Henning P. Jürgens: Johannes a Lasco in Ostfriesland. Der Werdegang eines europäischen Reformators. Tübingen: Mohr Siebeck 2002. 428 S. € 69,00 (=Spätmittelalter und Reformation; N.R. 18) ISBN: 3-16-147754-5
 

Rezensiert für "Polhist" von Dr. des. Markus Krzoska (Mainz/Trier)
 

Kirchengeschichte scheint wieder in Mode gekommen zu sein. Das gilt nicht nur für die boomende und innovative Frühneuzeitforschung in Westeuropa und Deutschland, auch der lange vergessene "Mittlere Osten" des Kontinents entkommt allmählich seinem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf. Beschäftigen sich viele Arbeiten mit einer Neubewertung des 16. Jahrhunderts vor dem Hintergrund von Schlagworten wie "Konfessionalisierung" und "Kommunikation und Medien" mit dem allmählichen Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit und der Rolle der Reformation dabei, so zeigt eine ganze Reihe von Büchern, dass auch der Mikroperspektive ein gewisser Reiz innewohnt. Freilich wäre der Blick auf die Entwicklung in einzelnen Territorien unvollständig und methodisch wenig weiterführend, wenn dabei der Blick auf den geistesgeschichtlichen und politischen Kontext der Zeit fehlen würde.
Die vorliegende Arbeit, die aus einer Dissertation bei Hartmut Lehmann an der Universität Göttingen im Jahre 2001 hervorgegangen ist, liefert all jene erwähnten Aspekte. Sie ist in zwei Hauptteile gegliedert, die sich mit dem Leben des polnischen (und ostfriesischen) Reformators Jan £aski (1499-1560) bis zum Jahre 1540 sowie mit seiner Tätigkeit als Superintendent in Ostfriesland in der Zeit zwischen 1542 und 1549 beschäftigen.

Mit der Biographie £askis haben sich schon Generationen v.a. polnischer Historiker und Theologen beschäftigt, u.a. Hermann Dalton und Oskar Bartel. Keine dieser Arbeiten bietet aber eine so umfassende und detaillierte Analyse der vorhandenen Quellen. Der Verfasser liefert - als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Johannes a Lasco-Bibliothek in Emden prädestiniert dazu - erstmals eine tabellarische Übersicht über den Briefwechsel £askis und zieht auch sonst eine Vielzahl bislang unbekannter oder wenig bekannter Quellen für seine Forschungen heran. Die ausführliche Zitation im Text und den Anmerkungen ermöglicht dem Leser eine gute Möglichkeit, die aufgestellten Thesen zu überprüfen, zumal Jürgens immer quellennah argumentiert und sich vor unbelegten Vermutungen weitgehend hütet.

Jürgens schildert zunächst ausführlich den familiären Hintergrund und die Jugend des späteren Reformators, als nichts auf seinen späteren Konfessions- und Rollenwechsel hindeutete, wuchs er doch in einer der einflussreichsten Familien der polnisch-litauischen Adelsrepublik auf; sein Onkel Jan £aski der Ältere war Erzbischof von Gnesen und Primas von Polen. Anschließend geht er auf die zeitweilig enge Verbindung zu Erasmus von Rotterdam, in dessen Haushalt £aski jahrelang lebte und dem er schließlich sogar die Bibliothek abkaufte, näher ein. Desweiteren behandelt Jürgens das politisch-diplomatische Zwischenspiel, das Jan im Dienste seines Bruders Hieronim und dessen wechselvollen Unternehmungen in Ungarn und im Osmanischen Reich zeigt, sowie die darauffolgende Übersiedlung ins Ausland, die letztendlich zum Wechsel zum Protestantismus führte.
Im zweiten Teil zeichnet der Verfasser zunächst die politische und kirchliche Ausgangslage Ostfrieslands in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts nach. Dabei skizziert er die politischen Konflikte zwischen der vormundschaftlich regierenden Gräfin Anna und ihrem Schwager Graf Johann, die auch ihre religionspolitische Dimension hatten, sowie die Maßnahmen £askis als neuer Superintendent, der sein an Jean Calvin orientiertes Programm gegen alle Widerstände durchsetzen wollte, was ihm nicht immer gelang. Breiten Raum nehmen dabei die Konflikte mit den Täufern, denen £aski nicht so negativ gegenüberstand wie mancher Lutheraner, und den verbliebenen katholischen Klöstern ein. Der Neuaufbau einer protestantischen Landeskirche mit seinen organisatorischen und innerkonfessionellen Schwierigkeiten wird ebenfalls behandelt. Am Ende steht eine Schilderung des letztendlichen Scheiterns £askis aufgrund der reichspolitischen Turbulenzen, aber sicherlich auch seines eigenen schwierigen Charakters wegen.

Für den ostmitteleuropäischen Kontext der £aski-Biographie kommt Jürgens zu einer Reihe wichtiger Erkenntnisse. Besonders deutlich wird, wie stark und wie lange der spätere Reformator auf eine Karriere im polnisch-litauischen Reich und in der katholischen Kirche setzte. Immer wieder bemühte er sich um Ämter, v.a. die Bischofswürde. Jürgens kann zeigen, dass seine unklare Haltung im Zusammenhang mit den südöstlichen Aktivitäten seines Bruders zweifellos ein wesentliches Moment für die einstweilige Nichtberücksichtigung darstellte, da der Krakauer Königshof diese mit einigem Misstrauen beobachtete. £aski setzte offenbar auf die falschen Netzwerke bei seiner Karriereplanung und ging mitunter zu undiplomatisch vor. Aufgrund der schwierigen Quellenlage muss die entscheidende Frage offenbleiben, wann und weshalb £aski seinen Wechsel zum Protestantismus vollzogen hat. Es spricht für den Verfasser, dass er nicht mit Gewalt nach Erklärungen sucht, wo diese nicht zu belegen sind. Immerhin ist £askis Verhalten widersprüchlich und von einer deutlichen Unaufrichtigkeit geprägt. Dies wird etwa in der Frage des sogenannten Krakauer Reinigungseides von 1542 deutlich, mit dem £aski seine polnischen Ämter und Einkommen einstweilen sicherte, obwohl er in Briefen und durch seine Lebensführung - er war inzwischen verheiratet - deutlich machte, dass eine bischöfliche Karriere für ihn nur noch schwer denkbar war. Die Erklärung für den Zeitpunkt des offenen Bruches, die er selbst u.a. in einem Brief an Heinrich Bullinger 1544 gab, dass er nämlich zu Lebzeiten seines Bruders sich "niemandem anschließen wolle" (S. 158), vermag nicht zu überzeugen, schon eher Jürgens' anschließendes Urteil, dass er sich "mangels Möglichkeit, in Polen nach seinen Vorstellungen tätig zu werden" zum konfessionellen Übertritt entschloss (S. 159).

Einige kleinere Anmerkungen seien noch gestattet. Die konsequente Verwendung der Namensvariante "Johannes a Lasco" ist für den Ostmitteleuropahistoriker etwas gewöhnungsbedürftig, aber angesichts des damaligen Zeitgeistes sicher zu rechtfertigen. Zur Familiengeschichte der £askis hätte sicher noch die Arbeit Ryszard Zieliñski und Roman ¯elewski "Olbracht £aski. Od Kie¿marku do Londynu" (Warszawa 1982) einige interessante Einblicke eröffnet. "Jaros³aw" ist mitnichten die slavische Form von "Hieronymus" (S. 21), sondern schlicht und ergreifend der zweite Vorname des Bruders von Jan. Ob die Arbeit von Ezechiel Zivier zur Geschichte Polens vom Beginn des 20. Jahrhundert nicht in der Zwischenzeit durch andere Arbeiten ersetzt werden kann, darüber lässt sich diskutieren (S. 13). Die Erklärung bestimmter Konflikte der polnischen Innenpolitik mit nationalen Paradigmata (S. 94) entspricht eigentlich nicht mehr dem heutigen Forschungsstand (vgl. dazu die Arbeiten Andrzej Wyczañskis). Die einheitliche Verwendung deutscher Orts- und Landschaftsnamen hätte auch auf die - heute slowakische - Stadt Käsmark (poln.: Kie¿mark, slowak.: Kezmarok) und die Region Zips (poln.: Spisz, slowak.: Spiš, ungar.: Szepes) angewendet werden sollen.

Insgesamt bleibt aber der Eindruck einer überzeugenden Arbeit, die man gut mit dem etwas altmodischen Wort "gelehrt" bezeichnen möchte, was aber ihre gute Lesbarkeit in keinem Fall schmälert. Vielmehr ist ein solch solides Produkt, zu dem auch das Äußere des Buches, das hervorragende Lektorat und die Papierqualität gehören, heutzutage eher selten geworden. Gerade auch deswegen ist dafür eine breite Rezeption zu wünschen.
 

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