Jens Boysen: Preußische Armee und polnische Minderheit. Royalistische
Streitkräfte im Kontext der Nationalitätenfrage des 19. Jahrhunderts
(1815-1914). Marburg: Verlag Herder-Institut 2008. 328 S. ISBN:
978-3-87969-340-5 (= Materialien und Studien zur Ostmitteleuropa-Forschung; 18)
Für Polhist rezensiert von Dr. Markus Krzoska (Gießen)
Wie kann man über ein Thema schreiben, zu dem man praktisch keine Quellen hat? Die zentrale Überlieferung für die preußische Armee im Potsdamer Heeresarchiv ging durch alliierte Bombentreffer im April 1945 fast komplett in Flammen auf. Seitdem müssen sich alle Militärhistoriker auf die wenigen Überbleibsel, Zweitschriften, Dubletten und Kopien berufen, die an anderen Orten den Großen Krieg überdauert haben oder in älteren Arbeiten zitiert worden sind. Vor diesem Hintergrund erscheint es schwer vorstellbar, sich einer zudem recht komplexen Frage wie dem Verhältnis von Militär und Nationalität angemessen zu widmen. Der Leipziger Osteuropahistoriker Jens Boysen hat sich in seiner bei Dietrich Beyrau in Tübingen entstandenen Dissertation genau an diese Aufgabe gewagt und akribisch alles verfügbare Material zusammengetragen. Dabei setzt er sich zum Ziel, eine neue Variante gegenüber den klassischen Studien zur Polenpolitik herauszuarbeiten, nämlich die eigenständigen Interessen und Handlungen der Armeeführung (S. 13).
Die Arbeit besteht nach einer Einleitung und einigen Überlegungen zu preußischer Armee und „polnischer Frage“ bis 1871 aus zwei Hauptkapiteln. Das erste befasst sich mit den Bedingungen, dem Charakter und den Nachwirkungen des Dienstes von Polen in der Armee vor 1914. Zunächst geht der Vf. den nationalpolitischen Einflüssen auf Aushebungspraxis und geographische Verteilung der nichtdeutschen Rekruten nach. Eine „Verstreuung“ der Minderheiten erfolgte schon seit der Reichsgründung, ohne dass sie schriftlich fixiert werden musste. Die Tatsache, dass grundsätzlich mehr Angehörige der Landbevölkerung eingezogen wurden als Stadtbewohner, lässt sich mit der erwarteten größeren politischen Zuverlässigkeit gerade vor dem Hintergrund der wachsenden Arbeiterbewegung gut erklären. Was die Minderheiten angeht, so kommt Boysen zu dem Ergebnis, dass sie von der Armeeführung weniger als bedrohlich als vielmehr wegen der Sprachschwierigkeiten als lästig empfunden wurden. Sozialdemokraten erschienen allemal als gefährlicher als polnischsprachige Landbewohner (S. 46). Anschließend wendet sich der Autor nach einem kurzen Exkurs über die Gesamtzahl polnischer Soldaten ihren Aufstiegschancen in der Armee zu. Abgesehen von der etwas zweifelhaften Bemerkung, multiple Identitäten seien im nationalen Zeitalter eigentlich nicht denkbar (S. 59), kann Boysen zeigen, dass Offizierskarrieren immer seltener wurden, dagegen der Weg des Reserveoffiziers durchaus akzeptiert wurde, ebenso der klassische Einjährigen-Dienst als Freiwilliger. Nicht unerwartet wich die Entwicklung also deutlich von der im autonomen österreichischen Galizien ab.
Was die allgemeine Behandlung der Polen während der Ausbildung und des Dienstes angeht, so kam der Sprachenpolitik eine besondere Bedeutung zu. Dass aus praktischen Gründen eine Teilakkulturation der Polen erwünscht war, liegt auf der Hand, die verwendeten Quellen legen aber den Schluss nahe, dass der immer stärkere Einfluss des deutschen Nationalismus auch vor dem Militär nicht ganz halt machte. Angesichts der „Verstreuung“ spielte die katholische Militärseelsorge eine nicht unwichtige Rolle, der diese aufgrund der meist recht bescheidenen Ausstattung oftmals nur sehr begrenzt nachkommen konnte. Umgekehrt war die vermeintlich preußisch-protestantische Armee eine häufige Zielscheibe nationalpolnischer Kritik aus katholischer Perspektive. Dass sich die Tätigkeit im Militär auch nach der eigentlichen Dienstzeit auf das alltägliche Leben auswirken konnte, ist selbstverständlich. Besonders anschaulich schildert Boysen die sich allmählich entwickelnden Konflikte zwischen den Kriegervereinen und der nationalpolnischen Bewegung. Während direkt nach den Einigungskriegen die Erinnerung an den gemeinsamen Kampf etwaige nationale Unterschiede häufig vollkommen überdeckte, war dies bei der Generation danach nicht mehr der Fall. Auf der einen Seite nahm der Trend zu einer völligen Germanisierung dieser Vereine zu, auf der anderen Seite wuchs auch der Widerstand der nationalpolnischen Aktivisten gegen alles Deutsche. Dem an diesem Beispiel erneut verifizierten Befund, dass die ideologische „Zangenbewegung“ von nationaldeutscher und nationalpolnischer Seite ein synchroner Prozess gewesen ist (S. 192), lässt sich ebenso wenig etwas entgegen setzen wie den bekannten Ausnahmen von dieser Entwicklung, die belegen, dass dieser Prozess nicht alle Bereiche des Alltagslebens bis ins Detail erfasste.
Der zweite Hauptteil setzt sich mit Aspekten der militärischen Präsenz im östlichen Grenzgebiet vor 1914 auseinander. Die Armee betrachtete natürlicherweise die Region immer mehr als Glacis für einen mehr oder weniger rasch erwarteten deutsch-russischen Konflikt. Man muss Boysens „klassische“ Einschätzung der Polen- und Russlandpolitik Caprivis nicht teilen – es gibt auch ernst zu nehmende Stimmen, die darin eine Modernisierung des nicht mehr zeitgemäßen Bismarckschen Jonglierens mit Bündnissen sahen – klar ist aber, dass sich seit dem späten 19. Jahrhundert tiefgreifende Veränderungen in der Gesellschaft der Provinz Posen und Westpreußens vollzogen. Die strukturelle Demokratisierung und Selbstmodernisierung der Polen fand im deutschen Bevölkerungsteil kein gleichwertiges Äquivalent. Dort hielten sich vielmehr die alten Verkrustungen, die auch Einfluss auf das Militär haben mussten, das von anderer Seite durch die zunehmenden Aktivitäten des Ostmarkenvereins unter nationalen Rechtfertigungsdruck geriet. Dass aber dennoch zumindest vereinzelt städtische Modernisierungsprozesse in Gang kamen, zeigt Boysen zunächst am Beispiel der städtebaulichen Erneuerung der Provinzhauptstadt und Festungsstadt Posen und der teilweisen Widerstände dagegen in der Armee sowie anschließend an der wachsenden Begeisterung für die Luftfahrt, die sich nicht immer an nationale Grenzen hielt. Ein weiteres schönes Beispiel stellen die preußischen Militärkapellen dar, die zumindest noch in den 1880er Jahren offenbar keine allzu großen Schwierigkeiten hatten, ein politisch (und religiös) so eindeutiges Lied wie „Boże, coś Polskę“ öffentlich zu spielen (S. 251). Militär war zudem wie heute auch ein Element der Wirtschaftsförderung, wenn es mit welcher Begründung auch immer gelang, einzelne Einheiten in die eigene Provinzstadt zu holen. Nicht immer entsprachen diese Wünsche den sicherheitspolitischen Vorstellungen der Armeeführung.
Die Schlussbetrachtung der Arbeit ist etwas knapp ausgefallen, es wäre allerdings in der Tat schwierig gewesen, die verschiedenen Fäden so zusammenzuführen, dass eine Bilanz über eine Wiederholung des bereits zuvor Gesagten hinaus gegangen wäre. Generell stellt sich bei der Betrachtung der Armeeentwicklung Preußens die Frage, ob der Vf. nicht mitunter von einer allzu positiv gefärbten Bewertung der „echt altpreußischen Gesinnung“ – wie er es nennt – ausgeht. Dadurch wird es einerseits zwar leichter, davon den neuen Nationalismus seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts negativ abzusetzen, auf der anderen Seite besteht jedoch zweifellos die Gefahr, Entwicklungslinien zu übersehen, die bis in die Zeit des Aufstiegs Preußens zur europäischen Macht zurückreichen und eben auch das Verhältnis zu den polnischsprachigen Untertanen betreffen. Gleichwohl bleibt als Bilanz die Überzeugung, dass Boysen aus den wenigen verbliebenen Quellen sehr viel herausgeholt hat.