Die Deutschen östlich von Oder und Neiße 1945-1950. Dokumente aus polnischen Archiven. Bd. 2: Zentralpolen / Wojewodschaft Schlesien (Oberschlesien). Hrsg. von W³odzimierz Borodziej und Hans Lemberg. Marburg: Verlag Herder-Institut 2003. VIII, 768 S. € 75,00 (=Quellen zur Geschichte und Landeskunde Ostmitteleuropas, 4/II)

Rezensiert von Dr. Markus Krzoska (Mainz)

"Du glaubst gar nicht, was es bedeutet, unter Leuten zu leben, die uns nicht gewachsen sind [...] Wenn wir schon früher ausgereist wären, hätten wir woanders hinziehen können, aber jetzt werden wir nur in die sowjetische Zone kommen. Kann man da auch leben? Wir wollen nach Deutschland, denn unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden." Diese Worte einer Einwohnerin aus Tost bei Gleiwitz, geschrieben an eine Adressatin in Bayern im Dezember 1948, abgefangen von der polnischen Staatssicherheit, spiegeln vorzüglich die Lage im polnische gewordenen Oberschlesien wider, wie sie aus den in diesem Teilband abgedruckten Dokumenten eindrucksvoll hervorgeht, hier die Perspektive der Opfer, die gleichwohl ihren alten Hochmut allem Slavischen gegenüber nicht verloren haben und sich nach "Großdeutschland" sehnen. Dieser Blick stellt eher die Ausnahme dar, geht es doch in der Reihe, deren zweiter Band nun in deutscher Sprache vorliegt, in erster Linie um die offizielle Politik der staatlichen polnischen Stellen hin zu einer völligen Ausmerzung alles Deutschen aus dem öffentlichen Leben des nach Westen verschobenen Polen.

Dieser Band, der - aus inhaltlich nicht näher erläuterten Gründen - die Dokumente aus Zentralpolen und Oberschlesien enthält, knüpft an den ersten, ebenfalls in dieser Liste besprochenen ersten Teil aus dem Jahre 2000 an. Die Ausgabe in polnischer Sprache liegt seit Längerem komplett vor.
Die erste, von Jerzy Kochanowski bearbeitete und mit einer kundigen Einführung versehene Hälfte beschäftigt sich mit den damaligen Wojewodschaften Warschau, Lodz und einem Teil der Wojewodschaft Krakau. Diese Einheiten wurden aufgrund der Zahl der Deutschen wie auch ihrer "deutlich erkennbaren Andersartigkeit" im Vergleich zu den in Pommerellen, Großpolen und Schlesien lebenden Landsleuten ausgewählt (S. 3). Hier fanden sich auch in Bezug auf die Aussiedlung Unterschiede zu anderen Gegenden, so fehlten etwa Sammel- und Etappenpunkte ausschließlich für Deutsche, eine genaue zahlenmäßige Erfassung ist schwierig und hinsichtlich der "wilden" Vertreibungen vor dem Potsdamer Abkommen gibt es kaum Dokumente. Statt dessen liegt eine große Menge von auf Einzelfälle bezogenen Akten und Personalakten vor. Der Hauptteil der ausgewählten Materialien stammt aus den Staatsarchiven von Warschau, Lodz und Krakau. Die Einleitung Kochanowskis liefert einige wertvolle Informationen zur historischen Einordnung der Ereignisse nach 1945, sei es in Bezug auf die Zwischenweltkriegszeit oder die Kriegsjahre von 1939 bis 1945. Behandelt werden u.a. die Unterschiede zwischen Volks- und Reichsdeutschen und die Frage der sog. "Volksliste", die der Autor ohne Emotionen betrachtet haben möchte. Er weist auch auf die häufig wirtschaftlichen Motive für ihre Zeichnung an, ein Moment, das generell bei den Vertreibungsmaßnahmen des 20. Jahrhunderts zu wenig berücksichtigt wird. Die schlichte menschliche Gier war sicherlich ein Hauptgrund für das Verhalten weiter Bevölkerungsteile den Schwächeren gegenüber, sei es die der Deutschen gegenüber den Juden im Dritten Reich und im besetzten Polen oder umgekehrt nach 1945 den Deutschen, aber auch den zurückkehrenden Juden gegenüber in Polen.
Angesichts der rasch näher rückenden Front bestanden für die Deutschen Zentralpolens kaum Chancen auf Evakuierung oder eine vorbereitete Flucht. Dem Terror und Verbrechen der Roten Armee und lokaler polnischer Kräfte waren sie somit besonders ausgeliefert, wobei die sowjetischen Truppen wenig zwischen den Nationalitäten differenzierten. Dabei war die Situation auf dem Land in der Regel kritischer als in den Städten. Die im Buch abgedruckten Dokumente behandeln den Umgang mit den Volksdeutschen, Fragen der Verifizierung von "Autochthonen", die Zustände in den Lagern, die Organisation der Zwangsaussiedlung und vieles mehr. Die Vielfalt der Methoden des Umgangs ist dabei besonders auffällig. Einzelfälle zeigen die schwierige Lage, in der sich die Bevölkerung befand. Als Beispiel mag die Situation in Wilmesau/Wilamowice (Kreis Biala) dienen. In dieser sogenannten "deutschen Sprachinsel" hatten sich 3/4 der Bevölkerung in die Volkslisten III und IV eingetragen und sollte verifiziert werden. Die Einwohner aus den angrenzenden Orten erzwangen die Vertreibung der Wilmesauer von ihren gut bewirtschafteten Höfen, und zwar "sowohl aus patriotischen wie aus auch materiellen Gründen", wie der Wojewode von Krakau im April 1946 schrieb (Dokument Nr. 33). Was die Lebensbedingungen in den Lagern angeht, so wird einmal mehr die schon in früheren Arbeiten zum Thema aufgestellte These belegt, dass der menschenunwürdige Umgang mit den Gefangenen nicht in Warschau dekretiert wurde, sondern aus den Verhältnissen vor Ort erwuchs. Gleiches gilt auch z.B. für die Kennzeichnungspflicht für Deutsche im öffentlichen Leben, die die Staats- und Parteiführung ablehnte.

Der zweite, Oberschlesien betreffende Teil wurde von Ingo Eser und Jerzy Kochanowski bearbeitet. Die Quellenlage war hier um vieles komplizierter, weil sich dort nicht nur territoriale Probleme, sondern auch solche der Bevölkerungsstruktur oder der Wirtschaft überlagerten. Die Auswahl des Materials musste schon aufgrund der reinen Menge "radikal selektiv" erfolgen, die meisten Akten stammten aus dem Warschauer Archiwum Akt Nowych. Akten des Amtes für Öffentliche Sicherheit waren ebensowenig zugänglich wie - wieder einmal - solche aus kirchlichen Archiven. Sehr frühzeitig finden sich in den Dokumenten Berichte über die Stimmungslage der Bevölkerung, über die Aktivitäten von - echten oder konstruierten - Untergrundorganisationen, die Beziehungen zwischen einheimischer Bevölkerung, Zugewanderten und der Roten Armee. Der Einsatz von Deutschen als billige Arbeitskräfte, ihre Verbringung in Lager und anschließende Ausweisung, die Doppelherrschaft von Roter Armee und polnischen Behörden sind schon an anderer Stelle behandelt worden, etwa in den wegweisenden Arbeiten von Piotr Madajczyk und Bernard Linek. Dennoch überrascht anhand der ausgewählten Dokumente, wie gründlich die staatliche Politik gegenüber den "Autochthonen" in Oberschlesien fehlschlug. Nur durch nackte Repression ließen sich die Verordnungen der Verwaltung umsetzen, etwa in dem grotesken Kampf gegen die deutsche Sprache in der Öffentlichkeit. Man beseitigte nicht nur alle Spuren des Deutschtums in den Straßen, sondern bekämpfte auch deutsche Vorkriegswerbung auf polnischem Schokoladenpapier. Selbst die Vornamen gefallener deutscher Soldaten wurden auf den Grabkreuzen polonisiert (S. 652/653). Bücher in deutscher Sprache sollten eingezogen oder zerstört werden "und der Erlös daraus soll für die Herausgabe eines polnischen Liederbuches für die einheimische Bevölkerung [...] verwendet werden" (S. 657).

Am Rande sei vermerkt, dass die bis heute in Polen anzutreffende Auffassung, die Vertreibung der Deutschen sei eine Folge der Politik der Siegermächte gewesen, durch ein Dokument eindeutig widerlegt wird. Die Gesellschaftspolitische Abteilung des Kattowitzer Wojewodschaftsamtes instruierte mit einem Schreiben an die Starosten und Stadtpräsidenten vom 24.8.1946 diese u.a.: "Die Aussiedlungsaktion der Deutschen ist in unserem staatlichen Leben keine Folge des Willens anderer Nationen, sondern im wahrsten Sinne eine Konsequenz unserer - der polnischen Nationalitätenpolitik. Oberste Devise dieser Aktion ist unser staatliches und nationales Interesse" (Dokument Nr. 299, S. 534).

Auf zwei editorische Probleme soll abschließend hingewiesen werden. Der Zentralpolen-Teil enthält in der Regel ausgeschriebene Familiennamen auch von Opfern. Dies scheint aus Datenschutzgesichtspunkten doch recht problematisch zu sein, etwa wenn in Dokument Nr. 43 aus einem Buch für Disziplinarstrafen des Arbeitslagers Jaworzno zitiert wird. Im Oberschlesien-Teil sind die Nachnamen - wie allgemein üblich - nur abgekürzt lesbar. Störend bei der Lektüre erweist sich die Kennzeichnung der Ortsnamen, die in der Regel in ihrer polnischen und deutschen (nationalsozialistischen) Variante in den Dokumenten erwähnt werden. Die Verwendung der nach 1935 eingeführten Namen ist in Quellen aus der Zeit nach 1945 nicht nur ahistorisch, sie behindert auch den Lesefluss. Ein umfangreicheres Ortsregister hätte hier bessere Dienste geleistet, v.a. dann, wenn man dort nicht von den historischen auf die NS-Namen verwiesen hätte.

Insgesamt ist erneut ein mehr als wertvoller Quellenband erschienen, der unser fragmentiertes und durch die Schieder'sche Ost-Dokumentation einseitig gelenktes Wissen erweitert und die Grundlage für alle weiteren Forschungen der nächsten Jahre darstellt. Es bleibt zu hoffen, dass die beiden restlichen Bände möglichst bald erscheinen werden.

Alle Rechte beim Verfasser