Anetta Rybicka: Instytut Niemieckiej Pracy Wschodniej – Institut für Deutsche Ostarbeit. Kraków 1940-1945. Warszawa: Wydawnictwo DiG 2002. 196 S.

Rezensiert von Dr. Markus Krzoska (Mainz/Trier)

Es geschieht in Polen mit seinem nach wie vor hierarchisch aufgebauten Wissenschaftssystem extrem selten, dass die Qualifikationsarbeit eines Historikers/einer Historikerin ein landesweites Echo findet, ja größtenteils empörte Reaktionen auslöst.
Zunächst einmal fällt ins Auge, dass die Warschauer Dissertation von Anetta Rybicka sich eines Themas annimmt, das trotz der mittlerweile etwa 15jährigen Diskussion über die deutsche Ostforschung bzw. die Geschichtswissenschaft und andere Disziplinen im Zweiten Weltkrieg bisher keine Bearbeitung in Form einer Monographie gefunden und auch ansonsten nur wenig Aufmerksamkeit erregt hatte. (1). Dies ist um so überraschender, als sich am Beispiel des Institutes einige Elemente sowohl der NS-Wissenschaftspolitik wie auch der Besatzungspolitik im Generalgouvernement sehr gut veranschaulichen lassen, etwa die Existenz einer polymorphen Struktur mit den entsprechenden Grabenkämpfen um politischen und persönlichen Einfluss.
Die Verfasserin stützt sich in ihrer vom langjährigen Direktor der polnischen Staatsarchive Marian Wojciechowski betreuten Arbeit in erster Linie auf Archivmaterialien aus dem Bundesarchiv Berlin, dem Archiv der Jagiellonen-Universität Krakau, dem Krakauer Staatsarchiv und dem Archiv Neuer Akten in Warschau sowie auf zeitgenössische Pressematerialien.
Rybicka schildert die Entwicklung des auf eine Initiative des Generalgouverneurs Hans Franks vom 16.3.1940 hin gegründeten Instituts in Bezug auf Organisationsform, Forschungsinhalte und Mitarbeiterstab. Ihr besonderes Interesse gilt den historischen Arbeiten und den Raumplanungsforschungen.

Die Einordnung des Krakauer Instituts in den Kontext der Ostforschung leidet darunter, dass die Verfasserin keine der in den letzten Jahren erschienenen grundlegenden Texte mit Ausnahme der Pionierarbeit Michael Burleighs miteinbezogen hat (2). Nur dadurch ist es zu erklären, dass etwa die Nordostdeutsche Forschungsgemeinschaft, die ihren Sitz in Breslau gehabt habe, als Filiale der „Publikationsstelle Dahlem“ bezeichnet wird (S. 11 bzw. 12), wo letztere doch eher als – wenn auch zentrale – Geschäftsstelle der NOFG fungierte. Nichtsdestotrotz kommt Rybicka zu interessanten Ergebnissen. Sie arbeitet die zentrale Rolle der führenden Ostforscher Hermann Aubin und Albert Brackmann bei der Entstehung des Ost-Institutes heraus, nachdem Generalgouverneur Hans Franks Plan einer endogenen Krakauer Gründung zunächst am Fehlen entsprechender Experten gescheitert war. Aubin war zweifellos bestrebt, neue Karrieremöglichkeiten für die nächste Generation von Ostforschern schaffen, weswegen er auch den jungen Brackmann-Schüler Gerhard Sappok als Geschäftsführer des Instituts vorschlug. Frank beabsichtigte sich jedoch das Heft nicht aus der Hand nehmen lassen und beschloss, weiterhin Krakauer Wissenschaftler zu suchen und Sappok sogar zum wissenschaftlichen Leiter der Einrichtung zu machen, um Aubins Einfluss zu beschneiden. Als das Institut aber im April 1940 formell als Behörde mit dem Ziel gegründet wurde, alle das Generalgouvernement betreffenden Fragen des Ostens zu erforschen, die Ergebnisse zu publizieren und zu popularisieren, erwies es sich angesichts des Krieges als überaus schwierig, qualitativ geeignete Mitarbeiter zu finden. Die Entmachtung und Entlassung Sappoks bzw. seine Ersetzung durch Wilhelm Coblitz, der in den folgenden vier Jahren zur dominierenden Figur der Institutsarbeit werden sollte, bedeutete bereits im Herbst 1940 einen Wendepunkt. Der Einfluss der klassischen Ostforscherklientel ging zurück, auch wenn Aubin und andere weiterhin Aufsätze für die Institutszeitschrift „Die Burg“ verfassten. Immerhin entstanden aber bald elf verschiedene wissenschaftliche Sektionen und unter den Mitarbeitern finden sich Personen, die nach 1945 ihre Karriere fortsetzen konnten, etwa der spätere namhafte DDR-Vor- und Frühgeschichtler Werner Radig, der Kieler Ökonom Helmut Meinhold oder der Münchner Geograph Hans Graul (3). Zudem versuchten einige Nachwuchswissenschaftler von den Krakauer Möglichkeiten zu profitieren, wie z.B. Herbert Ludat, der zwei Anläufe unternahm, um in der Hauptstadt des Generalgouvernements unterzukommen.
Der Ausbau des Instituts ging trotz des Krieges relativ zügig vonstatten. Zweigstellen in Warschau und nach erfolgter Besetzung in Lemberg wurden eingerichtet. Insgesamt waren – wie die Verfasserin anhand von Namenslisten nachweist – in der Zeit des Bestehens 344 Menschen in irgendeiner Form am Institut beschäftigt, davon 150 Polen. Dass es zunächst eine der Hauptaufgaben der Mitarbeiter war, die zu den Themenbereichen existierende polnische Literatur zu sichten, zu „widerlegen“ und vor allem verächtlich zu machen, kann angesichts des allgemeinen Profils der Ostforschung nicht weiter verwundern. Bei der Analyse der Publikationen des Instituts beschränkt sich die Verfasserin leider zumeist auf deren inhaltliche Wiedergabe, ohne die Ergebnisse im internationalen Forschungskontext der damaligen Zeit zu verorten. Bei der ausführlichen Darlegung der Thesen von Büchern von Manfred Laubert, Ernst Birke, Ellinor von Puttkamer und anderen stellt sich die Frage, was diese Publikationen außer ihrer Aufnahme in Reihen des Ost-Institutes sensu stricto mit Krakau zu tun hatten. Institutsmitarbeiter waren die genannten alle nicht. Wenigstens in Bezug auf die deutsch-polnische Kontroverse über die Entstehung der polnischen Staatlichkeit zeichnet Rybicka die Auseinandersetzungen detailliert nach (S. 96-102).
Erfreulich ist, dass sie innerhalb der besprochenen Arbeiten differenziert und darauf hinweist, dass auch für deren Autoren trotz der vorgegebenen politischen Linie Variationsmöglichkeiten bei der Darstellung des deutsch-polnischen Verhältnisses bestanden haben. Sie unterscheidet hierbei zwischen einer vollständigen Ablehnung polnischer Literatur (etwa bei dem berüchtigten Leiter des Referats für judenkundliche Forschungen, Josef Sommerfeldt) über ihre faktographische Erfassung (bei von Puttkamer), polemische Behandlung (bei Ludat) bis hin zu einer „spezifisch-kritischen“ Haltung (bei Laubert). Bei den Arbeiten zur Raumplanung und den Konzepten einer Industrialisierung des Generalgouvernements verweist Rybicka wie in anderen Themenfeldern auch auf die mangelhafte Originalität der Autoren, die sich nicht zu schade waren, Thesen und Ergebnisse anderer Herkunft einfach zu übernehmen. Ausgangspunkt war z.B. die 1941 in Krakau erschienene Schrift „Die Wirtschaftsstruktur des Generalgouvernements“ von Peter-Heinz Seraphim. Hier wiederholte sich freilich eine Erfahrung, die andere deutsche Wissenschaftler, die sich den NS-Behörden eilfertig anboten, schon zuvor machen mussten: ihre Ergebnisse hielten mit den politischen Veränderungen nicht Schritt.
Bei der Schilderung antisemitischer Elemente in einzelnen Arbeiten geht die Verfasserin davon aus, dass deren Autoren von vornherein die physische Vernichtung der Juden für wünschenswert hielten. So plausibel diese Argumentation im Allgemeinen ist, so wenig kann sie sie im Detail beweisen. Die Formulierung, dass die „Endlösung“ für die Institutsmitarbeiter „natürlich“ gewesen sei und „keine Zweifel geweckt habe“ (S. 115), schießt in ihrer Pauschalität über das Ziel hinaus.
Nach 1942 erfuhr die Institutstätigkeit entscheidende Veränderungen. Die deutschen militärischen Niederlagen ließen sich nicht länger ignorieren, immer mehr Personal wurde zudem in die Wehrmacht eingezogen. Die Forschungen waren immer stärker am Epitheton „kriegswichtig“ orientiert. Konkret bedeutete dies einen Bedeutungsgewinn der „Wehrwissenschaften“ Chemie, Biologie und Geologie. Rybicka macht die neuen Aufgaben nicht mehr am Einfluss des Generalgouverneurs, sondern an Direktiven der Reichsregierung fest. Spätestens 1944 aber begannen die Planungen für eine Verlegung des Institutes ins Reichsinnere. Zudem scheint es, dass die verbliebenen Mitarbeiter nun bei weitem nicht mehr ausgelastet waren und sich anderen, oft persönlich motivierten Tätigkeiten widmeten. Die wichtigsten Institutsteile landeten schließlich auf zwei Burgen in Bayern, wo auch die Auflösungsverfügung der amerikanischen Besatzungsmacht zugestellt wurde; eine Parallele zu so vielen anderen Einrichtungen aus dem Osten...
Rybicka schließt ihr Buch mit einem knapp 15-seitigen Kapitel zur Rolle der Polen im Institut ab, das wie oben erwähnt Auslöser heftigster Kontroversen in der polnischen Öffentlichkeit geworden ist (4). Sie spricht dabei eine Tatsache an, die in der Tat in den letzten 50 Jahren weitgehend verschwiegen worden ist. Ihr Ausgangspunkt sind letztlich die Unterschiede in der Beurteilung der Mitarbeit von Polen in den deutschen Akten und in den privaten und öffentlichen Stellungnahmen der Beteiligten unmittelbar nach 1945. In Institutsunterlagen firmiert die Mitwirkung von Polen häufig als „nützlich“ und „hilfreich“, die Betroffenen selber sprachen von „Sabotage“ und „Manipulationen“, die sie selber ausführten. Es geht Rybicka zunächst um einige prominente Wissenschaftler wie die Krakauer Universitätsprofessoren Mieczys³aw Ma³ecki und W³adys³aw Semkowicz, die neben vielen anderen Intellektuellen in deutsche KZ’s verschleppt worden waren und nach ihrer Freilassung Arbeit suchen mussten (5). Vorwürfe der Kollaboration waren schon nach Kriegsende erhoben worden. In den meisten Fällen konnten die Betroffenen aber nachweisen, dass sie mit Einverständnis des polnischen Untergrunds und/oder führender Vertreter der Gesellschaft wie des Erzbischofs oder des Universitätsrektors gehandelt hatten. Rybicka kritisiert dennoch das Verhalten der polnischen Wissenschaftler und auch der einfachen Angestellten des Ost-Instituts. Es habe selbst in jenen Jahren genügend andere Möglichkeiten gegeben, sein Auskommen zu finden, etwa im geheimen Untergrundunterricht. Sie übersieht dabei allerdings die Tatsache, dass große Teile der polnischen Intelligenz von den deutschen Besatzern verfolgt, verhaftet und getötet wurden. Vor diesem Hintergrund erscheint die – größtenteils nachrangige – Mitarbeit an einem Propagandainstitut als das deutlich kleinere Übel. Kollaboration wird man dieses Verhalten wohl kaum nennen dürfen, mussten die Betroffenen doch jederzeit damit rechnen, in Ungnade zu fallen. Man muss jedoch hinzufügen, dass in vielen dieser Grauzonen noch Einiges an Aufklärung nötig sein wird, um zu differenzierten Urteilen zu kommen. Hierzu gehört auch das Mitwirken polnischer Naturwissenschaftler wie des in letzter Zeit als Wissenschaftstheoretiker wieder entdeckten Ludwik Fleck bei NS-Großversuchen im medizinischen Bereich. Die innerpolnische Debatte hierüber steht noch ganz am Anfang, die hysterischen Reaktionen z.B. in der sich immer mehr als Boulevardblatt gerierenden Wochenzeitung „Wprost“, die in erster Linie auf die reißerische und das eigentliche Thema des Buches verzerrende Werbung des Verlages zurückzuführen waren, werden der Publikation nicht gerecht.

Als Bilanz kommt Rybicka zu dem Ergebnis, dass das Institut sich zwar zumindest in seiner Anfangszeit bemüht habe, seine Aufgaben wahrzunehmen, es aber von Fachkreisen eher belächelt worden sei. Dilettantismus und Ignoranz seien herausragende Eigenschaften des Personals, besonders des Direktors Coblitz, gewesen. Allerdings habe auch die für Deutschland negative Kriegsentwicklung kontinuierliches Arbeiten mit fähigen Kräften verhindert. Die Bezeichnung „Institut für Ostarbeit“ sei im übrigen angemessen gewesen, sei es doch zu keiner Zeit um Wissenschaft mit dem Ziel der Wahrheitssuche gegangen. Dass sie dabei der traditionellen „Ostforschung“ eben jene Wahrheitssuche zugesteht, ist ein überraschendes Nebenprodukt der Bewertung des Instituts, an deren Stimmigkeit man durchaus seine Zweifel haben darf.

Insgesamt ist trotz der Kritikpunkte eine solide Arbeit entstanden, die das Wissen über die Krakauer Vorgänge während der Besatzungszeit durchaus erweitert. Wenn es gelingt, diese Ergebnisse mit denen anderer Forschungen zur Geschichte deutscher Besatzungseinrichtungen auf dem Gebiet der Wissenschaft zu verknüpfen, ist es durchaus wahrscheinlich, dass wir in einigen Jahren erstmals einen echten Überblick über Wesen und Inhalt der NS-Wissenschaftspolitik in Polen verknüpft mit den Aktivitäten im Reich erhalten.


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(1) Wenn man von einigen polnischen Arbeiten hierzu absieht, widmeten sich dem Institut in ausführlicherer Form lediglich die DDR-Historiker Gerd Voigt in „September 1939“, hrsg. v. Basil Spiru, Berlin 1959, S. 109-123, und Rudi Goguel in seinem Buch „Über die Mitwirkung deutscher Wissenschaftler am Okkupationsregime in Polen im Zweiten Weltkrieg...“, Berlin 1964, sowie in einer unveröffentlichten Magisterarbeit Michael G. Esch (Düsseldorf, 1989).
(2) Michael Burleigh, Germany Turns Eastwards, Cambridge 1988; Martin Burkert, Die Ostwissenschaften im Dritten Reich. Teil I: 1933-1939, Wiesbaden 2000; Michael Fahlbusch, Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die „Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften“ von 1931-1945, Baden-Baden 1999; Ingo Haar, Historiker im Nationalsozialismus. Deutsche Geschichtswissenschaft und der „Volkstumskampf“ im Osten. Göttingen 2000; Eduard Mühle, „Ostforschung“. Beobachtungen zu Aufstieg und Niedergang eines geschichtswissenschaftlichen Paradigmas, in: Zeitschrift für Ostmitteleuropaforschung 46 (1997), Nr. 3, S. 317-350. Die Liste ließe sich beliebig verlängern.
(3) Siehe dazu auch Götz Aly; Susanne Heim, Ein Berater der Macht. Helmut Meinhold oder der Zusammenhang zwischen Sozialpolitik und Judenvernichtung, Hamburg;Berlin 1986.
(4) Die angesehene Krakauer katholische Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“ widmete diesem Thema zwischen Mai und August 2003 eine Reihe von Beiträgen. Eine Übersicht über die Artikel u.a. von Marcin Kula, Andrzej Paczkowski und Tomasz Szarota befindet sich unter: http://tygodnik.onet.pl/1544,5547,0,1,tematy.html
(5) Zur Verhaftung der Krakauer Professoren siehe Jochen August, „Sonderaktion Krakau“. Die Verhaftung der Krakauer Wissenschaftler am 6. November 1939, Hamburg 1997.


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