(Rezensiert von Markus Krzoska M.A., Mainz)
Zu einem Zeitpunkt, an dem große Teile
der deutschen Öffentlichkeit über die Frage einer angemessenen Entschädigung
für ehemalige KZ-Insassen und Zwangsarbeiter debattieren und endlich die
Bereitschaft großer Firmen und des Staates zu bestehen scheint, nicht auf
den Moment zu warten, an dem alle Betroffenen verstorben sind, ist etwas
in Vergessenheit geraten, dass das Interesse der deutschen Gesellschaft
nicht immer so groß war. Jahrzehntelang wurden die Gelände ehemaliger Konzentrationslager
andersweitig genutzt, etwa in Dachau, ohne dass sich die kommunalen Organe
oder die Bürger darüber beschwerten. Dass in dieser und vielen ähnlichen
Fragen allmählich ein Umdenkungsprozess eingesetzt hat, ist in erster Linie
das Verdienst Einzelner oder kleinerer Zusammenschlüsse engagierter Menschen.
Dies trifft auch für das ehemalige KZ Hamburg-Neuengamme zu, das mit über
80 Aussenlagern und über 100.000 Häftlingen zu den zentralen Lagern der
Region gehörte und das bis in die siebziger Jahre hinein in Deutschland
nur Eingeweihten bekannt zu sein schien. In den letzten Jahren sind aber
auch hier einige Publikationen erschienen, die sich mit der Struktur des
Lagers und besonders dem Schicksal seiner Insassen beschäftigten, von denen
mehr als die Hälfte ums Leben kam. Die meiste Aufmerksamkeit erweckten
sicherlich die Berichte über die Bombardierung des in erster Linie mit
Lagerinsassen belegten Schiffes „Cap Arcona“ in der Neustädter Bucht durch
englische Flugzeuge am 3. Mai 1945 und das von Rolf Schübel im Jahre 1990
eindrucksvoll verfilmte Schicksal des polnischen Jugendlichen und Neuengamme-Opfers
Walerjan Wróbel.
Der nun vorliegende Band mit neun Erinnerungsberichten
ehemaliger polnischer Häftlinge von Neuengamme liefert einen weiteren Beitrag
zur Aufarbeitung der Geschichte dieses Lagers. Jedem der Berichte, die
sich jeweils mit verschiedenen Aspekten der KZ-Struktur befassen (Zwangsarbeit,
Aussenlager, Fluchten, Schicksal der Frauen, Lagerauflösung etc.) ist eine
kurze Einleitung vorangestellt, die den Erinnerungen einen gewissen Rahmen
gibt und ihren Inhalt erläutert.
Durch die Einzelschicksale entsteht ein
facettenreiches Bild nicht nur des Lagerlebens, sondern - und das ist wohl
das, was besonders im Gedächtnis bleibt - auch des unterschiedlichen Verhaltens
der „Anderen“ in diesen Situationen, der Wärter, Kapos und all derer, mit
denen die Häftlinge auf irgendeine Weise in Kontakt kamen. Es sind sowohl
die Sadisten, die ihre Erfüllung gefunden haben, wie die wenigen hilfsbereiten
Einzelnen, die sich einprägen; Unmenschlichkeit und Menschlichkeit im Kleinen
wie im Großen, die so dicht nebeneinander lagen und oft über Leben und
Tod entschieden.
Am Beginn eines neuen Jahrhunderts sollten
wir uns nicht der Illusion hingeben, dass es sich um unwiederholbare Vorgänge
handelte. Die Bereitschaft, unangenehme Dinge zu verdrängen und zu vergessen
wird immer groß sein, ob Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg oder das
Wissen über die Völkermorde unserer Tage. Bücher wie das vorliegende leisten
wertvolle Dienste im Kampf gegen das allgegenwärtige Vergessen.