Lagersystem und Repräsentation. Interdisziplinäre Studien zur Geschichte der Konzentrationslager. Hrsg. von Ralph Gabriel, Elissa Mailänder Koslov, Monika Neuhofer, Else Rieger. Tübingen: Edition diskord 2004. 224 S., s/w Abb. € 14,00

 

Für Polhist rezensiert von Dr. Klaus-Peter Friedrich, Marburg, Klaus-Peter.Friedrich@gmx.de

 

Die zwölf Beiträge dieses Sammelbandes gehen auf eine Doktoranden-Tagung vom Herbst 2003 im österreichischen Ebensee zurück. Sie befassen sich mit verschiedenartigen Einzelaspekten in Konzentrationslagern des NS-Staates. Drei beziehen sich (auch) auf die polnische Zeitgeschichte.

Andreas Mix schildert (S. 100-118) anhand umfangreichen deutschen und polnischen Quellenmaterials die Entwicklung des Konzentrationslagers Warschau, das im Sommer 1943 eingerichtet wurde, um auf dem Trümmerfeld, das vom sog. Warschauer Judengetto übrig geblieben war, noch auffindbare Wertgegenstände der Ermordeten und sonstige verwertbare Materialien zu „erbeuten“. Das Hauptaugenmerk des Vf. gilt den von Tauschgeschäften und Korruption geprägten sozioökonomischen Beziehungen zwischen unterschiedlichen Häftlingsgruppen, der SS-Lagerbewachung und den polnischen Zivilarbeitern. In der perversen Hierarchie auf dem ehemaligen Gelände des „Gettos“ waren diejenigen am schwächsten, denen es bis dahin gelungen war, die Niederschlagung des Getto-Aufstands zu überleben und die sich nun versteckt hielten: Sie waren Menschenjagden seitens der SS-Leute ausgesetzt, zu denen auch Häftlinge eingespannt wurden. Während „[d]ie Grenzen zwischen privilegierten Häftlingen und dem Lagerpersonal verschwammen“ (S. 117), bestimmte die Position in der Rangordnung der Lagerinsassen die Erfolgsaussichten, auf Kosten von untergeordneten Opfergruppen das eigene Überleben zu sichern. Das Bestehen des Konzentrationslagers Warschau endete mit dem nationalpolnischen Aufstand vom August 1944.

Andreas Kilian lotet im Zusammenhang mit Aufstandsplanungen „,Handlungsräume‘ im Sonderkommando Auschwitz“ aus (S. 119-139). Im Prozess des nationalsozialistischen Judenmordes war die Mitwirkung der Angehörigen des Sonderkommandos unverzichtbar, da es in erster Linie diese Häftlingsgruppe war, die mit den zur Ermordung Bestimmten zusammentraf und die für die Auffüllung und Leerung der Gaskammern zu sorgen hatte. Die Kontrolle über den „Mordbetrieb in den Krematorien“ wurde unterdessen von einer kleinen Zahl von SS-Leuten aufrecht erhalten (S. 134). Das Sonderkommando Auschwitz, das häufigen Selektionen unterworfen wurde und fast ausschließlich aus Juden bestand, war in Bezug auf den religiös-kulturellen, politischen und persönlichen Erfahrungshintergrund sowie die geographische Herkunft sehr uneinheitlich zusammengesetzt. Ständige Fluktuation und das zwischen den Gefangenen vorherrschende Misstrauen verhinderten, das sich vor dem Aufstand vom Oktober 1944 ein planmäßiger, aktiver und wirkungsvoller Widerstand entfalten konnte. Kilians Beitrag ist von unnötigen Ausdrucksmängeln verunziert (beispielsweise „Liquidation“ für das Umbringen von Häftlingen, S. 122ff.).

Thomas Köhler thematisiert anhand von Zeugenaussagen während des Düsseldorfer Majdanek-Prozesses die Nutzbarkeit „subjektiver Erinnerungstradierung“ für die historische Forschung (S. 140-155).

Es steht zu erwarten, daß die drei Dissertationen, die 2004 offenbar vor dem Abschluss standen, die hier skizzierten Erkenntnisse über ihren Forschungsgegenstand jeweils noch eingehend vertiefen werden.

 

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