Studienhandbuch Östliches Europa. Bd. 1: Geschichte Ostmittel- und Südosteuropas. Hrsg. von Harald Roth. Köln; Weimar; Wien: Böhlau 1999. 560 S., 4 Kt. DM 49,80. ISBN: 3-412-13998-X

Für Polhist rezensiert von Markus Krzoska M.A. (Mainz/Berlin)

Mehr als zwanzig Jahren nach Klaus Zernacks Buch liegt mit dem hier zu besprechenden Band erstmals wieder eine allgemeine wissenschaftliche Einführung für zwei große Regionen in deutscher Sprache vor, die zum klassischen Einzugsgeschichte der Osteuropäischen Geschichte gehören (1).
Schon alleine aus diesem Grund musste der Darstellung größere Aufmerksamkeit in den Fachkreisen sicher sein. Im Vorwort formuliert der Herausgeber über das Ziel des Buches, dass es sich als ein „Leitfaden für Studienanfänger, aber auch für Journalisten, Lehrer, Fachkollegen und Einsteiger in die Thematik“ verstehe.
Das Gesamturteil vorwegnehmend wird dieser Anspruch von den Autoren trotz einiger kleinerer Schwächen durchaus eingelöst, so dass das „Studienhandbuch“ seinen Weg in den universitären Betrieb finden und zu einer Pflichtlektüre für Studierende werden wird, denen die Geschichte dieser Regionen am Herzen liegen.
Das Buch ist in fünf Teile gegliedert. Nach einem Überblick über die Grundlagen der wissenschaftlichen Beschäftigung (Historische Raumbegriffe, Historiographie, Grenzen und regionale Gliederung, politische Kultur, Gesellschaft, Religionen und Konfessionen, Historische Anthropologie) folgt eine kurze Übersicht über die drei Geschichtsregionen (Ostmitteleuropa, Nordosteuropa, Südosteuropa). Der ausführlichste Teil ist den verschiedenen Ländern und Regionen gewidmet. Daran anschließend werden wichtige ethnische und religiöse Gruppen dargestellt. Der Anhang letztendlich enthält eine Übersicht über die Chronologien und Forschungseinrichtungen sowie ein Glossar verschiedener Fachbegriffe und zwei weitere Register.

Wie bei Sammelbänden nicht zu vermeiden, hat jeder der Autoren unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt, auch wenn der Herausgeber erkennbar um eine Vereinheitlichung bemüht war. Die meisten Verfasser, überwiegend in den sechziger Jahren geboren, zeigen eine gute Kenntnis der von ihnen behandelten Themen und es gelingt ihnen in der Regel auch, die komplizierten Sachverhalte in verständlicher Form darzustellen.
Dennoch ist ein gewisses Süd-Nord-Gefälle deutlich wahrzunehmen. Die Beiträge über Südosteuropa sind in der Regel etwas ausführlicher und eine Spur kompetenter verfasst als diejenigen über den „Norden“. Dies mag am „südosteuropäischen Background“ des Herausgebers liegen. Zu den positivsten Elementen des Bandes gehört der aktuelle, mitunter kommentierte Überblick über die vorhandene Literatur und die existierenden Quellen. Die ebenfalls manchmal angeschlossenen Überlegungen der Bearbeiter über die Forschungsdesiderata sind dagegen deutlich von deren subjektiven Vorstellungen geprägt und eignen sich nicht immer als zuverlässige Darstellung von Lücken.

Im Folgenden soll auf einige Details des Bandes eingegangen werden.
Das Kapitel über den Historischen Raumbegriff (Andreas Helmedach, Leipzig) fasst die wichtigsten Gedanken der Debatte über die Region Osteuropa zusammen und geht auch auf die Problembereiche, etwa die „Balkan“-Frage“ ein. Es wird klar, dass es vor allem der Blick von außen war, der eine Ordnung des Raumes versuchte. Dennoch wäre es eine Überlegung wert gewesen, welche Vorstellungen in den Regionen selbst existierten, auch wenn diese oft von machtpolitischen Ideen bestimmt gewesen sind, etwa das polnische Konzept eines Reiches „von Meer zu Meer“. Die Darstellung über Historiographie ist gerade in ihrem Teil ab der Neuzeit (Wim van Meurs, München) etwas oberflächlich geraten. Nicht immer, wenn auch häufig, erfolgte Geschichtsschreibung nur im Dienste der jeweils herrschenden politischen Regimes. Fast überall entstanden auch zu Beginn dieses Jahrhunderts Beispiele wichtiger historiographischer Leistungen, die freilich nicht immer den „westlichen“ Erwartungshaltungen entsprachen (Jan Rutkowski, Nicolae Iorga).
Zu den Glanzpunkten des Buches gehören die Abschnitte über Grenzen und regionale Gliederung (Thomas Wünsch, Konstanz) und über Gesellschaft (Hildrun Glass, München; Andreas Helmedach; Peter Zervakis, Bonn), die sich auf dem neuesten Stand der theoretischen Diskussionen bewegen und diese auch anschaulich vermitteln können. Es erwies sich auch von Vorteil einen Text über historische Anthropologie (Hannes Grandits, Graz) mitaufzunehmen, der die manchmal zu engen Dimensionen der Fachhistoriker in Richtung eines neuen kulturwissenschaftlichen Verständnisses erweitert.
Der Zuschnitt der Länderartikel ist nicht immer gleich. Manchmal steht die politische Geschichte etwas zu stark im Vordergrund, manchmal die Tendenzen der Verfassungsentwicklung auf Kosten der sozioökonomischen Lage. Sehr solide und dem Leser zu empfehlen sind die Beiträge über die zentralen Machtfaktoren der Region ausgefallen, etwa der über das Habsburger Reich (Andreas Helmedach; Harald Roth) oder über Polen (Harald Wünsch). Manchmal klingt der deutsche bzw. westliche Blickwinkel etwas zu stark durch wie bei Katrin Boeckhs überkritischer Darstellung Jugoslawiens oder bei Matthias Webers Überblick über Schlesien, der das polnische Element seiner Geschichte etwas vernachlässigt.
Und schließlich werden einige wenige Beiträge ihrem Objekt aufgrund ihrer Länge nicht gerecht. Was bei Pommern noch in gewissem Sinne nachzuvollziehen ist, weil sich generell die Frage stellt, ob man es zu den Regionen Ostmitteleuropas zählen soll, ist bei der Behandlung der baltischen Länder ein deutliches Manko. Die Geschichte Litauens auf vier Seiten abzuhandeln, darunter die Unionszeit mit Polen auf einer halben, wird der Bedeutung des Landes ebenso wenig gerecht wie die allzu summarische Darstellung Liv-, Est- und Lettlands. Der Beitrag zu Kurland ist aus dem Forschungsstand der achtziger Jahre verfasst und berücksichtigt eine Reihe neuerer Arbeiten (oftmals Magisterarbeiten, die bisher völlig vernachlässigte Themen aufgegriffen haben) nicht, die zuletzt in Mainz entstanden sind. Dies ist sicherlich aber auch ein Problem der nicht vorhandenen fachinternen Öffentlichkeitsarbeit dort.
Die Auswahl der länderübergreifenden ethnischen Gruppen ist etwas willkürlich. Es ist nicht zu erklären, warum neben den zentralen Ethnien ein Abschnitt über die Aromunen existiert, dagegen andere Gruppen wie die Karaimen, Huzulen, Góralen, Kaschuben etc. fehlen.
Schließlich sei noch die persönliche Bemerkung gestattet, dass die verfälschende Formulierung von den „polnischen Teilungen“ offenbar nicht auszurotten ist, wie einige Beiträge zeigen.
Ein paar historische Karten mehr hätten es auch sein können, ebenso ein aktuelleres Adressenverzeichnis.
Sicherlich kann man also das eine oder andere besser machen, aber bei aller Detailkritik sei noch einmal betont, wie wichtig das Erscheinen dieses Bandes ist. Die Initiatoren sind deshalb für ihren Mut zu loben, ein solches Unterfangen in Angriff zu nehmen. Es bleibt zu hoffen, dass der angekündigte zweite Band über Russland/Sowjetunion bald erscheinen wird.
 

(1) Klaus Zernack, Osteuropa. Eine Einführung in seine Geschichte, München 1977.