Rezensiert für Polhist von Dr. Claudia Kraft, Warschau (kraft@dhi.waw.pl)
Als Quellengrundlage der Arbeit dient die auflagenstarke Wochenzeitschrift "Die Gartenlaube", die seit 1853 erschien. Mit diesem Blatt wird ein wichtiges Organ des deutschen Bürgertums untersucht. Die Zeitschrift verstand sich in erster Linie nicht als politisches Blatt, sondern als ein Unterhaltungs- und Bildungsmedium für die ganze Familie. Sie propagierte das Bild von der Familie als dem Nukleus der deutschen Nation und wollte mit ihrer Berichterstattung die Herstellung der deutschen Einheit bzw. nach 1871 die Stärkung der nationalen Identität auf kulturell-sittlichem Wege herbeiführen. Ihr häufig didaktischer bzw. betulicher Stil bediente sich einer breitenwirksamen Kollektivsymbolik. Dabei war ihre Ausrichtung keineswegs von kämpferischem Antipolonismus gekennzeichnet. Dass Koch in ihren Ausführungen dennoch auf eine Fülle von Beispielen antipolnischer Rhetorik zurückgreifen kann, liegt vielmehr daran, dass der "Gartenlaube" wie auch anderen Printmedien generell eine wichtige Bedeutung bei der Homogenisierung ihrer Leserschaft auf dem Weg hin zur "Nation" zukam. Kaum etwas schien geeigneter als die Stereotypisierung des polnischen Nachbarlandes und seiner Bewohner, um die eigene Identität stärker zu konturieren und zu kommunizieren. Die Beschreibung des deutsch-polnischen Verhältnisses in der Semantik des Geschlechterverhältnisses ermöglichte es den Autorinnen und Autoren der "Gartenlaube", das "Wir-Gefühl", das ihre Artikel erzeugen sollten, mit einer frappierenden Plausibilität auszustatten: im abendländischen Denken, das die Wirklichkeit in den Kategorien männlich und weiblich dichotomisiert und dem Mann Subjekt- der Frau hingegen Objektcharakter zuweist, wird das Geschlecht als das "wahre Wesen" der Dinge begriffen. Geschlechtliche Stereotypisierungen erhalten damit einen zwingenden Wahrheitsanspruch. Für die Darstellung des Nachbarn Polen in der "Gartenlaube" bedeutete dies, dass auf diskursivem Wege eine eigene Wirklichkeit geschaffen wurde, deren vordringlichste Aufgabe es war, das Machtgefälle im deutsch-polnischen Verhältnis zu repräsentieren und legitimieren.
In ihrem chronologischen Durchgang widmet Koch dem Kaiserreich, dem ersten Weltkrieg sowie dem ersten Jahrzehnt der Weimarer Republik je ein Kapitel. Ihre Ausführungen für die Zeit von 1871 bis zum Ersten Weltkrieg sind mit "Die Sprache der Dominanz" betitelt. Der Analyse der antipolnischen Diskurse ist ein kurzer Abriss der wichtigsten Beiträge in der "Gartenlaube" zum Thema Polen und ihre Einbettung in den jeweiligen historischen Kontext vorgeschaltet. Hier offenbart sich ein forschungspraktisches Problem, das einer konsequent durchgeführten historischen Diskursanalyse womöglich immer inhärent ist und bei ausreichender methodologischer Reflexion wohl vernachlässigt werden kann, der Rezensentin aber dennoch gewisse Bauchschmerzen bereitet: gewiss war der Blick der "Gartenlaube" auf alles Polnische dadurch gekennzeichnet, dass dieses dem Leser als passiv und dem Deutschen, der zumeist als Eroberer oder Kolonisator auftrat, als unterlegen geschildert wird. Die konsequente Konzentration der Verfasserin auf den deutschen Blick verstärkt allerdings die Optik von deutscher Aktivität und polnischer Passivität. An manchen Stellen wären Berichtigungen dieses deutschen Blicks wünschenswert gewesen, zumal Koch ja ausdrücklich eine Einbettung in den historischen Kontext ankündigt. Die Negierung aktiven polnischen politischen Handelns, die Koch bei den Autoren der Gartenlaube kritisiert (z. B. S. 61), kennzeichnet zum Teil auch ihre eigenen darstellenden Passagen, was zum Teil sicher darin begründet ist, dass sie keine polnische Literatur ausgewertet hat. Inzwischen liegen jedoch auch auf Deutsch Beiträge vor, die das nationalpolnische Engagement im preußischen Teilungsgebiet bzw. im Deutschen Reich in das deutsch-polnische Beziehungsgeflecht einbetten. Diese Bemerkungen sollen und können den Wert der unternommenen Diskursanalyse keineswegs schmälern; allerdings scheint bei unreflektierter Lektüre die Gefahr gegeben, dass der dominante, den Untersuchungsgegenstand zum bloßen Objekt degradierende Blick von außen perpetuiert wird.
Für die Zeit des Kaiserreichs arbeitet Koch heraus, dass durch geschlechtliche Codes die Polen den Deutschen gegenüber als minderwertig dargestellt wurden (S. 80); in der "Gartenlaube" wurden sie mit folgenden Kategorien beschrieben: körperlich und moralisch verwahrlost, passiv, wenig vernunftbegabt und impotent (S. 82). Während der deutsche Mann als unternehmender Bürger auftrat, waren die Polen in Passivität verharrende Bauern. Der Deutsche trat dem Leser als fähiger Kolonisator entgegen und bestellte das (immer weiblich imaginierte) Land. Der effeminierte Pole wurde in der Landwirtschaft von polnischen Frauen unterstützt und verlor damit die Attribute seiner männlichen Sexualität. Darüber hinaus pathologisierten die Autoren der "Gartenlaube" den polnischen Volkscharakter: negative Eigenschaften wie Unstetigkeit, Passivität oder moralische Minderwertigkeit sind aus der antifeministischen Literatur des Kaiserreichs wohlbekannt. In der "Gartenlaube" wurden diese Attribute zu stereotypisierenden Beschreibungen alles Polnischen.
Für wichtig erachtete man in der "Gartenlaube", das polnische Gebiet im Osten des Deutschen Reiches als einen integralen Bestandteil in diesen Staat einzuschreiben. Der oft von den Autoren als fremd empfundene "Osten" wurde zu einer Landschaft, die weiblich imaginiert von den deutschen Kolonisatoren angeeignet und heimisch gemacht wurde. Die Kolonisation durch die Deutschen wurde als schöpferischer, zivilisatorischer Akt gedeutet. Die Anwesenheit der Polen auf diesem Territorium stand auf einer qualitativ anderen Stufe: die Slaven hatten das Land einst "überflutet", aber nicht "kultiviert" (S. 127f). Die negative Stereotypie während des Kaiserreichs betonte die männliche, weil staatsbildende Potenz der Deutschen in Abgrenzung zu den als verweiblicht gezeichneten Polen, die aus eben diesem Grund eines eigenen Staates entbehrten. In diesem Diskurs schlug sich sowohl eine Legitimationsstrategie in Bezug auf die Teilungen Polens wie auch die angestrebte Stärkung der deutschen nationalen Identität nieder, die sich in einem spezifischen bürgerlichen Männlichkeitsideal konstituierte.
Für die Zeit des Ersten Weltkriegs zeigt das Kapitel "Die Sprache des Imperialismus" eindrücklich, wie geschlechtliche Codierungen auch unter gänzlich veränderten Rahmenbedingungen ihr suggestives Potential beibehalten konnten. Während das Russische Reich zum Hauptgegner im Osten avancierte, wurde die polnische, litauische und ruthenische Bevölkerung, die auf dem zu erobernden Kriegsschauplatz wohnte, differenzierter als zuvor dargestellt und mit größerem Handlungsspielraum ausgestattet. In den Artikeln der Gartenlaube häuften sich Ausführungen, die die zwar immer noch als fremd empfundene Schönheit des Landes und vor allem der polnischen Frauen rühmten. Metaphern von Eroberung und Eheschließung verwiesen darauf, dass der "Osten" nicht mehr als zivilisatorisch minderwertig verachtet, sondern als Pfeiler in die imperialistischen Konzeptionen des Deutschen Reiches eingebaut und damit begehrenswert wurde. Das Konzept der Schutzmacht Deutschland, das die künftigen "Pufferstaaten" vor den Expansionsbestrebungen des Russischen Reiches bewahren sollte, fand in den Ehemetaphern seinen plastischen Ausdruck. Koch arbeitet schlüssig die hohe Suggestivkraft dieser Metaphern heraus und kommt zu dem Ergebnis: "Die Ehe- und Heiratsmetapher im Ersten Weltkrieg fungierte als Instrumentarium, den Krieg und die Eroberungen seines militaristisch-kämpferischen Gehalts zu entbinden. Dem unzweifelhaft historischen Fait accompli wird Allgemeingültigkeit und Unhinterfragbarkeit verliehen, indem die Liebe als essenzielles Motiv in die Szenerie eingeführt wird. Die Liebe und das Ehepaar haben hier eine integrierende und einende Funktion, die Nation und ihre östlichen Anhängsel können als ungleiche, aber elementare Paarbeziehung gedacht werden." (S. 202)
Abschließend geht Koch noch auf die Bedeutung der Massenpresse für die Entstehung der modernen Vorstellung von Nation ein. Sie entwickelt anhand der Etymologie des Wortes "Stereotyp" und der Darstellung des modernen drucktechnischen Vorgangs die These, dass die Entstehung und Verbreitung nationaler Stereotype aufgrund ihrer massenhaften Reproduktion eine vorher unbekannte Dynamik erhielten (S. 271). Die Parallelisierung des drucktechnischen Vorgangs, bei dem das prägende Stereotyp unzählige Male das immer gleiche Bild auf eine leere Fläche einschreibt, mit dem Beschreiben des weiblich gedachten polnischen Landes durch den deutschen männlichen Blick mag vielleicht etwas konstruiert wirken. Dass die Geschlechterhierarchie für den Nationalisierungsprozess von nicht zu überschätzender Bedeutung war, hat die Verfasserin allerdings durch die Analyse der Texte in der "Gartenlaube" überaus plausibel gemacht. Ihre Kritik an Theoretikern des Nationalismus wie etwa Ernest Gellner oder Benedict Anderson ist damit durchaus gerechtfertigt. Diese kritisieren zwar essentialistische Nationalismusbegriffe, blenden zugleich aber aus, dass die Geschlechterhierarchie und der den Frauen darin zugewiesene Platz konstitutiv für die Entstehung der modernen Vorstellung von Nation war und ist. Während Frauen aus dem nationalen Homogenisierungsprozess als handelnde Individuen ausgeschlossen wurden, spielte die vorgestellte Weiblichkeit des Kollektivsubjekts Nation eine wichtige Rolle im nationalen Diskurs, wie nicht zuletzt die Geschlechtercodes in der "Gartenlaube" demonstrieren.
Kochs Arbeit stellt einen originellen Beitrag zur kulturalistischen Nationalismusforschung ebenso wie zur deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte dar. Ihre Stärke liegt in der reflektierten Diskursanalyse, die manche anscheinend altbekannte Tatsache des deutschen Redens über Polen in einem neuen Bedeutungszusammenhang zeigt. Die omnipräsente Hierarchisierung im deutsch-polnischen Verhältnis, die durch die Verwendung der quasi-natürlichen Kategorie Geschlecht erzeugt wird, kann so eindrücklich aufgezeigt werden. An manchen Stellen der Arbeit wirkt der hier gewählte theoretische Ansatz jedoch ein wenig zu eindimensional. Bereits Kochs kurzes einführendes Kapitel zur deutschen "Polenfeindlichkeit" zeichnet einen zu linearen Entwicklungsweg von - verkürzt ausgedrückt - Herder zu Hitler. Zur Differenzierung hätten sich auch Seitenblicke auf andere europäische Diskurse des "Westens" über den "Osten" beitragen können, die nicht alle zwangsläufig in rassistischen, antislavischen Diskursen endeten. Aber auch bei der natürlich zulässigen Konzentration auf das deutsche Beispiel wäre an manchen Stellen eine stärkere Profilierung der jeweiligen Rahmenbedingungen wünschenswert gewesen. Zwar mag in Kochs chronologischen Durchgang die Ähnlichkeit der verwendeten Bilder frappieren, doch wandelten sich Zielsetzungen und Bedeutungen oft stärker als es die Konstanz der verwendeten Geschlechtercodes ahnen lässt. Der "völkische Diskurs" in der Weimarer Republik hatte ein ganz anderes Aggressionspotential als sein Vorgänger aus der Vorkriegszeit. In diesem Zusammenhang hätten auch der inhaltliche Wandel und die jeweiligen Zielgruppen der "Gartenlaube" stärker problematisiert werden müssen. Koch lässt zwar anklingen, dass sich das Blatt von liberal-demokratischen über national-liberale Traditionen hin zu reaktionären und völkischen Positionen wandelte. Sie verzichtet aber darauf, diese politischen Positionswechsel genauer in ihre Diskursanalyse mit einzubeziehen. Aber vielleicht ist es gerade dieser bewusste Verzicht auf die in der Osteuropaforschung oft überstrapazierten Politik- bzw. Ideologiegeschichte, die die Lektüre von Kochs Arbeit so spannend macht.
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