Jochen Böhler: Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die
Wehrmacht in Polen 1939, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2006,
278 S., ISBN 3-596-16307-2, EUR 12,95.
Für Polhist rezensiert von Dr.
Klaus-Peter Friedrich (Marburg), Klaus-Peter.Friedrich@gmx.de
Jochen Böhler geht – für eine
deutschsprachige Leserschaft erstmalig – ausführlich auf den Kontext der von
Angehörigen der bewaffneten Formationen des NS-Staates im September 1939 in
Polen verübten Verbrechen ein. „Auf dem polnischen Schauplatz
verbanden sich die bereits vorhandenen Vorstellungen deutscher Soldaten
zusammen mit den Eindrücken des Vormarsches und der ungewohnten Situation des
ersten Einsatzes zu einer gefährlichen Mixtur.“ Infolgedessen seien den „Erschießungen
durch reguläre Einheiten des deutschen Heeres“ Tausende „polnischer und
jüdischer Zivilisten und Kriegsgefangene zum Opfer“ gefallen (11). Dies ist in
der polnischen Historiografie seit Jahrzehnten bekannt.
Der Autor schildert zunächst die geistig-ideologische
Vorbereitung des Angriffs: Bereits Anfang 1939 wurde beschlossen, dass
künftige „Kriegsgefangene bei ihrer Ankunft in den Gefangenenlagern nach ‚rassischen’
Gesichtspunkten zu trennen“ seien, und ab 9. August 1939 galt, dass bei einer
Mobilmachung „die Wehrfähigen polnischer und jüdischer Nationalität im Alter
von 17-45 Jahren, sobald die Kriegslage es gestattet, zu internieren und wie
Kriegsgefangene (jedoch getrennt von diesen) zu behandeln“ seien (39). Im
internen Propagandamaterial wurden die polnischen Juden als „bolschewistenfreundlich
und Deutschenhasser“ diffamiert (41).
Anhand von zahlreichen zeitgenössischen Selbstaussagen und Berichten
zeigt Böhler, wie sich dies in antipolnischen und antijüdischen Einstellungen
widerspiegelte – in Abscheu, die vermischt war mit Überheblichkeit, tiefer
Verunsicherung und überspielten Ängsten. Der brutalen Rücksichtslosigkeit
gegenüber der Zivilbevölkerung unterlag eine kolonialistische Attitüde, aus der
heraus Polen – und mehr noch Juden – als minderwertige ‚Eingeborene’ angesehen
wurden. Das äußerst gewalttätige Vorgehen speiste sich aber auch aus der
Wahnvorstellung, man sei im eroberten Gebiet auf Schritt und Tritt durch
Überfälle aus dem Hinterhalt – also von Freischärlern – bedroht. Hinzu kam eine
tiefe Missachtung der international vereinbarten Kriegsordnungen, sodass der
Begriff des „Franktireurs“ völlig unangemessen ausgeweitet wurde. Auch
Kriegsgefangene waren vor willkürlichen Erschießungsaktionen keineswegs sicher.
Begleitet wurden die Morde von Raub, Plünderungen
und der Vergewaltigung
jüdischer Frauen, wobei unter den nazifizierten Soldaten die Meinung vorherrschte,
dass es keineswegs strafbar sei, Verbrechen an Juden zu begehen. Die
Befehlshaber schritten nicht entschieden genug ein, sodass die – von Hitler
intendierte – ausbleibende Ahndung antijüdischer Verbrechen und Übergriffe zu
fortgesetzter Gewaltbereitschaft ermunterte (188, 198). Böhler
zieht daraus den Schluss, dass „die Wehrmachtseinheiten an Brutalität kaum
hinter den SS- und Polizeieinheiten zurück[blieben]“ (236).
Dennoch bleibt es dabei, dass die
allermeisten Morde von „Einsatzgruppen“ genannten NS-Formationen, der
Leibstandarte „Adolf Hitler“, den SS-Totenkopfstandarten, dem volksdeutschen „Selbstschutz“
u.a.m. begangen wurden. Die Wehrmacht hatte mit diesen allerdings zumindest
mittelbar zu tun: indem sie logistische Unterstützung leistete, ihre Soldaten
als gaffende Schaulustige in Erscheinung traten und indem sie – als
verantwortliche Instanz der Besatzungsherrschaft in der Eroberungsphase –
solche Massenmorde überhaupt geschehen ließ. Gegen antipolnische und antijüdische Pogrome
der Einsatzgruppen (wie in Będzin, Dynów oder
Przemyśl) hätte die Armee wirkungsvoll einschreiten können und müssen. Falsch wäre
es aber, wie in der polnischen Historiografie antisemitisch
motivierte Ausschreitungen und Morde pauschal dem deutschen Heer anzulasten
(201). Zwar
machten sich Mannschaftssoldaten und Offiziere in zahlreichen Fällen der
Mißhandlung von Juden bereitwillig schuldig. Die Beziehungen zwischen Wehrmacht
und SS waren aber insgesamt weniger harmonisch, als es Böhler glauben machen
will, und Konflikte brachen auch nach September 1939 immer wieder auf. Der
Autor tendiert hier dazu, vielfach belegbare und teils auch von ihm selbst
festgestellte Gegensätze zwischen den regulären Truppen und NS-Formationen zu
verwischen (214). Bezeichnenderweise macht der Verf. keine genaueren Angaben,
wie viele Morde an Zivilisten und Gefangenen denn nun auf das Konto der
regulären Truppen gehen.
In der Militärgeschichtsschreibung der vergangenen Jahre ist es Mode
geworden, Thesen über verbreitete Verhaltensmuster mit ‚illustrierenden’
Zitaten zu belegen.[1] Problematisch ist aber, dass hier keine vergleichende Gewichtung mit
jenen Aussagen stattfindet, bei denen exzessive Feindseligkeit gegen Polen und
Juden eine geringe Rolle spielte oder möglicherweise gar nicht in Erscheinung
trat. Anhand
der Überlieferung polnischer und jüdischer Zeugenaussagen ließe sich zudem
feststellen, inwieweit von Seiten der Opfer ein Unterschied zwischen den
Vorgehensweisen von Soldaten und jenen der Nazi-Formationen gesehen wurde.
Vielleicht noch schwerer fällt ins
Gewicht, dass gerade für die Anfangsphase des Krieges eine eingehendere
Untersuchung des Einflusses der Goebbels-Propaganda fehlt. So begibt sich der
Verf. der Chance, im Zusammenhang der Massenerschießungen in Bromberg/Bydgoszcz
genauer herauszuarbeiten, warum sich die Wehrmacht dem „volkstumspolitischen“
Auftrag der „Einsatzgruppen“ anschloss (145, 208). Überhaupt sind die Folgen
des Triumphgeschreis der Goebbels-Propaganda und deren schier unbeschränkte
Inszenierungsmacht, als während des „Feldzugs der 18 Tage“ die Wehrmacht „auf
den Straßen des Sieges“ wandelte, hier zu Lande bis heute nicht hinreichend
aufgearbeitet worden.
Störend ist überdies das wiederholte Insistieren auf einem
angeblich monolithischen „Antislawismus“ Hitlers – trotz der Tatsache, dass
Polen bis Ende 1938 als „Juniorpartner“ durchaus in Betracht gezogen wurde,
dass NS-Deutschland mit ‚slawischen’ Staaten von Kroatien bis zur Slowakei und
(August 1939-Juni 1941) Russland enge Beziehungen unterhielt und dass Ukrainer
im besetzten Polen vom Beginn der Okkupation an bevorzugt wurden. Manche aus
der polnischen Literatur bekannte Massaker (so am 13. September in Mielec und
am 18. September in Mogilno) werden vom Autor nicht erwähnt. Dies mag freilich
dem Verlag anzulasten sein. (Aus dem Band geht nicht hervor, in welchem Ausmaß
der Verf. zu Kürzungen seiner Dissertation veranlasst wurde, die Grundlage
dieser Veröffentlichung ist.)
Die NS-Führung konnte den Krieg in
Polen als eine gelungene Generalprobe für ihre viel weitergehenden
Eroberungspläne verbuchen. Aber Böhlers Schlussfolgerung, der „deutsche Angriff
auf die Sowjetunion im Sommer 1941“ sei bisher „irrtümlicherweise als
Wasserscheide zwischen einer herkömmlichen deutschen Kriegsführung und dem
Vernichtungskrieg im Osten interpretiert worden“ (247), ist unzutreffend: Bei
dem ab Sommer 1941 praktizierten Vernichtungswerk ging es bekanntlich um ganz
andere Größenordnungen. Die brutale Eroberung Polens ist also tatsächlich nur
der mentale und – in den durch die kurze Kriegsdauer gesetzten Grenzen – in
Bezug auf die Opferzahlen letztlich doch eingeschränkte „Auftakt“ vor dem
später folgenden, noch weit stärker von der Nazi-Ideologie geprägten und
enthemmten „antibolschewistischen“ Vernichtungskrieg.
Berücksichtigt man diese
Einschränkungen, gebührt der Untersuchung das Verdienst, die Kenntnis einer deutschsprachigen
Leserschaft über Einstellungen, Motivationen und Handlungen von
Angreifern des September 1939 aus den Reihen der „ganz normalen“ Truppe
wesentlich zu bereichern. Damit könnte und sollte sie einen nachhaltigen Anstoß
geben, beschönigende kollektive Vorstellungen über den (verharmlosend) so
genannten Polenfeldzug zu revidieren.
[1]
Siehe z.B. Klaus-Michael
Mallmann u.a. (Hg.): Deutscher Osten 1939-1945. Der Weltanschauungskrieg in
Photos und Texten, Darmstadt 2003; Alexander B. Rossino: Destructive Impulses: German Soldiers and the Conquest of
Poland, in: Holocaust and Genocide Studies 7 (1997), 351-365; ders.: Hitler Strikes Poland. Blitzkrieg,
Ideology, and Atrocity (Modern War Studies), Lawrence 2003.