Rezensiert für "Polhist" von Dr. des. Markus Krzoska (Mainz/Trier)
Mit der Biographie £askis haben sich schon Generationen v.a. polnischer Historiker und Theologen beschäftigt, u.a. Hermann Dalton und Oskar Bartel. Keine dieser Arbeiten bietet aber eine so umfassende und detaillierte Analyse der vorhandenen Quellen. Der Verfasser liefert - als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Johannes a Lasco-Bibliothek in Emden prädestiniert dazu - erstmals eine tabellarische Übersicht über den Briefwechsel £askis und zieht auch sonst eine Vielzahl bislang unbekannter oder wenig bekannter Quellen für seine Forschungen heran. Die ausführliche Zitation im Text und den Anmerkungen ermöglicht dem Leser eine gute Möglichkeit, die aufgestellten Thesen zu überprüfen, zumal Jürgens immer quellennah argumentiert und sich vor unbelegten Vermutungen weitgehend hütet.
Jürgens schildert zunächst ausführlich den familiären Hintergrund und
die Jugend des späteren Reformators, als nichts auf seinen späteren Konfessions-
und Rollenwechsel hindeutete, wuchs er doch in einer der einflussreichsten
Familien der polnisch-litauischen Adelsrepublik auf; sein Onkel Jan £aski
der Ältere war Erzbischof von Gnesen und Primas von Polen. Anschließend
geht er auf die zeitweilig enge Verbindung zu Erasmus von Rotterdam, in
dessen Haushalt £aski jahrelang lebte und dem er schließlich sogar die
Bibliothek abkaufte, näher ein. Desweiteren behandelt Jürgens das politisch-diplomatische
Zwischenspiel, das Jan im Dienste seines Bruders Hieronim und dessen wechselvollen
Unternehmungen in Ungarn und im Osmanischen Reich zeigt, sowie die darauffolgende
Übersiedlung ins Ausland, die letztendlich zum Wechsel zum Protestantismus
führte.
Im zweiten Teil zeichnet der Verfasser zunächst die politische und
kirchliche Ausgangslage Ostfrieslands in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts
nach. Dabei skizziert er die politischen Konflikte zwischen der vormundschaftlich
regierenden Gräfin Anna und ihrem Schwager Graf Johann, die auch ihre religionspolitische
Dimension hatten, sowie die Maßnahmen £askis als neuer Superintendent,
der sein an Jean Calvin orientiertes Programm gegen alle Widerstände durchsetzen
wollte, was ihm nicht immer gelang. Breiten Raum nehmen dabei die Konflikte
mit den Täufern, denen £aski nicht so negativ gegenüberstand wie mancher
Lutheraner, und den verbliebenen katholischen Klöstern ein. Der Neuaufbau
einer protestantischen Landeskirche mit seinen organisatorischen und innerkonfessionellen
Schwierigkeiten wird ebenfalls behandelt. Am Ende steht eine Schilderung
des letztendlichen Scheiterns £askis aufgrund der reichspolitischen Turbulenzen,
aber sicherlich auch seines eigenen schwierigen Charakters wegen.
Für den ostmitteleuropäischen Kontext der £aski-Biographie kommt Jürgens zu einer Reihe wichtiger Erkenntnisse. Besonders deutlich wird, wie stark und wie lange der spätere Reformator auf eine Karriere im polnisch-litauischen Reich und in der katholischen Kirche setzte. Immer wieder bemühte er sich um Ämter, v.a. die Bischofswürde. Jürgens kann zeigen, dass seine unklare Haltung im Zusammenhang mit den südöstlichen Aktivitäten seines Bruders zweifellos ein wesentliches Moment für die einstweilige Nichtberücksichtigung darstellte, da der Krakauer Königshof diese mit einigem Misstrauen beobachtete. £aski setzte offenbar auf die falschen Netzwerke bei seiner Karriereplanung und ging mitunter zu undiplomatisch vor. Aufgrund der schwierigen Quellenlage muss die entscheidende Frage offenbleiben, wann und weshalb £aski seinen Wechsel zum Protestantismus vollzogen hat. Es spricht für den Verfasser, dass er nicht mit Gewalt nach Erklärungen sucht, wo diese nicht zu belegen sind. Immerhin ist £askis Verhalten widersprüchlich und von einer deutlichen Unaufrichtigkeit geprägt. Dies wird etwa in der Frage des sogenannten Krakauer Reinigungseides von 1542 deutlich, mit dem £aski seine polnischen Ämter und Einkommen einstweilen sicherte, obwohl er in Briefen und durch seine Lebensführung - er war inzwischen verheiratet - deutlich machte, dass eine bischöfliche Karriere für ihn nur noch schwer denkbar war. Die Erklärung für den Zeitpunkt des offenen Bruches, die er selbst u.a. in einem Brief an Heinrich Bullinger 1544 gab, dass er nämlich zu Lebzeiten seines Bruders sich "niemandem anschließen wolle" (S. 158), vermag nicht zu überzeugen, schon eher Jürgens' anschließendes Urteil, dass er sich "mangels Möglichkeit, in Polen nach seinen Vorstellungen tätig zu werden" zum konfessionellen Übertritt entschloss (S. 159).
Einige kleinere Anmerkungen seien noch gestattet. Die konsequente Verwendung der Namensvariante "Johannes a Lasco" ist für den Ostmitteleuropahistoriker etwas gewöhnungsbedürftig, aber angesichts des damaligen Zeitgeistes sicher zu rechtfertigen. Zur Familiengeschichte der £askis hätte sicher noch die Arbeit Ryszard Zieliñski und Roman ¯elewski "Olbracht £aski. Od Kie¿marku do Londynu" (Warszawa 1982) einige interessante Einblicke eröffnet. "Jaros³aw" ist mitnichten die slavische Form von "Hieronymus" (S. 21), sondern schlicht und ergreifend der zweite Vorname des Bruders von Jan. Ob die Arbeit von Ezechiel Zivier zur Geschichte Polens vom Beginn des 20. Jahrhundert nicht in der Zwischenzeit durch andere Arbeiten ersetzt werden kann, darüber lässt sich diskutieren (S. 13). Die Erklärung bestimmter Konflikte der polnischen Innenpolitik mit nationalen Paradigmata (S. 94) entspricht eigentlich nicht mehr dem heutigen Forschungsstand (vgl. dazu die Arbeiten Andrzej Wyczañskis). Die einheitliche Verwendung deutscher Orts- und Landschaftsnamen hätte auch auf die - heute slowakische - Stadt Käsmark (poln.: Kie¿mark, slowak.: Kezmarok) und die Region Zips (poln.: Spisz, slowak.: Spiš, ungar.: Szepes) angewendet werden sollen.
Insgesamt bleibt aber der Eindruck einer überzeugenden Arbeit, die man
gut mit dem etwas altmodischen Wort "gelehrt" bezeichnen möchte, was aber
ihre gute Lesbarkeit in keinem Fall schmälert. Vielmehr ist ein solch solides
Produkt, zu dem auch das Äußere des Buches, das hervorragende Lektorat
und die Papierqualität gehören, heutzutage eher selten geworden. Gerade
auch deswegen ist dafür eine breite Rezeption zu wünschen.
Alle Rechte beim Verfasser. Wiederabdruck nur unter Quellenangabe erlaubt.