Die Deutschen östlich von Oder und Neiße 1945-1950. Dokumente aus
polnischen Archiven. Bd. 3: Wojewodschaft Posen / Wojewodschaft Stettin (Hinterpommern).
Hrsg. von Włodzimierz Borodziej und Hans Lemberg. Marburg/Lahn 2004. 701
S. (=Quellen zur Geschichte und Landeskunde Ostmitteleuropas 4/III).
Für „Polhist“ rezensiert von Dr. Markus Krzoska (Mainz)
Der zu besprechende 3. Band der mittlerweile komplett auch in deutscher Sprache vorliegenden wegweisenden Quellenedition[1] widmet sich zwei historischen Regionen mit in Bezug auf die deutsche Bevölkerung recht unterschiedlichen Entwicklungen.
Der Bearbeiter Stanisław Jankowiak geht in seiner Einleitung zur Geschichte des Posener Landes auf das wechselvolle Schicksal der deutschen Bevölkerung unter preußisch/deutscher wie polnischer Herrschaft beiläufig ein. Gleiches gilt für die deutsche Besatzungspolitik während des Zweiten Weltkrieg. Wie Jankowiak allerdings den apodiktischen Satz „Nach dem Angriff NS-Deutschlands auf die Sowjetunion trafen Heinrich Himmler und Arthur Greiser die Entscheidung, alle Juden zu ermorden“ belegen will, wird sein Geheimnis bleiben. Die jahrzehntelangen Diskussionen um diese Frage, die trotz der Arbeiten einer Vielzahl international renommierter Wissenschaftler weit davon entfernt sind, zu einem klaren Ergebnis zu führen, scheint er entweder nicht zu kennen oder nimmt sie nicht zur Kenntnis, da er sich nur auf einen ephemeren Aufsatz des NS-Forschers und Staatsanwalts Marian Kaczmarek beruft. Die Vertreibungen der Polen und ihre mitunter durchaus materiellen Beweggründe, auf die im Gesamtkontext der Shoah Götz Aly jüngst hingewiesen hat[2], werden ebenso dargestellt wie die Verbringung von über 400.000 Menschen alleine aus Großpolen zur Zwangsarbeit ins Reichsinnere. Weitere Schwerpunkte der Einleitung bilden die Evakuierung der deutschen Bevölkerung angesichts der nahenden Front sowie die Übernahme der Herrschaft durch polnische (und sowjetische) Stellen mit ihren konkreten Folgen. Die Schwierigkeiten des Umgangs mit den nationalen Verhältnissen wurden auch in dieser Region deutlich. So zeigt eines der abgedruckten Dokumente vom 15.11.1946, dass aus dem südlichen Kreis Kempen all diejenigen Familien zwangsausgesiedelt wurden, die in die Deutsche Volksliste eingetragen waren, egal ob sie sich als Deutsche oder als Polen fühlten. Der Umgang mit den Deutschen entsprach dem in anderen Teilen der neuen „West- und Nordgebiete“, wobei ihr prozentualer Anteil freilich deutlich geringer war. Dies zeigt sich besonders im Vergleich mit Pommern, dem zweiten Schwerpunkt des dritten Bandes, der von Katrin Steffen bearbeitet worden ist.
Steffens Einleitung ist eindeutig ausführlicher und stärker auf die abgedruckten Dokumente bezogen als die Jankowiaks, was der Benutzbarkeit dieses Teiles ganz klar entgegenkommt. Auch im inhaltlichen Bereich bezieht sie stärker Stellung, etwa in den klaren Aussagen zur polnisch-sowjetischen Doppelherrschaft in Pommern und den daraus resultierenden Folgen sowohl für die verbliebene deutsche als auch für die neue polnische Bevölkerung. Zunächst wird besonders deutlich, dass die großen Wanderungsbewegungen nicht ausschließlich in Ost-West-Richtung verliefen, wie das heute immer noch vereinzelt dargestellt wird, sondern dass gerade Pommern Mitte 1945 zu einem vorübergehenden Zufluchtsgebiet für Deutsche wurde, die über die Oder zurückgekehrt waren, deren Weiterreise in die ehemaligen Wohngebiete z.B. Ostpreußens aber versperrt blieb. Die Neuansiedlung von Polen war deshalb in Kreisen wie Stolp oder Belgard zunächst äußerst schwierig. Hierzu trug auch das Verhalten der Roten Armee bei, die den Eindruck zu vermitteln schien, sie würde deutsche Arbeitskräfte auf den von ihr verwalteten Gütern und in Industriebetrieben bevorzugen. In Städten wie Stettin und Köslin wurden zeitweise spezielle Stadtviertel für Deutsche eingerichtet, die auch offiziell als Ghettos bezeichnet wurden. Auch in Pommern gab es weitergehende Versuche zur Diskriminierung der Deutschen, die zu einem großen Teil von den Warschauer Stellen nicht gedeckt wurden (Dok. 175 und 165). Die regionalen Unterschieden hingen von der prozentualen Zahl der verbliebenen Deutschen ab. Besonders kompliziert war die Lage in Stettin, wo mehrfach die Herrschaft über die Stadt wechselte. Die Konflikte zwischen polnischen und sowjetischen Soldaten wegen der Deutschen eskalierten mitunter bis hin zu Schusswechseln und Verhaftungen. Die polnischen Mechanismen der Zwangsaussiedlungen ähnelten dem Verhalten der sowjetischen Behörden gegenüber den Polen in den Ostgebieten. Laut Aussiedlungsplan für die Stadt Stolp (Dok. Nr. 154) sollten die Deutschen, die sich nicht zur Ausreise registrieren ließen, erst zur Zwangsarbeit herangezogen und dann zwangsweise ausgesiedelt werden, so dass Steffen zu Recht den Terminus Freiwilligkeit der Aussiedlung hinterfragt und durch Begriffe wie „Vertreibung durch situativen Zwang“ ersetzt haben möchte. Das Jahr 1946 brachte keine wesentliche Veränderung der Lage. Stettin war in der Zwischenzeit zu einer Durchlaufstation für polnische Juden geworden, die das Land verlassen wollten und sich zu diesem Zweck mitunter sogar als Deutsche ausgaben (S. 316). In den Jahren 1947 und 1948 verringerte sich die Zahl der Abschiebungen von Deutschen mangels Masse allmählich. Das Scheitern der polnischen Integrationspolitik in Bezug auf slavische Minderheiten wie den Kaschuben und den Slovinzen zeigte sich in Pommern ebenso deutlich wie in Oberschlesien und in Masuren. Als die eigentliche Phase der Vertreibungen gegen Ende der 1940er Jahre zu einem Abschluss kam, lebten kaum noch Deutsche in Pommern.
Die Edition des vorliegenden Bandes ist erneut vorbildlich, nicht nur was Auswahl und Abdruck der Dokumente, sondern auch was die Ausstattung mit Hilfsmitteln wie Registern etc. angeht. Somit könnte nun über 40 Jahre nach der politisch bedingten Publikation der „Dokumentation der Vertreibungsverbrechen“ ein umfangreiches Quellenwerk der Benutzung durch alle Interessierten offen stehen. Dazu müssten aber gerade die Vertriebenen und ihre Nachfahren von der Existenz der vier Bände erfahren. Dies kann freilich nicht im Interesse der Spitzen der Vertriebenenorganisationen sein, die weiterhin versuchen, Hass zwischen Deutschen und Polen zu schüren und ihre politische Agitation mit Hilfe von Materialien aus den 50er- und 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts betreiben.
Alle Rechte beim Verfasser
[1] Bd. 4 der Edition, der sich mit Pommerellen und Niederschlesien beschäftigt, ist ebenfalls 2004 erschienen. Siehe auch die Rezensionen zu den ersten beiden Bänden auf „Polhist“ unter: http://www.markuskrzoska.de/archiv27.htm und http://www.markuskrzoska.de/archiv37.htm
[2] Götz Aly, Hitlers Volksstaat. Frankfurt/Main 2005.