Löw, Andrea; Robusch, Kerstin; Walter, Stefanie (Hg.), Deutsche – Juden – Polen: Geschichte einer wechselvollen Beziehung im 20. Jahrhundert. Festschrift für Hubert Schneider, Frankfurt am Main 2004 (Wissenschaftliche Reihe des Fritz Bauer Instituts, Bd. 9). Campus Verlag, ISBN: 3-593-37515-X; 276 S.; 29,90 €.

Für Polhist rezensiert von Hans-Christian Petersen, M.A., Johannes Gutenberg-Universität Mainz (peters@uni-mainz.de)

Der zu besprechende Sammelband reiht sich ein in die Tradition der akademischen Festschriften. Geehrt wird in diesem Fall Hubert Schneider, langjähriger Akademischer Rat an der Fakultät für Geschichtswissenschaften der Ruhr-Universität Bochum. Die Initiative zu dieser Publikation geht hierbei auf drei ehemalige Studierende Schneiders zurück, die bereits während ihres Studiums für die Zeitschrift „Sachor“ (1) tätig gewesen sind. Diese eigenständige Aktivität wurde von Schneider angeregt und unterstützt und steht exemplarisch für eine Vielzahl von Projekten, die mit seiner Person verbunden sind und über den engen akademischen Rahmen hinaus weisen. Hierzu zählt auch das seit 1989 bestehende studentische Austauschprogramm zwischen der Ruhr-Universität und der Jagiellonen-Universität sowie der Pädagogischen Akademie in Krakau, das bis heute Bestand hat und für dessen Initiierung Schneider 1999 mit der Ehrenmedaille der Jagiellonen-Universität ausgezeichnet wurde. Der zu Ehrende verkörpert somit einen Wissenschaftlertypus, der sein Wirken immer auch als politischen Bildungsauftrag begreift, um aus der Geschichte Lehren für die Gegenwart und eine bessere Zukunft zu ziehen.
Vor dem Hintergrund dieses Selbstverständnisses ist es folgerichtig, dass der Sammelband der Beziehungsgeschichte von Deutschen, Juden und Polen im 20. Jahrhundert gewidmet ist, einem spannungsreichen und bis heute aktuellen Thema der jüngsten Vergangenheit, mit dem sich Schneider immer wieder beschäftigt hat. Ebenso konsequent und erfreulich ist es, dass sich unter den Autoren neben arrivierten Historikern wie Heiko Haumann oder Karol Sauerland auch eine Reihe von Doktoranden findet, deren Beiträge in der Regel Ausschnitte aus ihren laufenden Dissertationen darstellen. Die Herausgeber verweisen zu Recht darauf, dass sich die bisherige Forschung vor allem auf die bilaterale Beziehungsgeschichte fokussiert hat, also das deutsch-polnische, das polnisch-jüdische oder das deutsch-jüdische Verhältnis, während die vergleichende Untersuchung aller drei Themenkreise in vielen Bereichen noch aussteht. (2) Dementsprechend soll der vorliegende Band eine „Annäherung“ an dieses „Spannungsfeld“ leisten.

Den Prolog bildet ein Beitrag von Zdzis³aw Noga, in dem dieser sich dem Dreiecksverhältnis von Deutschen, Juden und Polen in Krakau zur Zeit der Ersten Rzeczpospolita widmet. Er tut dies auf drei Ebenen, den ethnischen, religiösen und wirtschaftlichen Beziehungen, und kommt hierbei zu dem Schluss, dass die jüdische Bevölkerung Krakaus, die schon räumlich seit ihrer Aussiedlung nach Kazimierz 1386 von ihrer christlichen Umwelt separiert war, die isolierteste der drei Gruppen darstellte. Ausschlaggebend waren hierfür nach Noga neben dem Bestreben der Juden selbst, die jüdische Tradition in den Gemeinden zu bewahren, vor allem die Kriterien der Religion und der Ökonomie, welche die Trennung zwischen den christlichen Bürgern auf der einen und den jüdischen Kaufleuten auf der anderen Seite begründeten. Nogas Mikrostudie bestätigt somit, was allgemein für die Situation der jüdischen Bevölkerung im polnischen bzw. polnisch-litauischen Herrschaftsbereich gilt: Hauptträger der antijüdischen Maßnahmen waren die katholische Kirche und das christliche Bürgertum, während die Juden gleichzeitig als Kammerknechte unter dem Schutz der Herrscher standen.
Die folgende Studie von Heiko Haumann stellt vor allem einen Problemaufriss dar; Haumann verweist auf die bis heute tradierte Wirkungsmächtigkeit des Stereotyps „des Juden“ als „Städter“, die ihren Ausdruck auch im aktuellen Forschungsstand findet: Die Rolle der Juden in der ländlichen Gesellschaft stellt noch in vielen Teilen ein Desiderat dar. Am Beispiel Galiziens um die Jahrhundertwende macht Haumann deutlich, welche Erkenntnisgewinne solche Untersuchungen leisten könnten: Er zeigt verschiedene „Orte der Begegnung“ zwischen jüdischer und nicht-jüdischer Bevölkerung wie etwa den Marktplatz im Schtetl oder die Organe der kommunalen Selbstverwaltung auf dem Land auf, die nicht in das Bild zweier strikt getrennter Lebenswelten passen. Diese „Ambivalenz von Nähe und Distanz“ würde ein lohnenswertes Feld für weitere Untersuchungen bieten.
Gleiches gilt für die Problemskizze von Andreas R. Hofmann, Mitarbeiter am Leipziger Geisteswissenschaftlichen Zentrum für Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO). Er knüpft an das in jüngster Zeit in der deutschen Historiographie wieder erwachte Interesse am Ersten Weltkrieg an und zeigt am Beispiel £ódŸ auf, welche Perspektiven mikrohistorische Lokalstudien in diesem Kontext bieten könnten. Hofmann konkretisiert dies hinsichtlich der Auswirkungen des Krieges auf die Bevölkerung der Stadt und das Verhältnis der verschiedenen nationalen Minderheiten zueinander, wobei er zu dem Schluss kommt, dass die Erfahrung des Weltkriegs weniger einen Umbruch als einen „Katalysator“ für bereits bestehende Spannungen dargestellt habe – eine „multikulturelle Idylle“ habe es auch vor 1914 in £ódŸ nicht gegeben.
Der Aufsatz von Thomas Rink über die deutsche Minderheitenpolitik in der Weimarer Republik basiert auf dessen im vergangenen Jahr publizierter Dissertation über Fritz Rathenau, der als Referent im preußischen Innenministerium maßgeblichen Einfluss auf die Minderheitenpolitik Preußens hatte. Rink skizziert die Entwicklung der Politik des Deutschen Reiches gegenüber seinen innerstaatlichen Minderheiten und die Verflechtung dieser Maßnahmen mit außenpolitischen Zielsetzungen: Entsprechende Autonomiegarantien im Innern sollten dazu dienen, gegenüber Polen in eine „moralische Offensive“ gehen zu können und so die angestrebte Revision der Ostgrenze zu legitimieren. Das eigentliche Thema des Sammelbandes, das Dreiecksverhältnis Deutsche-Juden-Polen, ist hierbei jedoch nicht mehr Gegenstand der Betrachtung.
Dies gilt hingegen für die folgenden vier Beiträge, deren Untersuchungszeitraum der Zweite Weltkrieg bildet. Am Anfang steht ein Aufsatz Bogdan Musials, der für das Gebiet des „Generalgouvernements“ die verschiedenen Phasen des Prozesses aufzeigt, der schließlich im Massenmord an der jüdischen Bevölkerung des Gebietes mündete. Musial betont in seinem klar strukturierten Beitrag die entscheidende Rolle der Zivilverwaltung für diese Entwicklung, deren Angehörige bis auf wenige prominente Ausnahmen wie Hans Frank nach 1945 unbehelligt blieben und zum großen Teil in der Bundesrepublik wieder Karriere machten. Mit der Thematik vertraute Leser und Leserinnen werden diesem Aufsatz jedoch kaum neue Erkenntnisse entnehmen können, basiert er doch auf einschlägigen Studien des Verfassers aus den letzten Jahren. (3)
Andrea Löw beleuchtet die Geschichte der jüdischen Bevölkerung Krakaus vom Beginn der deutschen Besatzung bis zu ihrer Zwangsaussiedlung von Kazimierz nach Podgórze im März 1941. Der Verfasserin geht es dabei nicht primär um eine möglichst lückenlose Darstellung der antisemitischen Maßnahmen seitens der Okkupanten, sondern vielmehr um die Frage, welche Auswirkungen diese Politik auf die Lebensbedingungen der betroffenen Menschen hatte. Dies gelingt ihr vor allem durch die Auswertung der erhaltenen Selbstzeugnisse jüdischen Lebens in Form von Tagebüchern, Erinnerungsberichten und Dokumenten des Krakauer Judenrats; im Ergebnis werden die verschiedenen Interpretations- und Handlungsformen der Opfer deutlich, die keine anonyme und passive Masse waren, sondern Individuen mit einer jeweils eigenen Biographie. Eine entsprechende Fragestellung verfolgt Löw auch in ihrer derzeitigen Dissertation über die jüdische Bevölkerung des Ghettos £ódŸ/Litzmannstadt, die diesbezüglich eine Erweiterung der historiographischen Perspektive verspricht.
Karol Sauerland widmet sich im Folgenden einem bis heute brisanten Thema, nämlich der Rolle der polnischen Gesellschaft bei der „Judenpolitik“ der deutschen Besatzer. Am Beispiel Warschaus zeigt der Verfasser, dass es nicht nur einzelne „szmalcowniki“ („Absahner“) gegeben hat, sondern dass Erpressung, Plünderung und Denunziation in großen Teilen der Bevölkerung anzutreffen waren. Sauerland, der an einer entsprechenden Monographie arbeitet, fasst dies mit dem Begriff der „indirekten Kollaboration“: Handlungsleitend sei nicht der Wunsch gewesen, sich bei den neuen Machthabern anzubiedern, sondern vielmehr eine gemeinsame Feindschaft gegen die jüdische Bevölkerung, auch wenn diese unterschiedliche Wurzeln hatte. Der Aufsatz Sauerlands verdeutlicht exemplarisch die Möglichkeiten, die eine vergleichende Analyse des deutsch-jüdisch-polnischen Dreiecksverhältnisses bietet: Gerade über den Vergleich lassen sich die Gemeinsamkeiten, aber auch die Differenzen aufzeigen.
Den Abschluss der Beiträge zur Zeit des Zweiten Weltkriegs bildet Robert Kuwa³eks Untersuchung zum Durchgangshetto in Izbica. Das Wissen über die Ereignisse in Izbica, das sich an der Bahnlinie zu dem Vernichtungslager Be³¿ec befand, ist ebenso wie für den gesamten Komplex der Durchgangsghettos bis heute äußerst gering; selbst über die angemessene Bezeichnung als „Ghetto“ oder „Lager“ herrscht noch kein Konsens. Kuwa³eks Darstellung zeigt, welche Erkenntnisgewinne entsprechende Arbeiten leisten könnten: Dies gilt nicht nur für die Funktion der Durchgangsghettos im System der deutschen Vernichtungspolitik, sondern auch für die internen Konflikte zwischen den Insassen des Ghettos. Die Differenzen zwischen den überwiegend orthodoxen polnischen Juden und den mehrheitlich assimilierten Juden aus dem Deutschen Reich traten auch angesichts der gemeinsamen existentiellen Bedrohung zutage.
Die folgenden drei Beiträge basieren allesamt auf derzeit entstehenden Dissertationen und sind biographisch orientiert. Die Mitherausgeberin Kerstin Robusch skizziert den Lebensweg Hermann Langbeins, eines Auschwitz-Überlebenden, der nach 1945 zu den führenden Initiatoren verschiedener Lagerkomitees gehörte; Benedikt Faber untersucht die Haltung Victor Klemperers zum Kommunismus nach 1945, und Dirk Pöppmann geht am Beispiel der Aufarbeitung des Mordes an dem Journalisten Felix Fechenbach 1933 der Frage nach, inwieweit die mangelhafte juristische Verfolgung von NS-Verbrechen in der Bundesrepublik auch auf die besondere Eigenart der nationalsozialistischen Massenverbrechen zurückzuführen ist. So interessant diese Beiträge zweifellos sind, so muss doch vermerkt werden, dass sie dem übergeordneten Thema des Sammelbandes im Grunde nicht gerecht werden. Dies gilt auch für den Beitrag von Dieter Bingen, der einen profunden Überblick über die verschiedenen Phasen der deutschen Außenpolitik gegenüber Polen von der „neuen Ostpolitik“ bis zur Wende Anfang der 1990er Jahre gibt. Bingen, Direktor des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt und ausgewiesener Experte auf diesem Gebiet (4), beschränkt sich in seiner Darstellung auf das deutsch-polnische Verhältnis und bleibt somit in den Bahnen der bilateralen Beziehungsgeschichte.
Den Abschluss des Sammelbandes bilden die sehr persönlichen Erinnerungen von Jerry Freimark. Dieser war bis zu seiner Emigration in die USA 1938 Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Bochum und ist einer der Emigranten, die über den von Hubert Schneider gegründeten Verein „Erinnern für die Zukunft“ 1995 erstmals in seine frühere Heimatstadt zurückgekehrt sind und dort über ihre Erfahrungen berichtet haben. Damit wird wieder die Verbindung zu den einleitenden Ausführungen über den zu Ehrenden hergestellt und es wird deutlich, welche Wirkung Historiker und Historikerinnen auch jenseits des universitären Betriebs entfalten können.

Insgesamt bleibt festzustellen, dass der vorliegende Sammelband eine Reihe interessanter Beiträge enthält, die darüber hinaus erfreulicherweise jeweils mit entsprechenden Quellen- und Literaturverzeichnissen versehen sind. Bedauerlich ist, dass nicht alle Aufsätze dem eigentlichen Rahmenthema der deutsch-jüdisch-polnischen Beziehungsgeschichte gerecht werden; hier hätte ein stärkeres Dringen auf bestimmte übergreifende Fragestellungen sicherlich gut getan. Dies stellt letztendlich jedoch eine Aufforderung an die Forschung dar, sich in Zukunft verstärkt dieses Dreiecksverhältnisses anzunehmen.


(1) Sachor. Zeitschrift für Antisemitismusforschung, jüdische Geschichte und Gegenwart, wurde im Zeitraum 1991 bis 2001 von der „Studentischen Arbeitsgemeinschaft für Antisemitismusforschung“ an der Ruhr-Universität Bochum herausgegeben.
(2) Grundsätzliche Überlegungen hierzu von Jersch-Wenzel, Stefi, Der „Mindere Status“ als historisches Problem. Überlegungen zur vergleichenden Minderheitenforschung, Berlin 1986; Wippermann, Wolfgang, Probleme und Aufgaben der Beziehungsgeschichte zwischen Deutschen, Polen und Juden, in: Jersch-Wenzel, Stefi (Hg.), Deutsche – Polen – Juden. Ihre Beziehungen von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert, Berlin 1987, S. 1-49.
(3) Verwiesen sei vor allem auf die Dissertation des Verfassers: Musial, Bogdan, Deutsche Zivilverwaltung und Judenverfolgung im Generalgouvernement. Eine Fallstudie zum Distrikt Lublin 1939-1944, Wiesbaden 1999.
(4) Bingen, Dieter, Die Polenpolitik der Bonner Republik von Adenauer bis Kohl 1949-1991, Baden-Baden 1998.


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