Joachim Köhler; Rainer Bendel (Hrsg.): Geschichte des christlichen Lebens im schlesischen Raum. Münster (u.a.): Lit Verlag 2002. 2 Bde. 573 S. + S. 574-982. EUR 66,90 (=Religions- und Kulturgeschichte in Ostmittel- und Südosteuropa; 1) (ISBN: 3-8258-5007-2)
 

Rezensiert für "Polhist" von Dr. des. Markus Krzoska (Mainz/Trier)
 

In kaum einem anderen Bereich der historischen Wissenschaften hat man so sehr den Eindruck, dass die Zeit stehengeblieben ist, wie in der Kirchengeschichte.
In der Beschäftigung mit wenigen Regionen des historischen deutschen Ostens hat die alte Ostforscherklientel so lange das Sagen gehabt wie in Bezug auf Schlesien. Ausnahmen für die Frühe Neuzeit und zuletzt auch das 19. Jahrhundert bestätigen diese Regel.

Wenn nun eine Reihe angekündigt wird, die sich explizit zum Ziel setzt, dass von ihr neue Impulse ausgehen mögen, eine Organisierung und Vernetzung der Forschung gerade für die (einst) gemischt national besiedelten Regionen anzustreben, um Synergieeffekte zu gewinnen und Vergleichsmöglichkeiten zu nutzen (S. 10), dann ist der Rezensent gespannt, wie dieses Vorhaben in Bezug auf die Geschichte des alten Bistum Breslaus, denn darum handelt es sich bei den vorliegenden Bänden, umgesetzt wird. Die Beiträge gehen zumeist auf Referate einer Tagung in Münsterschwarzach bei Würzburg im Herbst 1999 zurück. Ihre Drucklegung wurde durch Mittel des Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien sowie des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz ermöglicht.

Die Herausgeber haben sich in der Einleitung viel vorgenommen. Abgelehnt werden der Primat der politischen Geschichte und nationale Sinnstiftung, befürwortet dagegen interdisziplinäres Arbeiten, problemorientierte Forschung, Überwindung der "mangelnden Wissenschaftstauglichkeit der einschlägigen Literatur" (zum Ostthema). Ja, es finden sich sogar solch revolutionäre Sätze wie "Heimat darf nicht naiv als ein erster Erfahrungsraum im Sinne von heiler Welt aufgefasst werden, der die Deutefolie für alles Künftige wird" (S. 18) Daraus abgeleitet wird im Folgenden ein neues Verständnis von Bistumsgeschichte als Seelsorgegeschichte: "Bistumsgeschichte kann nicht eine althergebrachte Episkopalgeschichte sein, in der eine Abfolge von Bischofsviten das Grundgerüst abgibt, wo die Geschichte der Diözese nur als Anhängsel mitläuft. Es genügt auch nicht, nur die Verwaltungsebene in den Blick zu nehmen, es muß das religiöse Leben der Gläubigen in die Untersuchung einbezogen werden" (S. 23). Diese Entwicklung soll - modisch schick - durch die Verwendung eines kulturgeschichtlichen Ansatzes befördert werden. Dieser wird im darauffolgenden Text der beiden Herausgeber auf die tausend Jahre Geschichte des Bistums Breslau anzuwenden versucht, in dem chronologisch gegliedert eine Reihe von Forschungsfragen gestellt werden, die die wesentlichen Diskurse der allgemeinen Geschichtswissenschaft der letzten Jahrzehnte referieren. Viele wichtige Aspekte tauchen hier auf: vom Streit um Reformation und Konfessionalisierung bis zum Zerfall des katholischen Milieus. Allerdings zeigt sich auch schon hier die Tendenz zur Abschweifung. Der Textteil über den Umgang von Katholiken mit den politischen und gesellschaftlichen Realitäten seit 1919 hat keinerlei konkreten Bezug zu Schlesien.

Leider geht es aber zunächst in diesem Sinne weiter. Es folgt ein völlig überflüssiger Beitrag von Lydia Bendel-Maidl unter dem Titel "Übersicht über den Methodenpluralismus der Gegenwart". In ihm werden theoretische Ansätze nacherzählt, auf die der Geschichtsstudent im Proseminar stößt. Wenn die Herausgeber der Ansicht waren, dass den Schlesienforschern methodisch nachgeholfen werden müsse, hätte ein Verweis auf die einschlägigen Einführungen in die Geschichtswissenschaft genügt, die zudem in der Regel nicht so oberflächlich nacherzählen wie die Autorin des genannten Textes. Diese schließt daran einen weiteren Text an, den sie diesmal "methodische Überlegungen zu einer Geschichte der Theologie (und Philosophie) an der Universität Breslau" nennt. Was folgt ist zunächst nicht mehr als ein personenbezogener Ansatz wie ihn Generationen deutscher Kirchenhistoriker bereits gewählt haben. Dieser Ansatz kann natürlich die These der Autorin, die katholisch-theologische Fakultät der Universität Breslau sei an der Wende zum 20. Jahrhundert als innovativ anzusprechen hinsichtlich des Selbstverständnisses wie der Methoden historischer Forschung (S. 121) in keinster Weise belegen; auch im restlichen Teil des Textes kommt Bendel-Maidl nicht über das schlichte Nacherzählen mancher Thesen von Foucault und LaCapra hinaus. Eine Operationalisierung findet nicht einmal ansatzweise statt.

Es ist im Folgenden nicht möglich, auf alle weiteren Texte der beiden Bände einzugehen. Es lässt sich jedoch feststellen, dass die Autoren nur in den wenigsten Fällen auf die Wünsche der Herausgeber eingegangen sind. Das bedeutet nicht, dass sie schlechte oder uninteressante Beiträge verfasst haben. In der Regel bewegen sich diese jedoch im Rahmen der klassischen Beschäftigung mit schlesischer Kirchengeschichte und führen nicht darüber hinaus. Es ist erfreulich, dass eine Reihe polnischer Autoren am Band beteiligt wurden. Diese lieferten mitunter freilich nur abstracts von bereits in polnischer Sprache erschienenen ausführlichen Arbeiten. Zudem sind leider die Übersetzungen aus dem Polnischen mitunter dermaßen schlecht, dass man Sinnzusammenhänge nur mühsam erkennen kann. Dies passt freilich zum Gesamtbild der beiden Bände. Eine Redaktion welcher Art auch immer hat ganz gewiss niemals stattgefunden.

Einige wenige Hinweise gilt es dennoch zu geben. Herausragend und innovativ ist zweifellos Thomas Wünschs Aufsatz über Territorienbildung im Breslauer Bistumsland vom 12. bis zum 16. Jahrhundert. Dem Verfasser gelingt es hier wohl erstmals, dicht an den Quellen argumentierend nachzuweisen, dass die Landesherrschaft der Breslauer Bischöfe "ein Produkt und gleichzeitig ein Agens der 'Verwestlichung' Schlesiens darstellte" (S. 253). In zehn Teilbereichen untersucht Wünsch verschiedene Aspekte bischöflicher Herrschaft und die daraus resultierenden Konflikte im Hoch- und Spätmittelalter. Seine struktur- und rechtsgeschichtliche Argumentation ist weit entfernt vom traditionellen Nacherzählen in den thin descriptions klassischer Bistumschronisten.
Zu erwähnen ist auch Markus Hörschs Aufsatz über die kunstgeschichtliche Stellung der Zisterzienserklöster des Bistums Breslau im Mittelalter, der die längst überfällige Auseinandersetzung mit den deutschtümelnden Thesen eines Hans Tintelnot zumindest einleitet.

Ist es Zufall, dass die mediävistischen und frühneuzeitlichen Beiträge der beiden Bände fundierter und abgewogener zu sein scheinen als diejenigen zur Späten Neuzeit und zur Zeitgeschichte? Vermutlich nicht. Mut ist den Herausgebern nicht abzusprechen, etwa wenn sie Olaf Blaschkes bereits andernorts publizierten provokanten, aber leider allzu berechtigten Thesen zum Antisemitismus im Katholizismus hier einen Raum geboten haben. Es gibt einige Texte, die man sich ausführlicher gewünscht hätte, wie etwa Andreas Gaydas anregende Überlegungen zum Altkatholizismus Oberschlesiens im Kulturkampf. Dann aber finden sich die traditionell unkritischen Stellungnahmen zur Rolle Kardinal Bertrams im Dritten Reich (mit Ausnahme des Beitrags von Joachim Köhler), Peter Chmiel gelingt es in seinem Text über die katholische Kirche Oberschlesiens im Spannungsfeld nationaler Konflikte nicht, die ausgetretenen Pfade des deutsch-polnischen Antagonismus zu verlassen. Erfreulich ist immerhin, dass der Trend der letzten Jahre aufgegriffen wird und die Zeit nach 1945 - vor allem das Schicksal der Vertriebenen und ihre Integration in der Bundesrepublik - nun auch wissenschaftlich behandelt wird, wobei durchaus auch Konfliktlinien dargestellt (Reiner Bendel über katholische Schlesier in der Vertreibung) werden und der Wunsch nach einer größeren Bedeutung der Ökumene angesichts des Bedeutungsverlustes der Heimatvertriebenenarbeit geäußert wird (Christian-Erdmann Schott). Zu Begrüßen ist ebenso, dass den meisten Beiträgen ein ausführliches Literaturverzeichnis beigefügt worden ist, das weitere Forschungen erleichtert.

Insgesamt bleibt jedoch ein etwas fader Beigeschmack. Offentlich gibt es zu wenig Autoren, die die Postulate der Herausgeber tatsächlich umsetzen konnten oder wollten. Das ist zu bedauern und bestätigt den Eindruck, dass Schlesienforschung in Zukunft überwiegend in Polen stattfinden wird. Freilich sind von dort auch nicht gerade methodische Revolutionen zu erwarten. Wer freilich einen Überblick über aktuelle Forschungsprobleme Schlesiens sucht, der sollte lieber zum (allerdings schwer zugänglichen) ersten Band des Breslauer Historikertags von 1999 greifen, der genau das bietet (1).

(1) Prze³omy w historii. XVI powszechny zjazd historyków polskich, Wroc³aw 15-18 wrzeœnia 1999 r. Pamiêtnik. Tom I. Toruñ 2000.
 

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