Oberschlesien nach dem Ersten Weltkrieg. Studien zu einem nationalen Konflikt
und seiner Erinnerung. Hrsg. von Kai Struve. Marburg 2003. 160 S. € 20,00
(= Tagungen zur Ostmitteleuropa-Forschung; 19)
Rezensiert von Dr. Markus Krzoska (Mainz/Trier)
Die Geschichte Oberschlesiens in der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts ist in der ernst zu nehmenden deutschen Geschichtswissenschaft
kein wirklich wichtiges Thema. In Polen dagegen stellt sie nicht nur einen
konstitutiven Bestandteil der eigenen Konstruktion von Vergangenheit dar,
sondern ist auch nach wie vor von einem stabilen Weiterwirken nationaler
Argumentationslinien geprägt. Diese beiden zugespitzten Aussagen bestätigt
der vorliegende Band, der die Beiträge einer Oppelner Tagung aus dem Jahre
2001 vereinigt. Dem Herausgeber Kai Struve ist die Tatsache bewusst,
dass er sich auf schwierigem Terrain bewegt und er sich mit dem begnügen
muss, was ihm an Texten angeboten wird. Seine hervorragende, auf dem neuesten
Forschungsstand beruhende Einleitung über Geschichte und Gedächtnis in Oberschlesien
hätte Besseres verdient gehabt als die Mehrzahl der darauf folgenden Texte.
Sie zeigt statt dessen aber eindrucksvoll den Bedarf an wirklich innovativen
und politisch ausgewogenen Arbeiten wie sie auf polnischer Seite Wissenschaftler
wie z.B. Tomasz Kamusella und Bernard Linek in den letzten Jahren verfasst
haben (1).
Der Band umfasst sieben Beiträge, vier davon gehen auf längere Publikationen
zurück, deren Ergebnisse hier in Teilen zusammengefasst werden. Roland
Gehrke (Stuttgart) beschäftigt sich mit den territorialen Ansprüchen
der polnischen Nationalbewegung auf Oberschlesien, Pia Nordblom (Mainz)
mit der Lage der Deutschen in Polnisch-Oberschlesien nach 1922 (2). Ein wie
weiter Weg noch zurückzulegen sein wird, zeigt Wies³aw Lesiuks (Oppeln)
Beitrag über die Entstehung und Entwicklung des deutsch-polnischen Konflikts
in Oberschlesien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zwar bietet der Verfasser,
worauf auch der Herausgeber hinweist, in Nuancen ein gegenüber den 70er und
80er Jahren leicht modifiziertes Geschichtsbild, doch enthält der Text jede
Menge sachlich nicht zutreffender Feststellungen, die sich von den Quellen
nicht belegen lassen und sogar konträr zu neueren Forschungsergebnissen stehen.
Symptomatisch dafür ist, dass die "dritte Option", eine oberschlesische Autonomiebewegung,
ganz im Kontext der polnischen Forschung, die sie lediglich als Feigenblatt
der deutschen Machenschaften sah, nicht vorkommt. Formulierungen wie "Die
oberschlesische Bevölkerung polarisierte sich nun so stark wie niemals zuvor
in zwei sich feindlich gegenüberstehende politisch-nationale Lager" (S. 33)
oder "Immer weitere Kreise erlangten schrittweise ein polnisches Nationalbewußtsein,
besonders unter Konfliktbedingungen" (S. 43) stellen unzulässige Vereinfachungen
der komplexen Lage Oberschlesiens dar. Da helfen auch breit eingestreute
Zitate aus der Schlesien-Sektion des Polnischen Historikertages von 1998
nichts. Dagegen liefert Waldemar Grosch (Freiburg) in Anknüpfung an
seiner Mainzer Dissertation einige interessante Ergebnisse über die deutsche
und polnische Propaganda in der Zeit der Aufstände und des Plebiszits (3).
Auch wenn er es stellenweise nicht vermeiden kann, deutsche Propagandaformulierungen
unreflektiert zu übernehmen, z.B. in den Behauptungen, polnische Oberschlesier
hätten sich immer auf alliierten Schutz verlassen können (S. 73) oder die
deutschen Vorwürfe seien in ihrer Drastizität weit hinter der polnischen
Konkurrenz zurückgeblieben (S. 74). Insgesamt liefert er aber ein ausgewogenes,
sachliches Bild der Propaganda, das er um eine quantitative Analyse ergänzt.
Diese kommt zu dem in dieser Deutlichkeit bisher selten gelesenen Ergebnis,
dass die wirtschaftliche und soziale Lage der Oberschlesier, und nicht ihre
nationalen Interessen über den Ausgang der Volksabstimmung vor allem entschieden
haben. Marek Masnyk (Oppeln) stellt die Lage der Polen im Regierungsbezirk
Oppeln in der Zwischenweltkriegszeit weitgehend zutreffend dar, geht aber
dabei nicht über seine Ergebnisse aus einer früheren Studie hinaus (4). Den
Band ergänzen zwei Texte von Adam Suchoñski (Oppeln) über das Plebiszit
und die schlesischen Aufstände in den polnischen und deutschen Geschichtsbüchern
sowie von Svenja Büsching (Münster) über die Aufstände in deutschen
Schulbüchern.
Es besteht also weiterhin deutlicher Handlungsbedarf in den Forschungen zur
Geschichte Oberschlesiens. Schade, dass das Projekt zu einem trinationalen
Handbuch der Geschichte Oberschlesiens offenkundig zu den Akten gelegt worden
ist...
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(1) V.a. Tomasz Kamusella, Schlonzko. Horní Slezsko, Oberschlesien, Górny
Œl¹sk. Eseje o regionie i jego mieszkañcach, Elbl¹g 2001; Bernard Linek,
Die deutsche und polnische nationale Politik in Oberschlesien 1922-1989,
in: Die Grenzen der Nationen. Identitätenwandel in Oberschlesien in der Neuzeit,
hrsg. v. Kai Struve und Bernard Linek, Marburg 2002, S. 137-167. Dieser Sammelband
bietet überhaupt im Vergleich zum vorliegenden die interessanteren Beiträge.
Hierzu gehört aber auch die gelungene Darstellung der Aufstandsgeschichte
durch Marek Czapliñski in der neuesten, von ihm selbst herausgegebenen "Historia
Œl¹ska" (Wroc³aw 2002) sowie die auch von Struve hervorgehobene Interpretation
von Maria Wanda Wanatowicz ("Historia spo³eczno-polityczna Górnego Œl¹ska
i Œl¹ska Cieszyñskiego w latach 1918-1945", Katowice 1994, S. 22-41).
(2) Roland Gehrke, Der polnische Westgedanke bis zur Wiedererrichtung des
polnischen Staates nach Ende des Ersten Weltkrieges, Marburg 2001; Pia Nordblom,
Für Glaube und Volkstum. Die katholische Wochenzeitung "Der Deutsche in Polen"
(1934-1939) in Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, Paderborn
2000.
(3) Waldemar Grosch, Deutsche und polnische Propaganda während der Volksabstimmung
in Oberschlesien 1919-1921, Dortmund 2002.
(4) Marek Masnyk, Dzielnica I Zwi¹zku Polaków w Niemczech (1923-1939), Opole
1994.
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