Zweiter Weltkrieg, Zwangsumsiedlungen, Integration und Versöhnung:

Pommern, Deutschland und Polen im europäischen Kontext

 

 

Die bereits zweite Tagung zum Thema der Zwangsmigrationen und ihrer Folgen versammelte vom 23. bis 25. Oktober 2009 unter der Leitung des Stettiner Historikers Prof. Jan M. Piskorski und der Direktorin der Europäischen Akademie Kulice – Külz, Lisaweta von Zitzewitz, Studenten und Nachwuchswissenschaftler aus Polen, Deutschland, Frankreich, Russland, der Ukraine und den USA unter erstmaliger Teilnahme von Zeitzeugen. Finanziert wurde das Projekt aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, der Robert-Bosch-Stiftung, der Dorothee-Wilms-Stiftung sowie des Vereins zur Förderung der deutsch-polnischen Zusammenarbeit e.V.

 

Ziel der Tagung war es, ebenso wie mit der ersten dazu beizutragen, den neuesten Wissensstand zum Thema der Zwangsmigrationen in Europa im 20. Jahrhundert zu erforschen und zu popularisieren. Das erscheint im Moment sogar wichtiger, als weitere Sammelbände zu speziellen Themen zu erarbeiten. Seit mehreren Jahren ist nämlich zu beobachten, dass der Wissensstand der Forscher und der des breiteren Publikums immer weiter auseinanderklaffen. So sprechen deutsche und polnische Historiker heute fast mit gleicher Stimme. Das breitere Publikum zu beiden Seiten der Grenze weiß darüber jedoch nur sehr wenig. Im deutsch-polnischen Verhältnis kommt es in dieser Hinsicht phasenweise immer wieder zu Missverständnissen, Spannungen und Verhärtungen.

 

Die Konferenz fand unter dem Titel „Dreigenerationengespräch“ statt und beabsichtigte einen Dialog zwischen den Generationen von Polen und Deutschen, die eingeladen worden waren, um ihre Wahrnehmung der konfliktreichen Geschichte des 20. Jahrhunderts durch das Prisma der Familiengeschichte einander vorzutragen. Das Stichwort Versöhnung betraf nicht nur die Beziehungen zwischen den Völkern, sondern beinhaltete auch die Aussöhnung mit der eigenen, nicht immer ruhmreichen Familiengeschichte.

 

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Einleitend stellte JAN M. PISKORSKI die europäische Vertriebenengemeinschaft dar. Seines Erachtens ginge es hier um eine der Grundlagen der europäischen Erinnerungslandschaft, die nicht national behandelt werden sollte, weil das vor allem kontraproduktive Resultate bringen würde. Er konzentrierte sich vor allen Dingen auf die gemeinsamen Züge aller – nicht nur europäischer – Zwangsmigrationen, wobei er ausdrücklich feststellte, dass sie nur sehr selten von den Betroffenen so gesehen werden, da diese normalerweise nur über das Wissen um eigene Probleme und Traumata verfügen. Historiker seien eben dazu da, um die Ereignisse zu vergleichen, allgemeine Fragen zu stellen und darauf Antworten zu suchen. Besondere Aufmerksamkeit, dann auch Diskussionen riefen Piskorskis Anmerkungen über Frauen und Männer in der Nachkriegszeit sowie über Verantwortung hervor: Nicht selten kamen Frauen tatsächlich besser aus (und davon) als Männer. Zu oft ginge man heute, besonders bezüglich der Frauen, von der Nachkriegsthese der kollektiven Schuld aller Deutschen zur noch gefährlicheren These der kollektiven Unschuld über. Ohne Krieg, so Piskorski, hätte es keine Vertreibung gegeben. Krieg, Flucht und Vertreibung, Verantwortung und Versöhnung müssten demnach gemeinsam behandelt werden. Nur dann könne Versöhnung in Bezug auf Krieg und Vertreibung als Idee zugleich zu einer Aufgabe für Europa werden.

 

ANETA POPŁAWSKA (Studentin der Universität Stettin) referierte über den Lebenslauf eines bekannten polnischen Einwohners des Stettins der Nachkriegszeit, Stanisław Lagun, der aus Vilnius stammend sowohl die sowjetische als auch die deutsche Gefangenschaft erlebte und sich in den fünfziger Jahren dennoch aktiv für die deutsche Minderheit in Stettin/ Szczecin einsetzte, obwohl dies für ihn mit Unannehmlichkeiten und wiederholten Schikanen vonseiten der kommunistischen Machthabern in Polen verbunden war.

 

In Anschluss daran berichteten zwei deutsche Zeitzeugen von ihren Nachkriegserfahrungen. RENATE JACHOW (Köln) wohnte bis 1957 zuerst in Stettin und dann in Szczecin, da ihr Vater als Facharbeitskraft nicht ausgewiesen wurde, sondern am Ausbau des polnischen Ostseeschiffbaus im Stettiner Hafen teilzunehmen hatte. Von der polnischen Bevölkerung bekamen diese Deutschen unterschiedlichste Reaktionen zu spüren – von Hassausbrüchen bis zu selbstlosen Hilfsangeboten. UWE CONRADT entschied sich nach mehreren Jahrzehnten zur Rückkehr nach Pommern und ließ sich in Nowe Warpno (ehemals Neuwarp) nieder, wo er nach anfänglichem Misstrauen von der Bevölkerung gut akzeptiert wurde.

 

BEATA HALICKA (Viadrina-Universität Frankfurt/Oder) wies in ihrem Beitrag darauf hin, wie schwer es meistens der älteren Generation fällt, die Zeit der Vertreibung im Gespräch mit Jüngeren zu erwähnen. Wie die Annäherung durch Treffen ehemaliger deutscher und heutiger polnischer Einwohner in den nunmehr polnischen Ortschaften möglich ist, zeigte HUBERT LIS (Student der Universität Stettin) anhand einer Fallstudie über das Dorf Grabowo (früher Buchholz) bei Stargard Szczeciński, wo es sogar zu gemeinsamen Initiativen (z.B. der Errichtung eines Lapidariums) kommen konnte.

 

ALICJA OLIWIAKS (Universität Stettin) Referat betraf die Etappe Stettin Scheune/ Szczecin Gumieńce. Dabei bot sie eine Art histoire croisée aufgrund deutscher und polnischer Erinnerungen. Scheune war ein Ort massiver Übergriffe gegen Deutsche, die auf dem Weg nach Westen hier Halt machten. Neben dem Lager für Deutsche, die weg mussten, entstand ein Lager für Polen und polnische Juden, die aus dem Osten kamen. Auch ihre Erinnerungen sind voll von Hunger, Vergewaltigungen und vor allem Überfällen. Unmittelbar nach dem Krieg herrschten hier internationale Banden; allerdings waren sowjetische Soldaten und polnische Milizionäre des öfteren gleichsam gefährlich.

 

Mit dem Schicksal der ostpolnischen Vertriebenen aus der Ukraine und Litauen befasste sich RAMONA ZÜHLKE (Kulturreferentin in Prenzlau). Wie aus dem Beispiel der Ortschaft Mieszkowice (Bärwalde) ersichtlich, das sie in ihrer Magisterarbeit an der Universität Potsdam beschrieben hat, wurden diese von der lokalen Bevölkerung schlecht aufgenommen und über viele Jahre hinweg nicht akzeptiert: So wurden Ostpolen, die vor den Angriffen ukrainischer Nationalisten geflohen waren, abwertend Zitajowcy genannt, während diejenigen aus Litauen (die keiner besonderen Bedrohung hatten entfliehen müssen) nicht minder pejorativ als Bliniacy bezeichnet wurden.

 

ILONA KOŚĆ (Universität Stettin) behandelte schließlich das Thema der zeitgenössischen wirtschaftlichen Migrationen aus Polen (seit Anfang der neunziger Jahre), und beleuchtete aus sozialwissenschaftlicher Perspektive deren Folgen für die in Polen zurückgebliebenen Familienmitglieder der Migranten.

 

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Der zweite Tag widmete sich insbesondere der Integration der Vertriebenen in Deutschland, Polen aber auch Österreich, und bot neben dem deutsch-polnischen Verhältnis außerdem aufschlussreiche Hinweise auf andere historisch belastete, grenznahe Kontakte in Europa zum Vergleich.

 

Ein Rückblick auf die nationalsozialistische Vergangenheit Pommerns ermöglichte Reflexionen über die Anziehungskraft der NSDAP anhand von Ausschnitten aus der lokalen Nazipresse (WOJCIECH WICHERT, Doktorand an der Universität Stettin). Dadurch wurde auf einen wichtigen Aspekt hingewiesen, der später von den Vertriebenenorganisationen oftmals vergessen bzw. verdrängt wurde: die Popularität des Nationalsozialismus auch in den östlichen Gebieten des III. Reichs.

 

Als Zurückweisung historischer Verantwortung ließ sich ebenfalls die offizielle Haltung der II. Republik Österreich den deutschen Vertriebenen gegenüber deuten. MATTHIAS STICKLER (Universität Würzburg) zeigte, welche Auswirkungen die Opfertheorie der Nachkriegszeit auf die Aufnahme von rund 400.000 Vertriebenen u.a. aus den Sudeten und Siebenbürgen hatte. Für diese bewusst abgegrenzten „volksdeutschen Flüchtlinge“ gab es keinen Platz in der offiziellen Selbsterzählung des wiedererstandenen Österreichs. Erst 1954 durften sie ihren Zentralverband gründen. Erste (vorsichtige) Anerkennung bekamen sie 1959 von Staatspräsident Julius Raab anlässlich des Sudetendeutschen Tags in Wien. Damit unterschied sich die Lage dieser Vertriebenen stark von der ihrer in die deutschen Westzonen gebrachten Schicksalsgenossen. Die Behandlung der Vertriebenenfrage in Österreich stellte also einen „dritten Weg“ dar – zwischen westdeutscher Unterstützung und ostdeutscher Stummheit. Dass die Integration auch in der BRD nicht einfach war, zeigte GABI HERRMANN (Studentin der Universität Würzburg) aufgrund einer regionalen Fallstudie zu den Vertriebenen in Unterfranken.

 

MAREN RÖGER (Doktorandin der Universität Gießen) befasste sich mit der medialen Verarbeitung des Themas Vertreibung in Deutschland und Polen nach 1989 – dem Schwerpunkt ihres Dissertationsprojekts –, indem sie insbesondere Begriffe, Erinnerungsorte (P. Noras „lieux de mémoire“[i]) und visuelle Dimensionen dem Vergleich unterzog. Dabei bemerkte sie, dass die Medien entgegen aller Erwartungen nicht nur für Skandal sorgten, sondern auch der Spurensuche und Vergangenheitsverarbeitung dienlich sein können.

 

ANDRZEJ SAKSON (Westinstitut Posen) bemerkte in seinem Vortrag über die Integration der ostpolnischen Umsiedler in Polen, dass die sozialwissenschaftliche Literatur bezüglich der Integration von Vertriebenen und Flüchtlingen lange in Polen viel dichter war als in (West-)Deutschland; umgekehrt wiederum verhielte es sich historiographisch zum Thema der Zwangsumsiedlungen selbst: Aufgrund des Bündnisses mit der UdSSR durfte die Umsiedlung der Ostpolen nur als „Repatriierung“ bezeichnet werden, der Prozess und seine Ursachen fanden dagegen keine Beachtung, während in der BRD eben dieser Aspekt verstärkt bearbeitet wurde. In der anschließenden Diskussion ging es vor allem um die Begriffsverwirrung zur polnischen Benennung der Vertriebenen.

 

Die vier folgenden Beiträge brachten eine willkommene Erweiterung des Blickfelds. ELŻBIETA SZUMAŃSKA (z. Z. Viadrina, früher Universität Posen) stellte die Zwangsumsiedlungen in Weißrussland vor, wobei die bis heute umstrittene Frage aufkam, wann die Geschichte eines erstmals als solchen erwähnbaren weißrussischen Staats im 20. Jahrhundert begann – 1918 oder 1945. ANNA SOSNA (Doktorandin an der Universität Osnabrück, früher Jagiellonische Universität Krakau) gab Einblick in das kaum bekannte Neben- und Miteinanderleben polnischer und deutscher Siedler in Kasachstan (nach den stalinistischen Umsiedlungen von 1935/1936), während ALEKSANDER SOŁOGUBOW (Universität Kaliningrad) Beispiele historisch belasteter russisch-finnischer Grenzbeziehungen in Karelien anführte. Auch deutsch-russische Kontakte in Kaliningrad wurden thematisiert. Schließlich zeigte MARION ZURBORG (Doktorandin an der Universität Osnabrück) am nordirischen Fall, wie gesellschaftliche Akteure am Versöhnungsprozess in einem engen geographischen Raum teilnehmen.

 

Auf einen Vortrag von FRANZISKA KATHÖFER (Studentin an der Viadrina) zur Integration der katholischen Vertriebenen in Mecklenburg nach 1945 folgte ein Podiumsgespräch mit dem evangelischen Pastor SIEGFRIED PLATH (Koserow), dem katholischen Priester JAN MAZUR (Stettin) und dem Stettiner Journalisten BOGDAN TWARDOCHLEB zur integrativen Rolle der Kirchen in der neuen Heimat, zumal in den Fällen, wo die Ankunft zahlreicher Katholiken in evangelisch geprägten Gebieten (bzw. umgekehrt) das konfessionelle Kräfteverhältnis manchmal stark veränderte und mit (lokal) starken Spannungen verbunden sein konnte. Selbst zwischen Katholiken in Polen spielte die Kirche eine schlichtende Rolle im zuweilen konfliktreichen Verkehr zwischen ansässiger Bevölkerung und ostpolnischen Zuzüglern. In vielen Fällen spielte die konfessionelle Gemeinschaft die Rolle einer geistigen Ersatzheimat.[ii]

 

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Das Abschlusspanel konzentrierte sich auf die Stadt Stettin/ Szczecin. Es wurden zwei museale Darstellungen der bewegten Stadtgeschichte präsentiert: einerseits die laufende Ausstellung „Hans Stettiner. Jan Szczeciński“ im Stadthistorischen Museum Szczecin über den langwierigen Übergangsprozess vom deutschen Stettin zum polnischen Szczecin (BOGDANA KOZIŃSKA); andererseits das Projekt eines Zentrums zur Geschichte der politischen Umbrüche seit 1945, in dem vor allem der Rolle von Opposition und Solidarność in den siebziger und achtziger Jahren gedacht werden sollte (AGNIESZKA KUCHCIŃSKA-KURCZ). Es stellte sich dabei die Frage, wie in einem solchen Projekt der nicht minder wichtigen „organischen (alltäglichen) Arbeit“ weitab von den Barrikaden gebührend Rechnung getragen werden könnte. An der Abschlussdiskussion nahmen auch der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt Szczecin, BARTŁOMIEJ SOCHAŃSKI, sowie WALTER ROTHHOLZ (Universität Stettin) teil.

 

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Die Tagung verdeutlichte, wie wichtig sich in sämtlichen Etappen des langen Integrationsprozesses – von der anfänglichen, meist schwierigen Adaptation in allen Bereichen (wirtschaftlich, gesellschaftlich, u. dergl.) bis hin zur sozialen Stabilisierung – auch geistige Faktoren erweisen. Außerdem zeigten die deutsch-polnischen Fallstudien, wie stark die Frage der Definition der Zwangsumgesiedelten (Vertriebene bzw. Flüchtlinge) sowie der (Nicht-)Anerkennung ihrer Spezifität ein Problem des Legitimationsdiskurses der betroffenen Staaten in der Nachkriegszeit war: Die Art, wie diese Bevölkerungsgruppe in der BRD, der DDR, Österreich aber auch Polen offiziell betrachtet und behandelt wurde, sagt viel über die Selbstdefinition dieser Staaten aus – jeweils: Alleinvertretungsanspruch, Antifaschismus, Opfermythos, Freundschaft mit der Sowjetunion. Dass dabei humanitäre und menschliche Probleme nicht selten zu kurz kamen, sollte nicht verwundern.

 

Jan M. Piskorski plant nun in Zusammenarbeit mit der Europäischen Akademie Kulice –Külz bereits eine Fortsetzung dieser Tagung für 2010. Es wird beabsichtigt, die Thematik auf andere europäische Beispiele zu erweitern, da bis jetzt hauptsächlich Probleme und Fälle aus Deutschland, Polen, der Ukraine und in geringerem Maße Weißrussland und Russland behandelt worden sind.

 

 

       Katarzyna Marciszewska,

       Pierre-Frédéric Weber,

       Universität Stettin.

 

       November 2009



[i] Siehe (auf deutsch) Pierre NORA (2005), Erinnerungsorte Frankreichs, München, Beck. 667 S.

[ii] Vgl. Georg DIEDERICH, Geistige Heimat Kirche: Zur Situation der Flüchtlinge und Vertriebenen in Mecklenburg-Vorpommern nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Nikolaus WERZ, Reinhard NUTHMANN (Hgg.) (2004), Abwanderung und Migration in Mecklenburg und Vorpommern, Wiesbaden, VS. 296 S., S. 91-112.