Marek Jan Chodakiewicz, After the
Holocaust. Polish-Jewish Conflict in the Wake of World War II, Boulder 2003
(East European Monographs). 265 S.
Für „Polhist“ rezensiert von Dr. Klaus-Peter Friedrich (Marburg), Klaus-Peter.Friedrich@gmx.de
In seiner Betrachtung der
ersten Nachkriegsjahre in Polen folgt Marek Jan Chodakiewicz der These, die
1944-1947 festzustellende antijüdische Gewalt von seiten der ethnisch
polnischen Bevölkerung (nach dem Ende der NS-Okkupation) beruhe auf
antikommunistischen Einstellungen − und nicht auf dem verbreiteten
Antisemitismus. Vorangegangen sei ihr nämlich ein sowjetischer „Terror“, für
den die Polen − in Chodakiewiczs Augen zu Recht − jüdische
Mitarbeiter der neuen Machtorgane verantwortlich gemacht hätten. Es ist ihm
also um eine Aufrechnung zu tun: Den Nachweis zu erbringen, dass die polnische
Mehrheitsbevölkerung unter Gewaltakten seitens kommunistisch fanatisierter
und/oder rachsüchtiger polnischer Juden zu leiden gehabt habe, denen Tausende −
in Chodakiewiczs Augen meist Unschuldige − zum Opfer gefallen seien.
(Solche Konstruktionen erinnern an diejenigen eines Ernst Nolte oder Johannes
Rogalla von Bieberstein und sind hierzulande bekanntlich aus Äußerungen Martin
Hohmanns bekannt). Die antijüdischen Drohungen, Gewaltakte und Morde seien
mithin als bloße Reaktion im Kampf der Polen gegen das ihnen aufgezwungene, aus
dem Osten importierte totalitäre System anzusehen.
Solch vermeintlicher
„Erklärung“ und Rechtfertigung stellt Chodakiewicz Verharmlosung zur Seite. So
gesteht der Vf. zwar zu, dass die rechten Gruppierungen eine rabiate
antijüdische Propaganda gegen die „Judenkommune (żydokomuna)“ betrieben und nennt Beispiele für diese
Hass-Rhetorik (Kap. IV). Doch gleichzeitig bestreitet er, dass sie sich in
verbrecherisches Handeln umgesetzt habe. Dem Vf. geht es insbesondere um eine
moralische Rehabilitierung der sog. Nationalen Streitkräfte (Narodowe Siły Zbrojne, NSZ), des
bewaffneten Armes der rechtsgerichteten Widerstandsgruppen. Interne Dokumente
mit Aussagen der NSZ-Organisation über an Juden vollstreckte Todesurteile
werden daher − mit wenig Überzeugungskraft − als angebliche
Fälschungen seitens der kommunistischen Verfolgungsorgane in Zweifel gezogen
und zurückgewiesen (S. 8; auch S. 163, 174).
Für Chodakiewicz
verkörpert sich das neue Regime in den Sowjetorganen und deren (hier nur als
entpersonalisierter Sammelbegriff auftauchenden) „polnischen kommunistischen
Stellvertretern (Polish communist proxies)“.
Daraus folgt ein den Realitäten kaum entsprechendes, in Schwarz-Weiß
gezeichnetes Bild der politischen und sozialen Verhältnisse, wobei sowjetische
Eroberer und ihre vom Vf. zu Verrätern gestempelten, vermeintlich überwiegend
jüdischen (und wenigen polnischen) Helfer den von Glorienschein umgebenen antikommunistischen
Unabhängigkeitskämpfern den Garaus machten. Unbeachtet bleibt dabei, dass
manche Polen während der 2-3 Jahre andauernden kommunistischen Machtübernahme
(teils mehrfach) die Seiten wechselten und dass sich auch zahlreiche
Nichtkommunisten und Nichtjuden dem neuen Regime anpassten (also:
kollaborierten). Auch kann es nicht wirklich verwundern, dass in das
öffentliche Leben des Landes zurückkehrende Juden angesichts des verbreiteten
Antisemitismus und tiefgreifender Demoralisierung den Schutz der Sowjetorgane
und des kommunistischen Apparats suchten, deren Herrschaft ihnen als das
kleinere Übel erschien.
Der Vf. hängt offenbar
der gleichen Ansicht an wie eines der von ihm zitierten rechtsradikalen
Blätter, in dem im August 1946 verkündet wurde, „die Juden“ seien, nachdem sie
sich in die Politik Polens eingemischt hätten, selbst schuld an dem mehrere
Dutzend Menschenleben fordernden Judenpogrom in Kielce und Umgebung. Einige
Wochen später hieß es im gleichen Blatt: „Wir sind keine Antisemiten −
doch wir stellen das Interesse unseres Volkes über alles (Antysemitami nie jesteśmy – interes własnego Narodu stawiamy
jednak ponad wszystkim)“ (Honor i Ojczyzna, S. 58).
Seit Ende 1944
unternommene Versuche, Straftaten polnischer Mittäter beim NS-Judenmord zu
ahnden, hält Chodakiewicz für falsch, denn sie hätten oft − selbst in
Jedwabne und Umgebung! − „unschuldige“ Kämpfer für die Unabhängigkeit
Polens getroffen (S. 114 f.); zudem sei die Bestrafung von Geretteten mitunter
auf unfaire Weise herbeigeführt worden. Sie sei somit Ausdruck „jüdischer“
Undankbarkeit (S. 76, 85, 87, 136, 206) − auch dies ein Topos der
rechtslastigen Strömung polnischer Historiografie. Doch der Vorwurf, Yitzhak
Zuckerman (Cukierman) habe sich der Heimatarmee gegenüber undankbar verhalten,
trifft nicht, da Chodakiewiczs Mitteilung, er sei von der Heimatarmee nach der
Niederschlagung des Warschauer Aufstands 1944 unterstützt worden, schlicht
unzutreffend ist (S. 69). Nationaldemokratischen ideologischen Versatzstücken
entspricht es auch, der jüdischen Bevölkerung einen tiefverwurzelten
„Antipolonismus“ zu unterstellen (S. 71).
Die Vorgehensweise des
Vfs. ist weitgehend selektiv-impressionistisch, was etwa bedeutet, dass er
zahlreiche seiner Beweisführung genehme Aussagen aus jüdischen Erinnerungsberichten
anführt, ohne sich der Mühe zu unterziehen, sie auf Grundlage anderer Quellen
zu bestätigen. Aussagen über Geschehnisse, in denen ethnische Polen an der
Ermordung von Juden beteiligt waren, werden dagegen als „keinesfalls genügend
aufgeklärt“ zurückgewiesen (z.B. S. 138, 160, 162, 164, 172); zugleich wird die
Forderung erhoben, man müsse Mordvorwürfe gegen die rechten Gruppen anhand
weiterer Quellen überprüfen (S. 8).
Der Vf. verstrickt sich
in zahlreiche Widersprüche. Beispielsweise macht er mehrfach deutlich, dass
jüdische Mitarbeiter der neuen Machthaber sich durch Namenwechsel und ähnliche
Anpassungsmaßnahmen als ethnische Polen zu tarnen pflegten. Ein andermal
suggeriert er (wenig glaubwürdig), sie hätten ihre jüdischen religiösen Bräuche
auch als Kommunisten offen und ungeniert weiter gepflegt (S. 38 f.). Über den
Anteil von Juden in der polnischen Volksarmee und in den kommunistischen
Sicherheitsorganen kolportiert Chodakiewicz geradezu fantastische Zahlen (S.
43), obwohl er zuvor selbst festgestellt hat, dass die Volksarmee von Sowjets
kommandiert worden sei (S. 17). Andrzej Paczkowski hat inzwischen anhand
polnischer Archivalien einen weit niedrigeren Anteil von Juden und Polen
jüdischer Herkunft im Sicherheitsdienst (Urząd
Bezpieczeństwa) ermittelt (1). Auch die offenbare Diskrepanz zwischen
den Angaben Rafał Wnuks, 10% der Untergrundzeitungen und 40% der
Flugblätter hätten sich feindselig gegen Juden geäußert (S. 56), und der
fragwürdigen Statistik Władysław Chojnackis, wonach von 1278
Anschlägen, Plakaten und Flugblättern nur 57 Juden überhaupt erwähnt hätten (S.
58), wird nicht aufgelöst (2). In Kapitel VIII erweckt der Vf. den Eindruck,
als seien antijüdische Propagandamedien weitaus stärker verbreitet gewesen (S.
173)!
Am Ende gelingt es dem
Vf. keineswegs zu erklären, warum die angeblich doch so große Zahl der
prosowjetisch eingestellten überlebenden Juden, die bis 1939 über die polnische
Staatsangehörigkeit verfügt hatten, nach Kriegsende im Rahmen eines
polnisch-sowjetischen Umsiedlungsabkommens die UdSSR verließ. Chodakiewiczs
Darstellung vernachlässigt mithin zu sehr den zeitgeschichtlichen Kontext und
ideologischen Hintergrund seines Untersuchungsgegenstandes, darunter
insbesondere die Virulenz des jüdischen Feind-Stereotyps: die überkommene
Aufteilung in die positiv besetzte eigene ethnische Gruppe der „zu uns
Gehörigen (swoi)“ einerseits und der
„fremden (obcy)“ Juden andererseits,
die Ende 1917 beginnenden und bald allgegenwärtigen Verschwörungsvorstellungen
vom „jüdischen Bolschewismus“ (żydokomuna)
und die parallel zu jener der NS-Propagandaämter anhaltende antijüdische
Propaganda zahlreicher (nicht nur rechter) Untergrundgruppen in den
Okkupationsjahren. Eine ideologiekritische Auseinandersetzung mit diesem −
im Wesentlichen, aber nicht nur − nationaldemokratischen Teil des Erbes
der polnischen Nationalideologie findet nicht statt, während Vorarbeiten dazu,
wie sie etwa André Gerrits und Martin Broszat vorgelegt haben (3), ignoriert
werden. Wenn der Vf. beklagt, „that in postwar Poland political denunciations
appear to have been directed almost exclusively at Poles“ (S. 112), so entgeht
ihm völlig, dass allein die rechtsorientierte żydokomuna-Propaganda de facto als unablässige antijüdische
Verleumdung funktionierte. Die von Chodakiewicz gewählte isolierte Betrachtung
mündet so allzu leicht in trügerische Mystifizierungen.
Zudem legt Chodakiewicz
keine empirisch nachvollziehbare (und für Polen bis heute überfällige)
Untersuchung zum Umgang mit der Restitution jüdischen Besitzes an die unter der
NS-Okkupation Enteigneten oder ihre Erben vor. Was der Vf. unter „Juden“
versteht, bedient sich einer Teils rassistisch anmutenden Diktion, wenn von
jemandes „jüdischen Wurzeln“ die Rede ist (S. 37) und selbst vollständig
polonisierte Akteure zu „jüdischen Kommunisten“ und glühende polnische
Nationalisten zu „Juden“ verzerrt werden (S. 72, 138/196) − ein Kniff,
der auch in der rechtsradikalen Untergrundpresse immer wieder angewendet wurde.
Da wir es in diesem Band mehrheitlich mit (weitgehend) akkulturierten Juden zu
tun haben, erweist es sich als gravierender Mangel des Chodakiewicz’schen
Ansatzes, dass die verwickelte Problematik der Assimilierung völlig
unberücksichtigt bleibt. Der Vf. zieht es stattdessen vor, die antijüdische
Gewalt zu einem Nationalitätenkonflikt umzukonstruieren, an dessen Verschärfung
sich sowohl Polen als auch Juden beteiligt hätten. (Nicht zufällig ist der
Schutzumschlag des hier vorzustellenden Bandes in den polnischen Nationalfarben
gehalten.)
So erweckt der Band den
Eindruck, hier seien viel Fleiß und Eifer in eine Untersuchung eingeflossen,
die einen offensichtlichen (vergangenheits-)politischen Zweck verfolgt, während
die Grundannahmen unzutreffend sind und nur Dank einer zutiefst tendenziösen
Herangehensweise etwas Stimmigkeit beanspruchen dürfen. Und möglicherweise
würde es sich nicht lohnen, dieser Darstellung so viel Aufmerksamkeit
zuzuwenden, wenn sie − wie frühere Bücher des Autors − bloß in
einem eher obskuren rechtslastigen Warschauer Verlag herausgekommen wäre. In
diesem Fall ist Chodakiewiczs fehlgeleitete Interpretation jedoch in der
renommierten Reihe der East European Monographs erschienen. Damit wird ein
Anschein von Seriosität erweckt und ein Maß an wissenschaftlicher Gediegenheit
versprochen, das der Band nicht einlösen kann.
Daher besteht weiterhin
kein Zweifel daran, dass die damaligen Verbrechen an Juden ebenso wie die von
den rechten Untergrundgruppen an den Tag gelegte und von weiten Teilen der
Bevölkerung geteilte antijüdische Wahrnehmung der Geschehnisse zu einem ganz
erheblichen Umfang auf antisemitischen Stimmungen und Einstellungen beruhten.
Hinter der auf S. 103
genannten „Bande Wasilewskis [sic!]“
verbirgt sich übrigens die polnische Volksarmee, bei deren Gründung 1943 die
polnische (nichtjüdische!) Kommunistin Wanda Wasilewska eine wichtige Rolle
gespielt hatte.
(1) Andrzej Paczkowski, Żydzi w
UB. Próba weryfikacji stereotypu, in: Komunizm. Ideologia, system, ludzie [Der Kommunismus. Die
Ideologie, das System und die Menschen], hrsg. von Tomasz Szarota, Warszawa
2001, S. 192-204. Engl. Fassung: Jews in the Polish Security
Apparatus: An Attempt to Test the Stereotype, in: Polin 16 (2003), S. 453-464.
(2) Rafał
Wnuk, Zorganizowany opór wobec państwa komunistycznego na przykładzie
Okręgu Lublin AK-DSZ-WiN (1944-1945), in Dzieje Najnowsze 31 (1999), H. 4,
S. 183.; Władysław Chojnacki, Bibliografia polskich publikacji
podziemnych wydanych pod rządami komunistycznymi w latach 1939-1941 i
1944-1953. Czasopisma, druki zwarte, druki ulotne. Bibliography
of Polish Underground Publications Issued under Communist Rule 1939-1941 and
1944-1953. Periodicals, Books, Brochures and Leaflets, hrsg. von dems. und Marek
Jastrezębski, Warszawa 1996, S. 216.
(3) André Gerrits, Antisemitism and
Anti-Communism: The Myth of “Judeo-Communism” in Eastern Europe, in: East
European Jewish Affairs 25 (1995), 1, S. 49-72; Martin Broszat, Faschismus und
Kollaboration in Ostmitteleuropa zwischen den Weltkriegen, in:
Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 14 (1966), S. 225-251.