Für Polhist rezensiert von Dr. Klaus-Peter Friedrich (Marburg)
Im Mittelpunkt der Untersuchung
von Wojciech Jerzy Muszyñski stehen rechte polnische Untergrundblätter, die
unter der nationalsozialistischen Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg erschienen.
In der auf einer Magisterarbeit an der Universität Warschau beruhenden Publikation
wird das von der polnischen Geschichtswissenschaft über Jahrzehnte wenig beachtete
rechtsnationalistische, mit der Nationaldemokratie mehr oder weniger eng
verbundene Segment der Untergrundpresse erstmals systematisch erfaßt.
Muszyñski schildert eingangs die Entwicklung der untereinander zerstrittenen
rechtsnationalistischen polnischen Widerstandsgruppen von 1939 bis 1947 (!).
Aus ihrer Mitte formierten sich 1942 als bewaffneter Arm die NSZ, die zur
konspirativen, auf Integration ausgerichteten Sammlungsbewegung der Heimatarmee
(AK) in einem spannungsreichen Verhältnis standen. Diese war in den Augen
der Rechten zu eng mit dem Vorkriegsregime der Sanacja verbunden, welches
das sog. Nationale Lager bekämpft hatte. Erst 1944 ordnete sich ein Teil der
NSZ der AK unter, wodurch es zur Spaltung kam. Nachdem sich die Heimatarmee
im Januar 1945 aufgelöst hatte, setzten die NSZ den Widerstand gegen die Sowjetisierung
fort.
Im zweiten Kapitel bietet Muszyñski einen Überblick über die technischen
Bedingungen der konspirativen Pressearbeit unter der NS-Okkupation, während
Kapitel 3 die Blätter (jenseits) des rechten Randes der Nationaldemokratie,
nach Bezirken geordnet, einzeln vorstellt. Dabei berücksichtigt er neben den
expliziten NSZ-Organen einige Zeitungen, die nicht zur Hauptströmung der
Nationaldemokratie gehörten, darunter das Blatt der gleichnamigen Gruppe Wielka
Polska (Großes Polen) – nicht jedoch das nationaldemokratische Zentralorgan
Walka (Kampf) – und die Zeitungen jenes Flügels des Nationalradikalen Lagers,
der in den 1930er Jahren als ONR-ABC bekannt war, darunter den schon seit
Ende 1939 herausgegebenen Szaniec (Die Schanze) sowie Placówka (Die Feldwache)
und Za³oga (Die Mannschaft). Daneben hat Muszyñski eine Auswahl von Propagandabroschüren
herangezogen.
Der Verf. ist in diesem ersten Versuch, auch den Inhalt der Blätter zu analysieren,
darum bemüht, „die vielen falschen Stereotypen und negativen Meinungen“ von
den Nationalen Streitkräften (Narodowe Si³y Zbrojne, NSZ) „im Bewußtsein vieler
Polen“ zu berichtigen (S. 7). Diesem Zweck dient das folgende Kapitel, das
Kernstück des Bandes. Demnach verwarfen die Blätter den nationalsozialistischen
und kommunistischen Totalitarismus wie die demokratische Ordnung und setzten
ihnen das Ziel eines „Katholischen Staates Polnischer Nation“ entgegen, in
dem die nationalen Minderheiten (Ukrainer, Deutsche und Juden) keine politische
Gleichberechtigung genießen sollten. Das Kriegszielprogramm war nach Ost und
West expansionistisch – der von Polen nicht zu annektierende Rest Deutschlands
sollte unter dessen Nachbarn aufgeteilt werden und Polen zur Vormacht in Ostmitteleuropa
aufsteigen. Während Muszyñski für die Vorkriegsjahre die Rechte wegen ihres
„Judäozentrismus“ kritisiert (S. 27), glaubt er für die späteren Kriegsjahre
ein „Nachlassen der bisherigen antijüdischen Phobie“ feststellen zu können
(S. 281). Zu dem Umdenken habe die Auseinandersetzung mit Polens beiden äußeren
Feinden beigetragen – und 1942/43 die ablehnende Haltung gegenüber dem nazideutschen
Vernichtungswerk an den polnischen Juden. Andererseits macht der Verf. deutlich,
daß die rechtsnationalistische Presse an der antisemitischen Diskriminierung
in den Jahren zuvor nichts Außergewöhnliches fand (S. 285). Einen Beleg für
seine These, daß man schon Ende 1941 vom „kompromißlosen Vorkriegsantisemitismus“
Abstand genommen habe, erblickt Muszyñski in der Tatsache, daß die Zeitungen
überhaupt über die Judenvernichtung berichteten und daß sie für diese Begriffe
wie „Mord“ und „Gemetzel“ verwendeten. Außerdem entrüsteten sie sich über
den fehlenden Widerstand der Verfolgten und die Beteiligung von litauischen
und ukrainischen Helfern am Judenmord. 1943 habe man gar voll Mitgefühl über
den Aufstand im Warschauer Getto berichtet und schließlich keinen Unterschied
zwischen dem Leiden der Juden und dem der Polen gemacht, ja die Rassenideologie
und antisemitische Propaganda der Besatzer bloßgestellt! Der kundige Leser
reibt sich verwundert die Augen – denn zu dieser erstaunlichen (Fehl-)Interpretation
kann der Verf. nur gelangen, indem er polemische, gehässige oder schadenfrohe
Stimmen über alle Maßen verharmlost und die emotionale Eiseskälte, mit der
die Rechte über den Judenmord gewöhnlich zu informieren pflegte, nicht zur
Kenntnis nimmt. Und indem er den trotz allem unübersehbaren Antisemitismus
zu einem „rein verbalen und demagogischen“, dem Eifer des rechten publizistischen
Diskurses entspringenden apologetisch ,erklärt‘ (S. 313, 333). Keine Erklärung
liefert der Band hingegen für die schizophren anmutende Haltung der Rechten,
die das in ihren Augen allzu brutale Vorgehen der deutschen Antisemiten einerseits
angeblich stets verurteilten, andererseits jedoch in der Presse nachweisbar
mit immer neuen Planspielen hervortraten, auf welche Weise die jüdische Bevölkerung
nach dem Kriegsende zu entrechten und schnellstens zur Emigration aus Polen
und ganz Ostmitteleuropa zu zwingen sei – als wäre ihnen der Judenmord gar
nicht bewußt geworden.
Es ist freilich eine Sache, der kommunistischen Zensur und Propapanda nachzuweisen,
daß sie über Jahrzehnte ein Zerrbild von den NSZ gezeichnet hat, das sicherlich
der Korrektur bedarf. Denn anders als es diese hat weismachen wollen, waren
die Unabhängigkeitskämpfer der NSZ i.a. keine Kollaborateure und keineswegs
in vorderster Front an der Judenvernichtung beteiligt gewesen. Unschwer ist
aber aus den Darlegungen Muszyñskis auch die Aufforderung herauszulesen, den
einheimischen Antisemitismus deswegen zu rehabilitieren, weil er anders als
der rassistische der Nazis gewesen sei und mit dem Schicksal der Juden unter
der NS-Okkupation rein gar nichts zu tun gehabt habe.
Abgesehen von schwerwiegenden interpretatorischen Mißgriffen, die hier aus
Platzgründen nicht im einzelnen angeführt werden konnten – der Leser mag sich
anhand eines Vergleichs der Behauptungen Muszyñskis mit den zahlreich in
den Text eingestreuten ausgiebigen Originalzitaten davon selbst ein Bild machen
–, ist die Zäsur von 1945 dem Thema keineswegs angemessen. Wichtiger ist
der Einschnitt von 1947, als der bewaffnete antikommunistische Widerstand
weitgehend zerschlagen wurde. Das offizielle Kriegsende hatte für die NSZ
keine große Bedeutung, denn schon zuvor war – während man einem neuen Krieg
zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion entgegenfieberte – die Judenkommune
(¿ydokomuna) wieder an die Stelle des Hauptgegners getreten. Doch wie der
Verf. auch hier wenig überzeugend mitzuteilen weiß, hatte dieser Begriff mittlerweile
eine andere Bedeutung angenommen, die gar nichts mit Juden, aber alles mit
der Ablehnung des Kommunismus zu tun gehabt habe!