Rezensiert für Polhist von Dr. Hans-Christian Maner, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (maner@uni-mainz.de)
In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts setzte verstärkt das Interesse für die Genesis von Nationen und Ethnien ein. Angloamerikanische und französische Wissenschaftler bereicherten das mittlerweile unumgängliche Fachvokabular mit Begriffen wie „invention of tradition“, „imagined communities“, „lieux de mémoire“, „mémoire collective“. Diese Forschungsrichtung erweist sich als ertragreich. Projekte konzentrieren sich u. a. auf „Orte“, die das kollektive Gedächtnis einer Gemeinschaft prägen. Dabei handelt es sich nicht nur um Orte im topographischen oder geographischen Sinn, sondern auch um Symbole, Kulte und Mythen, die staatlich-kulturelle Identität prägen.
In diesen Kontext ist die fundierte Düsseldorfer Dissertation von Heidi Hein einzuordnen. Die Autorin hat sich ein spannendes und zugleich auch dankbares Thema für ihre Studie ausgesucht. Die Gestalt Józef Pi³sudskis zählt nicht nur zu den populärsten militärischen und politischen Führungspersönlichkeiten, er stellt auch ein zentrales Symbol des polnischen Staates nach dem Ersten Weltkrieg dar. Um ihn begann sich bereits zu Lebenszeit ein Personenkult zu ranken, der deutliche legitimatorische und integrative Funktionen für den neuen Staat sowie identitätsstiftende Merkmale für die Bürger und den Staat besaß. Dies ist zugleich die Hauptthese, die Hein in ihrer Arbeit zu belegen bestrebt ist. Eine weitere Voraussetzung für eine Untersuchung des Kultes um die Person Pi³sudskis ist auch die Tatsache, dass er eine besonders kontroverse Persönlichkeit mit einem widersprüchlichen Wirken gewesen ist, die bis heute polarisierend weiter wirkt.
Die Autorin untergliedert ihre Untersuchung in fünf Großkapitel. In der Einleitung werden zunächst die theoretischen Grundlagen gelegt und die Begrifflichkeit erläutert, dann der historiographische Rahmen abgesteckt und das Vorgehen dargelegt. Hein betont, dass es ihr insbesondere darum geht, den staatlich geförderten und begründeten Pi³sudski-Kult zu analysieren. Sinnvoll erscheint der zweite Schritt, in dem der eigentlichen Untersuchung ein biographisch-chronologisches Kapitel vorangestellt wird. In dem großen dritten Teil widmet sich die Historikerin dann dem Pi³sudski-Kult als politischem Stilmittel in der Periode 1926-1939. Zentrale Elemente sind dabei die Darstellung der Begräbnisfeierlichkeiten sowie der Gründung und Tätigkeit des Obersten Gedächtniskomitees. Großen Raum nehmen dann die Formen der Vermittlung des Pi³sudski-Kultes ein, wobei die Geschichtsschreibung und das Bildungswesen näher beleuchtet werden. Die vorgestellten Elemente des Pi³sudski-Mythos („siegreicher Führer der Nation“, „großer Erzieher des Volkes“, „Vater des Vaterlandes“) im letzten Abschnitt dieses dritten Teils sind durchaus übertragbar auch auf andere Persönlichkeiten der Geschichte wie der Gegenwart. Nicht unwesentlich zum Verständnis erscheint dann das vierte Großkapitel, in dem die Begründer und Träger des Kultes aufgeführt werden. In einem fünften Hauptteil wird u. a. der Pi³sudski-Kult auch im Zusammenhang anderer politischer Kulte gesehen. Dieser nur auf wenigen Seiten ausgebreitete Vergleich verdient eine weitere ausführlichere Behandlung.
Im Mittelpunkt der Untersuchung von Heidi Hein stehen zwar die Zwischenkriegsjahre
des „Sanacja-Regimes“, doch weist ihre Argumentation abschließend durchaus
darüber hinaus. Deutlich wird die neue politische Akzentsetzung bezüglich
des Pi³sudski-Kultes ab der Besetzung Polens im September 1939, die Zerstörung
des Kultes in der Volksrepublik, dessen erneutes Aufgreifen durch die SolidarnoϾ
und schließlich Wiederaufleben im postkommunistischen Polen.
Die Arbeit ist erkenntnisreich und anregend sowie gut lesbar geschrieben.
Ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis mit Dokumenten u. a.
aus elf Archiven und Bibliotheken belegt die wissenschaftliche Gründlichkeit
der Untersuchung. Ein größerer Anhang enthält erläuternde sowie weiterführende
Materialien wie z. B. eine Datensynopse zur politischen Entwicklung sowie
zur Biographie Pi³sudskis und zum Kult, Biogramme polnischer Politiker
und Pi³sudski-Kult-Anhänger oder auch ausgewählte Quellen zum Pi³sudski-Kult.
Außerdem veranschaulichen in den ersten drei Hauptkapiteln 31 Abbildungen
die schriftliche Argumentation. Ein hilfreiches Register von Personen,
Parteien und Organisationen, die den Pi³sudski-Kult unterstützten, beschließt
die gute wissenschaftliche Arbeit.
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