Stefan Grajek: Po wojnie i co dalej. Żydzi w Polsce, w latach 1945-1949
[Wie sollte es nach dem Krieg weitergehen? Juden in Polen 1945-1949], aus
dem Hebräischen von Aleksander Klugman. Żydowski Instytut Historyczny.
Warszawa 2003. 238 S.
Für "Polhist" rezensiert von Dr. Klaus-Peter Friedrich, Marburg,
klaus-peter.friedrich@gmx.de
Stefan Grajek war im jüdischen Widerstand im besetzten Polen tätig
(siehe auch Chalom Stéphane Grayek, L’insurrection du ghetto de Varsovie,
Paris 1978). Sein aus großem zeitlichen Abstand aufgezeichneter Bericht
über die ersten fünf Nachkriegsjahre in Polen setzt mit dem freudig
begrüßten Einmarsch der Sowjetarmee ein, den er bei Kielce erlebte.
Von Januar 1945 an folgt er nun in kurzen Kapiteln Monat für Monat den
Ereignissen bis zu seiner Auswanderung nach Israel im Herbst 1949. Im Mittelpunkt
steht also die Übergangsphase der ersten Nachkriegsjahre, als polnische
Juden das Land ständig verließen und Polen Durchgangsstation war
für jene, die sich in der Sowjetunion vor dem NS-Judenmord hatten retten
können.
Anders als für die meisten Völker Europas, so Grajek, „hörte
der Kampf der Juden […] nach Kriegsende nicht auf, nur sein Ziel und seine
Mittel änderten sich“ (S. 69). Grajek war seinerzeit Generalsekretär
der sozialdemokratisch orientierten zionistischen Partei Poale Zion. So sind
hier manche Einzelheiten über das politische Leben der in zahlreiche
miteinander konkurrierende Parteien und Fraktionen zersplitterten Gruppierungen
zu erfahren, deren Aktivisten sich als Interessenvertreter der jüdischen
Gemeinschaft verstanden. Nach Polen entsandte Repräsentanten jüdischer
Parteien aus Palästina waren zudem bemüht, die Entwicklung in ihrem
Sinne zu beeinflussen.
Der Verfasser wirkte überdies bei der Organisierung der illegalen Auswanderung
polnischer Juden (Bricha) mit, die sie in die neue Heimat nach Israel führen
sollte. Nach den Morden in Kielce war Grajek aufgrund seiner Kontakte zu
General Komar an der informellen Regelung der jüdischen Emigration (bzw.
Massenflucht) aus Polen persönlich beteiligt (S. 99). Auch suchten zionistische
Gruppierungen nach jüdischen Kindern, die in Polen unter nichtjüdischer
Tarnung oder im Verborgenen überlebt hatten, um sie für die jüdische
Gemeinschaft zurück zu gewinnen; teilweise wurden sie selbst aus Kinderheimen
herausgeholt, die dem Zentralkomitee der Juden in Polen (Centralny Komitet
Żydów w Polsce) unterstanden, das mit der kommunistischen Staatsführung
eng zusammenarbeitete.
Grajeks Haltung gegenüber den neuen Machthabern ist zwiespältig.
Einerseits stellt er fest, der Grund für die Flucht osteuropäischer
Juden nach Westen sei ihre „panische Angst vor dem kommunistischen System“
gewesen (S. 33). Mehrfach kritisiert er, dass die polnischen Kommunisten
und ihre Bündnisgenossen viel daran setzten, die polnischen Juden zum
Bleiben zu bewegen − wenngleich sie sich nicht trauten, die Tätigkeit
der Zionisten zu unterbinden. Doch wird andererseits wiederholt deutlich,
dass alle in Polen aktiven jüdischen Parteien – und nicht nur der antizionistische
BUND – die neuen Machthaber nach Kräften unterstützten.
Als die Masse der Emigranten länger als erwartet in den Lagern für
Verschleppte und heimatlos Gewordene (Displaced Persons) festgehalten wurde,
gehörte Grajek zu jenen, die den Kontakt zwischen den ,Entsendeorten‘
in Polen, den Flüchtlingslagern im besetzten Deutschland und Österreich
und den Leitungsgremien der Zionisten in Westeuropa aufrecht erhielten.
An vielen Stellen zitiert Grajek – häufig ohne genaue Quellenangabe
– unvermittelt Dokumente und Aussagen anderer Zeitzeugen, ohne sie in den
geschilderten Verlauf des Geschehens zu integrieren. Der Verfasser beschränkt
sich also – leider – nicht darauf, einen autobiographischen Bericht vorzulegen,
sondern versucht, seine Erinnerungen mit einer historischen Darstellung zu
verbinden, wofür ihm offenbar der notwendige Abstand fehlt.
Alle Rechte beim Verfasser, 2005