Ausgewählte Gedichte


- Bertolt Brecht: Eisen

- Billy Joel: Honesty

- Durs Grünbein: In der Provinz 5

- Volker Keller: Horbahnhof

- Sven Regener: Über Nacht

- Joseph Freiherr von Eichendorff: Der Scholar

- Andrzej Stasiuk: ...und ich werde weit hinausschwimmen

- Alexander Fuman: Rapperswil

- Wolf Biermann: Um Deutschland ist mir gar nicht bang

- Leopold Staff: Der Schmied


Bertolt Brecht

Eisen


Im Traum heute Nacht
Sah ich einen großen Sturm.
Ins Baugerüst griff er
Den Bauschragen riß er
Den Eisernen, abwärts.
Doch was da aus Holz war
Bog sich und blieb.

(1953)


Billy Joel

Honesty

If you search for tenderness
it isn't hard to find
you can have the love you need to live
but if you look for truthfulness
you might just as well be blind
it always seems to be so hard to give
Honesty is such a lonely word
everyone is so untrue
honesty is hardly ever heard
and mostly what I need from you
I can always find someone
to say they sympathize
if i wear my heart out on my sleeve
but I don't want some pretty face
to tell me pretty lies
all I want is someone to believe
Honesty is such a lonely word
everyone is so untrue
honesty is hardly ever heard
and mostly what I need from you
I can find a lover
I can find a friend
I can have security
until the bitter end
anyone can comfort me
with promises again
I know, I know
When I'm deep inside of me
don't be too concerned
I won't ask for nothin' while I'm gone
but when I want sincerity
tell me where else can I turn
because you're the one that I depend upon
Honesty is such a lonely word
everyone is so untrue
honesty is hardly ever heard
and mostly what I need from you
(1978)


Durs Grünbein

In der Provinz 5

(Bei Aquincum)

Wie vom Reisewagen gestreift eines fliehenden Siedlers
Lag auf der Römerstraße die tote Amsel, zerfetzt.

Einer, der immer dabei war, den nie was anging, der Wind
Hatte aus Flügelfedern ein schwarzes Segel gesetzt.

Daran erkanntest du sie, von fern, die beiseitegefegte,
Beim Einfall der Horde an die Erde geschmiegte Schwester.

Ob Daker und Hunnen, Mongolenpferde und Motorräder -
Schimpfend hatte sie abgelenkt von der Nähe der Nester.

Mehr war nicht drin. Sieht aus, als sei sie gleich hin gewesen.
Der miserablen Sängerin blieb nur sich querzulegen.

Damals im Staub grober Quader, heute auf nassem Asphalt.
Immer war Völkerwanderung, meistens Gefahr auf den Wegen.

(1999)


Volker Keller

Horbahnhof

Über das quarzene Rückgrat des Hunsrücks
war ich im Regen gekommen,
bewundernd Betoneisenplastik gesehen,
wo einstmals Horbahnhof war,
ganz nah an der Dunselwies'.
Unbeweint fast liegt jetzt noch ein Rest
im Bette des Apfelbaches.
Erbärmliche Scharen, mot'risierte gewahren
weniger denn je, oder mehr?
an diesem einsamen Steg in der Wildnis.
Auch an den Flur'n, die man unlängst vermaß
für Siedler von Osten,
schritt ich vorüber und rastete erst
bei dem Friedhof der Juden, dem alten,
neben dem Garten der Pflanzen, dem alten.
Nichts sonst zeugt von menschlichem Schaffen
als Betoneisenplastik am Rand.
Bald wird trockenes Hirnreich dürsten
nach Nähe, nach Heimat, nach Resten.
Ganz nahe der Müllplatz, bewachsen,
da wohnte der Wisser der Gegend,
und links an den Felsen sind übrig
noch Höhlen zum Fliehen im Krieg.
Ich schritt weiter.

(1996)


Sven Regener

Über Nacht

Über Nacht kamen die Wolken
Und ich habs nicht mal gemerkt
Schon sind am ersten Straßenbaum
Die ersten Blätter verfärbt
Ich will immer soviel erleben
Und verschlafe doch nur die Zeit
Und kaum daß ich einmal nicht müde bin
Ist der Sommer schon wieder vorbei
Über Nacht kamen die Vögel
Und bildeten einen Verein
Der verzieht sich bald ans Mittelmeer
Und läßt uns im Regen allein
Ich will immer so gern berauscht sein
Und werde doch immer nur breit
Und kaum daß ich einmal nüchtern bin
Ist der Sommer schon wieder vorbei
Über Nacht kam die Erinnerung
An längst vergangenes Glück
Und voller Wehmut stell ich mir
Die Uhr eine Stunde zurück
Ich will Dich so gerne vergessen
Und bin dazu doch nicht bereit
Und kaum daß ich Dich einmal wiederseh
Ist der Sommer schon wieder vorbei

(1996)


Joseph Freiherr von Eichendorff:

Der Scholar

Bei dem angenehmsten Wetter
singen alle Vögelein,
klatscht der Regen auf die Blätter,
sing ich so für mich allein.
Denn mein Aug' kann nichts entdecken,
wenn der Blitz auch grausam glüht,
was im Wandern könnt' erschrecken
ein zufriedenes Gemüt.
Frei vom Mammon will ich schreiten
auf dem Feld der Wissenschaft,
sinne ernst und nehm' zu Zeiten
einen Mund voll Rebensaft.
Bin ich müde vom Studieren,
wann der Mond tritt sanft herfür,
pfleg' ich dann zu musizieren
vor der Allerschönsten Tür.


Andrzej Stasiuk

...und ich werde weit hinausschwimmen

...und ich werde weit hinausschwimmen,
um in der Leere des Meeres die Hoffnung zu nähren,
in der gerechten Strafe der Verbannung für
falsche Verbrechen werde ich die Tage zählen, bis
ich gebrechlich werde, unfähig zur Rückkehr,
ich werde fasten unter den Satten, damit
die Erinnerung den Geschmack der Nahrung bewahrt,
zwischen die Schafe werde ich gehen im Schafspelz,
damit man mich vertreibt, und
im Halsband werde ich hinter den Wölfen ziehen.
Und ich werde lügen,
denn der Wahrheit ist zu wenig zum Glauben.

(Aus dem Polnischen von Joanna Manc)


Alexander Fuman

Rapperswil

Sanft tönt Chopin aus den Fenstern
der Wind vom See bewegt die Kastanien am Hirschpark
Bilder von vergangenem Glanz an allen Wänden
polnischer als Polen jemals war
unerschütterlich bröckelt die Säule der Erinnerung
unter dem Azur des Himmels
still steht die Sanduhr scheinbar
an den Gräbern im Garten
Boote kreisen durch das glitzernde Smaragd
weit weg ist der Schmerz für einen Moment nur
der doch Ewigkeit sein müsste
um alle Wunden heilen zu können

(10.9.97)


Wolf Biermann

Um Deutschland ist mir gar nicht bang

Um Deutschland ist mir gar nicht bang
Die Einheit geht schon ihren Gang
unterm Milliardenregen
Wir werden schön verschieden naß
Weh tut die Freiheit und macht Spaß
ein Fluch ist sie, ein Segen

Heimweh nach früher hab ich keins
nach alten Kümmernissen
Deutschland Deutschland ist wieder eins
nur ich bin noch zerrissen

um Deutschland ist mir gar nicht bang
Die deutsche Wunde ist noch lang
nicht ausgeheilt, es rinnen
Schmerzbäche wo die Narbe klafft
Nur blutet jetzt der schwarze Saft
statt raus, tief tief nach innen

Heimweh nach früher hab ich keins
nach alten Kümmernissen
Deutschland Deutschland ist wieder eins
nur ich bin noch zerrissen

Um Deutschland ist mir gar nicht bang
Und ich als Weltkind mittenmang
ob Wissen oder Glauben
Ob Freund, ob Feind, ob Weib ob Mann
Die liebe Muttersprache kann
kein Vaterland mir rauben

Heimweh nach früher hab ich keins
nach alten Kümmernissen
Deutschland Deutschland ist wieder eins
nur ich bin noch zerrissen

(1999)


Leopold Staff

Der Schmied

Die ganze laxe Masse von kostbaren Erzen,
Die in geheimen Tiefen meines Busens kreisen,
Spei ich wie ein Vulkanschlund seine Lavakerzen
Hinaus auf einen Amboss aus gestähltem Eisen.

Ich schlage sie mit hoffnungsvollen Hammerschwüngen;
Es gilt jetzt, eine große Arbeit zu vollenden,
Ich muss aus diesen Erzen mir ein Herz erzwingen,
Ein stolzes Kraftgefäß mit feuerfesten Wänden.

Doch gibst du nach, mein Herz, den vielen Eisenschlägen
Und platzt unter dem Hieb mit kläglichem Gewimmer:
Dann schlag ich dich mit meiner harten Faust in Trümmer!

Denn besser schon du stirbst, dem Hammer unterlegen,
Als wenn, verwunschen durch die eigenen Gebrechen,
Du weiterlebst, morsch von Rissen kranker Schwächen.

(1901)

Aus dem Polnischen von Karl Dedecius

Kowal

Całą bezkształtną masę kruszców drogocennych,
Które zaległy piersi mej głąb nieodgadłą,
Jak wulkan z swych otchłani wyrzucam bezdennych
I ciskam ją na twarde, stalowe kowadło.

Grzmotem młota w nią walę w radosnej otusze,
Bo wykonać mi trzeba dzieło wielkie, pilne,
Bo z tych kruszców dla siebie serce wykuć muszę,
Serce hartowne, mężne, serce dumne, silne.

Lecz gdy ulegniesz, serce, pod młota żelazem,
Gdy pękniesz, przeciw ciosom stali nieodporne:
W pył cię rozbiją pięści mej gromy potworne!

Bo lepiej giń, zmiażdżone cyklopowym razem,
Niżbyś żyć miało własną słabością przeklęte,
Rysą chorej niemocy skażone, pęknięte.



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