Z Studia Historii Najnowszej. Profesorowi Wojciechowi Wrzesiñskiemu w 65 rocznicê urodzin - najm³odsi uczniowie. Hrsg. v. Krzysztof Ruchniewicz, Bo¿ena Szaynok u. Jakub Tyszkiewicz, Wroc³aw 1999. 153 S.

(Rezensiert von Claudia Kraft, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas, Leipzig. kraft@rz.uni-leipzig.de)

Der vorliegende Band ist eine Festschrift für den Breslauer Historiker Wojciech Wrzesiñski, die Beiträge seiner jüngsten Schüler vereint. Sie bietet damit einen aufschlußreichen Überblick zu neueren Arbeiten in der polnischen Zeitgeschichtsforschung. Dieser Überblick ist um so interessanter, da in der immer noch sehr stark warschauzentrierten polnischen Geschichtswissenschaft der Breslauer Lehrstuhl von Professor Wrzesiñski zu den profiliertesten Stellen der Zeitgeschichtsforschung in Polen gehört. Die Beiträge reichen von der Lage des Pi³sudski-Lagers nach der Septemberniederlage über die sowjetische Repressionspolitik gegenüber polnischen Staatsbürgern in der Kriegs- und Nachkriegszeit zu Themenbereichen, die sich mit verschiedenen Frage der volkspolnischen Innen- und Außenpolitik auseinandersetzen.
Jacek Piotrowski schildert in seinem Beitrag die Lage des politischen Lagers der Sanacja nach der militärischen Niederlage im September 1939. Die Septemberereignisse hatten die Sanacja in weiten Teilen der polnischen Gesellschaft diskreditiert. Die ehemaligen oppositionellen Kräfte nutzen dieses Stimmung und die organisatorische Schwäche des feindlichen politischen Lagers, um ihre Stellung als Exilregierung zu befestigen. Auch als im weiteren Kriegsverlauf, der die große militärische Übermacht Deutschlands belegte, sich die öffentliche Meinung gegenüber der Verantwortlichkeit der Sanacja wieder besserte, hielten die Politiker um W³adys³aw Sikorski im Exil an ihrer Politik gegenüber den Angehörigen der alten Regierung fest. Diese wurde ständig der Konspiration gegen die neuen Machthaber verdächtigt und standen daher unter permanenter Beobachtung. Die Oppositionsparteien aus der Zeit vor 1939, die sich um General Sikorski im Exil gruppierten, trachteten danach, die Sanacja endgültig von der Macht fernzuhalten bzw. ihren eventuellen Wiederaufstieg zu verhindern. Piotrowski arbeitet heraus, daß die Exilregierung eine eventuelle Verschwörung der Sanacja großredete, um in ihren eigenen Reihen die Wachsamkeit zu schärfen. Vergleicht man dieses Vorgehen mit dem der Kommunisten nach 1944, so fallen erstaunliche Parallelen ins Auge, was die Taktiken der Bespitzelung und Diskreditierung des politischen Gegners angeht. Ohne näher auf die Vorkriegszeit und auf die spezifische außenpolitische Situation Polens im Krieg einzugehen, nennt der Autor drei Ursachen für die dauerhafte Entfernung der Sanacja von der Macht. 1) Die Kompromittierung durch die September-Niederlage im Land und in der internationalen öffentlichen Meinung. 2) Der Mangel einer handlungsfähigen politischen Partei im Lager der Sanacja. 3) Das Fehlen einer integrierenden Führerfigur.
Grzegorz  Hryciuk arbeitet anhand ukrainischen Archivmaterials die Politik der Roten Armee gegenüber den Polen seit der Einnahme Lembergs im Sommer 1944 heraus. Er konzentriert sich auf eine Verhaftungsaktion im Januar 1945, mittels derer die polnische Bevölkerung Lembergs dazu gezwungen werden sollte, den sogenannten zwischen der Lubliner Regierung und den westlichen Sowjetrepubliken abgeschlossenen „Evakuierungsverträgen“ Folge zu leisten. Die überaus unbefriedigenden Ergebnisse der im Herbst 1944 beschlossenen Aussiedlung der Polen aus den künftigen sowjetischen Gebieten veranlaßte die sowjetische Führung, durch repressive Maßnahmen hier einen situativen Zwang zu schaffen. Die dazu durchgeführte Verhaftungsaktion in den ersten beiden Januarwochen des Jahres 1945 richtete sich vor allem gegen Intellektuelle, die als Anhänger des nationalistischen Untergrundes, Volksdeutsche oder Nazi-Kollaborateure inkrimiert wurden. Nach der vorläufigen Inhaftierung in einem Lemberger Gefängnis, wurden die über 2.000 von der Aktion betroffenen Polen ins Donez-Kohlerevier verbracht, wo sie bis etwa Herbst 1945 in einem sogenannten „Kontroll- und Filtrationslager“ festgehalten wurden. Zwar reagierte die polnische Gesellschaft Lembergs schockiert auf das sowjetische Vorgehen, doch wuchs die Zahl der Polen, die sich zur Ausreise registrieren ließen, nicht in dem auf sowjetischer Seite erhofften Maße. Bei vielen Polen ließ sich vielmehr eine Haltung konstatieren, die trotz aller Repressionen an einem Verbleib in der Heimat festhielt. Die teilweise verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit und die Konstruktion möglicher Geschehnisse, die eine Eingliederung der ehemaligen polnischen Ostgebiete in die Sowjetunion verhindern könnten - etwa ein Dritter Weltkrieg - , erinnern an ähnliche Reaktionen bei den Deutschen in den künftigen polnischen Westgebieten.
Ma³gorzata Ruchniewicz beschreibt das Leben der nach Sibirien oder in andere entlegene Gebiete der Sowjetunion verbannten Polen. Die zumeist aus den ostpolnischen, im Zuge des Zweiten Weltkriegs an die Sowjetunion abgetretenen Gebieten stammenden Polen galten den sowjetischen Stellen aufgrund ihrer Herkunft als sowjetische Staatsbürger und wurden vor allem „konterrevolutionärer Verbrechen“ angeklagt. Im Gegensatz zu den Repressionen, die die Polen der Ostgebiete in den Jahren 1939 bis 1941 sowie der antikommunistische Untergrund seit 1944 erlebt hatten, ist das Schicksal dieser Polen, die nach Jahren der Inhaftierung in Lagern des NKWD weiter in sowjetischer Verbannung bleiben mußten, noch wenig untersucht. Da sowjetische Quellen zu diesem Komplex schwer zugänglich sind, hat die Autorin vor allem polnische Erinnerungsberichte ausgewertet. Die der Lagerhaft folgende Verbannung wird von ihr anhand der Erlebnisberichte anschaulich beschrieben. Neben den konkreten Lebensumständen, die in der Verbannung meist kaum weniger schwer als im Lager selbst waren, schildert die Autorin vor allem auch die psychischen Belastungen, die durch diese neue Art der Repression hervorgerufen wurden. Zu recht weißt sie darauf hin, daß hier noch viel - vor allem interdisziplinäre Forschungsarbeit - zu leisten ist.
Bernard Linek befaßt sich in seinem Beitrag mit der Tätigkeit polnischer Minderheitenpolitiker in Schlesien nach 1945, die vor dem Zweiten Weltkrieg im Deutschen Reich für die polnische Minderheit im Oppelner Schlesien aktiv waren. Er legt dar, daß diese Gruppe, die sich zum Teil als Alleinvertretung der im Zuge des Zweiten Weltkriegs gesamten an Polen gefallenen schlesischen Gebiete verstanden wissen wollte, rasch in Konflikt mit den neuen kommunistischen Machthabern geriet, deren Minderheitenpolitik sie heftig kritisierte. Zusätzlich suspekt wurden viele schlesische Aktivisten den polnischen Kommunisten, da sie sich  im oppositionellen PSL engagierten. Im Zuge der zunehmenden Stalinisierung der polnischen Politik gegen Ende der vierziger Jahre wurden die wenigen an exponierteren Stellen tätigen Minderheitenpolitiker von ihren Positionen verdrängt. Die durch die politische Liberalisierung der fünfziger Jahre möglich gewordene Emigration, die eine massenhaften „Abstimmung mit den Füßen“ für die deutsche Option bedeutete, belegte das Scheitern der volkspolnischen Politik gegenüber den Oberschlesiern und ihren politischen Aktivisten.
Die Wende in den Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion in der Nachkriegszeit während des sich anbahnenden Kalten Krieges demonstrieren Krzysztof Ruchniewicz und Jakub Tyszkiewicz anhand amerikanischer Pläne bezüglich der Neuregelung des deutsch-polnischen Grenzverlaufs. Diese Pläne waren auch Ausdruck einer veränderten Einstellung der USA gegenüber dem ehemaligen Kriegsgegner Deutschland. Die Autoren stellen Dokumente aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Bonn vor, die Projekte einer vom amerikanischen State Departement und von der amerikanischen Militärverwaltung für Deutschland in den Jahren 1946 bis 1949 ausgearbeiteten Grenzrevision enthalten. Es handelt sich dabei um drei Varianten, die alle lediglich das oberschlesische Industrierevier, den südlichen Teil Ostpreußens sowie das Danziger Pommern Polen zusprechen. Die Abtretung ehemals fast rein deutscher Gebiete durch das Festhalten an der Oder-Neisse-Grenze hatte in den Augen der amerikanischen Außenpolitiker etliche negative Konsequenzen. So würden in Deutschland revisionistische Stimmungen geschürt, die deutsche Bevölkerung würde in einem zu kleinem Staatsgebiet zusammengepfercht und ihre Versorgung mit Lebensmitteln sei nicht gewährleistet. Daher sollte sich die neue deutsch-polnische Grenze eher an der von 1937 - mit Ausnahme des polnischen „Korridors“ - orientieren. Die Autoren veröffentlichen zusätzlich die Karten der drei unterschiedlichen projektierten Grenzentwürfe.
Adriana Dudek beschreibt, inwieweit sich in der Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg der Charakter einer Großmacht offenbarte. Der Weg von einer zunächst reinen Wirtschaftsmacht zu einem auch politisch immer wichtigeren Akteur in den internationalen Beziehungen führte über die Eingliederung der BRD in das atlantische Militärbündnis, die europäischen Gemeinschaftsstrukturen sowie die Aufnahme in die Vereinten Nationen. Einen bedeutenden Wandel für das außenpolitische Engagement der BRD brachte die deutsche Vereinigung des Jahres 1990. Die veränderte Rolle, die der Staat seitdem in den internationalen Beziehungen einnimmt, manifestiert sich wohl am deutlichsten anhand der Einbeziehung der Bundeswehr in Friedensmissionen internationaler Organisationen seit 1994. Leider geht die Autorin nicht mehr auf die neuesten Entwicklungen - die Beteiligung der Bundeswehr an dem NATO-Einsatz im Kosovo - ein.
Jakub Tyszkiewicz  beschreibt die Verhandlungen zwischen den USA und Polen über die Entschädigungen der im Rahmen der Verstaatlichungen des Jahres 1946 enteigneten amerikanischen Staatsbürger. Die während des Stalinismus ruhenden Verhandlungen wurden nach dem Polnischen Oktober des Jahres 1956 wieder aufgenommen und 1960 zum Abschluß gebracht. Der Autor zeigt, wie die polnische Seite die Entschädigungsfrage zu einer diplomatischen Verhandlungsmasse machte, mittels derer sie auf die Gewährung weiterer Kredite sowie die Meistbegünstigungsklausel durch die USA Einfluß nehmen konnte. Obwohl sich Polen in der eindeutig schwächeren Verhandlungsposition befand, war die amerikanische Seite durchaus zu Zugeständnissen bereit, um die seit 1956 wieder aufgenommenen Wirtschaftsbeziehungen mit Polen nicht zu gefährden.
Bo?ena Szaynok wertet in ihrem Beitrag Berichte des Innenministeriums (MSW) über die Einstellung der polnischen Gesellschaft zum Sechs-Tage-Krieg im Jahr 1967 aus. In ihrer Analyse der Stellungnahmen der Behörde zu den Reaktionen der einzelnen gesellschaftlichen Gruppen in Polen zeigt sie auf, daß die Berichte des Ministeriums zwischen zwei Polen oszillierten: auf der einen Seite wird das Gros der polnischen Bevölkerung als der Staats- und Parteiführung loyal gegenüberstehend beschrieben: Arbeiter, Bauern und die Intelligenz - bis auf wenige Ausnahmen - unterstützten die arabischen Staaten. Auf der anderen Seite bemühte sich das MSW, das Mißtrauen gegenüber „unzuverlässigen“ Intellektuellen und Parteifunktionären, die meist angeblich jüdischer Abstammung waren, zu schüren. Die Berichte des MSW geben weniger eine genaue Einschätzung der Realität wieder, als daß sie vielmehr das Feld beschreiben, das Teile der Parteiführung für innerparteiliche Säuberungen vorbereiteten, die im Jahr 1968 voll zum Tragen kommen sollten. Dennoch sollten diese Berichte nicht nur als Widerspiegelung eines von der Partei inszenierten antijüdischen Diskurses betrachtet werden. Vielleicht kann man aus ihnen - bei aller Vorsicht, die gegenüber amtlichen Quellen in einem autoritären System geboten ist - auch etwas über die tatsächliche Einstellung der Bevölkerung herauslesen, die ja durchaus auf die Kommunikationsstrukturen der Partei zurückwirkte. Ohne das Wissen um bestimmte, tiefsitzende antijüdische Ressentiments in weiten Teilen der polnischen Bevölkerung wäre die antisemitische Kampagne des März 1968 vielleicht weniger massiv ausgefallen.
Szepan Rudka beschreibt in seinem Beitrag die Versuche der Sicherheitskräfte und Parteistellen, die polnische Untergrundbewegung der siebziger und achtziger Jahre durch die Herausgabe von gefälschten Untergrundzeitungen zu diskreditieren und zu destabilisieren. Der Autor untersucht mehrere Fälle, in denen Beamte des Sicherheitsdienstes Zeitungen fabrizierten, die als Nummern der im Untergrund erscheinenden Presseerzeugnisse ausgegeben wurden. Durch die Abänderung der von der Opposition verfaßten Texte oder durch völlig neue Texte sollten die Untergrundgruppierungen vor ihren Anhängern lächerlich gemacht werden bzw. sich untereinander zerstreiten. Die Analyse dieser Texte zeigt, daß die Funktionäre des Sicherheitsdienstes mit wenig Phantasie und Raffinesse zu Werke gingen, so daß die Fälschungen in der Regel rasch erkannt wurden.
Krzysztof Ruchniewicz  faßt im letzten Beitrag des Bandes den Forschungsstand zum Thema der Vertreibung der Deutschen aus Polen nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Er differenziert zwischen der west- und ostdeutschen Historiographie und ihrer jeweiligen politischen Instrumentalisierung, die der jeweiligen politischen Ratio der beiden deutschen Staaten geschuldet war. Nach einem kurzen Überblick zur auch sehr stark politisch beeinflußten Behandlung des Themas durch die polnische Geschichtswissenschaft vor dem politischen Umbruch 1989 geht er auf die Ergebnisse der Forschung (vor allem der polnischen) seit diesem Zeitpunkt ein und kann zu recht konstatieren, daß das Thema in Polen keineswegs mehr ein Tabu-, sondern eher ein Modethema ist. Besonders im Bereich der Schulbücher sieht er aber noch ein weites Feld für weitere historiographische Aufklärungsarbeit. Abschließend weist er darauf hin, daß das Thema Flucht und Vertreibung nicht nur im bilateralen deutsch-polnischen Kontext behandelt werden sollte, stellen doch diese historischen Phänomene ein immer wiederkehrendes Motiv in vielen Geschichtsregionen im 20. Jahrhundert dar.
Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß sich die gegenwärtige polnische Zeitgeschichtsforschung auch zehn Jahre nach dem politischen Umbruch in erster Linie mit Themen beschäftigt, über die während volkspolnischen Zeiten ein Tabu verhängt war. Während aber etwa die Vertreibung der Deutschen aus Polen schon sehr weitgehend untersucht wurde, so daß eine Beschäftigung damit bereits an die Geschichtsdidaktiker verwiesen werden kann, steht die Forschung zu der sowjetischen Repressionspolitik gegenüber Polen noch vor vielen Desideraten, die in erster Linie im mangelnden Zugang zu sowjetischen Dokumenten ihren Ursprung haben. Unter den Beiträgen zur Geschichte der Volksrepublik Polen sind vor allem jene, die sich mit der Gesellschaftsgeschichte dieses Staates beschäftigen, von Interesse. Der Beitrag von Szaynok etwa eröffnet als künftiges weites Forschungsfeld der polnischen Zeitgeschichte die Untersuchung von Öffentlichkeit als einer Sphäre, in der der Inhalt und die Struktur bestimmter Debatten zwar zunächst von der kommunistischen Partei bestimmt wurden, zugleich aber in ihrem Verlauf auch durch Einstellungen und Reaktionen der Bevölkerung beeinflußt werden konnten. Auch die Untersuchung des oppositionellen Untergrundes könnte durch einen komplexeren Begriff von Öffentlichkeit, der das in Polen immer noch beliebte Schema von „my“ („wir“) und „oni“ („die da oben“) durchbricht, mit neuen Forschungsfragen belebt werden. Die wenig erfolgreichen Fälschungsmanöver des Sicherheitsdienstes, die Rudka in seinem Beitrag darstellt, werfen die Frage auf, welche Bedeutung sie im Verhältnis zwischen Staatsmacht und Opposition hatten. Es wäre also interessant, anstatt nach Lenkungsmechanismen eher nach den in einer Diktatur wirksamen Kommunikationsstrukturen zu fragen (1).

(1) Vgl. zu einem solchen Konzept von Öffentlichkeit bei der Untersuchung kommunistischer Diktaturen Jörg Requate, Öffentlichkeit und Medien als Gegenstände historischer Analyse, in: Geschichte und Gesellschaft 25 (1999) Nr. 1, S. 5-32, besonders S. 26-31.