Für Polhist rezensiert von Markus Krzoska M.A. (Mainz/Berlin)
Mehr als zwanzig Jahren nach Klaus Zernacks
Buch liegt mit dem hier zu besprechenden Band erstmals wieder eine allgemeine
wissenschaftliche Einführung für zwei große Regionen in deutscher Sprache
vor, die zum klassischen Einzugsgeschichte der Osteuropäischen Geschichte
gehören (1).
Schon alleine aus diesem Grund musste
der Darstellung größere Aufmerksamkeit in den Fachkreisen sicher sein.
Im Vorwort formuliert der Herausgeber über das Ziel des Buches, dass es
sich als ein „Leitfaden für Studienanfänger, aber auch für Journalisten,
Lehrer, Fachkollegen und Einsteiger in die Thematik“ verstehe.
Das Gesamturteil vorwegnehmend wird dieser
Anspruch von den Autoren trotz einiger kleinerer Schwächen durchaus eingelöst,
so dass das „Studienhandbuch“ seinen Weg in den universitären Betrieb finden
und zu einer Pflichtlektüre für Studierende werden wird, denen die Geschichte
dieser Regionen am Herzen liegen.
Das Buch ist in fünf Teile gegliedert.
Nach einem Überblick über die Grundlagen der wissenschaftlichen Beschäftigung
(Historische Raumbegriffe, Historiographie, Grenzen und regionale Gliederung,
politische Kultur, Gesellschaft, Religionen und Konfessionen, Historische
Anthropologie) folgt eine kurze Übersicht über die drei Geschichtsregionen
(Ostmitteleuropa, Nordosteuropa, Südosteuropa). Der ausführlichste Teil
ist den verschiedenen Ländern und Regionen gewidmet. Daran anschließend
werden wichtige ethnische und religiöse Gruppen dargestellt. Der Anhang
letztendlich enthält eine Übersicht über die Chronologien und Forschungseinrichtungen
sowie ein Glossar verschiedener Fachbegriffe und zwei weitere Register.
Wie bei Sammelbänden nicht zu vermeiden,
hat jeder der Autoren unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt, auch wenn
der Herausgeber erkennbar um eine Vereinheitlichung bemüht war. Die meisten
Verfasser, überwiegend in den sechziger Jahren geboren, zeigen eine gute
Kenntnis der von ihnen behandelten Themen und es gelingt ihnen in der Regel
auch, die komplizierten Sachverhalte in verständlicher Form darzustellen.
Dennoch ist ein gewisses Süd-Nord-Gefälle
deutlich wahrzunehmen. Die Beiträge über Südosteuropa sind in der Regel
etwas ausführlicher und eine Spur kompetenter verfasst als diejenigen über
den „Norden“. Dies mag am „südosteuropäischen Background“ des Herausgebers
liegen. Zu den positivsten Elementen des Bandes gehört der aktuelle, mitunter
kommentierte Überblick über die vorhandene Literatur und die existierenden
Quellen. Die ebenfalls manchmal angeschlossenen Überlegungen der Bearbeiter
über die Forschungsdesiderata sind dagegen deutlich von deren subjektiven
Vorstellungen geprägt und eignen sich nicht immer als zuverlässige Darstellung
von Lücken.
Im Folgenden soll auf einige Details des
Bandes eingegangen werden.
Das Kapitel über den Historischen Raumbegriff
(Andreas Helmedach, Leipzig) fasst die wichtigsten Gedanken der Debatte
über die Region Osteuropa zusammen und geht auch auf die Problembereiche,
etwa die „Balkan“-Frage“ ein. Es wird klar, dass es vor allem der Blick
von außen war, der eine Ordnung des Raumes versuchte. Dennoch wäre es eine
Überlegung wert gewesen, welche Vorstellungen in den Regionen selbst existierten,
auch wenn diese oft von machtpolitischen Ideen bestimmt gewesen sind, etwa
das polnische Konzept eines Reiches „von Meer zu Meer“. Die Darstellung
über Historiographie ist gerade in ihrem Teil ab der Neuzeit (Wim van Meurs,
München) etwas oberflächlich geraten. Nicht immer, wenn auch häufig, erfolgte
Geschichtsschreibung nur im Dienste der jeweils herrschenden politischen
Regimes. Fast überall entstanden auch zu Beginn dieses Jahrhunderts Beispiele
wichtiger historiographischer Leistungen, die freilich nicht immer den
„westlichen“ Erwartungshaltungen entsprachen (Jan Rutkowski, Nicolae Iorga).
Zu den Glanzpunkten des Buches gehören
die Abschnitte über Grenzen und regionale Gliederung (Thomas Wünsch, Konstanz)
und über Gesellschaft (Hildrun Glass, München; Andreas Helmedach; Peter
Zervakis, Bonn), die sich auf dem neuesten Stand der theoretischen Diskussionen
bewegen und diese auch anschaulich vermitteln können. Es erwies sich auch
von Vorteil einen Text über historische Anthropologie (Hannes Grandits,
Graz) mitaufzunehmen, der die manchmal zu engen Dimensionen der Fachhistoriker
in Richtung eines neuen kulturwissenschaftlichen Verständnisses erweitert.
Der Zuschnitt der Länderartikel ist nicht
immer gleich. Manchmal steht die politische Geschichte etwas zu stark im
Vordergrund, manchmal die Tendenzen der Verfassungsentwicklung auf Kosten
der sozioökonomischen Lage. Sehr solide und dem Leser zu empfehlen sind
die Beiträge über die zentralen Machtfaktoren der Region ausgefallen, etwa
der über das Habsburger Reich (Andreas Helmedach; Harald Roth) oder über
Polen (Harald Wünsch). Manchmal klingt der deutsche bzw. westliche Blickwinkel
etwas zu stark durch wie bei Katrin Boeckhs überkritischer Darstellung
Jugoslawiens oder bei Matthias Webers Überblick über Schlesien, der das
polnische Element seiner Geschichte etwas vernachlässigt.
Und schließlich werden einige wenige Beiträge
ihrem Objekt aufgrund ihrer Länge nicht gerecht. Was bei Pommern noch in
gewissem Sinne nachzuvollziehen ist, weil sich generell die Frage stellt,
ob man es zu den Regionen Ostmitteleuropas zählen soll, ist bei der Behandlung
der baltischen Länder ein deutliches Manko. Die Geschichte Litauens auf
vier Seiten abzuhandeln, darunter die Unionszeit mit Polen auf einer halben,
wird der Bedeutung des Landes ebenso wenig gerecht wie die allzu summarische
Darstellung Liv-, Est- und Lettlands. Der Beitrag zu Kurland ist aus dem
Forschungsstand der achtziger Jahre verfasst und berücksichtigt eine Reihe
neuerer Arbeiten (oftmals Magisterarbeiten, die bisher völlig vernachlässigte
Themen aufgegriffen haben) nicht, die zuletzt in Mainz entstanden sind.
Dies ist sicherlich aber auch ein Problem der nicht vorhandenen fachinternen
Öffentlichkeitsarbeit dort.
Die Auswahl der länderübergreifenden ethnischen
Gruppen ist etwas willkürlich. Es ist nicht zu erklären, warum neben den
zentralen Ethnien ein Abschnitt über die Aromunen existiert, dagegen andere
Gruppen wie die Karaimen, Huzulen, Góralen, Kaschuben etc. fehlen.
Schließlich sei noch die persönliche Bemerkung
gestattet, dass die verfälschende Formulierung von den „polnischen Teilungen“
offenbar nicht auszurotten ist, wie einige Beiträge zeigen.
Ein paar historische Karten mehr hätten
es auch sein können, ebenso ein aktuelleres Adressenverzeichnis.
Sicherlich kann man also das eine oder
andere besser machen, aber bei aller Detailkritik sei noch einmal betont,
wie wichtig das Erscheinen dieses Bandes ist. Die Initiatoren sind deshalb
für ihren Mut zu loben, ein solches Unterfangen in Angriff zu nehmen. Es
bleibt zu hoffen, dass der angekündigte zweite Band über Russland/Sowjetunion
bald erscheinen wird.
(1) Klaus Zernack, Osteuropa. Eine Einführung
in seine Geschichte, München 1977.