Agnieszka
Pufelska, Die „Judäo-Kommune“. Ein Feindbild in Polen. Das polnische
Selbstverständnis im Schatten des Antisemitismus 1939-1948. Paderborn:
Schöningh 2007, 284 S., 8 Abb., 39,90 €
Für Polhist rezensiert von PD Dr.
Hans-Jürgen Bömelburg (Lüneburg/Gießen)
Die
Konstruktion einer besonderen Affinität jüdischer Bevölkerungsgruppen zum
Kommunismus und das Feindbild des „jüdischen Bolschewismus“ bilden – offen
ausgesprochen oder nur verdeckt anklingend – eine komplexe Figur des
europäischen politischen Denkens des 20. Jahrhunderts. In Polen wurden und
werden zwar der polnische Antijudaismus und Antisemitismus intensiv diskutiert,
doch fehlten bisher Studien zur polnischen Abwandlung des „jüdischen
Bolschewismus“, dem Begriff der „żydokomuna“. Deshalb ist das Erscheinen
der Studie von Agnieszka Pufelska, die 2005 an der Europa-Universität in
Frankfurt an der Oder als Dissertation angenommen wurde, uneingeschränkt zu
begrüßen.
Dies gilt
umso mehr, als im Umfeld der Jedwabne-Diskussion und der Neuformierung einer
auch institutionell und akademisch verankerten politisierten
Zeitgeschichtsschreibung seit 2000 verdeckte Anspielungen und offene
Anknüpfungen an die Figur der „żydokomuna“ in der Fachliteratur und der
Publizistik eine Renaissance erlebten (1). Erinnert sei an die intensiven und
immer wieder anklingenden Diskussionen um den (oft gar in Prozentzahlen
gefassten) Anteil Personen jüdischer Abstammung für die Entwicklung des
polnischen Kommunismus oder um die angeblich fehlende patriotische Einstellung
der jüdischen Bevölkerung.
Methodisch
stellt sich die Studie von Pufelska in erster Linie in eine imagologische
Tradition der Erforschung von Feindbildern: Das Feindbild konstruiere einen
unüberbrückbaren Gegensatz von nationaler These und Anti-These (polnische
Nation – „żydokomuna“), die Bezeichnung als bloßes Stereotyp sei
unzureichend (S. 21/22). Verzichtet wird jedoch auf einen
begriffsgeschichtlichen Ansatz: So wird kein Versuch unternommen, die
Entstehung und Erstverwendung des Begriffs „żydokomuna“ zu ermitteln (S.
46). Auch auf jegliche Versuche eine Quantifizierung (etwa
Häufigkeitsauszählungen, Varianzverteilungen) wird verzichtet.
Terminologisch
wird das schwierige Problem der Übersetzung des Begriffs „żydokomuna“
durchgängig mit „Judäo-Kommune“ gelöst. Dies wird knapp begründet: Angesichts
des inhaltlichen Schwerpunkts der Figur auf Vorstellungen einer „jüdischen
Weltherrschaft“ seien Übersetzungen wie „jüdischer Kommunismus“ oder
„Judäo-Kommunismus“ nicht gerechtfertigt (S. 24). Alternativen – etwa der
beinahe zeitgleich nach 1917 im Deutschen entstandene Kampfbegriff des
„jüdischer Bolschewismus“ – werden nicht ernsthaft diskutiert. Dies ist zu
bedauern, denn „Judäo-Kommune“ wirkt im Deutschen fremd und akademisch, ohne
die Brisanz des Vorwurfs wiederzugeben. Zudem lenkt die Begriffsbildung von dem
supranationalen Entstehungsort des Begriffs ab und erschwert einen europäischen
Vergleich.
In
Anbetracht der umfangreichen Literatur wie der schwierigen Quellenlage
konzentriert sich die Darstellung auf die Jahre 1939-1948. Vorweg gestellt ist
jedoch eine 40 Seiten umfassende
Einleitung („Die ‚Judäo-Kommune’ als Gegenbild zur polnischen Nation“, S.
25-63), in der die Entstehung der Figur zwischen 1830 und 1939 skizziert wird. Dem
schließt sich ein erster Hauptteil („Die ‚Judäo-Kommune’ als Gegenbild zum
polnischen Kriegsopfer“, S. 64-163) an, in dem die polnischen Diskurse im
Untergrund und im Exil analysiert werden. Der zweite Hauptteil („Die Judäo-Kommune’
als Gegenbild des polnischen Antisemitismus und Kommunismus“) behandelt das
Auftauchen der Figur im Umfeld der kommunistischen Machtergreifung 1944-1948.
Die gewählte
Zäsurensetzung wird einleitend nur knapp diskutiert, wirft jedoch
grundsätzliche Probleme auf: „Schon vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges
verfestigte sich das höchst explosive und komplexe Bild der angenommenen
Judäo-Kommune zu einem Feindbild“ (S. 17) – beschreibt die Autorin einleitend. Die
Durchsetzung und publizistische Verfestigung des Begriffs wird jedoch relativ
knapp abgehandelt (S. 46-63). Dies wäre zu verschmerzen, wenn es denn anderswo
begriffsgeschichtliche Studien gäbe. Da dies nicht der Fall ist, bleibt für den
Zeitraum vor 1939 der Eindruck einer gewissen Beliebigkeit in der Argumentation
zurück: Pufelska entwickelt mit Blick auf Zygmunt Krasińskis „Nie-Boska
Komedia“ die These eines „politisch-religiösen Feindbilds vom Juden“ bereits in
der polnischen Romantik, ohne allerdings den romantischen Philosemitismus zu
erwähnen oder den tatsächlichen Entstehungsort früher Feindbilder in den
gegenrevolutionären antifreimaurerischen und antijüdischen
Verschwörungstheorien (etwa bei Karol Surowiecki) zu konkretisieren. Krasińskis
im Original französischsprachige (von der Autorin nur in polnischer Übersetzung
zitierte) Publizistik wie das Mémoire an Napoleon III. steht in einem
internationalen Kontext.
Mit dem
Verzicht auf eine Analyse der Figur der „Judäo-Kommune“ in der
Zwischenkriegspublizistik begibt sich die Studie der Chance, die Reichweite der
Figur in einem unabhängigen Polen zu bestimmen. Zutreffend ist, dass der
Begriff im Umfeld des polnisch-sowjetischen Krieges 1920 eine Konjunktur
erlebte, bei Formulierungen wie „kaum ein Tag verlief ohne Beschwörung einer
‚jüdisch-bolschwewistischen Invasion’“ (S. 47) oder der These, der „Nexus von
‚Juden’ und ‚Kommunismus’“ habe sich bereits 1919 zu einem festen Bestandteil
des polnischen Nationalmythos entwickelt (S. 50), sind Zweifel angebracht. Sicher
ist es sinnvoll, Karikaturen vorzustellen, die 1920 das Bildprogramm eines
„jüdischen Bolschewismus“ entwickeln, doch sollten dann auch Orientierung,
Relevanz und Auflagenhöhe der jeweiligen Zeitschriften vorgestellt werden (S.
51/52, Abdruck Karikaturen S. 254/255).
Für die
Jahre 1939 bis 1947 stützt sich die Studie zu einem erheblichen Teil auf
Egodokumente (Aufzeichnungen der Soldaten der Andersarmee, Erinnerungen,
jüdische Überlebendenberichte), die Materialien der polnischen Untergrundpresse
sowie Quellen aus der polnischen Exilregierung und von Seiten des Lubliner
Komitees. Nacheinander werden für Ostpolen die kollektiven Beschuldigungen
gegen Juden als „Verräter“, das Feindbild vom prosowjetischen Juden und die
teilweise Legitimierung von Judenmorden 1941 behandelt (S. 64-95). Die Autorin
korrigiert hier die auch in der deutschsprachigen Fachliteratur auf der Basis
von selektiver Lektüre vertretenen Vorstellungen, es habe eine quantitativ herausragende
„jüdische Kollaboration“ gegeben. (2)
Anschließend
wird die Virulenz der Verbindung von „Juden“ und „Kommunismus“ im
Generalgouvernement auf der Basis von Belegen aus der polnischen
Untergrundpresse, insbesondere aus den Publikationen der nationalistischen
Verbände („Szaniec“, „Walka“, „Wielka Polska“, „Naród i Wojsko“),
nachgezeichnet. In deutlich geringerem Umfang ausgewertet werden dagegen die
Presseorgane aus dem Umfeld der Delegatur der Exilregierung und der Heimatarmee
(S. 122-133). Schließlich wird an dem Fallbeispiel „Das Feindbild der
‚Judäo-Kommune’ im Ghettoaufstand“ die Aufnahme und Variation der deutschen
Propaganda vom „jüdischen Bolschwismus“ in der polnischen Untergrundpresse
belegt.
Darstellerisch
wie methodisch bleiben bei diesem Vorgehen erhebliche Probleme ungelöst: Für
den deutschen Leser und selbst für den Fachhistoriker, der zumeist auch nicht
mit den Kräfteverhältnissen im polnischen Untergrund vertraut ist, entsteht der
– an keiner Stelle wirklich korrigierte – Eindruck, die polnische
Untergrundpresse habe mehrheitlich und durchgängig das Feindbild einer
„Judäo-Kommune“ gepflegt. Ein knapper Überblick über die Reichweite und
Auflagenstärke der polnischen Untergrundpresse hätte diesem sachlich falschen
Eindruck entgegenwirken können.
Der seit
1939 bestehende Einfluss der deutschen Propaganda – etwa in Gestalt der
polnischsprachigen „Reptilienpresse“ oder den Aktivitäten der deutschen Abwehr
– wird erst verspätet und für das Jahr 1943 eingeführt. Obwohl Pufelska in Einzelfällen
die unmittelbare Übernahme nationalsozialistischer Motive und Vorlagen
nachweisen kann (S. 211), wird nicht strukturell diskutiert, wie stark sich der
Einfluss der deutschen Propaganda eines „jüdischen Bolschewismus“ auf die
polnische Untergrundpublizistik auswirkte und wie intensiv Entlehnungen
stattfanden.
Auf
methodisch sichererem Gelände bewegt sich der Abschnitt zum Einfluss von
Vorstellungen der „Judäo-Kommune“ auf die Politik der polnischen Exilregierung
in London. Auch hier gab es – etwa bei der Aufstellung und dem Transfer der
Anders-Armee – Vorbehalte gegen die jüdische Bevölkerung oder jüdische
Soldaten.
Der zweite
Hauptteil widmet sich schwerpunktmäßig der Funktionalisierung von Vorstellungen
der „Judäo-Kommune“ im polnischen antikommunistischen Untergrund 1944-1946. Der
polnische Untergrund erkannte in dem Aufgreifen des Feindbildes schnell ein
wirksames Mittel im Kampf gegen die kommunistische Machtübernahme, die so
öffentlichkeitswirksam denunziert werden konnte. Die Studie kann dies anhand
von Einzelbeispielen wie auch anhand der Bildpropaganda nachdrücklich belegen. Offen
bleibt allerdings auch hier das Problem einer Quantifizierung: Wenn der
Untergrund allein 1945 280 Schriften und 420 Flugblätter publizierte (S. 189),
so stellt sich die Frage, in wie vielen dieser Schriften und Flugblätter das
Thema Juden, Vorstellungen einer jüdischen Affinität zum Kommunismus und
schließlich der Begriff „żydokomuna“ auftauchen. Pufelska nennt nur
Zahlenangaben aus der Studie von Łukasz Kamiński (3% der
Volksgerüchte, 7% der regierungsfeindlichen Slogans) (3), bezieht aber keine
eigene Position (S. 195).
Eine späte
Konjunktur des Begriffs im polnischen Untergrund wird schließlich für 1946
belegt, als im Umfeld des Referendums und der bevorstehenden Parlamentswahlen
insbesondere die „Judäo-Kommune“ für die Wahlfälschungen verantwortlich gemacht
wurde (S. 222-230). Eine Nachwirkung dieser intensiven Durchdringung der
Gesellschaft mit der Figur der „Judäo-Kommune“ sieht Pufelska darin, dass auch
kommunistische Fraktionen nach 1945 in wachsendem Maße in internen Machtkämpfen
das Feindbild als Waffe einsetzten.
In einem
lesenswerten Ausblick wird schließlich die Rolle der Figur in der historischen
Publizistik der letzten 15 Jahre essayistisch nachgezeichnet. Insbesondere
diskussionswürdig erscheint folgende These: „Durch den Unwillen, einen
differenzierten Blick auf die eigene Vergangenheit zu werfen, kommt eine
politisierte und national geprägte Geschichtsschreibung immer noch weitgehend
ungestört zum Zuge. Das Feindbild ‚Judäo-Kommune’ wird darin als Konstruktion
nicht hinterfragt oder kritisiert, sondern lediglich auf seinen
‚Wahrheitsgehalt’ hin überprüft oder auf seine politische Funktion reduziert.“ (S.
249)
Insgesamt
bleibt nach Lektüre der Studie ein zwiespältiger Eindruck zurück. Manche nur
skizzierte Phänomene müssten für ein deutsches Lesepublikum näher eingeordnet
werden (etwa die Kampagne um die „produktywizacja“, die nicht nur die jüdische
Bevölkerung betraf, S. 208). Handwerklich sind manche Zitate für den des
Polnischen unkundigen Leser nicht nachprüfbar, da teilweise auch NS-Quellen aus
polnischer Literatur zitiert werden. Zu der Sperrigkeit der Studie trägt auch
die sprachliche Form bei, die passagenweise die polnische Muttersprache der
Autorin durchscheinen lässt. Inhaltlich wäre insgesamt für ein deutsches
Publikum eine erheblich stärkere internationale Einbettung der Studie in den
gesamteuropäischen Diskurs über den „jüdischen Bolschewismus“ sinnvoll gewesen.
Auch verdiente die Rezeption deutscher Vorbilder bereits seit den 1930er Jahren
eine stärkere methodische Reflexion.
Andererseits
ist die Studie der erste Versuch, die in der polnischen Öffentlichkeit des 20. Jahrhunderts
verbreitete Figur der „żydokomuna“ in ihren Entstehungsbedingungen, ihrer
spezifischen Konstruktion und ihren Anwendungsebenen nachzuzeichnen. Als solche
besitzt sie deshalb Pioniercharakter. Einige handwerkliche und methodische
Schwächen sollten nicht verhindern, dass die Darstellung auch in der polnischen
Geschichtswissenschaft breiter diskutiert wird. Eine Übersetzung von Teilen –
etwa in Aufsatzform – wäre wünschenswert. Sinnvoll wäre es auch, dass hier
aufgegriffene Thema unter einem stärker begriffs- und diskursgeschichtlichen
Ansatz und zumindest mit dem Versuch einer Quantifizierung erneut aufzugreifen.
Dies gilt insbesondere für die Zwischenkriegszeit – die formative Phase der
Figur – wie für die Jahre 1944-1947. Sektoral sollten besonders die Bedeutung
des Diskurses in der katholischen Öffentlichkeit und Publizistik (in der
Zwischenkriegszeit, aber auch seit den 1990er Jahren) diskutiert werden.
(1) Marek Jan Chodakiewicz, Żydzi i Polacy
1918-1955. Współistnienie – zagłada – komunizm. Warszawa 2000; ders.,
After the Holocaust. Polish-jewish
conflict in the Wake of World War II. New York 2003; Piotr Gontarczyk,
Zajścia polsko-żydowskie w Przytyku. Biała Podlaska 2000; ders.
Polska Partia Robotnicza. Droga do władzy 1941-1944. Warszawa 2004; ders.,
Kłopoty z historią. Warszawa 2006.
(2) Bogdan
Musial, „Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen“. Die Brutalisierung
des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941. Berlin, München
2000.
(3) Łukasz Kamiński, Polacy wobec nowj
rzeczywistości 1944-1948. Formy pozainstytucjonalnego żywiołego
oporu społecznego. Toruń 2000.
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Hans-Jürgen Bömelburg, 2007