Wojciech Jerzy Muszyñski: W walce o Wielk¹ Polskê. Propaganda zaplecza politycznego Narodowych Si³ Zbrojnych (1939-1945) [Im Kampf um ein Großes Polen. Die Propaganda der politisch hinter den Nationalen Streitkräften (NSZ) stehenden Gruppen 1939-1945], Verlag Rekonkwista, Bia³a Podlaska, und Rachocki i S-ka, Warszawa 2000, 423 S., Abb., engl. Zusfass.

Für Polhist rezensiert von Dr. Klaus-Peter Friedrich (Marburg)

Im Mittelpunkt der Untersuchung von Wojciech Jerzy Muszyñski stehen rechte polnische Untergrundblätter, die unter der nationalsozialistischen Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg erschienen. In der auf einer Magisterarbeit an der Universität Warschau beruhenden Publikation wird das von der polnischen Geschichtswissenschaft über Jahrzehnte wenig beachtete rechtsnationalistische, mit der Nationaldemokratie mehr oder weniger eng verbundene Segment der Untergrundpresse erstmals systematisch erfaßt.
Muszyñski schildert eingangs die Entwicklung der untereinander zerstrittenen rechtsnationalistischen polnischen Widerstandsgruppen von 1939 bis 1947 (!). Aus ihrer Mitte formierten sich 1942 als bewaffneter Arm die NSZ, die zur konspirativen, auf Integration ausgerichteten Sammlungsbewegung der Heimatarmee (AK) in einem spannungsreichen Verhältnis standen. Diese war in den Augen der Rechten zu eng mit dem Vorkriegsregime der Sanacja verbunden, welches das sog. Nationale Lager bekämpft hatte. Erst 1944 ordnete sich ein Teil der NSZ der AK unter, wodurch es zur Spaltung kam. Nachdem sich die Heimatarmee im Januar 1945 aufgelöst hatte, setzten die NSZ den Widerstand gegen die Sowjetisierung fort.
Im zweiten Kapitel bietet Muszyñski einen Überblick über die technischen Bedingungen der konspirativen Pressearbeit unter der NS-Okkupation, während Kapitel 3 die Blätter (jenseits) des rechten Randes der Nationaldemokratie, nach Bezirken geordnet, einzeln vorstellt. Dabei berücksichtigt er neben den expliziten NSZ-Organen einige Zeitungen, die nicht zur Hauptströmung der Nationaldemokratie gehörten, darunter das Blatt der gleichnamigen Gruppe Wielka Polska (Großes Polen) – nicht jedoch das nationaldemokratische Zentralorgan Walka (Kampf) – und die Zeitungen jenes Flügels des Nationalradikalen Lagers, der in den 1930er Jahren als ONR-ABC bekannt war, darunter den schon seit Ende 1939 herausgegebenen Szaniec (Die Schanze) sowie Placówka (Die Feldwache) und Za³oga (Die Mannschaft). Daneben hat Muszyñski eine Auswahl von Propagandabroschüren herangezogen.
Der Verf. ist in diesem ersten Versuch, auch den Inhalt der Blätter zu analysieren, darum bemüht, „die vielen falschen Stereotypen und negativen Meinungen“ von den Nationalen Streitkräften (Narodowe Si³y Zbrojne, NSZ) „im Bewußtsein vieler Polen“ zu berichtigen (S. 7). Diesem Zweck dient das folgende Kapitel, das Kernstück des Bandes. Demnach verwarfen die Blätter den nationalsozialistischen und kommunistischen Totalitarismus wie die demokratische Ordnung und setzten ihnen das Ziel eines „Katholischen Staates Polnischer Nation“ entgegen, in dem die nationalen Minderheiten (Ukrainer, Deutsche und Juden) keine politische Gleichberechtigung genießen sollten. Das Kriegszielprogramm war nach Ost und West expansionistisch – der von Polen nicht zu annektierende Rest Deutschlands sollte unter dessen Nachbarn aufgeteilt werden und Polen zur Vormacht in Ostmitteleuropa aufsteigen. Während Muszyñski für die Vorkriegsjahre die Rechte wegen ihres „Judäozentrismus“ kritisiert (S. 27), glaubt er für die späteren Kriegsjahre ein „Nachlassen der bisherigen antijüdischen Phobie“ feststellen zu können (S. 281). Zu dem Umdenken habe die Auseinandersetzung mit Polens beiden äußeren Feinden beigetragen – und 1942/43 die ablehnende Haltung gegenüber dem nazideutschen Vernichtungswerk an den polnischen Juden. Andererseits macht der Verf. deutlich, daß die rechtsnationalistische Presse an der antisemitischen Diskriminierung in den Jahren zuvor nichts Außergewöhnliches fand (S. 285). Einen Beleg für seine These, daß man schon Ende 1941 vom „kompromißlosen Vorkriegsantisemitismus“ Abstand genommen habe, erblickt Muszyñski in der Tatsache, daß die Zeitungen überhaupt über die Judenvernichtung berichteten und daß sie für diese Begriffe wie „Mord“ und „Gemetzel“ verwendeten. Außerdem entrüsteten sie sich über den fehlenden Widerstand der Verfolgten und die Beteiligung von litauischen und ukrainischen Helfern am Judenmord. 1943 habe man gar voll Mitgefühl über den Aufstand im Warschauer Getto berichtet und schließlich keinen Unterschied zwischen dem Leiden der Juden und dem der Polen gemacht, ja die Rassenideologie und antisemitische Propaganda der Besatzer bloßgestellt! Der kundige Leser reibt sich verwundert die Augen – denn zu dieser erstaunlichen (Fehl-)Interpretation kann der Verf. nur gelangen, indem er polemische, gehässige oder schadenfrohe Stimmen über alle Maßen verharmlost und die emotionale Eiseskälte, mit der die Rechte über den Judenmord gewöhnlich zu informieren pflegte, nicht zur Kenntnis nimmt. Und indem er den trotz allem unübersehbaren Antisemitismus zu einem „rein verbalen und demagogischen“, dem Eifer des rechten publizistischen Diskurses entspringenden apologetisch ,erklärt‘ (S. 313, 333). Keine Erklärung liefert der Band hingegen für die schizophren anmutende Haltung der Rechten, die das in ihren Augen allzu brutale Vorgehen der deutschen Antisemiten einerseits angeblich stets verurteilten, andererseits jedoch in der Presse nachweisbar mit immer neuen Planspielen hervortraten, auf welche Weise die jüdische Bevölkerung nach dem Kriegsende zu entrechten und schnellstens zur Emigration aus Polen und ganz Ostmitteleuropa zu zwingen sei – als wäre ihnen der Judenmord gar nicht bewußt geworden.
Es ist freilich eine Sache, der kommunistischen Zensur und Propapanda nachzuweisen, daß sie über Jahrzehnte ein Zerrbild von den NSZ gezeichnet hat, das sicherlich der Korrektur bedarf. Denn anders als es diese hat weismachen wollen, waren die Unabhängigkeitskämpfer der NSZ i.a. keine Kollaborateure und keineswegs in vorderster Front an der Judenvernichtung beteiligt gewesen. Unschwer ist aber aus den Darlegungen Muszyñskis auch die Aufforderung herauszulesen, den einheimischen Antisemitismus deswegen zu rehabilitieren, weil er anders als der rassistische der Nazis gewesen sei und mit dem Schicksal der Juden unter der NS-Okkupation rein gar nichts zu tun gehabt habe.
Abgesehen von schwerwiegenden interpretatorischen Mißgriffen, die hier aus Platzgründen nicht im einzelnen angeführt werden konnten – der Leser mag sich anhand eines Vergleichs der Behauptungen Muszyñskis mit den zahlreich in den Text eingestreuten ausgiebigen Originalzitaten davon selbst ein Bild machen –, ist die Zäsur von 1945 dem Thema keineswegs angemessen. Wichtiger ist der Einschnitt von 1947, als der bewaffnete antikommunistische Widerstand weitgehend zerschlagen wurde. Das offizielle Kriegsende hatte für die NSZ keine große Bedeutung, denn schon zuvor war – während man einem neuen Krieg zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion entgegenfieberte – die Judenkommune (¿ydokomuna) wieder an die Stelle des Hauptgegners getreten. Doch wie der Verf. auch hier wenig überzeugend mitzuteilen weiß, hatte dieser Begriff mittlerweile eine andere Bedeutung angenommen, die gar nichts mit Juden, aber alles mit der Ablehnung des Kommunismus zu tun gehabt habe!

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