht nur ein bedeutendes inneres, sondern auch ein Problem der Beziehungen der europäischen Staaten untereinander. Die Gründung des Minderheitenkongresses im Jahre 1925 stellte daher eine Internationalisierung der Minderheitenfrage dar. Er entstand aus einer privaten Initiative Ewald Amendes, um eine europäische „Minderheitenlobby“ zu schaffen. Ziel war es, die Vertretung der Minderheiten als politische Organe in die eigene Hand zu nehmen, um die Minderheiten als Subjekte im Spiel der europäischen Interessen zu installieren. Sie wurden im gesamteuropäischen Umfeld als casus belli verstanden, was auf Konsens bei den internationalen Organisationen stieß. Die Verfasserin führt in ihrer sehr umfangreichen Studie aus, daß der Kongreß jedoch zwischen diesem Lobbyistentum und den Großmachtinteressen zu sehr eingebunden war, um wirklich funktionieren zu können. Daher ist der politische Einfluß des Europäischen Nationalitätenkongresses sehr gering geblieben. Dennoch wurde durch die internationale Ebene die Minderheitenpolitik instrumentalisiert und für die Sammlung lobbyistischer Gruppen genutzt. So standen Minderheitenpolitik und zwischenstaatliche Beziehungen im Europa der Zwischenkriegszeit in einem gegenseitigen Abhängigkeits- und Wechselverhältnis.
Nach einer grundlegenden Einführung in die Rahmenbedingungen der nationalen Minderheiten in der europäischen Zwischenkriegszeit, erörtert die Verfasserin in nach den Phasen des Nationalitätenkongresses gegliederten Kapiteln die Entwicklung des Kongresses, wobei dieser an sich logische Aufbau (1924 – 1926, 1927 – 1932, 1933 – 1937/38) durch eingeschobene Kapitel (etwa über die Sozialstruktur der Delegierten, die Publikationen des Nationalitätenkongresses) durchbrochen wird, was dazu führt, dass insgesamt die Klarheit der Gedankenführung leidet. Auch ist anhand der Anordnung der Unterkapitel häufig nicht immer leicht der „rote Faden“ zu erkennen. Dies weist auf das größte und grundlegende Problem dieser umfang- und detailreichen Studie hin: Sie ist nicht nur wegen der Gliederung, sondern der häufigen Verweise und Andeutungen auf bestimmte Ereignisse für denjenigen nur schwer zu verstehen, der in die Minderheitenproblematik in Ostmittel- und Südosteuropa nicht eingearbeitet ist. So deutet etwa die Autorin häufig wichtige politische Rahmenbedingungen nur an, ohne sie in kurzen Worten in bezug auf die Minderheitenpolitik zu erläutern. Sicherlich hätte ein detaillierteres Eingehen auf weitere minderheitenrelevante Aspekte der Politik in den jeweiligen Staaten zu einer noch größeren Ausweitung des Werkes, aber auch zu einer verständlicheren Darstellung geführt. Auch verbleibt die Kongreßgeschichte an sich im Hintergrund, während die internationalen Verflechtungen im Mittelpunkt der Erörterungen stehen. Da ein Register fehlt, kann sich der interessierte Leser zudem nur schwer in dem Buch orientieren, zumal immer wieder auf führende Persönlichkeiten im Nationalitätenkongreß Bezug genommen wird.
Das umfangreiche Quellen- und Literaturverzeichnis weisen nicht nur auf die zahlreichen verschachtelten Ebenen der europäischen Minderheitenpolitik hin, sondern machen dem Interessierten die Vielschichtigkeit der Minderheitenproblematik im europäischen Kontext deutlich. Die Tabellen zur Sozialstruktur der Delegierten sowie diejenigen im Anhang (Listen der Teilnehmer, der Themen, Referate/Korreferate, Resolutionen, Tagungsdaten, Organigramm des Nationalitätenkongresses) bieten jedoch dem Leser eine wichtige Handreichung, zumal die inhaltlichen Diskussionen des Nationalitätenkongresses kaum erwähnt werden. Leider fehlt daher eine detaillierte Darstellung der behandelten Themen, die sicherlich für die Haltung der jeweiligen Minderheit aufschlußreich gewesen wäre.
Trotz dieser Anmerkungen stellt die vorliegende Studie einen umfangreichen und wichtigen Beitrag zur europäischen Minderheitenpolitik in der Zwischenkriegszeit, d.h. zu ihrem Eingebundensein in das internationale Beziehungssystem und ihre Abhängigkeit von diesem dar. Zu hoffen bleibt, daß sie zu weiteren Studien über die Minderheitenpolitik in Ostmittel- und Südosteuropa während der Zwischenkriegszeit anregt, die nicht nur einseitig die Perspektive einer Minderheit bzw. eines Staates darstellen.
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