German History. The Journal of
the German History Society. Volume 22 (2004), No. 3. Special Issue: Polish
Views of German History, edited by Karin Friedrich (ISSN print: 0266-3554; ISSN
online: 1477-089X), weitere Infos: http://www.germanhistorysociety.org.uk/journal.htm
Die renommierte britische historische Zeitschrift legt unter der Gastherausgeberschaft der Frühneuzeithistorikerin Karin Friedrich, die lange Jahre an der London School of Slavonic and East European Studies tätig war und jetzt an der University of Aberdeen lehrt, ein Sonderheft vor, das dem Leser in Großbritannien die Veränderungen in der polnischen historischen Deutschlandforschung, aber auch in Teilen der deutschen Ostmitteleuropaforschung nahe bringen soll.
Zu diesem Zweck entstanden sechs thematische Beiträge, die zentrale Fragestellungen aufgreifen. Im ersten Beitrag untersuchen Klaus Zernack (Berlin) und Karin Friedrich Entwicklungslinien der polnischen Wissenschaft in Bezug auf die deutsche Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Veränderungen betreffen in erster Linie die Veränderung des polnischen Preußenbildes von den politisch motivierten Arbeiten im Zuge der intellektuellen Aneignung der „wiedergewonnenen Gebiete“ über das „Groß-Pommern-Modell“ Gerard Labudas bis zu den Gesamtdarstellungen der letzten Jahre.
Anschließend betrachtet Jan M. Piskorski (Stettin) die mittelalterliche Kolonisation Mitteleuropas als Problem der Weltgeschichte und der Historiographie. Dabei geht er der Frage nach dem eigentlichen Wesen des Phänomens ebenso nach wie seinen Folgen in der nationalistischen Geschichtswissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts. Interessant ist dabei der Hinweis auf etwaige Zusammenhänge zwischen dem deutschen Modell der „Ostsiedlung“ und dem von deutschen Historikern offenbar genau beobachteten Kolonisierungsdiskurs in Nordamerika. Vor diesem kolonialen Hintergrund erscheint die Region Ostmittel- (und zum Teil auch Ost-)Europa als imperiale Basis des Deutschen Reiches.
Karin Friedrich beschäftigt sich mit den polnischen Perspektiven auf die frühneuzeitliche Geschichte Preußens. Dabei zeichnet sich die Veränderungen der Wahrnehmung durch die Teilungen Polens und die nationale Geschichtswissenschaft nach, die nicht nur Gegenmodelle zur deutschen „Landesgeschichte“ entwickelte, sondern im 20. Jahrhundert verstärkt ein kohärentes – negatives – Preußenbild erstellte, das erst in den letzten Jahren einige hellere Farben aufwies.
Besonders weiterführend nicht für einen potenziellen britischen Leser ist der Beitrag Bernard Lineks (Oppeln), der entgegen seinem Titel weit mehr leistet als einen Blick auf die aktuellen Debatten über das Schicksal der deutschen Bevölkerung Oberschlesiens in den Jahren 1945 bis 1950. Linek untersucht nicht nur die Schwerpunkte des Diskurses (Lagersystem, Vertreibung/Aussiedlung, staatliche Politik gegenüber den sog. Autochthonen), sondern analysiert auch die relevante polnische und deutsche Literatur zu diesen Fragen in den letzten Jahrzehnten vor dem Hintergrund einer elaborierten Bewertung der Geschichte Oberschlesiens im 20. Jahrhundert mit all ihrer Komplexität.
Ebenfalls ganz hervorragend fällt der Beitrag von Natalia Aleksiuns (New York) über die polnische Literatur zur Shoah aus. Vor dem Hintergrund der Debatte um Jan T. Gross verweist sie nicht nur auf vorhergehende innerpolnische Diskussionsansätze zum Thema des polnisch-jüdischen Zusammenlebens im Zweiten Weltkrieg, sondern zeichnet auch die – in Vergessenheit geratene – Forschung gerade der ersten Nachkriegsjahre nach, die oft von Holocaust-Überlebenden angestoßen worden war, um dann einem politisch motivierten Schweigen von beinahe vierzig Jahren anheim zu fallen.
Zum Abschluss schildert Michael G. Müller (Halle) die dem englischsprachigen Leser wohl kaum vertraute Geschichte der Gemeinsamen Polnisch-Westdeutschen Schulbuchkommission, die weit mehr war als eine Serie bilateraler Konferenzen zu einzelnen Themen der Geschichte, sondern wichtige Ansätze zur Veränderung tradierter Geschichtsbilder geliefert hat.
Alles in allem ist ein Themenheft entstanden, das auch dem deutschen und polnischen Leser wichtige Einsichten in die heutige polnische Deutschlandforschung, aber auch – explizit und implizit – in die deutsche Beschäftigung mit Polen ermöglicht.
(Markus Krzoska)