(Rezensiert von Claudia Kraft, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas, Leipzig. kraft@rz.uni-leipzig.de)
Der vorliegende Band ist eine Festschrift
für den Breslauer Historiker Wojciech Wrzesiñski, die Beiträge seiner jüngsten
Schüler vereint. Sie bietet damit einen aufschlußreichen Überblick zu neueren
Arbeiten in der polnischen Zeitgeschichtsforschung. Dieser Überblick ist
um so interessanter, da in der immer noch sehr stark warschauzentrierten
polnischen Geschichtswissenschaft der Breslauer Lehrstuhl von Professor
Wrzesiñski zu den profiliertesten Stellen der Zeitgeschichtsforschung in
Polen gehört. Die Beiträge reichen von der Lage des Pi³sudski-Lagers nach
der Septemberniederlage über die sowjetische Repressionspolitik gegenüber
polnischen Staatsbürgern in der Kriegs- und Nachkriegszeit zu Themenbereichen,
die sich mit verschiedenen Frage der volkspolnischen Innen- und Außenpolitik
auseinandersetzen.
Jacek Piotrowski schildert in seinem Beitrag
die Lage des politischen Lagers der Sanacja nach der militärischen Niederlage
im September 1939. Die Septemberereignisse hatten die Sanacja in weiten
Teilen der polnischen Gesellschaft diskreditiert. Die ehemaligen oppositionellen
Kräfte nutzen dieses Stimmung und die organisatorische Schwäche des feindlichen
politischen Lagers, um ihre Stellung als Exilregierung zu befestigen. Auch
als im weiteren Kriegsverlauf, der die große militärische Übermacht Deutschlands
belegte, sich die öffentliche Meinung gegenüber der Verantwortlichkeit
der Sanacja wieder besserte, hielten die Politiker um W³adys³aw Sikorski
im Exil an ihrer Politik gegenüber den Angehörigen der alten Regierung
fest. Diese wurde ständig der Konspiration gegen die neuen Machthaber verdächtigt
und standen daher unter permanenter Beobachtung. Die Oppositionsparteien
aus der Zeit vor 1939, die sich um General Sikorski im Exil gruppierten,
trachteten danach, die Sanacja endgültig von der Macht fernzuhalten bzw.
ihren eventuellen Wiederaufstieg zu verhindern. Piotrowski arbeitet heraus,
daß die Exilregierung eine eventuelle Verschwörung der Sanacja großredete,
um in ihren eigenen Reihen die Wachsamkeit zu schärfen. Vergleicht man
dieses Vorgehen mit dem der Kommunisten nach 1944, so fallen erstaunliche
Parallelen ins Auge, was die Taktiken der Bespitzelung und Diskreditierung
des politischen Gegners angeht. Ohne näher auf die Vorkriegszeit und auf
die spezifische außenpolitische Situation Polens im Krieg einzugehen, nennt
der Autor drei Ursachen für die dauerhafte Entfernung der Sanacja von der
Macht. 1) Die Kompromittierung durch die September-Niederlage im Land und
in der internationalen öffentlichen Meinung. 2) Der Mangel einer handlungsfähigen
politischen Partei im Lager der Sanacja. 3) Das Fehlen einer integrierenden
Führerfigur.
Grzegorz Hryciuk arbeitet anhand
ukrainischen Archivmaterials die Politik der Roten Armee gegenüber den
Polen seit der Einnahme Lembergs im Sommer 1944 heraus. Er konzentriert
sich auf eine Verhaftungsaktion im Januar 1945, mittels derer die polnische
Bevölkerung Lembergs dazu gezwungen werden sollte, den sogenannten zwischen
der Lubliner Regierung und den westlichen Sowjetrepubliken abgeschlossenen
„Evakuierungsverträgen“ Folge zu leisten. Die überaus unbefriedigenden
Ergebnisse der im Herbst 1944 beschlossenen Aussiedlung der Polen aus den
künftigen sowjetischen Gebieten veranlaßte die sowjetische Führung, durch
repressive Maßnahmen hier einen situativen Zwang zu schaffen. Die dazu
durchgeführte Verhaftungsaktion in den ersten beiden Januarwochen des Jahres
1945 richtete sich vor allem gegen Intellektuelle, die als Anhänger des
nationalistischen Untergrundes, Volksdeutsche oder Nazi-Kollaborateure
inkrimiert wurden. Nach der vorläufigen Inhaftierung in einem Lemberger
Gefängnis, wurden die über 2.000 von der Aktion betroffenen Polen ins Donez-Kohlerevier
verbracht, wo sie bis etwa Herbst 1945 in einem sogenannten „Kontroll-
und Filtrationslager“ festgehalten wurden. Zwar reagierte die polnische
Gesellschaft Lembergs schockiert auf das sowjetische Vorgehen, doch wuchs
die Zahl der Polen, die sich zur Ausreise registrieren ließen, nicht in
dem auf sowjetischer Seite erhofften Maße. Bei vielen Polen ließ sich vielmehr
eine Haltung konstatieren, die trotz aller Repressionen an einem Verbleib
in der Heimat festhielt. Die teilweise verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit
und die Konstruktion möglicher Geschehnisse, die eine Eingliederung der
ehemaligen polnischen Ostgebiete in die Sowjetunion verhindern könnten
- etwa ein Dritter Weltkrieg - , erinnern an ähnliche Reaktionen bei den
Deutschen in den künftigen polnischen Westgebieten.
Ma³gorzata Ruchniewicz beschreibt das
Leben der nach Sibirien oder in andere entlegene Gebiete der Sowjetunion
verbannten Polen. Die zumeist aus den ostpolnischen, im Zuge des Zweiten
Weltkriegs an die Sowjetunion abgetretenen Gebieten stammenden Polen galten
den sowjetischen Stellen aufgrund ihrer Herkunft als sowjetische Staatsbürger
und wurden vor allem „konterrevolutionärer Verbrechen“ angeklagt. Im Gegensatz
zu den Repressionen, die die Polen der Ostgebiete in den Jahren 1939 bis
1941 sowie der antikommunistische Untergrund seit 1944 erlebt hatten, ist
das Schicksal dieser Polen, die nach Jahren der Inhaftierung in Lagern
des NKWD weiter in sowjetischer Verbannung bleiben mußten, noch wenig untersucht.
Da sowjetische Quellen zu diesem Komplex schwer zugänglich sind, hat die
Autorin vor allem polnische Erinnerungsberichte ausgewertet. Die der Lagerhaft
folgende Verbannung wird von ihr anhand der Erlebnisberichte anschaulich
beschrieben. Neben den konkreten Lebensumständen, die in der Verbannung
meist kaum weniger schwer als im Lager selbst waren, schildert die Autorin
vor allem auch die psychischen Belastungen, die durch diese neue Art der
Repression hervorgerufen wurden. Zu recht weißt sie darauf hin, daß hier
noch viel - vor allem interdisziplinäre Forschungsarbeit - zu leisten ist.
Bernard Linek befaßt sich in seinem Beitrag
mit der Tätigkeit polnischer Minderheitenpolitiker in Schlesien nach 1945,
die vor dem Zweiten Weltkrieg im Deutschen Reich für die polnische Minderheit
im Oppelner Schlesien aktiv waren. Er legt dar, daß diese Gruppe, die sich
zum Teil als Alleinvertretung der im Zuge des Zweiten Weltkriegs gesamten
an Polen gefallenen schlesischen Gebiete verstanden wissen wollte, rasch
in Konflikt mit den neuen kommunistischen Machthabern geriet, deren Minderheitenpolitik
sie heftig kritisierte. Zusätzlich suspekt wurden viele schlesische Aktivisten
den polnischen Kommunisten, da sie sich im oppositionellen PSL engagierten.
Im Zuge der zunehmenden Stalinisierung der polnischen Politik gegen Ende
der vierziger Jahre wurden die wenigen an exponierteren Stellen tätigen
Minderheitenpolitiker von ihren Positionen verdrängt. Die durch die politische
Liberalisierung der fünfziger Jahre möglich gewordene Emigration, die eine
massenhaften „Abstimmung mit den Füßen“ für die deutsche Option bedeutete,
belegte das Scheitern der volkspolnischen Politik gegenüber den Oberschlesiern
und ihren politischen Aktivisten.
Die Wende in den Beziehungen zwischen
den USA und der Sowjetunion in der Nachkriegszeit während des sich anbahnenden
Kalten Krieges demonstrieren Krzysztof Ruchniewicz und Jakub Tyszkiewicz
anhand amerikanischer Pläne bezüglich der Neuregelung des deutsch-polnischen
Grenzverlaufs. Diese Pläne waren auch Ausdruck einer veränderten Einstellung
der USA gegenüber dem ehemaligen Kriegsgegner Deutschland. Die Autoren
stellen Dokumente aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Bonn
vor, die Projekte einer vom amerikanischen State Departement und von der
amerikanischen Militärverwaltung für Deutschland in den Jahren 1946 bis
1949 ausgearbeiteten Grenzrevision enthalten. Es handelt sich dabei um
drei Varianten, die alle lediglich das oberschlesische Industrierevier,
den südlichen Teil Ostpreußens sowie das Danziger Pommern Polen zusprechen.
Die Abtretung ehemals fast rein deutscher Gebiete durch das Festhalten
an der Oder-Neisse-Grenze hatte in den Augen der amerikanischen Außenpolitiker
etliche negative Konsequenzen. So würden in Deutschland revisionistische
Stimmungen geschürt, die deutsche Bevölkerung würde in einem zu kleinem
Staatsgebiet zusammengepfercht und ihre Versorgung mit Lebensmitteln sei
nicht gewährleistet. Daher sollte sich die neue deutsch-polnische Grenze
eher an der von 1937 - mit Ausnahme des polnischen „Korridors“ - orientieren.
Die Autoren veröffentlichen zusätzlich die Karten der drei unterschiedlichen
projektierten Grenzentwürfe.
Adriana Dudek beschreibt, inwieweit sich
in der Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg
der Charakter einer Großmacht offenbarte. Der Weg von einer zunächst reinen
Wirtschaftsmacht zu einem auch politisch immer wichtigeren Akteur in den
internationalen Beziehungen führte über die Eingliederung der BRD in das
atlantische Militärbündnis, die europäischen Gemeinschaftsstrukturen sowie
die Aufnahme in die Vereinten Nationen. Einen bedeutenden Wandel für das
außenpolitische Engagement der BRD brachte die deutsche Vereinigung des
Jahres 1990. Die veränderte Rolle, die der Staat seitdem in den internationalen
Beziehungen einnimmt, manifestiert sich wohl am deutlichsten anhand der
Einbeziehung der Bundeswehr in Friedensmissionen internationaler Organisationen
seit 1994. Leider geht die Autorin nicht mehr auf die neuesten Entwicklungen
- die Beteiligung der Bundeswehr an dem NATO-Einsatz im Kosovo - ein.
Jakub Tyszkiewicz beschreibt die
Verhandlungen zwischen den USA und Polen über die Entschädigungen der im
Rahmen der Verstaatlichungen des Jahres 1946 enteigneten amerikanischen
Staatsbürger. Die während des Stalinismus ruhenden Verhandlungen wurden
nach dem Polnischen Oktober des Jahres 1956 wieder aufgenommen und 1960
zum Abschluß gebracht. Der Autor zeigt, wie die polnische Seite die Entschädigungsfrage
zu einer diplomatischen Verhandlungsmasse machte, mittels derer sie auf
die Gewährung weiterer Kredite sowie die Meistbegünstigungsklausel durch
die USA Einfluß nehmen konnte. Obwohl sich Polen in der eindeutig schwächeren
Verhandlungsposition befand, war die amerikanische Seite durchaus zu Zugeständnissen
bereit, um die seit 1956 wieder aufgenommenen Wirtschaftsbeziehungen mit
Polen nicht zu gefährden.
Bo?ena Szaynok wertet in ihrem Beitrag
Berichte des Innenministeriums (MSW) über die Einstellung der polnischen
Gesellschaft zum Sechs-Tage-Krieg im Jahr 1967 aus. In ihrer Analyse der
Stellungnahmen der Behörde zu den Reaktionen der einzelnen gesellschaftlichen
Gruppen in Polen zeigt sie auf, daß die Berichte des Ministeriums zwischen
zwei Polen oszillierten: auf der einen Seite wird das Gros der polnischen
Bevölkerung als der Staats- und Parteiführung loyal gegenüberstehend beschrieben:
Arbeiter, Bauern und die Intelligenz - bis auf wenige Ausnahmen - unterstützten
die arabischen Staaten. Auf der anderen Seite bemühte sich das MSW, das
Mißtrauen gegenüber „unzuverlässigen“ Intellektuellen und Parteifunktionären,
die meist angeblich jüdischer Abstammung waren, zu schüren. Die Berichte
des MSW geben weniger eine genaue Einschätzung der Realität wieder, als
daß sie vielmehr das Feld beschreiben, das Teile der Parteiführung für
innerparteiliche Säuberungen vorbereiteten, die im Jahr 1968 voll zum Tragen
kommen sollten. Dennoch sollten diese Berichte nicht nur als Widerspiegelung
eines von der Partei inszenierten antijüdischen Diskurses betrachtet werden.
Vielleicht kann man aus ihnen - bei aller Vorsicht, die gegenüber amtlichen
Quellen in einem autoritären System geboten ist - auch etwas über die tatsächliche
Einstellung der Bevölkerung herauslesen, die ja durchaus auf die Kommunikationsstrukturen
der Partei zurückwirkte. Ohne das Wissen um bestimmte, tiefsitzende antijüdische
Ressentiments in weiten Teilen der polnischen Bevölkerung wäre die antisemitische
Kampagne des März 1968 vielleicht weniger massiv ausgefallen.
Szepan Rudka beschreibt in seinem Beitrag
die Versuche der Sicherheitskräfte und Parteistellen, die polnische Untergrundbewegung
der siebziger und achtziger Jahre durch die Herausgabe von gefälschten
Untergrundzeitungen zu diskreditieren und zu destabilisieren. Der Autor
untersucht mehrere Fälle, in denen Beamte des Sicherheitsdienstes Zeitungen
fabrizierten, die als Nummern der im Untergrund erscheinenden Presseerzeugnisse
ausgegeben wurden. Durch die Abänderung der von der Opposition verfaßten
Texte oder durch völlig neue Texte sollten die Untergrundgruppierungen
vor ihren Anhängern lächerlich gemacht werden bzw. sich untereinander zerstreiten.
Die Analyse dieser Texte zeigt, daß die Funktionäre des Sicherheitsdienstes
mit wenig Phantasie und Raffinesse zu Werke gingen, so daß die Fälschungen
in der Regel rasch erkannt wurden.
Krzysztof Ruchniewicz faßt im letzten
Beitrag des Bandes den Forschungsstand zum Thema der Vertreibung der Deutschen
aus Polen nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Er differenziert zwischen
der west- und ostdeutschen Historiographie und ihrer jeweiligen politischen
Instrumentalisierung, die der jeweiligen politischen Ratio der beiden deutschen
Staaten geschuldet war. Nach einem kurzen Überblick zur auch sehr stark
politisch beeinflußten Behandlung des Themas durch die polnische Geschichtswissenschaft
vor dem politischen Umbruch 1989 geht er auf die Ergebnisse der Forschung
(vor allem der polnischen) seit diesem Zeitpunkt ein und kann zu recht
konstatieren, daß das Thema in Polen keineswegs mehr ein Tabu-, sondern
eher ein Modethema ist. Besonders im Bereich der Schulbücher sieht er aber
noch ein weites Feld für weitere historiographische Aufklärungsarbeit.
Abschließend weist er darauf hin, daß das Thema Flucht und Vertreibung
nicht nur im bilateralen deutsch-polnischen Kontext behandelt werden sollte,
stellen doch diese historischen Phänomene ein immer wiederkehrendes Motiv
in vielen Geschichtsregionen im 20. Jahrhundert dar.
Zusammenfassend läßt sich feststellen,
daß sich die gegenwärtige polnische Zeitgeschichtsforschung auch zehn Jahre
nach dem politischen Umbruch in erster Linie mit Themen beschäftigt, über
die während volkspolnischen Zeiten ein Tabu verhängt war. Während aber
etwa die Vertreibung der Deutschen aus Polen schon sehr weitgehend untersucht
wurde, so daß eine Beschäftigung damit bereits an die Geschichtsdidaktiker
verwiesen werden kann, steht die Forschung zu der sowjetischen Repressionspolitik
gegenüber Polen noch vor vielen Desideraten, die in erster Linie im mangelnden
Zugang zu sowjetischen Dokumenten ihren Ursprung haben. Unter den Beiträgen
zur Geschichte der Volksrepublik Polen sind vor allem jene, die sich mit
der Gesellschaftsgeschichte dieses Staates beschäftigen, von Interesse.
Der Beitrag von Szaynok etwa eröffnet als künftiges weites Forschungsfeld
der polnischen Zeitgeschichte die Untersuchung von Öffentlichkeit als einer
Sphäre, in der der Inhalt und die Struktur bestimmter Debatten zwar zunächst
von der kommunistischen Partei bestimmt wurden, zugleich aber in ihrem
Verlauf auch durch Einstellungen und Reaktionen der Bevölkerung beeinflußt
werden konnten. Auch die Untersuchung des oppositionellen Untergrundes
könnte durch einen komplexeren Begriff von Öffentlichkeit, der das in Polen
immer noch beliebte Schema von „my“ („wir“) und „oni“ („die da oben“) durchbricht,
mit neuen Forschungsfragen belebt werden. Die wenig erfolgreichen Fälschungsmanöver
des Sicherheitsdienstes, die Rudka in seinem Beitrag darstellt, werfen
die Frage auf, welche Bedeutung sie im Verhältnis zwischen Staatsmacht
und Opposition hatten. Es wäre also interessant, anstatt nach Lenkungsmechanismen
eher nach den in einer Diktatur wirksamen Kommunikationsstrukturen zu fragen
(1).
(1) Vgl. zu einem solchen Konzept von Öffentlichkeit
bei der Untersuchung kommunistischer Diktaturen Jörg Requate, Öffentlichkeit
und Medien als Gegenstände historischer Analyse, in: Geschichte und Gesellschaft
25 (1999) Nr. 1, S. 5-32, besonders S. 26-31.