Albert S. Kotowski: Hitlers Bewegung im Urteil der polnischen Nationaldemokratie. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2000. 298 S. DM 70,00. ISBN: 3-447-04214-1 (= Studien der Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universität Dortmund ; 28).

Für „Polhist, Mailingliste zur polnischen Geschichte“, rezensiert von Markus Krzoska M.A. (Mainz/Berlin)

„Trösten wir uns! Im Falle eines verlorenen Krieges erwartet uns nicht das Schicksals eines Staatsbürgers zweiter Klasse im Dritten Reich. Wir werden bis auf den letzten Mann auf dem Schlachtfeld erschlagen, und das ganze Land wird das zukünftige Schlachtfeld sein. Wir werden ausgerottet ohne Rücksicht auf Geschlecht und Alter, im günstigsten Falle werden wir alle weit nach Osten ausgesiedelt [...] Und keiner soll bitte sagen, das sei eine in der Geschichte beispiellose oder heute unrealisierbare Tat!“ – Mit diesen Worten warnte der heute auch in Polen völlig vergessene nationaldemokratische Publizist Antoni Malatyñski bereits unmittelbar nach Hitlers Machtübernahme seine Landsleute vor der großen Gefahr aus dem Westen (1). Die Visionen dieses im eigenen Lande ungehörten Propheten wieder dem Vergessen entrissen zu haben, ist eines der Verdienste der Arbeit des Bonner Historikers.

Zum ersten Mal in deutscher Sprache wird mit dem vorliegenden Buch versucht, die Wahrnehmung der Ereignisse in Deutschland nach 1933 durch die polnischen Nationaldemokraten aufzuarbeiten. Kotowski schließt hiermit eine Lücke in der Forschung teilweise, die zweifellos zu den schmerzlichsten der deutschen Ostmitteleuropahistoriographie gehört: die Beschäftigung mit dem polnischen nationalen Gedanken seit dem Ende des 19. Jahrhunderts insgesamt. Ganz bei null muss die wissenschaftliche Aufarbeitung freilich nicht anfangen, auch wenn Kotowski die herausragende, aber leider nie publizierte, dreibändige Kieler Habilitationsschrift von Kurt-Georg Hausmann aus dem Jahre 1968 nicht erwähnt (2). Mit den Anfängen des nationalen Gedankens in komparatistischer Hinsicht befasste sich zudem kürzlich Sabine Grabowski (3).

Die Forschungen zur Endecja wurden in Polen vor allem durch die beiden Historiker Roman Wapiñski und Krzysztof Kawalec mit einer Reihe von Publikationen vorangetrieben (4). Zu Fragen des politischen Systems, aber auch der Rezeption der europäischen faschistischen Systeme haben in den letzten Jahren auch eine Reihe jüngerer Wissenschaftler wie Mateusz Nieæ, Micha³ Musielak oder Bogumi³ Grott ihren Teil beigetragen (5). Was diesen Arbeiten mitunter abgeht, ist die internationale vergleichende Perspektive, wie sie etwa Jerzy W. Borejsza in seiner schon klassischen Studie über die Rezeption des Faschismus in Mittel-, Süd- und Osteuropa aus dem Jahre 1981 vorexerziert hatte (6).

Kotowski setzt es sich in seiner Arbeit zum Ziel, „die polnische Nationaldemokratie in ihrer Vielschichtigkeit zu beschreiben sowie die politischen und ideologischen Änderungen darzustellen, denen sie vornehmlich in der Zwischenkriegszeit unterlag“ (S. 4). Dabei setzt er auf eine methodische Trennung zwischen den ideologischen und den politischen Ansichten der Endecja zum Nationalsozialismus.

Seine Darstellung ist auf drei Kapitel angelegt. Zunächst zeichnet er kurz die Geschichte der nationalen Bewegung von den Anfängen bis 1939 nach. Anschließend widmet er sich dem ideologischen Fragenkomplex anhand einzelner Aspekte (Rassismus, Antisemitismus, Antikommunismus, NS-Staatsmodell, Kirchenpolitik) um schließlich der Frage der Einstellung der Nationaldemokraten zum Dritten Reich anhand der politisch brisanten Themen nachzugehen (deutsch-polnische Beziehungen, Danzig, Grenz- und Minderheitenfragen). Im Anhang versammelt er Auszüge einer Reihe von Schlüsseltexten der Nationaldemokratie in deutscher Übersetzung.

Die Schilderung der allgemeinen Endecja-Geschichte folgt konventionellen Interpretationsmustern. Roman Dmowskis „My¶li nowoczesnego Polaka“ erschienen allerdings 1903, nicht 1904. Die Formulierung bezüglich des „Zwi±zek M³odych Narodowców“ (Bundes Junger Nationalisten) der 1930er Jahre, er sei der „traditionellen liberal-demokratischen Strömung der polnischen Nationaldemokratie verhaftet“ gewesen (S. 31), entspricht nicht den Tatsachen. Zwar war diese Gruppe, die sich rasch ideologisch und pragmatisch dem Regierungslager annäherte bzw. andiente sehr heterogen und nicht so radikal wie der „Obóz Narodowo-Radykalny“ [National-Radikales Lager] Jan Mosdorfs, dennoch war auch bei ihnen eine Begeisterung an autoritären und faschistischen Staatsmodellen bei einer Verdammung aller Traditionen der Französischen Revolution deutlich vorherrschend.

Bei der Bewertung der ideologischen Faktoren überrascht es nicht, dass Kotowski zum Ergebnis kommt, dass hier große Bedenken gegenüber den entscheidenden Elementen der NS-Ideologie vorherrschten, besonders bei den Themen Rassismus und Kirchenpolitik. Wenn er dann an anderer Stelle aber formuliert, die Einstellung der polnischen Nationaldemokratie zum Nationalsozialismus sei „zwischen Zustimmung, Tolerierung, Ablehnung und Feindseligkeit oszilliert“ und deswegen kompliziert gewesen, schwächt er sein eigenes Ergebnis unnötigerweise ab, indem er vereinzelte Außenseiterpositionen innerhalb des nationalen Lagers eindeutig überbewertet (S. 187). Kotowski kann zeigen, wie die ersten Reaktionen auf die politischen Ereignisse in Deutschland durchaus von einem hohen Maß an Sympathie geprägt waren, das freilich unabhängig von der prinzipiellen Überzeugung vom deutsch-polnischen Antagonismus gesehen werden muss. Die Maßnahmen gegen Andersdenkende, besonders aber gegen die Juden, beobachtete man genau, weil man sich ähnliche Schritte im eigenen Land erhoffte und den Nationalsozialismus eine gewisse Zeit lang als besonders aktiven Teil der neuen europaweiten nationalen Bewegungen sah. Dabei gelingen Kotowski einige interessante Entdeckungen wie die Zusammenstellung einer Liste mit unerwünschter Literatur für eine etwaige Bücherverbrennung nach deutschem Vorbild im Parteiorgan der „Nationalen Partei“ im Jahre 1933 oder die Analogien zum Hitlergruß in der Parteiordnung des Jahres 1935. Auch die Hinweise auf die antisemitischen Züge der katholischen Publizistik, etwa bei dem nach 1945 sehr bekannten Schriftsteller Jan Dobraczyñski, sind sehr aufschlussreich. Die Übereinstimmungen in der Ideologie gingen jedoch über bestimmte Punkte nicht hinaus, wie Kotowski zeigen kann.

Auch im politischen Bereich war eine Zusammenarbeit mit den Nazis für die Endecja bis auf wenige Ausnahmen undenkbar. Umgekehrt hatte ja auch die deutsche Seite kein Interesse daran, weil man in der Regierung Pi³sudskis und seiner Nachfolger die eigentlichen polnischen Nationalisten sah. Kotowski sieht im Kampf gegen die deutsche Minderheit eine der wichtigsten Aufgaben der Endecja-Publizistik, die ebenfalls eine Annäherung verhinderte. Auch wenn er damit diese Aspekte gegenüber den im nationalen Diskurs der dreißiger Jahre viel heftiger diskutierten Fragen der Zukunft der ukrainischen bzw. weißrussischen Minderheit etwas zu stark betont, bleibt doch richtig, dass gerade in den westlichen Landesteilen bei aller Hilflosigkeit gegenüber dem deutschen Machtzuwachs die negativen Stimmungen deutlich die Oberhand gegenüber allen scheinbaren Ähnlichkeiten in ideologischen Teilfragen behielten. Es wird aus der Argumentation zusätzlich deutlich, wie rasch die positiven Aussagen zur deutschen Entwicklung in den dreißiger Jahren bis auf wenige Ausnahmen (Stanis³aw Kozicki, Boles³aw Piasecki, teilweise auch Jêdrzej Giertych) verschwanden und der Überzeugung Platz machten, dass eine militärische Konfrontation unvermeidbar sein würde. Für die Zeit um 1933 herum jedoch ist die Bezeichnung „Hassliebe“, die Kotowski verwendet, freilich nicht so falsch.

Insgesamt gesehen liegt also eine wichtige Monographie vor, deren Stringenz allerdings durch einige Wiederholungen und einander widersprechende Formulierungen etwas leidet. Außerdem hätte eine redaktionelle Überarbeitung dem Buch sicherlich gut getan, die einige ungeschickte Übersetzungen in den Annotationen vermieden hätte. Dann hätte vielleicht auch ein Literaturverzeichnis ohne lückenhafte bibliographische Angaben und ein Personenregister, auf das man sich verlassen kann, entstehen können.

Anmerkungen:

(1) Antoni Malatyñski, Niemcy pod znakiem Hitlera, Warszawa 1933.
(2) Kurt-Georg Hausmann, Die politischen Ideen Roman Dmowskis. Ein Beitrag zur Geschichte des Nationalismus in Ostmitteleuropa vor dem Ersten Weltkrieg. 3 Bde. Kiel 1968.
(3) Sabine Grotowski, Deutscher und polnischer Nationalismus. Der deutsche Ostmarkenverein und die polnische Stra¿, 1894-1914, Marburg 1998.
(4) Als Beispiele seien hier nur genannt: Krzysztof Kawalec, Narodowa Demokracja wobec faszyzmu 1922-1939. Ze studiów nad dziejami my¶li politycznej obozu narodowego, Warszawa 1989; Roman Wapiñski, Narodowa Demokracja 1893-1939. Wroc³aw; Warszawa 1980.
(5) Mateusz Nieæ, Trzecia Rzesza w my¶li politycznej „potomstwa obozowego“ (do 1939 r.), in: Studia nad Faszyzmem i zbrodniami hitlerowskimi 22 (1999), S. 87-114; Micha³ Musielak, Nazizm w interpretacjach polskiej my¶li politycznej okresu miêdzywojennego, Poznañ 1997; Bogumi³ Grott, Nacjonalizm i religia: proces zespalania nacjonalizmu z katolicyzmem w jedn± ca³o¶c ideow± w my¶li Narodowej Demokracji 1926-1939, Kraków 1984.
(6) Jerzy W. Borejsza, Rzym a wspólnota faszystowska. O penetracji faszyzmu w³oskiego w Europie ¶rodkowej, po³udniowej i wschodniej, Warszawa 1981.
 

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