Die von der Historischen Fakultät organisierte Konferenz war eine der seltenen Gelegenheiten zum freien Meinungs- und Gedankenaustausch für die Kollegen aus beiden Ländern, die diesen auch nutzen, um weitgehend ungestört von jeglicher fachübergreifender Öffentlichkeit über die ihnen wichtigen Themen zu sprechen. Der dabei vorherrschende maschinengewehrartige Vortragsstil vieler Referenten verhinderte nicht, dass es immer wieder zu anregenden Diskussionen kam. Meine Gegenwart als deutscher Kulturwissenschaftler, der sich mit der Nachkriegsgeschichte Grodnos auseinandersetzt, wurde als exotisches aber nicht unsympathisches Störmanöver des deutschen Wohlfahrtsstaates aufgefasst, was mich darauf schließen ließ, dass die Kollegen prinzipiell gerne unter sich sind. Dennoch lag die Herausforderung auf der Hand, den zentralen Themen zu folgen und den so aufgenommenen Faden als Status Quo einer Diskussion zu dokumentieren.
Traditionell dominant in der Auseinandersetzung mit polnisch-weißrussischen Fragen ist die Fraktion der weißrussischen Historiker an der Universität Bialystok. Zu diesen gehört Oleg Latyszonek, der in seinem Rückblick auf die Entwicklung eines weißrussischen historischen Bewusstseins die Aufmerksamkeit auf den Prozess der Zersetzung der historischen Konstruktion der russischen Ländereien in der Historiographie des Großfürstentums Litauen lenkte. Damit wurden seiner Meinung nach schon sehr früh die Grundlagen des historischen Bewusstseins der Weißrussen in Kategorien einer eigenen Staatlichkeit beseitigt. Auf der anderen Seite führte dies dazu, dass die russischen Bewohner des Großfürstentums die offizielle litauische Geschichte nicht als ihre eigene angenommen haben, da sie in ihren Grundannahmen nicht für die ruthenischen Bewohner angelegt worden sei. So erklärt Latyszonek die starke Orientierung dieser nach Kiev. Es habe sich bei der Kiever Rus um eine ältere Tradition gehandelt, die selbst auch schon zu einem gewissen Grad vertraut gewesen sei. Die Schwäche weißrussischer historischer Herleitungen beruhe aber erst auf der Koexistenz dieser zwei kaum miteinander verbundene Narrative: dem litauischen und dem russischen. Im Weiteren schilderte Latyszonek die Ergebnisse seiner Forschungen zur Etymologie des Wortes Belarus und der historischen Verwendung. Im Kern ist zu erkennen, dass die Verwendung des Begriffes erst in der frühen Neuzeit und eher schwach vernetzt einsetzt. Schließlich erklärte Latyszonek dies mit einer im 13. Jahrhundert abbrechenden weißrussischen Staatstradition.
Antonina Kozyrska, die zur Gruppe von jungen aus Weißrussland nach Polen ausgewanderten Wissenschaftlern gehört, trug ihre Forschungsergebnisse über die weißrussische Sprache in der römisch-katholischen Kirche zu Beginn des 20. Jahrhundert vor, als sich die soziolinguistische Situation in der Region stark zu verändern begann. Ihr Ausgangspunkt war die Volkszählung von 1897, in der über 5 Millionen Weißrussen figurieren, von denen sich über zwei Drittel zur Orthodoxie und etwa ein Fünftel zum Katholizismus bekannten. Während auf der einen Seite der Kreis um die erste illustrierte Zeitung in weißrussischer Sprache, „Nasza Niwa“, kulturelles Kapital für die nationale Erweckung weißrussischer Bauern akkumulierte, war auch im direkten Umfeld der katholischen Kirche ein nationales Erwachen zu verspüren. So wurden z.B. Katechismen in weißrussischer Sprache zum Druck vorbereitet und Forderungen nach der Seelsorge in der Sprache der Bauern laut. Diese wurden aber durch die historisch starke Verbindung von Katholizismus und Polentum in der Region deutlich abgeschwächt. So konstatierte Kozyrska eine durchgehend schwache Identifizierung der Bauern mit der weißrussischen Idee. Andererseits scheiterten in den 1870er Jahren auch Versuche der zaristischen Administration, Russisch in der katholischen Kirche der so genannten Nordwestlichen Gebiete durch staatlichen Druck einzuführen. Somit richtete sich das Bestreben der Bischöfe gegen die Russifizierung der katholischen Kirche. Im Rahmen dieses Kampfes wurde laut Kozyrska Bitten von Seiten der Gläubigen bezüglich der Einführung von Weißrussisch in den Gottesdiensten nicht entsprochen. So wurde erst 1917 in der Diözese Wilna in einigen Gemeinden Weißrussisch eingeführt. Die anschließende Diskussion drehte sich um die Frage, wie sich offizielle Sprachregelung und die Lebenswelt der Gläubigen zueinander verhalten haben, sei doch ein Großteil der nicht liturgischen Kommunikation in halböffentlichen und privaten Räumen erfolgt, die sehr wohl Platz für die Sprache der Einheimischen bieten konnten. Siarhej Tokc aus Grodno wies darauf hin, dass bereits 1835 in Wilna ein Katechismus auf Weißrussisch gedruckt worden sei.
Dorota Michaluk, die die Konferenz von Seiten der Universität Thorn organisiert hat, stellte das Thema ihrer Habilitation zur Diskussion, die Akteure der Weißrussischen Volksrepublik und ihre Haltung gegenüber der Einnahme weißrussischer Ländereien durch die Polnische Armee 1919 – 1920. Ihr Ausgangspunkt war die Konzentration der weißrussischen Aktivisten auf die russische Bedrohung sowie die Einsicht, dass die Frage der Westausrichtung erst mit dem Ende des Ersten Weltkriegs auf die politische Agenda kam. Nachdem im April 1918 die Weißrussische Volksrepublik auch für umstrittene Gebiete wie Wilna, Grodno, Suwalki, Augustowo etc. ausgerufen wurde, war bereits mit der Einnahme für das weißrussische nationale Selbstverständnis wichtiger Gebiete um Wilna Territorialität zu einem entscheidenden Eckpunkt der nationalistischen Akteure geworden. Interessante Ergebnisse konnte Michaluk hier durch den Einblick in die Archive des Foreign Office zu Tage fördern: danach wollte die Regierung des Vereinigten Königreiches Ostweißrussland in seinem Kampf um Unabhängigkeit unterstützen, den Westen aber stärker den polnischen Bemühungen um Eigenstaatlichkeit überlassen. Nachdem sich das Beschlussgremium der selbst ernannten Regierung spaltete und kein weißrussischer Vertreter nach Versailles durchgedrungen war, sei auch die Taktik der polnischen Akteure deutlich geworden: einerseits wollten sie eine eigenständige Linie der Weißrussen verhindern, andererseits den Einfluss der Bolschewiki auf sie blockieren. Letztlich habe die polnische Frage die weißrussische Bewegung stark polarisiert, da die political entrepreneurs in ihrer Beziehung zu Polen tief geteilt waren.
Rygor Lazko, der aus dem fernen Mogilev angereist war, machte anhand einer Darstellung der Rolle der Litauisch-Weißrussischen Sowjetrepublik in den polnisch-sowjetischen Verhandlungen des Jahres 1919 deutlich, dass diese in einem direkten Zusammenhang mit den geopolitischen Erwägungen der sowjetischen Seite in Brest-Litovsk zu sehen sind. Entscheidend sei gewesen, dass die Bolschewiki selbst mit Polen über die Grenzen jeglicher weißrussischer bzw. litauischer Gebilde verhandelt hätten. Über den Gemeinplatz, dass die Ergebnisse von Brest-Litovsk den Bolschewiki entgegen kamen, da sie eine Schwächung der Feinde und einen Zeitgewinn für die Errichtung der Macht in Russland selbst darstellten, stellte Lazko heraus, dass sich eine Vereinigung von Litauen und Belarus als zusammengefasste Gebiete von Moskau aus besser beherrschen ließ und gleichzeitig erlaubt habe, die sowjetische Dominanz in der Region besser zu verwischen.
Das so angeschnittene Thema der direkten polnisch-weißrussischen Beziehungen wurde von Mikalaj Mjazga aufgegriffen und in einem Vortrag über Weißrussland als geopolitisches Schlachtfeld für die Jahre 1921 – 1926 durchgespielt. Danach seien der polnisch-sowjetische Krieg und sein in Riga besiegeltes Ergebnis als erste Etappe dieses Kampfes zu verstehen. Aus weißrussischer Sicht bedeutete dies die Aufteilung Weißrusslands zwischen Sowjetrussland und Polen. In den Verhandlungen sei es weniger um die Grenzen selbst als um gegenseitige Zugeständnisse bei der gegenseitigen Anerkennung gegangen. So drängten die Vertreter Sowjetrusslands Minsk auf die Akzeptanz einer souveränen ukrainischen Republik. Dabei stellte Mjazga die Verbindungslinien zwischen den Verhandlungen rund um Versailles und der Wahrnehmung Polens in der Region heraus. So habe es sich bei der Gründung der Zweiten Republik um ein Hauptfundament von Versailles gehandelt. Aus sowjetischer Sicht wurde das dort geschlossene Vertragswerk zum Haupthindernis bei der Ausbreitung der Weltrevolution. Erst Mitte der 1920er Jahre, als der parteiinterne Machtkampf von Stalin gewonnen worden war, und durch die Verbreitung der Weltrevolution veränderte sich mit dem Programm Sozialismus in einem Land die sowjetische Politik. Somit seien jegliche Zugeständnisse gegenüber den Polen trotz erster Versuche, auch ihnen ethnisch bzw. national definierte Autonomien zu gewähren, eingestellt worden, da es sich dabei aus sowjetischer Sicht um die implizite Anerkennung der Ergebnisse der Rigaer Verträge gehandelt habe. Als weiteren Streitpunkt betonte Mjazga die Aktivität und Unterstützung sowjetischer Partisaneneinheiten in den Ostgebieten Polens, die aus sowjetischer Sicht den Protest der örtlichen Bevölkerung gegen die sozialen Missstände in der Region artikulierten. Diese Unterwanderung des „Nahen Auslandes“ sei 1925 eingestellt worden, nachdem die polnische Seite im Gegenzug die Unterstützung antisowjetischer Aktivitäten in der BSSR beendet habe. Erst im August 1925 sei es zur Unterzeichnung eines polnisch-sowjetischen Abkommens zur Klärung der Grenzfrage gekommen, mit dem letztlich auch die Gefechte eingestellt worden seien.
Eugeniusz Mironowicz, der Lehrstuhlinhaber aus Bialystok, versuchte in seinem Vortrag zu zeigen, dass die Politik des Sanacja-Lagers gegenüber der weißrussischen Frage am Vorabend des Zweiten Weltkriegs ineffektiv war. Die Mitte der 1930er Jahre endgültigen Veränderungen führten laut Mironowicz bis 1937 zu einer endgültigen Beseitigung des weißrussischen Schulwesens in der Polnischen Republik und zur vollständigen Verdrängung von Vereinen und andere Strukturen aus dem öffentlichen Raum. So sei z.B. Institutionen wie das Bialystoker Theater „Polymia“ verboten gewesen, die Grenzen der Stadt zu verlassen. Deshalb habe das Theater laut Mironowicz keinen Erfolg gehabt, weil in Bialystok selbst nur relativ wenige Weißrussen lebten. Andererseits bestand somit ein staatliches Bewusstsein, man müsse sich um „die Seelen“ der Bewohner der Nordostgebiete der Zweiten Republik bemühen, selbst wenn sie in den Volkszählungen bereits als Polen geführt wurden. Letztlich seien jegliche Versuche einer Polonisierung von oben immer ein Wechselspiel gewesen, da sich die Bewohner ohne weiteres als Polen ausgegeben hätten, obwohl sie zuhause nicht unbedingt Polnisch sprachen. Die erst im Laufe der 1930er Jahre vollzogene Entscheidung, den Katholizismus selbst zu privilegieren, und die Rechte anderes agierender Gruppen einzuschränken sowie über die verstärkte Einführung der polnischen Sprache z.B. in der orthodoxen Liturgie vermehrt „ordentliche Polen“ zu schaffen, zeuge demnach von der Schwäche der polnischen Akkulturationsbemühungen.
Wojciech Sleczynski von der Universität Bialystok beschrieb in seinem Vortrag die Anfang der 1920er Jahre einsetzenden Assimilationsversuche der slavischen Bevölkerungen in den polnischen Ostgebieten und die Isolation ihrer politischen Akteure aufgrund ihrer strukturellen Schwäche. So wollte man von Seiten der polnischen Regierung aus Angst vor Separatismus und Bolschewismus keiner einzelnen Gruppe eine Autonomie zugestehen. Daher seien die politischen Kämpfe zwar bis 1924 akut gewesen, die lokalen Akteure hätten aber gerade deshalb Interesse daran gehabt, den Grad der von oben gesteuerten Assimilierungsbestrebungen möglichst gering zu halten, um nicht den Widerstand der Bevölkerung zu wecken. Mit Pilsudskis Machtübernahme trat demnach ein Moment der Ruhe ein, der zur Stärkung weißrussischer Aktivisten führte, die sich auch im zahlenmäßigen Wachstum der sozialdemokratisch orientierten Partei Hramada niederschlug. Insgesamt spielte das Kalkül der Modernisierung eine bisher nicht genug gewürdigte Rolle: Ließ sich eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation als Gegenleistung für Loyalität anpreisen? Die These Sleczynskis lautete, dass erst durch die wirtschaftliche Stagnation die Beziehungen schwieriger wurden. Aufgrund der gestiegenen Unzufriedenheit wurden nun auch die Bandagen seitens der lokalen Verwaltung fester angelegt. In den 1930er Jahren kam es dann einerseits zu verstärkten Bemühungen, Weißrussen im öffentlichen Diskurs, aber auch durch die Verwaltungspraxis „zu ordentlichen Bürgern“ zu machen, die zwar ihre eigene Sprache sprechen, aber sonst gewöhnliche Polen seien. Da es keine internationale Reaktion auf die Schritte der Führung der Endecja gegenüber weißrussischen Akteuren gab, verliefen jegliche lokalen Proteste im Sande.
Der Soziologe Ryszard Radzik hielt ein allgemeiner gehaltenes Referat über die polnisch-weißrussischen Beziehungen, das davon ausging, dass die besprochene Region sich geistig in geraumer Entfernung von Europa befinde. So erkläre sich die starke Ausrichtung der weißrussischen Gesellschaft nach Osten. Um seine These auszuführen, bemühte sich Radzik um eine historische Herleitung der gegenseitigen Wahrnehmung. So seien Polen bis heute in der weißrussischen Rezeption jene Herren, die sie als Gutsbesitzer und -verwalter waren. Dem stellte er die Schwäche des historischen Selbstverständnisses der Weißrussen entgegen, welches er darauf zurückführte, dass sich der Begriff Weißrusse selbst unter den slavischen Bewohnern des heutigen Territoriums der Republik Belarus erst in der BSSR durchsetzte. Seinen eigentlichen Unterschied zwischen Polen und Weißrussland leitete Radzik aber von dem Gegensatz zwischen der Rolle des Adels und der der Bauernschaft für das historische Bewusstsein ab. So stünde die polnische Selbstwahrnehmung in der Tradition des Adels, während auch die bäuerliche Herkunft nachwirke. Die weißrussische Seite hingegen könne sich nur auf eine bäuerliche Tradition beziehen. Radzik behauptete weiter, dass die Szlachta für Unternehmertum, Entschlossenheit und Edelmut stünde und das bäuerliche Dasein eher für Passivität und eine abwartende Haltung. Dabei handle es sich um verschiedene Wertesysteme, die als kultureller Filter fungierten, der dazu führe, dass sich die Mehrheit der weißrussischen Gesellschaft näher an Russland sehe als an Polen oder den USA, was Radzik mit Umfrageergebnissen zu belegen versuchte. Seine Grundthese, dass es sich sowohl bei der polnischen als auch bei der weißrussischen Gesellschaft um bäuerliche Gesellschaften handle, die ihre Herkunft unterschiedlich akzentuierten, wurde auch von den weißrussischen Kollegen nicht kritisch aufgenommen. Sie verhielten sich also nach dem von Radzik vorgelegten Schema.
Siarhej Tokc von der Janka-Kupala-Universität in Grodno sprach über das Verhalten der polnischen Lokalverwaltung gegenüber weißrussischen Aktivisten. Ausgangspunkt der Betrachtung war die Beobachtung, dass dabei eine negative Einstellung gegenüber weißrussischen Akteuren vorgeherrscht haben müsse. Einerseits seien verstärkt negative Stereotypen auf polnischer Seite verbreitet gewesen. Andererseits habe auch die örtliche Bevölkerung gegenüber der polnischen Verwaltung erhebliche Vorbehalte gepflegt, da sie sich wie Bürger zweiter Klasse vorgekommen sei. Tokc versuchte, das Phänomen anhand des Tagebuchs eines im Städtchen Skidel wirkenden Leiters des Vereins der weißrussischen Schule (TbSch), welches im Übrigen auf Russisch verfasst wurde, zu analysieren. Dieser berichtet darin über die Armut der einfachen Bevölkerung, aber auch über die Anwesenheit „bürgerlicher Elemente“, die nach dem Ersten Weltkrieg aus Russland zurückgekehrt waren. Der Tagebuchschreiber selbst sei angeblich allein deshalb eingesperrt worden, weil er weißrussische Zeitungen gelesen habe. Es folgte das Verbot eines Treffens des TBSch, weil es sich um eine politische Organisation gehandeelt habe. Zentral war dabei die Verknüpfung in der Wahrnehmung von weißrussischen Aktivisten mit der vom sowjetischen Ausland unterstützten kommunistischen Bewegung. In der Diskussion des Vortrags ging es um die unterschiedlichen Wirklichkeiten auf dem Dorf, in vor allem jüdisch geprägten Marktflecken und in den wenigen Städten der Umgebung, wo weißrussische Akteure eine geringe Minderheit darstellten.
Anatol Vialiki, der im Nationalarchiv der Republik Belarus arbeitet, fasste seine Forschungsergebnisse zu den Umsiedlungsaktionen der Jahre 1944–1946 sowie 1955–1959 zusammen. Ohne für Weißrussland die diskursiven Bezüge zu polnischen oder deutschen Diskussionen über Begriffe wie Vertreibung, Umsiedlung, Evakuation und Bevölkerungsaustausch herzustellen, betonte er, dass es sich in den 1940er Jahren eher um einen Bevölkerungsaustausch gehandelt habe, während er für die 1950er Jahre von „Repatriation“ sprach. Als Hauptgrund, einen Ausreiseantrag zu stellen, benannte er in ca. 90% der Fälle den Verbleib bei der Familie – so hätten sich ganze Dorfgemeinden nach einem kollektiven Prinzip für das Verlassen ihrer Heimat entschieden. Andere hätten nicht in den Kolchosen arbeiten wollen, oder seien mit den verbliebenen individuellen Ländereien nicht zufrieden gewesen. Während die Möglichkeit, einen solchen Antrag zu stellen, von 1944 an publik gemacht und öffentlich diskutiert worden sei, sei es nach 1955 für die Betroffenen schwer gewesen, entsprechende Informationen über die Wege, Bedingungen und Aussichten der Ausreise einzuholen. Weiterhin hätten sich die Bedingungen verschlechtert, da nun selbst offiziell der Transport von Hab und Gut nicht gewährleistet worden sei, während zuvor zumindest auf dem Papier 2 Tonnen zugesichert wurden. So hätten die in den 1950er Jahren Ausreisenden die Kosten für den Transport ihres Eigentums selbst übernehmen müssen, andererseits gab es nun laut Vialiki keine Gewichtsbeschränkungen mehr.
Insgesamt machte die Tagung deutlich, dass grundlegende Kontroversen zwischen polnischen und weißrussischen Historikern bereits angestoßen worden sind und nun ähnlich wie im deutsch-polnischen Verhältnis (zumindest auf der Sachebene der Historiker) eine gewisse Routine in der Streitkultur etabliert ist. Man schenkt sich nichts, argumentiert aber auch nicht auf Kosten der guten Beziehungen, die aufgrund der Verknüpfung der Forschungslandschaft trotz aller Vorbehalte bestehen. Dabei fällt die konstruktive Rolle der jüngeren Forscher auf. So ist es gerade an jungen weißrussischen Historikern, zum einen an polnischen Hochschulen eine eigene Position zu erarbeiten und zum anderen im eigenen Land selbst einen offenen Umgang mit „fremden“ Historiographien durchzusetzen. Den weißrussischen Historikern aus Bialystok kommt eine Sonderstellung zu, da sie versuchen, weißrussische nationale Narrative gegen in Minsk und Warschau dominante Diskurse durchzusetzen, was aufgrund ihrer begrenzten Ressourcen und dem schlechten Ruf der Universität Bialystok nur begrenzte Wirkungskraft entfaltet. Hinzu kommen die branchenüblichen Verstimmungen zwischen den einzelnen universitären Zentren in Polen selbst, die sich jeweils für die crème de la crème der zeitgenössischen Weißrussland- bzw. Litauenforschung halten und die Zusammenarbeit mit anderen Kollegen nach Möglichkeit einschränken. Aufgrund der schwachen Verankerung der weißrusslandspezifischen Forschung in der Betrachtung der größeren historischen Region, von gegenwärtigen Diskussionen um eine europäische Geschichte ganz zu schweigen, wird der Betrachtung der polnisch-weißrussischen Beziehungen in dieser Form auch in Zukunft keine über den binationalen Fachaustausch hinausreichende Geltung zukommen.