„Und vielleicht überlebte ich nur, weil ich sehr jung war“. Verschleppt ins KZ Neuengamme: Lebensschicksale polnischer Jugendlicher. Hrsg. von der Projektgruppe für die vergessenen Opfer des NS-Regimes / KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Red.: Georg Erdelbrock. Bremen: Edition Temmen 1999. 125 S., Abb. DM 19,90, ISBN: 3-86108-739-1

(Rezensiert von Markus Krzoska M.A., Mainz)

Zu einem Zeitpunkt, an dem große Teile der deutschen Öffentlichkeit über die Frage einer angemessenen Entschädigung für ehemalige KZ-Insassen und Zwangsarbeiter debattieren und endlich die Bereitschaft großer Firmen und des Staates zu bestehen scheint, nicht auf den Moment zu warten, an dem alle Betroffenen verstorben sind, ist etwas in Vergessenheit geraten, dass das Interesse der deutschen Gesellschaft nicht immer so groß war. Jahrzehntelang wurden die Gelände ehemaliger Konzentrationslager andersweitig genutzt, etwa in Dachau, ohne dass sich die kommunalen Organe oder die Bürger darüber beschwerten. Dass in dieser und vielen ähnlichen Fragen allmählich ein Umdenkungsprozess eingesetzt hat, ist in erster Linie das Verdienst Einzelner oder kleinerer Zusammenschlüsse engagierter Menschen. Dies trifft auch für das ehemalige KZ Hamburg-Neuengamme zu, das mit über 80 Aussenlagern und über 100.000 Häftlingen zu den zentralen Lagern der Region gehörte und das bis in die siebziger Jahre hinein in Deutschland nur Eingeweihten bekannt zu sein schien. In den letzten Jahren sind aber auch hier einige Publikationen erschienen, die sich mit der Struktur des Lagers und besonders dem Schicksal seiner Insassen beschäftigten, von denen mehr als die Hälfte ums Leben kam. Die meiste Aufmerksamkeit erweckten sicherlich die Berichte über die Bombardierung des in erster Linie mit Lagerinsassen belegten Schiffes „Cap Arcona“ in der Neustädter Bucht durch englische Flugzeuge am 3. Mai 1945 und das von Rolf Schübel im Jahre 1990 eindrucksvoll verfilmte Schicksal des polnischen Jugendlichen und Neuengamme-Opfers Walerjan Wróbel.
Der nun vorliegende Band mit neun Erinnerungsberichten ehemaliger polnischer Häftlinge von Neuengamme liefert einen weiteren Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte dieses Lagers. Jedem der Berichte, die sich jeweils mit verschiedenen Aspekten der KZ-Struktur befassen (Zwangsarbeit, Aussenlager, Fluchten, Schicksal der Frauen, Lagerauflösung etc.) ist eine kurze Einleitung vorangestellt, die den Erinnerungen einen gewissen Rahmen gibt und ihren Inhalt erläutert.
Durch die Einzelschicksale entsteht ein facettenreiches Bild nicht nur des Lagerlebens, sondern - und das ist wohl das, was besonders im Gedächtnis bleibt - auch des unterschiedlichen Verhaltens der „Anderen“ in diesen Situationen, der Wärter, Kapos und all derer, mit denen die Häftlinge auf irgendeine Weise in Kontakt kamen. Es sind sowohl die Sadisten, die ihre Erfüllung gefunden haben, wie die wenigen hilfsbereiten Einzelnen, die sich einprägen; Unmenschlichkeit und Menschlichkeit im Kleinen wie im Großen, die so dicht nebeneinander lagen und oft über Leben und Tod entschieden.
Am Beginn eines neuen Jahrhunderts sollten wir uns nicht der Illusion hingeben, dass es sich um unwiederholbare Vorgänge handelte. Die Bereitschaft, unangenehme Dinge zu verdrängen und zu vergessen wird immer groß sein, ob Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg oder das Wissen über die Völkermorde unserer Tage. Bücher wie das vorliegende leisten wertvolle Dienste im Kampf gegen das allgegenwärtige Vergessen.