Karl Dedecius (geb. 1921)

Wie kein zweiter in Westdeutschland hat Karl Dedecius nach 1945 dafür gesorgt,
dass das Interesse an Polen im kulturellen Bereich nicht völlig gegen Null
gesunken ist. Die Herausgabe zahlreicher Sammelbände mit polnischer Literatur,
die Unzählungen Übersetzungen polnischer Gedichte und nicht zuletzt die
Gründung des Deutschen Polen-Institutes in Darmstadt haben dafür gesorgt, dass
der Name Dedecius untrennbar mit der deutsch-polnischen Annäherung verbunden
ist.
Karl Dedecius wurde am 20. Mai 1921 als Angehöriger der deutschen
Minderheit in der Industriestadt Lodz geboren. Nach dem Besuch des Polnischen
Żeromski-Gymnasiums, in dem er früh mit der polnischen Kultur in Kontakt
kam und seine Sprachkenntnisse perfektionierte, wurde er nach Abitur und
Arbeitsdienst 1941 zur Wehrmacht eingezogen. In der Schlacht bei Stalingrad
wurde er gefangengenommen und verbrachte anschließend sieben Jahre in sowjetischer
Kriegsgefangenschaft. Er war der einzige aus seinem Regiment, der den Krieg
überlebte.
1950 ging er zu seiner Frau nach Weimar, zusammen flüchteten sie zwei Jahre
später nach Westdeutschland, wo Dedecius bald lange Jahre für die
Allianz-Versicherung arbeitete. Nebenbei begann er mit Übersetzungen und
knüpfte Kontakte zu polnischen Schriftstellern. Im Jahre 1959 gibt er den
ersten Band mit polnischer Literatur heraus, die heute legendäre Anthologie
"Lektion der Stille". In den folgenden beiden Jahrzehnten kommen
viele weitere Publikationen hinzu, zu den bevorzugten übersetzten
Schriftstellern gehören Julian Przyboś, Tadeusz Różewicz,
Czesław Miłosz und Stanisław Jerzy Lec. 1979 gelingt ihm mit
Unterstützung vieler Freunde sowie der Bundesländer Rheinland-Pfalz und Hessen
sowie der Stadt Darmstadt die Gründung des Deutschen Polen-Instituts, an
dessen Spitze er achtzehn Jahre lang stehen sollte. Zu den von ihm und seinen
Mitarbeitern realisierten Großprojekten gehört die 50-bändige, bei Suhrkamp
erschienene "Polnische
Bibliothek" sowie als Krönung seines Lebenswerks das "Panorama
der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts".
Für seine vielfältigen Aktivitäten wurde Dedecius mit einer Reihe von Preisen
ausgezeichnet. Er ist u.a. Träger des Hessischen Kulturpreises, des
Wieland-Übersetzerpreises, des Preises der Jurzykowski-Stiftung der Polnischen
Emigranten in New York, des Andreas-Gryphius-Preises, Träger des
Bundesverdienstkreuzes und Verdienstordens der Republik Polen. 1990 wurde er
mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Die
Ehrendoktorwürde der Universität Köln wurde ihm 1976 verliehen, die der
Katholischen Universität Lublin 1987, die der Universität Łódź 1990
und die der Universität Krakau 2000.
Literatur:
- Elvira Grözinger, Andreas Lawaty (Hrsg.): Suche die Meinung:
Karl Dedecius, dem Übersetzer und Mittler zum 65. Geburtstag. Wiesbaden 1986.
- Manfred Mack (Hrsg.): Karl Dedecius und das Deutsche Polen-Institut.
Laudationes, Berichte, Interviews, Gedichte, Darmstadt 1991.
- Hubert Orłowski: Karl Dedecius, in: ...nie będzie nigdy
Niemiec Polakowi bratem...?, Wrocław 1995, S. 268-279.
Internet:
http://dedecius.ub.euv-frankfurt-o.de/