Svjatoslav Pacholkiv: Emanzipation durch Bildung. Entwicklung und
gesellschaftliche Rolle der ukrainischen Intelligenz im habsburgischen Galizien
(1890-1914), Wien:
Verlag für Geschichte und Politik 2002; München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag
2002, 351 S. (= Schriftenreihe des österreichischen Ost- und
Südosteuropa-Instituts, Bd. 27)
Für Polhist rezensiert von Dr. Isabel
Röskau-Rydel (Berlin/Krakau), roeskaurydel@aol.com
Das Buch des ukrainischen Germanisten
und Historikers basiert auf seiner im Jahre 2000 eingereichten Dissertation an
der Universität Freiburg im Breisgau, die von seinem Doktorvater Gottfried
Schramm betreut wurde. Svjatoslav Pacholkiv widmet sich in dieser Untersuchung
einem neuralgischen Punkt in der Geschichte der Identitätsfindung der
ukrainischen (ruthenischen) Intelligenz in Galizien, wobei er sich hier
insbesondere mit der Entstehung der säkularisierten ukrainischen
Bildungsschicht befasst. In seiner Einleitung weist er auf die im Verhältnis zu
ihrem fast 50-prozentigen Anteil an der Gesamtbevölkerung bestehende Unterrepräsentation
der Ukrainer gegenüber den Polen sowohl in den galizischen Landesbehörden als
auch im Wiener Reichsrat hin. Dies lag insbesondere an dem ständischen
Wahlrecht, dem so genannten Kuriensystem, das dem polnischen Adel als
Großgrundbesitzer einen überproportionalen Anteil an Sitzen im galizischen
Landtag und Wiener Reichsrat einräumte. So waren von den 78 galizischen
Abgeordneten im Reichsrat nur acht bis elf Ukrainer, wie der Verfasser betont.
Legendär waren damals die zum Teil handgreiflichen Streitigkeiten im Reichsrat
zwischen Polen und Ukrainern, die in zahlreichen Karikaturen in Lemberger
Zeitungen und Zeitschriften in jener Zeit häufig thematisiert wurden.
Da die ukrainische
Intelligenz nur aus einer kleinen Schicht griechisch-katholischer Geistlicher
bestand, war es insbesondere für die nationale ukrainische Bewegung wichtig,
dass auch die bäuerlichen Schichten Zugang zur höheren Schulbildung fanden, um
ihre Interessen gegenüber den politisch, wirtschaftlich und kulturell
dominierenden Polen umfassender vertreten zu können. Interessant ist hierbei
Pacholkivs methodologischer Ansatz, der der „Emanzipation durch Bildung“ eine
dreifache Dimension, nämlich eine persönliche, eine soziale und eine nationale
zuweist und die Emanzipation als Bestandteil der Modernisierung versteht. Der
in dem Jahrzehnt vor und nach der Jahrhundertwende immer deutlicher werdende
ukrainische Freiheits- und Emanzipationsdrang in Galizien war bekanntlich nicht
plötzlich entstanden, sondern hatte sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts
allmählich entwickelt. Dass es hierbei zu Interessenskonflikten zwischen der
polnischen und ukrainischen Bildungsschicht kommen musste, zeigten die
zunehmenden Spannungen zwischen Polen und Ukrainern in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts. Gemeinsamkeiten fanden die beiden Nationalitäten zeitweise im
politischen Umfeld der Sozialdemokratie, ein Thema, das von Kerstin S. Jobst
ausführlich in ihrer Untersuchung über die polnische und ukrainische
Sozialdemokratie in Galizien behandelt wurde (1).
Svjatoslav Pacholkiv
teilt seine Arbeit in drei Kapitel ein und behandelt darin die
gesellschaftlichen und geistigen Grundlagen der Entwicklung des gebildeten
Mittelstandes der Ukrainer in Galizien, die galizischen Bildungsinstitutionen
und zwar vornehmlich das Mittel- und Hochschulwesen sowie die politischen,
wirtschaftlichen, kulturellen und Bildungseinrichtungen der Ukrainer, die im
Rahmen dieses Transformationsprozesses in jener Zeit entstanden. Er betont,
dass die Grundlagen für eine systematische Ausbildung der griechisch-katholischen
Geistlichkeit noch zur Zeit der Aufklärung unter Joseph II. geschaffen worden
waren und dass diese Geistlichkeit zunächst für die Verbreitung der Bildung
unter den ukrainischen (ruthenischen) Bauern, die fast 90 Prozent der
ukrainischen Bevölkerung ausmachten, zuständig war. Das in dem Kronland
Galizien und Lodomerien Ende des 18. Jahrhunderts eingeführte österreichische Schulsystem,
das polnischerseits als Germanisierung verstanden wurde, hatte für die
ukrainische Bevölkerung durchaus eine andere Bedeutung, da sie – zumindest
theoretisch – nun die Möglichkeit erhielt, von den Bildungseinrichtungen besser
zu profitieren. Die schwierige soziale Lage der bäuerlichen Bevölkerungsschicht
erlaubte es jedoch nur selten, ihre Kinder wenigstens in die Volksschulen zu
schicken, daher blieb der Zugang zur Bildung anfangs fast nur den Kindern der
gebildeten griechisch-katholischen Geistlichkeit vorbehalten. Einer kurzen Zeit
der Postulierung nationaler Forderungen seitens der Ukrainer Galiziens während
des Völkerfrühlings folgte eine längere Zeit der Stagnation und der inneren
Auseinandersetzung zwischen den regierungstreuen Ukrainern und den Russophilen,
die eng mit der Frage nach der nationalen Identität verbunden war. Die
Russophilen fanden vermehrt Anhänger, als in den fünfziger und sechziger Jahren
des 19. Jahrhunderts die österreichische Regierung den Polen aus politischen
Gründen große Zugeständnisse machte, was großes Misstrauen seitens der Ukrainer
hervorrief. Diese inneren Auseinandersetzungen behinderten gleichzeitig die
Gründung eigener nationaler, kultureller und Bildungseinrichtungen, so dass
erst seit Mitte der siebziger Jahre die ukrainische Intelligenz sich verstärkt um
die Gründung ukrainischer Gymnasien und privater kultureller Einrichtungen bemühte.
Pacholkiv hebt hervor, dass bis Ende des 19. Jahrhunderts die ukrainische
Nationalbewegung von griechisch-katholischen Priestern geleitet wurde, dass
dagegen die weltliche Intelligenz, die 1848 für die Forderungen der Ukrainer
eingetreten sei, beinahe völlig in der polnischen Gesellschaft aufgegangen sei.
Erst um die Jahrhundertwende habe dann allmählich die weltliche ukrainische
Intelligenz – insbesondere die Gymnasiallehrer, die Mitglieder der 1873
gegründeten Wissenschaftlichen Ševčenko-Gesellschaft, die Mitglieder der
Ruthenischen Pädagogischen Gesellschaft und des Landesschulverbandes – die
Führung im ukrainischen Bildungswesen übernommen, die bemüht waren, eine breite
ukrainische Bildungsschicht auszubilden. Nicht zu unterschätzen ist hierbei
auch der Einsatz der gebildeten Ukrainerinnen, die sich ihrerseits für eine
höhere Schulbildung der ukrainischen Mädchen einsetzten.
Svjatoslav
Pacholkivs detaillierte Untersuchung basiert mehrheitlich auf unveröffentlichen
Quellen aus dem Zentralen Staatlichen Historischen Archiv der Ukraine in
Lemberg (Lviv), aus dem Staatsarchiv des Lemberger Gebietes, aus dem
Universitätsarchiv in Lemberg sowie aus dem Allgemeinen Verwaltungsarchiv in
Wien. Neben diesem weitgehend unbekannten Quellenmaterial zieht der Verfasser
ebenso umfangreiche gedruckte Quellen, wie beispielsweise Gesetzessammlungen,
Handbücher zum Verwaltungs- und Unterrichtswesen, Statistiken, Jahresberichte
der Schulen und Schematismen in deutscher, ukrainischer, polnischer und
lateinischer Sprache heran. Desgleichen stützt er sich bei seiner Untersuchung
auf zeitgenössische österreichische, polnische und ukrainische Zeitungen und
Zeitschriften. Das Quellenverzeichnis endet mit einem Abschnitt „als Quelle
benutzte Literatur“, in dem die ältere, aus dem 19. Jahrhundert und von Anfang
des 20. Jahrhunderts stammende Literatur zu Fragen der ukrainischen
Nationalität in Galizien aufgeführt wird. In Anbetracht des 21 Seiten
umfassenden Quellenverzeichnisses hat Pacholkiv anscheinend darauf verzichtet,
die neueren und neuesten deutschen, österreichischen, polnischen, ukrainischen
und amerikanischen Publikationen nicht gesondert, sondern diese in den Fußnoten
des Unterkapitels über den Forschungsstand und die Quellenlage in der
Einleitung anzuführen. Diese Entscheidung ist zwar aus Kostengründen
verständlich, für den interessierten Leser jedoch recht unvorteilhaft, da er
auf diese Weise keinen Überblick in alphabetischer Form erhält und so mühsam
ein bestimmtes Buch in der Einleitung suchen muss.
Die von Pacholkiv
gesammelten Daten sind in 30 Tabellen innerhalb des Textes sowie in einem in
acht Kapitel geteilten Anhang (S. 307-328) zum Thema der sozialen Herkunft der
Schüler an ukrainischen Gymnasien sowie der Muttersprache und Konfessionen der
Schüler an verschiedenen Mittelschulen in Lemberg, Brody, Drohobycz,
Złoczów, Brzeżany, Przemyśl, Stanislau, Kolomea, Rohatyn,
Horodenka und Tarnopol in den Jahren zwischen 1888 und 1914 aufgeführt. Dank
dieser Tabellen kann sich der Leser einen guten Überblick über den Anteil der
ukrainischen Schüler in den galizischen Mittelschulen verschaffen.
Svjatoslav Pacholkiv hat
mit dieser fundierten Studie einen außerordentlichen Beitrag zu einem besseren
Verständnis gerade im deutschsprachigen Raum für die Entwicklung der
ukrainischen Intelligenz in Galizien in den Jahren 1890-1914 geleistet. Es ist
sehr zu wünschen, dass dieses Buch – trotz seines hohen Preises – einen großen
Leserkreis findet.
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(1) Kerstin S. Jobst: Zwischen Nationalismus und Internationalismus. Die polnische und ukrainische Sozialdemokratie in Galizien von 1890 bis 1914. Ein Beitrag zur Nationalitätenfrage im Habsburgerreich,
Hamburg 1996. (=
Hamburger Veröffentlichungen zur Geschichte Mittel- und Osteuropas, Bd. 2).
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