"Du glaubst gar nicht, was es bedeutet, unter Leuten
zu leben, die uns nicht gewachsen sind [...] Wenn wir schon früher ausgereist
wären, hätten wir woanders hinziehen können, aber jetzt werden wir nur in
die sowjetische Zone kommen. Kann man da auch leben? Wir wollen nach Deutschland,
denn unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden." Diese Worte einer
Einwohnerin aus Tost bei Gleiwitz, geschrieben an eine Adressatin in Bayern
im Dezember 1948, abgefangen von der polnischen Staatssicherheit, spiegeln
vorzüglich die Lage im polnische gewordenen Oberschlesien wider, wie sie
aus den in diesem Teilband abgedruckten Dokumenten eindrucksvoll hervorgeht,
hier die Perspektive der Opfer, die gleichwohl ihren alten Hochmut allem
Slavischen gegenüber nicht verloren haben und sich nach "Großdeutschland"
sehnen. Dieser Blick stellt eher die Ausnahme dar, geht es doch in der Reihe,
deren zweiter Band nun in deutscher Sprache vorliegt, in erster Linie um
die offizielle Politik der staatlichen polnischen Stellen hin zu einer völligen
Ausmerzung alles Deutschen aus dem öffentlichen Leben des nach Westen verschobenen
Polen.
Dieser Band, der - aus inhaltlich nicht näher erläuterten Gründen - die Dokumente
aus Zentralpolen und Oberschlesien enthält, knüpft an den ersten, ebenfalls
in dieser Liste besprochenen
ersten Teil aus
dem Jahre 2000 an. Die Ausgabe in polnischer Sprache liegt seit Längerem
komplett vor.
Die erste, von Jerzy Kochanowski bearbeitete und mit einer kundigen Einführung
versehene Hälfte beschäftigt sich mit den damaligen Wojewodschaften Warschau,
Lodz und einem Teil der Wojewodschaft Krakau. Diese Einheiten wurden aufgrund
der Zahl der Deutschen wie auch ihrer "deutlich erkennbaren Andersartigkeit"
im Vergleich zu den in Pommerellen, Großpolen und Schlesien lebenden Landsleuten
ausgewählt (S. 3). Hier fanden sich auch in Bezug auf die Aussiedlung Unterschiede
zu anderen Gegenden, so fehlten etwa Sammel- und Etappenpunkte ausschließlich
für Deutsche, eine genaue zahlenmäßige Erfassung ist schwierig und hinsichtlich
der "wilden" Vertreibungen vor dem Potsdamer Abkommen gibt es kaum Dokumente.
Statt dessen liegt eine große Menge von auf Einzelfälle bezogenen Akten und
Personalakten vor. Der Hauptteil der ausgewählten Materialien stammt aus den
Staatsarchiven von Warschau, Lodz und Krakau. Die Einleitung Kochanowskis
liefert einige wertvolle Informationen zur historischen Einordnung der Ereignisse
nach 1945, sei es in Bezug auf die Zwischenweltkriegszeit oder die Kriegsjahre
von 1939 bis 1945. Behandelt werden u.a. die Unterschiede zwischen Volks-
und Reichsdeutschen und die Frage der sog. "Volksliste", die der Autor ohne
Emotionen betrachtet haben möchte. Er weist auch auf die häufig wirtschaftlichen
Motive für ihre Zeichnung an, ein Moment, das generell bei den Vertreibungsmaßnahmen
des 20. Jahrhunderts zu wenig berücksichtigt wird. Die schlichte menschliche
Gier war sicherlich ein Hauptgrund für das Verhalten weiter Bevölkerungsteile
den Schwächeren gegenüber, sei es die der Deutschen gegenüber den Juden im
Dritten Reich und im besetzten Polen oder umgekehrt nach 1945 den Deutschen,
aber auch den zurückkehrenden Juden gegenüber in Polen.
Angesichts der rasch näher rückenden Front bestanden für die Deutschen Zentralpolens
kaum Chancen auf Evakuierung oder eine vorbereitete Flucht. Dem Terror und
Verbrechen der Roten Armee und lokaler polnischer Kräfte waren sie somit
besonders ausgeliefert, wobei die sowjetischen Truppen wenig zwischen den
Nationalitäten differenzierten. Dabei war die Situation auf dem Land in der
Regel kritischer als in den Städten. Die im Buch abgedruckten Dokumente behandeln
den Umgang mit den Volksdeutschen, Fragen der Verifizierung von "Autochthonen",
die Zustände in den Lagern, die Organisation der Zwangsaussiedlung und vieles
mehr. Die Vielfalt der Methoden des Umgangs ist dabei besonders auffällig.
Einzelfälle zeigen die schwierige Lage, in der sich die Bevölkerung befand.
Als Beispiel mag die Situation in Wilmesau/Wilamowice (Kreis Biala) dienen.
In dieser sogenannten "deutschen Sprachinsel" hatten sich 3/4 der Bevölkerung
in die Volkslisten III und IV eingetragen und sollte verifiziert werden.
Die Einwohner aus den angrenzenden Orten erzwangen die Vertreibung der Wilmesauer
von ihren gut bewirtschafteten Höfen, und zwar "sowohl aus patriotischen
wie aus auch materiellen Gründen", wie der Wojewode von Krakau im April 1946
schrieb (Dokument Nr. 33). Was die Lebensbedingungen in den Lagern angeht,
so wird einmal mehr die schon in früheren Arbeiten zum Thema aufgestellte
These belegt, dass der menschenunwürdige Umgang mit den Gefangenen nicht
in Warschau dekretiert wurde, sondern aus den Verhältnissen vor Ort erwuchs.
Gleiches gilt auch z.B. für die Kennzeichnungspflicht für Deutsche im öffentlichen
Leben, die die Staats- und Parteiführung ablehnte.
Der zweite, Oberschlesien betreffende Teil wurde von Ingo Eser und Jerzy
Kochanowski bearbeitet. Die Quellenlage war hier um vieles komplizierter,
weil sich dort nicht nur territoriale Probleme, sondern auch solche der Bevölkerungsstruktur
oder der Wirtschaft überlagerten. Die Auswahl des Materials musste schon
aufgrund der reinen Menge "radikal selektiv" erfolgen, die meisten Akten
stammten aus dem Warschauer Archiwum Akt Nowych. Akten des Amtes für Öffentliche
Sicherheit waren ebensowenig zugänglich wie - wieder einmal - solche aus
kirchlichen Archiven. Sehr frühzeitig finden sich in den Dokumenten Berichte
über die Stimmungslage der Bevölkerung, über die Aktivitäten von - echten
oder konstruierten - Untergrundorganisationen, die Beziehungen zwischen einheimischer
Bevölkerung, Zugewanderten und der Roten Armee. Der Einsatz von Deutschen
als billige Arbeitskräfte, ihre Verbringung in Lager und anschließende Ausweisung,
die Doppelherrschaft von Roter Armee und polnischen Behörden sind schon an
anderer Stelle behandelt worden, etwa in den wegweisenden Arbeiten von Piotr
Madajczyk und Bernard Linek. Dennoch überrascht anhand der ausgewählten Dokumente,
wie gründlich die staatliche Politik gegenüber den "Autochthonen" in Oberschlesien
fehlschlug. Nur durch nackte Repression ließen sich die Verordnungen der
Verwaltung umsetzen, etwa in dem grotesken Kampf gegen die deutsche Sprache
in der Öffentlichkeit. Man beseitigte nicht nur alle Spuren des Deutschtums
in den Straßen, sondern bekämpfte auch deutsche Vorkriegswerbung auf polnischem
Schokoladenpapier. Selbst die Vornamen gefallener deutscher Soldaten wurden
auf den Grabkreuzen polonisiert (S. 652/653). Bücher in deutscher Sprache
sollten eingezogen oder zerstört werden "und der Erlös daraus soll für die
Herausgabe eines polnischen Liederbuches für die einheimische Bevölkerung
[...] verwendet werden" (S. 657).
Am Rande sei vermerkt, dass die bis heute in Polen anzutreffende Auffassung,
die Vertreibung der Deutschen sei eine Folge der Politik der Siegermächte
gewesen, durch ein Dokument eindeutig widerlegt wird. Die Gesellschaftspolitische
Abteilung des Kattowitzer Wojewodschaftsamtes instruierte mit einem Schreiben
an die Starosten und Stadtpräsidenten vom 24.8.1946 diese u.a.: "Die Aussiedlungsaktion
der Deutschen ist in unserem staatlichen Leben keine Folge des Willens anderer
Nationen, sondern im wahrsten Sinne eine Konsequenz unserer - der polnischen
Nationalitätenpolitik. Oberste Devise dieser Aktion ist unser staatliches
und nationales Interesse" (Dokument Nr. 299, S. 534).
Auf zwei editorische Probleme soll abschließend hingewiesen werden. Der
Zentralpolen-Teil enthält in der Regel ausgeschriebene Familiennamen auch
von Opfern. Dies scheint aus Datenschutzgesichtspunkten doch recht problematisch
zu sein, etwa wenn in Dokument Nr. 43 aus einem Buch für Disziplinarstrafen
des Arbeitslagers Jaworzno zitiert wird. Im Oberschlesien-Teil sind die Nachnamen
- wie allgemein üblich - nur abgekürzt lesbar. Störend bei der Lektüre erweist
sich die Kennzeichnung der Ortsnamen, die in der Regel in ihrer polnischen
und deutschen (nationalsozialistischen) Variante in den Dokumenten erwähnt
werden. Die Verwendung der nach 1935 eingeführten Namen ist in Quellen aus
der Zeit nach 1945 nicht nur ahistorisch, sie behindert auch den Lesefluss.
Ein umfangreicheres Ortsregister hätte hier bessere Dienste geleistet, v.a.
dann, wenn man dort nicht von den historischen auf die NS-Namen verwiesen
hätte.