[Dawid Rubinowicz:] Pamiętnik Dawida Rubinowicza. Vorwort von Jarosław Iwaszkiewicz. Erläuterungen von Adam Rutkowski. Nachwort von Maria Jarochowska. 3. Aufl. Verl. Książka i Wiedza. Warszawa 2005. 111 S., s/w Abb.
Dawid Rubinowicz: Das Tagebuch des Dawid Rubinowicz. Aus d. Poln. von Stanisław Żyliński. Fotos aus d. DEFA-Dokumentarfilm „Dawids Tagebuch“ von Walther Petri u. Konrad Weiß. 7. Aufl. Verl. Beltz & Gelberg. Weinheim 2006. 128 S.
Für Polhist rezensiert von Dr. Klaus-Peter Friedrich, Marburg, Klaus-Peter.Friedrich@gmx.de
Der Autor dieses Tagebuchs hätte im Sommer 2007 sein 80. Lebensjahr vollendet. Doch er erreichte nicht einmal annähernd dieses Alter: Am 21. September 1942 ist er, zusammen mit seinen Eltern und Geschwistern in Suchedniów in einen Viehwaggon getrieben und in das NS-Tötungszentrum Treblinka verschleppt worden, wo die gesamte Familie wahrscheinlich sofort ermordet wurde. Die fünf Schreibhefte, in denen er seine Erlebnisse und Empfindungen notiert hatte, wurden nach dem Krieg wiedergefunden und wie durch ein Wunder überliefert. Sie vermitteln eine einzigartige jüdische Innenansicht des nazistischen Verfolgungsmechanismus, der in den – von den deutschen Besatzern Polens als „Aktion Reinhard“ bezeichneten – Judenmord mündete.
Die Bedeutung dieses Dokuments ist rasch erkannt worden. Gleichzeitig mit der polnischen Originalausgabe erschien 1960, in der Übersetzung von Wanda Bronska-Pampuch, die westdeutsche Erstausgabe<1>; eine ostdeutsche, in der Übersetzung von Stanisław Żyliński, kam 1961 heraus. Seitdem ist das Tagebuch in zahlreiche weitere Sprachen übersetzt worden. Sowohl in Polen, als auch in Deutschland kommt es zu immer neuen Auflagen. Offenbar findet es in der Jugenderziehung ungebrochene Aufmerksamkeit. Und dies zu Recht.
Dawid Rubinowicz wuchs in einfachen Verhältnissen in der Umgebung von Kielce in dem Dorf Krajno auf, wo der Vater als Milchmann arbeitete. Unter der nationalsozialistischen Besatzung Polens bildeten Wojewodschaft und Kreis Kielce einen Teil des Distrikts Radom des Generalgouvernements (rund 24.000 km² mit etwa 2,7 Mio. Einwohnern) <2>. Zehntausende Juden wurden 1939/40 aus dem vom „Großdeutschen Reich“ annektierten Westpolen brutal dorthin vertrieben, wo sie die ohnehin schon große Zahl der Flüchtlinge vergrößerten. 1942, in Vorbereitung auf die von der NS-Führungsclique beschlossenen Ermordung der polnischen Juden, pferchten SS und Polizeieinheiten die jüdische Landbevölkerung außer in Kielce in der Kleinstadt Bodzentyn zusammen, unter ihnen Dawid und seine Familie.
Dawid begann seine Aufzeichnungen am 21. März 1940 im Alter von 12 Jahren, nachdem er sechs Jahre die Volksschule besucht hatte. Wie alle jüdischen Kinder von weiterem Schulbesuch ausgeschlossen, beschrieb er während dieses ersten Jahres in seinem einfachen ländlichen Polnisch und einem kindlich-lakonischen Stil in Schönschrift kaum 8½ Heftseiten. 1941 nahmen die Eintragungen auf 45 Seiten zu, wobei sich der Umkreis des Kommentierten zusammenzog auf die Familie und die bedrohte jüdische Gemeinschaft. In den Aufzeichnungen der letzten fünf Monate – bis zum 1. Juni 1942 – standen dann die existenziellen Ängste und die Sorge um die nächsten Angehörigen ganz im Vordergrund.
Die Aufzeichnungen Dawid Rubinowiczs stellen eines der wichtigsten persönlichen Zeitzeugnisse über jenen Prozess dar, den wir heute zumeist durch Aktenreste kennen, die uns die im Generalgouvernement und in Berlin tätigen Naziverbrecher hinterlassen haben. Das Tagebuch zeichnet ein hohes Maß an Authentizität und Unmittelbarkeit aus. Rubinowicz vermag der Niedertracht, die einem aus den Nazi-Akten entgegenschlägt, ein Dokument zerbrechlicher und verängstigter Menschlichkeit entgegenzusetzen. Damit kann er uns Heutigen zu verstehen geben, was die Naziherrschaft in Polen jenseits ihrer verblödenden Propaganda und die Täter betörenden – und gleichwohl zutiefst verlogenen – Selbststilisierung wirklich war: Ein Mord- und Terrorregime für all jene, die nicht dem Kreis der selbsternannten „Herrenmenschen“ und ihrer Helfer zugerechnet wurden. Die nationalsozialistische Eroberung von „Lebensraum“ ging nämlich seit dem 1. September 1939 einher mit der Einrichtung eines ,Todesraums‘ für jene Menschen, denen ein Lebensrecht abgesprochen wurde.
Auch erinnert uns heutige Leser das Tagebuch eindringlich daran, dass etwa ein Drittel der von den Nationalsozialisten Ermordeten als Kinder und Jugendliche starben. Und dass diesem grausamen Tod ständige innere Unruhe, Angst und Verzweiflung vorausgingen. Dabei ist es noch nicht beeinflusst von politischen Überzeugungen und weltanschaulichen Denkvorgaben, wie sie in täglichen Aufzeichnungen nur wenig Älterer zu finden sind <3>. Doch gerade in seiner – im positiven Wortsinn – naiven Wahrnehmung liegt die Stärke dieses Dokuments.
<1> David Rubinowicz, Das Tagebuch des David Rubinowicz (März 1940-Juni 1942), Frankfurt am Main: Fischer 1960.
<2> Siehe dazu Robert Seidel, Deutsche Besatzungspolitik in Polen. Der Distrikt Radom 1939 – 1945, Paderborn u.a. 2006 (Sammlung Schöningh zur Geschichte und Gegenwart).
<3> Siehe etwa Ruthka Lieblich, A Diary of War. Translated from Polish and edited by Jehoshua and Anna Eibeshitz, Brooklyn, N.Y. 1993, sowie die Tagebuchaufzeichnungen Miriam Chaszczewackas aus Radomsko in: Yad Vashem Archiv, Jerusalem, Bestand: O-3/3382.