Mathias Niendorf

 

 

Marian Wojciechowski (1927-2006)

 

 

Seine Karriere begann auf den Knien Roman Dmowskis. Diese Anekdote erzählte er gern: Marian Wojciechowski, geboren 1927 in Posen als Sohn des Universitätsdozenten Zygmunt Wojciechowski (1900-1955), zu dessen Bekannten auch der Gründervater der polnischen Nationaldemokratie gehörte <1>. Geht man die Ahnengalerie bis zum Großvater zurück, den Lemberger Literaturwissenschaftler Konstanty Wojciechowski (1872-1924), so verkörperte Marian Wojciechowski die dritte Generation einer Gelehrtendynastie. Dabei war der nach längerer Krankheit am 24. November in Warschau verstorbene Zeithistoriker eine durch und durch eigenständige Persönlichkeit, deren vielfältigen Facetten gerecht zu werden an dieser Stelle erst gar nicht versucht werden soll.

Die folgenden, sehr subjektiven Zeilen gelten nicht nur dem Wissenschaftler und Wissenschaftsmanager, sondern auch dem anregenden, einnehmenden Gesprächspartner, für den die deutsch-polnischen Beziehungen zu einem Lebensthema wurden.

 

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„Wer den Dichter will verstehen, / Muß in Dichters Lande gehen“: Das Goethesche Motto zitierte Wojciechowski, wenn er auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs zu sprechen kam, um hinzu zu fügen: „Zu uns ist der Dichter gekommen.“ Klassische Bildung, Freude an geistreichen Pointen bis hin zum Sarkasmus, ohne, altersmilde, verletzend wirken zu wollen, zeichneten ihn aus. Hinzufügen ist Wojciechowskis Faszination von deutscher Kultur – nicht unkritische Bewunderung, aber doch Faszination.

 

1939 hatte Wojciechowski gerade die Aufnahmeprüfung für die Oberschule abgelegt, wurde dann jedoch mit den Eltern ins Generalgouvernement ausgesiedelt und musste, wie Tausende anderer junger Polen, seine Schulbildung im Untergrund fortsetzen.

Der Dichter als Besatzer begegnete ihm in vielerlei Gestalt: Mit menschlichem Gesicht in existenziell bedrohlichen Situationen, wenn etwa die Sperrstunde überschritten und der nächste Polizist schon in Sichtweite war, in Form der NS-Massenkultur, zu der auch eine Zarah Leander gehörte, und nicht zuletzt als Teil einer Mordmaschinerie. Tiefen Eindruck machte auf den jungen Wojciechowski die Liquidierung des Krakauer Ghettos.

 

Es wäre eine eigne Untersuchung wert, ob es nicht gerade Menschen seiner Altersstufe waren, die sich nach 1945 am schwersten mit der Annäherung an Deutschland taten – nicht diejenigen, die mit der Waffe in der Hand gegen den Besatzer gekämpft, die Lager und KZ überlebt hatten, sondern Polen, deren Pubertät in die Zeit des deutschen Terrors gefallen war. Auf jeden Fall verdient Wojciechowskis frühe, keineswegs selbstverständliche Aufgeschlossenheit für ein neues Westdeutschland der Hervorhebung.

Wenn er im Abstand von einigen Jahrzehnten Tagebuchaufzeichnungen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit zur Hand nahm, konnte er über sich selber ins Staunen geraten. Was er damals über Begegnungen mit zur Aussiedlung bestimmten „deutschen“ (zeitüblich klein geschrieben: niemcy) zu Papier gebracht hatte, schien ihm von einer rückblickend schwer fassbaren Gefühlskälte geprägt. Diese Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion, die Bereitschaft, sich nach anfänglich demonstrierter Skepsis von Argumenten anderer überzeugen zu lassen, prägte seine Persönlichkeit bis ins hohe Alter.

 

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Nach Studium in Posen und Assistententätigkeit in Thorn wirkte Wojciechowski in Warschau, zunächst an der Feliks-Dzierżyński-Militärakademie (1969-1974), danach an der Universität. Seinen Lehrstuhl behielt er bei, als 1990 aus der Professur für die Geschichte Volkspolens eine solche für Zeitgeschichte wurde. Darüber hinaus bekleidete Wojciechowski eine Reihe einflussreicher Positionen, darunter in der Polnischen Akademie der Wissenschaften (PAN). Hervorgetreten im deutsch-polnischen Kontext ist er als ständiges Mitglied der deutsch-polnischen Schulbuchkommission, deren Vorsitz beziehungsweise stellvertretenden Vorsitz auf polnischer Seite er zeitweise innehatte <2>.

Und wer ihm nicht persönlich begegnete, kannte vielleicht seine eng geschriebene Unterschrift. Ohne sie ging gar nichts, wollte man als ausländischer Historiker in den Archiven eines zentralistisch verwalteten Landes forschen. Ein gutes Jahrzehnt, von 1981-1992, stand Wojciechowski im Range eines Staatssekretärs an der Spitze der Generaldirektion der polnischen Staatsarchive.

Jenseits aller Ideologien fühlte er sich einer polnischen Staatsraison verpflichtet – so, wenn er nicht nur Akten aus der Bundesrepublik zurückforderte, sondern auch nach der Wende noch Einsichtnahme in Unterlagen der Deutschen Volksliste nur ausnahmsweise gestattete. Für einen Historiker seiner Generation und Sozialisation keineswegs selbstverständlich, war er bereit, nicht nur deutsche, sondern auch jüdische Geschichte als integralen Teil der Geschichte Polens zu akzeptieren. Seine Bemühungen um das Ringelblum-Archiv zeugen davon.

Wer ihm das erste Mal begegnete, womöglich noch in dienstlichen Angelegenheiten, auf den mochte seine gelegentlich schroff wirkende Art etwas irritierend wirken. Mit der ihm eigenen Selbstironie pflegte sich Wojciechowski gelegentlich als einen „Preußen polnischer Zunge“ zu bezeichnen. Er hatte gelernt, in Machtstrukturen zu leben und ihrer sich auch zu bedienen, ohne darin jedoch aufzugehen.

 

Für einen homo politicus nicht überraschend, galt auch das wissenschaftliche Interesse Wojciechowskis ganz der politischen Geschichte. Gemessen an den Bogenzahlen mancher seiner polnischen Kollegen, nimmt sich das Œuvre, das er hinterlässt, überschaubar, aber bedeutend aus. Ein Standardwerk geblieben ist seine Habilitationsschrift über die deutsch-polnischen Beziehungen der Jahre 1933-1938, deren erste Auflage auch in deutscher Übersetzung vorliegt <3>.

 

Seine Bekanntschaft mit deutschen Kollegen war älter als die Zusammenarbeit im Rahmen der Schulbuchkommission. Wojciechowski gehörte zu den ersten Wissenschaftlern Volkspolens, die offiziell zu einem Aufenthalt in die Bundesrepublik eingeladen wurden. Bezeichnenderweise war es nicht eine deutsche Organisation, sondern die Ford-Foundation, die 1958/59 das Stipendium finanzierte. In München lernte Wojciechowski Martin Broszat kennen, damals noch wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte, dessen Direktor er später werden sollte. Damals reifte bereits der Plan eines gemeinsamen Projektes zur Geschichte der deutschen und polnischen Grenzminderheiten, das sich aus politischen Gründen erst Jahrzehnte später, in der Perestrojka-Ära verwirklichen ließ <4>.

 

Hier spürt man den langen Atem des Zeithistorikers Wojciechowski, der Realien als solche zu akzeptieren und doch an langfristigen Zielen fest zu halten vermochte. In gewisser Hinsicht gilt dies auch für seine Habilitationsschrift: Eine Gesamtdarstellung deutsch-polnischer Beziehungen in der Zwischenkriegszeit wäre unvollständig geblieben ohne Erwähnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes vom 23. August 1939. Dies hätte die Zensur nicht zugelassen, so dass Wojciechowski sein Werk 1938 enden ließ. Nach dem Systemwechsel förderte er mit großem Engagement eine Posener Doktorarbeit, die gewissermaßen das fehlende Schlusskapitel nachlieferte <5>.

 

Dass der Zweite Weltkrieg polnischen Studierenden von heute ebenso fern liegt wie der Zweite Punische Krieg, das war er bereit zu akzeptieren. Schwerer fiel ihm dies schon, wenn im Kollegenkreis jemandem der Name Roman Dmowskis nichts mehr sagte. So schwang in Gesprächen der letzten Lebensjahre gelegentlich ein melancholischer Unterton mit, getragen von dem Bewusstsein, als einer der letzten die Traditionen der polnischen Vorkriegsintelligenz zu verkörpern. Gerade weil Wojciechowski es selbst nie ansprach, sei daran erinnert, dass es sich nicht einfach um einen Generationswechsel, sondern um einen radikalen Generationsbruch handelt, für den in erster Linie deutsche Politik die Verantwortung trägt.

 

Dabei konnte er wie nur wenige seiner Kollegen auf eine ansehliche Schar von Schülerinnen und Schülern zurückblicken. Zu ihnen gehört Włodzimierz Borodziej ebenso wie Anetta Rybicka, deren Doktorarbeit zur Rolle polnischer Wissenschaftler im Generalgouvernement eine lebhafte Debatte hervorrief <6>.

Als akademischer Lehrer verkündete Wojciechowski ein eigenes „elftes Gebot“ – pointiert und humorvoll, wie es seine Art war, aber doch getragen von einem großen Verantwortungsgefühl: „Nie martyroloż“, was sich auf Deutsch wiedergeben ließe als „Du sollst keine Märtyrergeschichte betreiben“.

 

 

<1> Markus Krzoska, Für ein Polen an Oder und Ostsee. Zygmunt Wojciechowski (1900-1955) als Historiker und Publizist, Osnabrück 2003.

 

<2> Biographische Angaben nach den beiden Festschriften: Historia i współczesność, hrsg. v. E. Frącki und B. Woszczyński, Warszawa 1987 und Polska między Niemcami a Rosją. hrsg. v. W. Borodziej und P. Wieczorkiewicz, Warszawa 1997.

 

<3> Die deutsch-polnischen Beziehungen 1933-1938, Leiden 1971; Stosunki polsko-niemieckie 1918-1938, 2. Aufl. Poznań 1980 [11965].

 

<4> Deutsche und Polen zwischen den Kriegen. Minderheitenstatus und „Volkstumskampf“ im Grenzgebiet. Amtliche Berichterstattung aus beiden Ländern 1920-1939, hrsg. v. R. Jaworski und Marian Wojciechowski, Bd. 1-2, München u.a. 1997.

 

<5> Stanisław Żerko, Stosunki-polsko-niemieckie 1938-1939, Poznań 1998, S. 13.

 

<6> Anetta Rybicka, Instytut Niemieckiej Pracy Wschodniej / Institut für Deutsche Ostarbeit. Kraków 1940-1945, Warszawa 2002.