Polnische Literatur heute

 

Herzlich willkommen auf dieser der polnischen Literatur gewidmeten Seite, die seit ihrem Bestehen schon über 12.500 Gäste aus 58 Ländern besucht haben (Stand: März 2006). Wenn ich Sie hier motivieren kann, sich mehr mit Polen zu beschäftigen oder ihr Wissen durch die Verknüpfung mit anderen Websites zu verbessern, dann ist mein Ziel erreicht!

Im Jahr 2000 war Polen Schwerpunktthema der Frankfurter Buchmesse. Nicht nur vor diesem Hintergrund erscheint es angemessen, an dieser Stelle einige Hinweise auf seine Literatur zu geben, die in Deutschland völlig zu Unrecht nach wie vor relativ unbekannt ist.
Wie vor allem Literaturwissenschaftler wissen, gehörte die polnische Literatur spätestens seit dem Barock zum Kreis der europäischen Nationalliteraturen. Immer wieder traten Dichter hervor, die mit ihren Werken über Polen hinaus Bedeutung erlangten, angefangen mit dem unvergleichlichen
Jan Kochanowski über Mikołaj Rej bis hin zu den drei Klassikern der Romantik: Adam Mickiewicz, Juliusz Słowacki und Zygmunt Krasiński. Auch das 20. Jahrhundert sah eine Reihe herausragender Autoren, die sich oft von gesamteuropäischen Strömungen beeinflussen ließen: Stanisław Wyspiański, Stanisław Ignacy Witkiewicz, Witold Gombrowicz, Zbigniew Herbert, Wisława Szymborska und viele andere.
Der oft hermetische Charakter ihrer Werke, der enge Bezug zur nationalen Geschichte mit all ihren Besonderheiten, erschwerten die Rezeption in anderen Staaten und Kulturen. Hätte es nicht eine Reihe großartiger Übersetzerinnen und Übersetzer gegeben, wäre noch viel weniger im Westen bekannt geworden.
An dieser Stelle ist es nicht möglich, zu ausführlich auf die Geschichte dieser Literatur einzugehen. Wer sich intensiver damit beschäftigen möchte, dem sei das großartige
"Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts" ans Herz gelegt, dessen letzte Bände zur Buchmesse 2000 erschienen sind, welches das Deutsche Polen-Institut in Darmstadt unter der Federführung von Karl Dedecius zu einer Zeit zusammenstellte, als es noch das Zentrum der Beschäftigung mit polnischer Kultur in Deutschland war.

 

Links:

 

Polnische Literatur allgemein

 

Die ausführlichsten Informationen befinden sich auf der mit "Polen 2000" betitelten Seite der Krakauer "Villa Decius". Hier gibt es nicht nur eine Übersicht über die wichtigsten Autoren und ihre Bücher, sondern auch weiterführende Hinweise auf Literaturzeitschriften und vieles mehr. Sehr zu empfehlen! Aktuelle Hinweise findet man auch auf den vom transkultura.net aus Frankfurt/Oder gestalteten Seiten von literaria.org.
Der wichtigste polnische Literaturpreis, die
"Nike", ist ebenso zu finden wie eine schöne Seite zur "altpolnischen" Literatur (vom Mittelalter bis zum Barock). Einige Klassiker als Dateien herunterladen sowie allgemeine Informationen zum Thema E-Books sind mittlerweile ebenfalls im Netz zu finden. Die "Polska Biblioteka Internetowa" enthält insgesamt über 9.000 Positionen aus der gesamten Weltliteratur, die sich problemlos durchsuchen lassen. Ein ähnlich umfangreiches Panorama bietet ein von der UNESCO gefördertes Online-Projekt der Universität Danzig.

 

Autoren

 

Noch nicht allzuviele Autoren sind das Thema von Homepages. Immerhin stößt man mitunter auf solche, von denen es man am wenigsten erwartet hätte. Wenig verwunderlich ist es, dass im Netz Volltexte von Werken wie dem "Pan Tadeusz" des Adam Mickiewicz oder der kompletten "Trylogia" von Henryk Sienkiewicz zu finden sind. Es gibt aber auch Seiten, die dem Leben und Werk so verschiedenartiger Schriftsteller wie Marek Hłasko, Andrzej Bursa oder Edward Stachura gewidmet sind. Von den Klassikern der polnischen Literatur kann man sich auf die Spuren Słowackis, des Literatur-Nobelpreisträgers von 1924, Władysław Stanisław Reymont, oder des von den Deutschen ermordeten Bruno Schulz begeben. Lohnenswert ist auch der Besuch der zu Ehren des großen Lyrikers Julian Tuwim erstellten Seiten.
Ebenfalls präsent sind drei der vier großen Lyriker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts:
Zbigniew Herbert sowie die beiden Nobelpreisträger Czesław Miłosz und Wisława Szymborska. Aber auch einige Schriftsteller aus dem zweiten Glied, die dennoch für die Literaturgeschichte nicht uninteressant sind, haben ihre Anhänger gefunden: Władysław Broniewski etwa, Stalins Barde und Feind zugleich, Miron Białoszewski, dessen großartiger Text über den Warschauer Aufstand viel zu wenig gelesen wird, oder der Fantasy-Autor Andrzej Sapkowski. Einen in Deutschland wenig bekannten Dichter der sogenannten "bäuerlichen Strömung", Tadeusz Nowak, kann man ebenfalls im Netz kennenlernen. Ein deutscher Verehrer hat sich des genialen Aphoristikers Stanisław Jerzy Lec angenommen. Überraschenderweise gibt es sogar ein ausführliches Projekt über den lange verfemten Futuristen und Bolschewisten Bruno Jasieński.
Privaten Initiativen zu verdanken sind auch Seiten über den im Warschauer Aufstand gefallenen Lyriker
Krzysztof Kamil Baczyński oder den in Polen sehr bekannten Historienschriftsteller Teodor Parnicki.
Eine deutsche literarische Beschäftigung mit Polen war in der Vergangenheit eher die Ausnahme, wenn man einmal von der kurzen Zeit der "Polenlieder" in der Epoche des Vormärz absieht. Ein Schlüsseltext ist aber sicherlich
Heinrich Heines Nachlese zu den Reisebildern, den man on-line nachlesen kann. Ein besonderes Phänomen sind die Grenzgänger zwischen den beiden Kulturen wie der "Austro-Pole" Tadeusz Rittner, die Schlesier August Scholtis oder Horst Bienek sowie die Gegenwartsautoren Dariusz Muszer oder Radek Knapp. Ihnen allen wäre ähnliche Aufmerksamkeit im Internet zu wünschen. Vielleicht wollen Sie aber auch nur wissen, was Andrzej Stasiuk und seine Frau Monika Sznajderman in ihrem Verlag Czarne an neuer mitteleuropäischer Literatur herausgeben?


 

Es folgt nun das von mir zusammengestellte Verzeichnis lieferbarer polnischer Belletristik in deutscher Übersetzung sowie von einigen Sachbüchern zum Thema Polen:

 

(Weiterverwendung oder Download des Verzeichnisses nur nach Erlaubnis des Erstellers. Alle Rechte zum Wiederabdruck bei Markus Krzoska, 2000-2008. Zuwiderhandlung wird urheberrechtlich verfolgt).

 

a) Belletristik:


Jerzy Andrzejewski: Finsternis bedeckt die Erde

Aus dem Polnischen von Oskar Jan Tauschinsky und Walter Henke. München: Langen Müller 1988. 192 S., € 11,00.


Anna Bolecka: Der weiße Stein

Aus dem Polnischen von Albrecht Lempp. Berlin: Berlin Verlag 2000. 238 S., € 19,00.

 

Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erinnert der Urgroßvater auf dem Sterbebett sein Leben in einem polnischen Bauerndorf. "Die Gerüche und Farben der wechselnden Jahreszeiten, Hitze und Kälte, Dürre und Regen ... In kristallklaren Sätzen wird das polnische Bauernleben der Vorkriegszeit in seiner archaischen Schönheit gemalt und mischt sich mit Träumen, Religion, Aberglaube, Mystik zu einem rauschhaften, detailscharfen Panorama des polnischen Lebens." (Stem, Amsterdam)


Anna Bolecka: Lieber Franz

Aus dem Polnischen von Monika Kjer-Popiel. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2000. 408 S., € 24,80.

 

"Lieber Franz" erzählt die Geschichte von Franz Kafka in fiktiven Briefen des Autors und solchen an ihn - von Freunden, Bekannten, Zeitgenossen. Anna Bolecka gelingt es, die intensive Spannung, in der Kafka zu seiner Welt gelebt hat, wiederzugeben, indem sie die auftretenden Figuren kunstvoll selbst zu dramatis personae erklärt. Der erste Brief an Kafka, den "lieben Herrn Franz", stammt von Jizchak Löwy, einem Schauspieler, und markiert, geschrieben 1911, eine geistige Wende im Leben des Schriftstellers - seine Entdeckung der ostjüdischen Überlieferung. Thematisch zieht sich diese "Wende" durch den ganzen Roman hindurch, der im Kern jedoch von Kafkas Verhältnis zu Frauen erzählt: Dabei kommen seine Persönlichkeit, seine Ängste und Neurosen sowie seine Selbstzerstörungskräfte am deutlichsten zum Vorschein. Und so schafft es Anna Bolecka, ein sehr genaues Bild des Menschen Franz Kafka zu zeichnen, der sich treu bleibt - in seinen Zuneigungen und in der leidvollen Erfahrung einer ihn überwältigenden Realität."Lieber Franz", ein so gewagter wie überzeugender Briefroman, besticht durch seine poetische Sprache, die Einfühlsamkeit, Empfindsamkeit und Ernsthaftigkeit seiner Autorin und durch die wunderbare Mixtur von Fiktion und Wirklichkeit.


Tadeusz Borowski: Bei uns in Auschwitz

Aus dem Polnischen von Vera Cerny. München: Piper Verlag 1999. 277 S., € 10,90.

 

Diese Erzählungen Borowskis gehören zu den beklemmendsten Zeugnissen des 20. Jahrhunderts. Die Einmaligkeit des Werks besteht nicht nur darin, daß er die Greuel der Vernichtungslager mit literarischen Mitteln zu beschreiben versucht - ganz und gar eigenständig ist auch die Konzeption der Tragik, die einen Unterton von scheinbaren Zynismus, scheinbarer moralischer Indifferenz bedingt.


Kazimierz Brandys: Warschauer Tagebuch
. Die Monate davor 1978-1981.

Aus dem Polnischen von Friedrich Griese. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1984. 360 S., € 20,80.

 

 Mirosław Bujko: Der goldene Zug.

Aus dem Polnischen von Friedrich Griese. München: dtv 2007. 540 S. € 15,00.

 

Ein großer Abenteuerroman, in dem die ganze Schönheit und Grausamkeit Russlands lebendig wird. Russland 1917. Die Revolution hat gesiegt, die Zarenfamilie wird vom Exekutivkomitee des Urals hingerichtet. Was bleibt, ist ein riesiger Goldschatz, den die Bolschewiki in einem Güterzug vor den herannahenden Deutschen zu retten versuchen. Aber längst haben auch andere von dem Gold Wind bekommen.


Stefan Chwin: Der goldene Pelikan
.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. München: Hanser 2005. € 19,90.

 

Jakub ist Juraprofessor an der Danziger Universität, gut aussehend, selbstbewusst, wohlsituiert. Er weiß, was richtig ist, und als ein Mädchen sich beschwert, sie sei zu Unrecht durch die Prüfung gefallen, lässt er sie hochmütig stehen. Bis er eines Tages zufällig erfährt, dass sie sich umgebracht habe. Sein Gewissen beginnt ihn zu plagen. Er begeht kleine Ladendiebstähle, trennt sich von seiner Frau, verliert Arbeit und Wohnung und irrt schließlich als Obdachloser durch die Stadt. Ein fesselnder Roman über das Leben und darüber, wie es plötzlich zerbrechen kann.

 

Stefan Chwin: Tod in Danzig [Hanemann]

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Reinbek: rororo 1999. 285 S. € 8,50.

 

Danzig 1945. Die Deutschen verlassen die brennende Stadt. Unter dramatischen Bedingungen gelingt etlichen die Flucht an Bord der "Friedrich Bernhoff", die vor Bornholm beschossen wird und sinkt. Viele Menschen kommen um, auch die Wallmanns aus der Lessingstraße 17. In ihrer verwaisten Wohnung findet bald darauf die Familie des Ich-Erzählers ein neues Zuhause. Wie viele heimatvertriebene Polen aus den sogenannten "kresy", den von Rußland besetzten Ostgebieten, beginnen auch sie ihre neue Existenz zwischen den fremdartigen, unversehrten, zurückgelassenen Dingen, den Zeugen einer untergegangenen Welt. In dieser Villa mit Türmchen, Galerie und Veranda im Stadtteil Oliva, mit seinen schattigen Gärten und Buchenhainen, dem Dom und der Zisterzienserkirche, wohnt noch immer Herr Hannemann, einst Profesor der Anatomie, ein Deutscher, der gut Polnisch spricht. Nach dem mysteriösen Tod seiner Geliebten ist von einer Art innerer Lähmung befallen. Er ist in Oliva geblieben. Nun erlebt er die Verwandlung Danzigs in eine polnische Stadt.
In der Ulica Grottgera, wie die Lessingstraße jetzt heißt, verflechten sich die Geschichten der alten und neuen Bewohner. Da ist Hanka, eine junge Frau aus Galizien, die einen Selbstmordversuch unternimmt, weil sie das Grauen ihrer Kriegserlebnisse nicht mehr erträgt; und Adam, ein obdachloser taubstummer Junge, und viele andere.


Stefan Chwin: Die Gouvernante
[Esther]

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Berlin: Rowohlt Verlag 2000. 320 S., € 21,00.

 

Man kann Stefan Chwin als poetischen Chronisten der deutsch-polnischen Geschichte bezeichnen. Sein neuer Roman beginnt um 1900 in Warschau. Dort unterrichtet "Fräulein Esther" den 12-jährigen Andrzej Celinski in Fremdsprachen. Esther gelingt es, die ganze Familie Celinski in ihren Bann zu ziehen, aber Andrzej und sein älterer Bruder Aleksander sind ihre heftigsten Bewunderer. Doch die Gouvernante verschwindet plötzlich. Als Erinnerung bleiben nur ein paar Bilder von ihr und ihrer Heimatstadt Danzig. Bilder, die gut vier Jahrzehnte später wieder auftauchen und Andrzej das Leben retten.


Maria Dąbrowska: Tagebücher 1914-1965

Aus dem Polnischen von Klaus Staemmler. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1996. 390 S., € 10,00.

 Jacek Dehnel: Lala

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Berlin: Rowohlt 2008. 350 S. € 19,90.

 

Sie muss eine sehr schöne Frau gewesen sein. Noch im Alter wird sie bei ihrem Spitznamen gerufen: «Lala» (Puppe). Wenn ihr Enkel Jacek ihr zuhört, tut Lala nichts lieber als zu erzählen. Von ihrem Vater, dem legendären 6 Millionen Werbekontakte: Besitzer des ersten Autos in der Ukraine, von ihrer adeligen Mutter, die eine Ehe sausen ließ, als der Vater endlich um sie warb, und nicht zuletzt von sich selbst. Hineingeboren in die alte Welt des polnischen Landadels, erlebt Lala den Zweiten Weltkrieg, die deutsche Besatzung, den Umbruch aller Werte. Doch mit ihrem Charme und ihrer Courage gewinnt sie selbst den Respekt der deutschen Besatzungssoldaten. «Lala» ist eine weitgespannte Familiensaga und die Geschichte der zärtlichen Beziehung zwischen Enkel und Großmutter: Jacek liebt Lalas schillernde Erzählungen, und als sie allmählich vergesslich wird, übernimmt er selbst deren Faden. Bis es so weit kommt, dass er ihr versichern muss, ja, sie habe wirklich ein erfülltes Liebesleben gehabt, das könne sie ihm glauben.  Lala hat ihm ein ganzes Jahrhundert an gelebtem Leben vererbt.


Wilhelm Dichter: Das Pferd Gottes

Aus dem Polnischen von Martin Pollack. Reinbek: Rowohlt 2000. 313 S., € 8,50.

 

Wien, die ''Stadt, in der die Juden glücklich waren'', ist im galizischen Boryslaw noch lebendig. Der Ich-Erzähler, der Junge Wilek, hört die Großeltern Straußwalzer singen und von den alten Zeiten schwärmen. Plätzlich bricht der Krieg aus. Die Sowjets marschieren ein. Sie verstaatlichen die Ölfirmen und im Kindergarten werden Leningedichte gelernt. Als die Sowjets flüchten, sprengen sie das Elektrizitätswerk, um es nicht den Deutschen zu überlassen. Die Pogrome beginnen. Die Großmutter wird von einem Nachbarn verraten. Wilek flieht mit seinen Eltern von Versteck zu Versteck, überlebt unter Betten, in Brunnen, auf Dachböden.
Im Nachkriegspolen wird aus dem verfolgten Kind der privilegierte Stiefsohn eines kommunistischen Funktionärs. Die Mitschüler hänseln ihn, er rieche nach Gas. Wilek ist kalt, mißtrauisch, geht wieder in Deckung. Zu schnell kann Macht sich gegen ihn wenden. Kein sicherer Ort für seinesgleichen.


Wilhelm Dichter: Rosenthals Vermächtnis
[Szkoła bezbożników].

Aus dem Polnischen von Martin Pollack. Berlin: Rowohlt Verlag 2000. 200 S., € 19,00.

 

Wilek hat als verstecktes Kind in Galizien überlebt. Im Warschau der Aufbaujahre gehört er zu den Privilegierten, denn sein Stiefvater arbeitet im Außenministerium. Fast alle Freunde der Eltern sind jüdische Überlebende, die in der Partei und im Wirtschaftsapparat Karriere machen. Doch die alten Ängste weichen nicht. Wilek wird von den Bildern aus der Zeit der Verfolgung heimgesucht, von Erinnerungen an seinen umgekommenen Vater und an die ermordeten Verwandten. Herr Rosenthal, ein väterlicher Freund und Mentor, gibt ihm Plechanow und Majakowski zu lesen. Hätten die Bolschewiki Europa erobert - glaubt Wilek -, hätte es keinen Hitler gegeben, und seine Familie wäre noch am Leben.
In der Schule wird er als "russischer Lakai" und "Kommunist" beschimpft. Um antisemitischen Attacken zu entgehen, wechselt er auf ein Elitegymnasium, wo zukünftige Funktionäre herangezogen werden. Seine Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Sicherheit ist so groß, dass er die hellsichtigen Warnungen von Herrn Rosenthal in den Wind schlägt. Lakonisch und mit kühler Präzision beschreibt Wilhelm Dichter die Mechanismen der Angst und der Anpassung, die Hoffnungen und Irrwege einer jungen Nachkriegsgeneration in Osteuropa.


Isachar Falkensohn Behr: Gedichte von einem polnischen Juden

Göttingen: Wallstein Verlag 2002. 102 S., € 22,00.

 

"Gedichte von einem polnischen Juden" - mit diesem geradezu provokanten Titel spielte 1772 der damals anonyme Autor Isachar Falkensohn Behr mit gängigen Vorurteilen vornehmer Leser und - vor allem - Leserinnen, galten doch die Ostjuden in den deutschen Metropolen als fromme, aber ungebildete, schwarzvermummte Gestalten mit finsterem Blick und bärtigen Gesichtern. Mit dieser Edition wird die erste Lyriksammlung eines deutschsprachigen Juden nachgedruckt - eine Sammlung, die auch Goethes Aufmerksamkeit erregte. Falkensohn Behr, ein Juden aus dem Osten im aufgeklärten Berlin Moses Mendelssohns, fand in der Anakreontik poetische Formen und Motive und in der Kultur der Freundschaft, die in der Rokoko-Dichtung propagiert wurde, das geeignete Milieu zur Integration.


Ida Fink: Notizen zu Lebensläufen

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag 2000. 185 S., € 8,45.

 

Ida Fink erzählt vom Leben in Polen zur Zeit der Besetzung durch die Nazis. Mit knappen, eindringlichen Notizen zeichnet sie Lebensläufe von Männern und Frauen nach, die von den Nazis geschunden wurden. Behutsam und schonungslos, elegisch und ironisch zugleich, stehen die scheinbar einfachen Erzählungen für die Facetten des Lebens in unmenschlicher Zeit.


Ida Fink: Die Reise

Aus dem Polnischen von Klaus Staemmler. Frankfurt/Main: Fischer Verlag 1995. 240 S. € 8,90.

 

Die polnische Schriftstellerin Ida Fink lebt heute in Israel. Die Geschichte, die sie in diesem Roman erzählt, beginnt im Herbst 1942. Zwei jungen polnischen Jüdinnen gelingt die Flucht aus dem Ghetto. Als sicherster ''Zufluchtsort'' erscheint ihnen eines der zahlreichen Zwangsarbeiterlager im Deutschen Reich. So arbeiten sie unter falschem Namen in einer Maschinenfabrik im Ruhrgebiet. Sie erleben Haß und Hilfsbereitschaft, Feindschaft und Freundschaft, werden denunziert, von der Gestapo gejagt. Daß sie die Heimat eines Tages wiedersehen, verdanken sie ihrem unbändigen Überlebenswillen.


Janusz Głowacki: Die Lotterie, das Schwein, die Unterhose
[Ostatni cieć]

Aus dem Polnischen von Albrecht Lempp. Innsbruck: Skarabäus-Verlag 2004. 230 S. € 19,00.

 

"Glowacki's protagonist is John Jefferson Caine, whose name is pronounced like the name of Welles's hero. Just as in Welles, Caine is a media mogul. The action of Glowacki's book is set almost a century later, so Caine can manipulate public opinion in a far more refined manner by staging events which his TV channels then broadcast. Caine amassed an enormous fortune as a fashion designer; he became the most famous creator of cultural symbols and images. But his greatest success was the creation of a new design of men's pants. Welles's reporter is replaced by Kuba, the last super, a Pole from Greenpoint. He is a classic Glowacki character, and he guides the reader through Caine's mad world."


Michał Głowiński: Eine Madeleine aus Schwarzbrot.

Aus dem Polnischen von Martin Pollack. Frankfurt/Main: Jüdischer Verlag 2003. 220 S. € 19,90.

 

Je länger der Trauerzug für Stalin durch die Straßen Warschaus marschiert, desto heiterer wird die Stimmung jener, die daran teilnehmen müssen – die Hoffnung auf Befreiung nach dem Tod des Diktators bricht sich Bahn. Mit oft hintergründiger Ironie führt Michal Glowinskis Zyklus von Erzählungen eindringlich die Atmosphäre im Nachkriegspolen vor Augen – jene Jahre der staatlichen Repression, in denen auch der Antisemitismus im neuen kommunistischen Gewand wiederersteht. Glowinskis Reise durch die Erinnerung führt auch in die Zeit der Shoah zurück, die der bekannte polnische Literaturwissenschaftler als Kind und Jugendlicher im Warschauer Ghetto und dann in verschiedenen Verstecken überlebte. Im Mittelpunkt aber steht die Welt der Volksrepublik Polen nach 1945. Knappe, erhellende Momentaufnahmen machen die menschlichen Tiefendimensionen einer von vielen Traumata gezeichneten Gesellschaft einsichtig, die Glowinski als Schüler und Student erlebte und nun erzählend in Erinnerung ruft – eine Zeit des kollektiv verordneten Verdrängens wird vergegenwärtigt, in der schon das Wahrhaben von zerstörerischen Auswirkungen der »großen Geschichte« auf die Lebensgeschichten einzelner ein Zeugnis des Widerstehens war.

 

Natasza Goerke: Rasante Erstarrung

Aus dem Polnischen von Marlis Lami. Innsbruck: Skarabaeus Verlag 2003. 92 S. € 16,00.

 

"Ein polnischer Mann ohne Eigenschaften - der (Anti-Held) in der Erzählung Rasante Erstarrung der polnischen Autorin Natasza Goerke treibt durch seinen Alltag und versinkt in den Rätseln, die die Welt für ihn bereithält. Goerke umkreist ihn mit jener erzählerischen Raffinesse, die bei jedem ihrer Texte für Begeisterung bei Leserschaft und Kritik sorgt und ihr eine treue Anhängerschaft beschert hat: Ihre Prosa sprüht von Ironie und absurdem Humor, die in schillerndem Kontrast zur Trostlosigkeit der Welt stehen, von der sie erzählt.
Traurigkeit und Komik fließen ineinander und bewirken die unwiderstehliche Faszination, die von der Erzählweise Natasza Goerkes ausgeht. Das Gewöhnliche legt sie unter das Mikroskop und vergrößert es zu grotesken Dimensionen, die Realität verschwimmt mit Traum und Phantasie zu einem unentwirrbaren, surrealen Labyrinth. Aus Fragmenten der Realität, Verweisen auf literarische Texte und popkulturelle Erscheinungen, aus westlichen, östlichen und fernöstlichen Einflüssen, aus Anspielungen und Versatzstücken webt Natasza Goerke ein Band, das die Erzählung von ihrem Mann ohne Eigenschaften umschließt und zugleich darüber hinausweist: Mit spöttischer Kritik zeigt sie auf eine Gegenwartskultur, deren Idole sich oft gerade durch ihre Durchschnittlichkeit, ihre Bedeutungslosigkeit, ihre Hohlheit auszeichnen."

 

Witold Gombrowicz: Bacacy. Erzählungen

Aus dem Polnischen von Walter Kiel und Olaf Kühl. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag 2005. € 8,90.

 

Gombrowicz hatte etwas gegen den tödlichen Ernst in der hohen Kunst. Entsprechend verschmähen seine hier versammelten Erzählungen durchaus nicht den erotischen Reiz der Unterhaltsamkeit. Sie entfalten den ganzen Charme des schwarzen Humors, des Schockers und des pointierten Krimis.

 

Witold Gombrowicz: Gesammelte Werke, 13 Bde. in 11 Tln.

Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag 1998. € 99,00.

 

Witold Gombrowicz, 1904 als Sohn eines polnischen Landadeligen geboren, ist einer der bedeutendsten polnischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er begann nach seiner Ausbildung zunächst eine Juristenlaufbahn, bevor er sich ab 1934 ganz dem Schreiben widmete. Auf einer Reise vom Ausbruch des Zweiten Weltkrieges überrascht, blieb er bis 1963 in Argentinien, wo fast alle seine Werke entstanden, die zunächst in Paris und später auch in Polen veröffentlicht wurden. Zwischen 1959 und 1970 erschienen sie erstmals in deutscher Sprache. Gombrowicz gilt als Vertreter des polnischen Existentialismus und wurde vor allem durch seine grotesken und phantastischen Erzählungen bekannt. Er wurde für sein Werk mit zahlreichen internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet.

 

Witold Gombrowicz: Polnische Erinnerungen

Aus dem Polnischen von Klaus Staemmler. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag 2005. € 9,90

 

Gombrowicz erzählt von seiner Jugend auf dem Lande, von seinen komplizierten Beziehungen zum intellektuellen Leben Warschaus und beschreibt boshaft und scharfsinnig die Bewohner seiner neuen Heimat Argentinien. Unmittelbar entsteht die eigenwillige Schriftstellerpersönlichkeit, dessen Werk in der Literatur des 20. Jahrhunderts so einzigartig ist.


Witold Gombrowicz
: Sakrilegien. Aus den Tagebüchern 1953 bis 1967.

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Frankfurt/Main: Eichborn Verlag 2002. 359 S., € 27,50.

 

Nein, Kulturkritik kann man das nicht nennen. Kulturkritik, das hört sich ja so müde an. Dagegen Gombrowicz und seine noble Unverschämtheit! Dieses aggressive Rollenspiel, diese Attacken auf alles und auf jeden, Polen, Franzosen, Argentinier, Deutsche! (Ein besonders schönes Kapitel handelt vom West-Berlin der sechziger Jahre.) Wie er schimpft und predigt, wie er sich lustig macht über uns und über sich, das ist inspiriert und hat einen langen Atem. Nichts ist diesem Tagebuchschreiber heilig. Seine Kennerschaft in Sachen Dummheit ist unübertroffen. Damit provoziert er natürlich Rechte wie Linke, Gerechte wie Ungerechte. Mit größter Lust schlachtet er die Kühe des Patriotismus, der Kirche, der Ideologie, und am allerwenigsten schont er die Kultur und ihren Jahrmarkt der Eitelkeiten.
Nie kann man sicher sein, wie er es meint. Der Ton kippt von der haarsträubenden Komik in den bitteren Ernst. Von der Banalität des Alltags zur philosophischen Menschheitsfrage (und umgekehrt), vomGrößenwahn zur bösen Selbstironie (und umgekehrt) ist es nur ein kleiner Schritt. Kein Zufall, daß er im Exil geblieben ist; nur einem ewigen Außenseiter ist eine derartige Perspektive vergönnt. Ihre Kehrseite ist die Egomanie.
Kein Wunder also, daß das vollständige Tagebuch einen über tausendseitigen Folianten füllt. Das ist nicht jedermanns Sache. Deshalb begnügt sich die hier vorgelegte Auswahl auf ein gutes Drittel der Vorlage. Vor mehr als vierzig Jahren geschrieben, sind diese Seiten frisch geblieben wie am ersten Tag. Sie schärfen den Blick, und sie beweisen, daß die Tragikomödie unsterblich ist.


Katarzyna Grochola: Die himmelblaue Stunde

Aus dem Polnischen von Monika Cagliesi-Zenkteler. München: Heyne Verlag 2003. 300 S. € 9,00

Als ihr Mann sie aus der gemeinsamen Wohnung wirft, beschließt Judyta, den Traum vom Häuschen auf dem Lande zu verwirklichen. Erfolgreich nimmt sie es mit Handwerkern, Ungezieferheeren und schlammigen Pfaden auf, die so gar nicht zu ihren eleganten Stilettos passen. In ihrer Zeitschriftenkolumne schreibt sie sich den Ärger von der Seele und behauptet: Alle Männer sind gleich. Ein Leser will das nicht auf sich sitzen lassen und verwickelt sie in einen witzigen Briefwechsel. Schon bald wartet Judyta mit Herzklopfen auf die himmelblauen Umschläge …


Henryk Grynberg: Drohobycz, Drohobycz.
Zwölf Lebensbilder.

Aus dem Polnischen von Martin Pollack. München: Zsolnay-Verlag 2000. 336 S., € 19,90.

 

Zwölf Berichte vom Leben und Überleben in barbarischen Zeiten.
Eindringlich, berührend und authentisch: Ein behutsame literarische Auseinandersetzung mit einem dunklen Kapitel der europäischen Geschichte.
Angst und Schrecken verbreitete der aus Wien stammende Gestapohauptmann Felix Landau unter den Juden von Drohobycz. Nur mit dem Schriftsteller und Maler Bruno Schulz machte er eine Ausnahme. Von dem schmächtigen Dichter der "Zimtläden", dem Kafka-Übersetzer und Zeichenlehrer ließ Landau sich porträtieren, mit ihm unterhielt er sich. Und Schulz redete mit ihm - um sein eigenes Leben. Und genauso um sein Leben musste der für seine Intarsien berühmte Kunsttischler Hauptman mit dem SS-Scharführer Karl Günther reden, der dessen Kostbarkeiten unter der Hand nach Deutschland verkaufte. Als Landau davon erfuhr, erschoss er Hauptman. Kurze Zeit später wurde Bruno Schulz von Günther ermordet. Beiläufig, als sei dieses Schicksal ganz selbstverständlich, berichten die zwölf Erzähler im Buch des polnischen Schriftstellers Henryk Grynberg über den Holocaust, aber auch über den Antisemitismus in der Sowjetunion. Grynbergs dokumentarische Prosa geht zurück auf die Erzählungen Überlebender, und sie reicht herauf bis in die Gegenwart. Seine über alle Kontinente verstreuten Protagonisten überleben nur durch Zufall, denn die größte Gefahr geht von den Menschen aus - nicht nur von den Deutschen, sondern von all denen, die angesichts einer drohenden Katastrophe vor nichts zurückschrecken.


Zygmunt Haupt: Ein Ring aus Papier
. Erzählungen

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Mit einem Nachwort von Andrzej Stasiuk. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2003. 350 S. € 24,90.

 

»Was ist das – Glück? Erinnerung, ein Stück gelebten Lebens, das zum Eigentum geworden ist. Man kann zwischen zerbrochenen Spielsachen sitzen, zwischen Spänen, Kletten und Gras oder mitten in einer Landschaft und aus dieser zerstreuten Welt eine neue Gestalt bilden.« Das schmale ?uvre von Zygmunt Haupt (1907–1975) ist eine einzige Beschwörung dieser für immer verlorenen Welt der Kindheit. Aufgewachsen in Podolien, einem Grenzland mit seinen verschiedenen Sprachen und Volksgruppen, erlebt er, am Gartenzaun stehend, das Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie. In seinen Texten mit so faszinierenden Titeln wie »Madrigal für Anusia«, »Von Stefcia, Chaim Immerglück und den skythischen Armbändern« oder »Aus der Chronik vom fliegenden Haus« gewinnen die weiten, melancholischen Landschaften des europäischen Ostens, die endlosen Wälder, aber auch der Theodorplatz in Lemberg oder eine Straße in Paris eine sinnliche Prägnanz, die den Malerdichter verrät. Wenngleich Haupts Sprache in ihrer Durchdringung von Imagination und Expression zu den größten Errungenschaften der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts gehört, wurde dem Schaffen dieses Emigranten nie die Aufmerksamkeit zuteil, die seiner Originalität gebührt. Erst 1997, dank des Engagements Andrzej Stasiuks, der ihn als seinen »Lehrer« bezeichnet und eine Neuausgabe im eigenen Verlag publizierte, wird Zygmunt Haupt in Polen entdeckt.

 

Zygmunt Haupt: Vorhut. Erzählungen, Fragmente, Skizzen.

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2007. 231 S. € 15,80

 

Haupts Prosaband Vorhut, 1989 im Pariser Exilverlag Kultura posthum veröffentlicht, enthält Texte aus den Jahren 1944-1975. Sie lesen sich wie Bruchstücke, wie Mosaiksteine eines ungeschriebenen Romans. Wie es möglich sei, auf so universale Weise zu schreiben, daß es im Ohr eines jeden Lesers Widerhall findet, und doch dem Authentischen, Exotischen, den unreduzierbaren Details treu zu bleiben - die Frage hat Haupt (1907-1975) gequält; er war überzeugt, diesem Anspruch nicht zu genügen. Die Leser dieses Buches werden ihm widersprechen.
 

Zbigniew Herbert: Ein Barbar in einem Garten

Aus dem Polnischen von Klaus Staemmler und Walter Tiel. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1995. 320 S., € 14,80.


Zbigniew Herbert: Gewitter Epilog
. Gedichte.

Aus dem Polnischen von Henryk Bereska. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2000. 78 S., € 16,80.

 

Nicht viel wird bleiben Richard wirklich nicht viel / von der dichtung dieses wahnsinnsjahrhunderts sicherlich Rilke und Eliot / auch ein paar andre würdige schamanen die das geheimnis kannten / widerstandsfähige wörter gegen die wirkung der zeit zu beschwören" (An Ryszard Krynicki).
Zu den paar andren, deren Poesie Zbigniew Herbert Haltbarkeit attestierte, zählte zweifellos er selbst, auch wenn er so gar nichts von einem Schamanen an sich hatte. Er war und blieb, auch in bedenklich bacchantischen Situationen, stets ein Herr, ein polnischer Herr, der als Dichter nicht von ungefähr am liebsten in der Gestalt des Pan Cogito - des Herrn Cogito - auftrat. Diesem Alter Ego verdanken wir einige Gedichte, die in ihrer Anschauungskraft, Gedankenklarheit, Welt- und Menschenzugewandtheit einzigartig dastehen in der lyrischen Landschaft des 20. Jahrhunderts, Gedichte, die diesem Wahnsinnsjahrhundert wahrhaftig Widerstand leisteten. Es sind ziemlich altmodisch anmutende Attribute, die sich in der Erinnerung an Zbigniew Herbert als Erstes bei mir einstellen: Stolz, Großmut, Treue, Tapferkeit (sie vor allem), Weisheit (ja, auch sie). Doch wie viel Intelligenz und Ironie - Selbstironie insbesondere - gehörten dazu, um alle diese Eigenschaften, die sich unter den einen Begriff Humanität subsumieren ließen, unbeschädigt über die schrecklichen Zeiten zu bringen. Unter den vielen Engeln seines Werks - nur Rafael Alberti hat es auf noch mehr Engel gebracht - gibt es nicht nur einen engel der skepsis, sondern auch einen engel der ironie. Ohne seine wunderbare Waffe des Lachens, ohne sein entwaffnendes Lachen wäre Zbigniew Herbert verloren gewesen in einer Zeit, die einem Polen, einem polnischen Dichter zumal, furchtbare Prüfungen auferlegte.


Zbigniew Herbert: Der gordische Knoten.
Prosastücke.

Aus dem Polnischen von Henryk Bereska. Berlin: Friedenauer Presse 2001. 32 S., € 9,50.


Zbigniew Herbert: Herrn Cogitos Vermächtnis.
89 Gedichte.

Aus dem Polnischen von Karl Dedecius (u.a.). Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2000. 181 S., € 19,80.

 

"Herrn Cogitos Vermächtnis" ist ein Vermächtnis Zbigniew Herberts an seine Leser: 89 Gedichte, vom Autor selbst ausgewählt aus allen Phasen seines Lebens, das von den Ereignissen des 20. Jahrhunderts nicht zu trennen ist. Zbigniew Herbert zählt zweifellos zu den größten und auch zu den am häufigsten übersetzten polnischen Dichtern; er erlangte Weltruhm und blieb doch eng mit der Wirklichkeit seines Landes verbunden. Vordergründig schlicht, hintersinnig verschmitzt, ernst und heiter zugleich erzählt Herbert von ganz alltäglichen Dingen: von einer Welle, einem Zweig, einem Kieselstein, der Grazie einer Bewegung. Und ebenso unnachahmlich verarbeitet er zeitgeschichtliche Erfahrungen, die man selten ergreifender und anschaulicher zu lesen bekommt als bei diesem Dichter der leisen Töne: Am schönsten ist Nike / wenn sie zögert / die rechte hand an die luft gelehnt / herrlich wie ein befehl / aber die flügel zittern. Die Sinnlosigkeit des Krieges in einem, das Bekenntnis zur Schönheit des Lebens im nächsten Gedicht, das erzeugt die Magie dieser Sammlung, in der manche bekannte Gedichte neu überarbeitet, andere erstmals auf Deutsch zu lesen sind. Zbigniew Herbert ist hier noch einmal in all den Facetten seines lyrischen Werks zu entdecken.


Zbigniew Herbert: Das Land, nach dem ich mich sehne.
Lyrik und Prosa.

Aus dem Polnischen von Karl Dedecius (u.a.). Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1987. 376 S., € 20,80.


Zbigniew Herbert: Opfer der Könige.
Zwei Essays.

Aus dem Polnischen von Klaus Staemmler. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1999. 114 S., € 10,80.


Zbigniew Herbert: Stilleben mit Kandare.
Skizzen und Apokryphen.

Aus dem Polnischen von Klaus Staemmler. Frankfurt/Main. Suhrkamp 1996. 215 S., € 5,95.

 

In einem Buch über die Landschaft, Bilder und die Maler Hollands, das auf alle Abbildungen verzichtet, wendet Herbert den natürlichen Nachteil der Sprache in ein neue Qualität. Die literarische Beschreibung - so meint er - sei einem mühevollen Möbelrücken ähnlich. Was der Autor etwas locker -Möbelrücken- nennt, rückt Dinge in unser Bewußtsein, die sonst wie in einem dunklen Spiegel erschienen. Herbert hat faszinierte, ja süchtige Leser-. (Harald Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung).


Zbigniew Herbert: Der Tulpen bitterer Duft

Aus dem Polnischen von Klaus Staemmler. Frankfurt/Main: Insel Verlag 2001. 63 S., € 10,80.

 

Der Tulpen bitterer Duft berichtet davon, wie eine der schönsten Blumen als Geschenk des Orients nach Europa kam, und erzählt die Geschichte einer Manie, die des holländischen Tulpenfiebers im 17. Jahrhundert, das sich bis zum Irrsinn steigerte und zum Ruin der Tulpenspekulanten führte. Es ist eine atemberaubende Geschichte, die auch als Parabel gelesen werden kann. »Denn«, so Zbigniew Herbert am Schluß seiner Erzählung, »erinnert die beschriebene Affäre nicht an andere, bedrohlichere Wahnsinnstaten der Menschheit, die auf der unvernünftigen Bindung an eine einzige Idee, ein einziges Symbol, eine Glücksformel beruhen?«


Zbigniew Herbert: Im Vaterland der Mythen
. Griechisches Tagebuch.

Aus dem Polnischen von Karl Dedecius. Frankfurt/Main: Insel 2001. 200 S., € 8,50.

 

Zbigniew Herbert (1924 -1998) unternahm seine erste Griechenlandreise 1964. Er bewanderte Attika, den Peloponnes und zahlreiche Inseln, vor allem Delos und Kreta. Den stärksten Eindruck empfing er von Delphi; die größte Enttäuschung waren für ihn die Fresken des Knossos.
Sein »Griechisches Tagebuch« ist eine Sammlung seiner schönsten Gedichte, Prosatexte, Dialoge und essayistischen Aufzeichnungen über griechische Kunst, Geschichte und Landschaft. Herberts Griechenland ist keine antiquierte Antike. Wer bei ihm nur bildungsbeflissene Gräkomanie sucht, kommt nicht auf seine Kosten. Er reiste im »Vaterland der Mythen, in einem Land, wo die Uhren Jahrtausende abmessen«, um eine Einsicht in die Gegenwart und Zukunft zu gewinnen. Seine Aufzeichnungen sind so auch Gebrauchsanweisungen, mit Mythen heute umzugehen.


Gustaw Herling: Tagebuch bei Nacht geschrieben

Ausgewählt und aus dem Polnischen übersetzt von Nina Kozlowski. München: Carl Hanser Verlag 2000. 479 S., € 24,90.

 

1971 begann Gustaw Herling sein "Tagebuch bei Nacht" im Exil in Neapel. Es wird hier in einer repräsentativen Auswahl aus den Jahren 1984 bis 1995 vorgestellt, beginnend mit dem Orwell-Jahr bis zu Herlings Trennung von der ''Kultura''. Er reflektiert darin die großen Probleme seiner Zeit, die politische und kulturelle Entwicklung in Polen und Russland ebenso wie in Westeuropa. Ein Hauptinteresse gilt der Entstehung des Totalitarismus in Politik und Kunst, der Frage nach dem Bösen, seiner Banalität oder Dämonisierung. Aber er besucht auch die schönsten und abgelegensten Kirchen in Neapel und berichtet über Ausstellungsbesuche oder Lektüreerfahrungen, vor allem über Tschechow und Kafka. Damit wird die ganze Vielfalt seines Denkens und Schreibens zugänglich, denn die Tagebücher gelten als sein Hauptwerk.


Gustaw Herling: Das venezianische Porträt
. Erzählungen

Aus dem Polnischen von Nina Kozlowski. München: Carl Hanser Verlag 1996. 300 S., € 19,90.

 

Die Gesichter des Bösen sind Herlings Thema, und in all seinen Geschichten zeichnet er Porträts von Menschen, denen das Böse begegnet, sei es in menschlicher Gestalt, sei es durch Krieg, Krankheit oder Naturkatastrophen. Wie meistern diese Menschen ihr Schicksal? Wie reagieren sie, wenn das Außergewöhnliche, das Numinose, das menschliches Fassungsvermögen Übersteigende in ihr Leben tritt?


Leszek Herman (Oświęcimski): Der Klub der polnischen Wurstmenschen

Aus dem Polnischen von Adam Gusowski. Berlin: Ullstein Verlag 2004. 160 S. € 7,00.

 

Die Handlung des philosophisch unterfütterten Abenteuerromans wäre vielleicht folgendermaßen zu umreißen: Drei Typen werden von Forschern aus Wurst gebastelt und verlassen ihre polnische Heimat, um in der BRD ihr wurstiges Glück zu versuchen. Sie erleben einige seltsame Geschichten, lernen deutsch, schreiben Gedichte und am Ende jagen Agenten die Wurstmenschen. Es wird geschossen, geliebt, geflüchtet und – logisch, gesoffen. Das Drumherum dieses Handlungsstranges ist die eigentliche Würze des erfreulichen Büchleins.

 

Jan Himilsbach: Die Welt des Jan Himilsbach.

Zusammengestellt und übersetzt von Martin Sander. München: dtv 2006. 196 S. € 14,50.

 

Kurz- und Schelmengeschichten von einem der großen unabhängigen Autoren Polens nach dem Krieg. Als heimatloses Waisenkind - seine Mutter war während der deutschen Okkupation gestorben - hatte man ihn 1945 wegen ein paar Diebstählen in Erziehungsheime gesperrt und zum Steinmetz ausgebildet. Himilsbach blieb ohne festen Wohnsitz und verdiente sein Brot auf Warschauer Friedhöfen und als Matrose auf der Weichsel. Seine ersten Erzählungen entstanden in den fünfziger Jahren - Schelmengeschichten, ausnahmslos autobiographischen Charakters, sehr inspiriert, weniger faktentreu. Vom Schriftstellerverband entdeckt und wegen Regelverstößen wieder fallengelassen, verkehrte Himilsbach bald mit Hlasko, Konwicki und anderen bedeutenden Angehörigen der Warschauer Literaten- und Kneipenszene. Berühmt wurde er jedoch als Schauspieler, in „Rejs“, ein satirischer Film, der auf Anhieb Kultstatus erreichte. Seither spielte Himilsbach in Dutzenden von Filmen - am liebsten skurrile Kleinbürger, Trinker, Lebenskünstler, oft sich selbst. Ende der neunziger Jahre entdeckte ihn ein vor allem jugendliches Publikum, die Neuausgaben seiner Erzählungen wurden zu bemerkenswerten Verkaufserfolgen. Als Jan Himilsbach 1988 an den Folgen langjährigen und exzessiven Alkoholkonsums in Warschau starb, war er in Polen berühmt und weithin berüchtigt: zur Schlüsselfigur der unabhängigen polnischen Nachkriegsliteratur unter dem Kommunismus geworden, gehörte er zunächst zu jenen, die der Gesellschaft auf ganz eigene und einmalige Weise einen Spiegel vorzuhalten vermochten, nach der Wende wurde er zu einer bedeutenden Instanz der jungen polnischen Kulturszene.

Himilsbachs Erzählungen vom Leben und Überleben in Zeiten des Krieges gehören mit ihrer lakonischen Verschränkung von geschichtlicher und persönlicher Dramatik zum Ungewöhnlichsten moderner polnischer Literatur.


Marek Hłasko: Die schönen Zwanzigjährigen

Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin Buschmann. Frankfurt/Main: Verlag Neue Kritik 2000. 240 S., € 19,50.

 

(taz, 9.12.2000) Marek Hlasko, das "Literaturidol der polnischen Nachkriegszeit", hatte ein "atemloses Leben" und erzählte entsprechend eindringlich. "Die schönen Zwanzigjährigen" sind seine Aufzeichnungen aus dem Exil, 1966 auf Polnisch in Paris erschienen, jetzt erstmals auf Deutsch. Ob diese Übersetzung gelungen ist, erfährt man in Olga Mannheimers Kritik nicht, dafür umso mehr über Hlaskos Lebensgeschichte. Hlasko, 1934 geboren, mit 20 Jahren entdeckt, einige Jahre später bereits als "Vaterlandsverräter" bezeichnet, lebte und arbeitete zunächst im Pariser Exil, später in Westeuropa, Israel und den USA. Seinen Schreibstil schulte er "angeblich an Spitzelbriefen" und sein Tod 1969 an einer Überdosis Alkohol und Tabletten bleibt unaufgeklärt. "Erfahrenes und Erdachtes sind dicht verwoben", meint Mannheimer über diese Aufzeichnungen. Doch diene die Vermischung "nicht der Selbstverklärung", sondern im Gegenteil einer erstaunlichen Offenheit. Trotzdem, so die Rezensentin, frage man sich, an welchen Stellen der "wahre" Hlasko erkennbar sei. Erkennbar ist wohl in jedem Fall sein "sagenhaftes Erzähltalent", von dem Mannheimer in hohen Tönen schwärmt: "Ironie, Tempo, lebendige Dialoge, treffende Details alles ist in dieser Prosa zu finden".


Witold Horwath: Seance

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky und Olaf Kühl. Hamburg: Hoffmann & Campe 2000. 351 S., € 19,95.

 

Witek ist sechzehn und Schüler an einem Warschauer Gymnasium, als eines Tages - es ist der 22. September 1975 - Milena Hrabicz in sein Leben tritt. Milena, aus ihrem rechen Krakauer Elternhaus und von ihrer alkoholkranken Mutter weggelaufen, fasziniert ihn mit ihrem Lebensstil, ihrer Art, sich zu kleiden, und ihrer übermäßigen Trinkerei. Jenseits aller offensichtlichen Gegensätze und trotz der Kälte, die Milena an den Tag legt, schließen beide im Augenblick ihrer ersten Begegnung einen Bund.
Sie führt ihn ein in eine exotische Welt. Er lernt die Villa in Krakau kennen, wo sie aufgewachsen ist; macht die Bekanntschaft ihrer Mutter, einer begabten, aber dem Alkohol verfallenen Jouranlistin; begegnet ihrem Großvater, einem schillernden Patriarchen, der mit der Großmutter, einer Armenierin, herschaftlich in der Nähe von Warschau residiert. Milena zieht mit ihm durch die Bars und bringt ihn in Kontakt mit einem zwielichtigen Milieu von Machos und Kriminellen.
Kurz "gehen" Milena und Witek sogar miteinander, dann muss er sich damit begnügen, als Mitglied der Clique bei gemeinsamen Eskapaden in ihrer Nähe sein zu dürfen - bis Milena alle vor den Kopf stößt und mit einem undurchsichtigen Kleinunternehmer nach Amerika durchbrennt. Nach elf Jahren, Witek ist inzwischen dreißig und verheiratet, kehrt sie nach Warschau zurück.

 

Paweł Huelle: Castorp

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. München: Verlag C.H. Beck 2005. 252 S. € 17,90.

 

Im Roman „Der Zauberberg“ von Thomas Mann findet sich der Satz, daß die Hauptfigur Hans Castorp einige Semester in Danzig studiert habe – Pawel Huelle hat diese Bemerkung zum Ausgangspunkt für einen poetischen, atmosphärischen und spannenden Bildungsroman über Castorp in Danzig gemacht. Im Oktober 1904 kommt Hans Castorp nach Danzig, um dort Schiffbau zu studieren. Die Stadt, vor deren melancholischem Sog ihn sein Onkel, Konsul Tienappel, noch gewarnt hatte, zieht den knapp Zwanzigjährigen sofort in ihren Bann. Im benachbarten Zoppot verliebt er sich in eine junge Polin, Wanda Pielecka, die allerdings in eine Affaire mit einem jungen russischen Offizier verstrickt ist, in die auch Castorp am Ende mit hineingezogen wird. Um sich aus seiner Gefühlsverwirrung zu befreien, sucht Castorp Hilfe bei einem Psychologen, findet Trost bei Schopenhauer, dessen Spuren in Danzig er folgt. Am Ende kommt er bereichert und gereift, gestärkt durch eine erste, wenn auch unerfüllt gebliebene Liebe, nach Hamburg zurück. Ohne Thomas Mann nachzuahmen, aber voller Anspielungen nicht nur auf den „Zauberberg“, auf Theodor Fontanes „Effi Briest“, auf Schuberts „Winterreise“ und vieles andere erzählt Pawel Huelle elegant, unterhaltsam, voller Ironie und Humor und zugleich mit einem Schuß Melancholie, denn natürlich ist dieser Roman auch ein Buch über die komplizierte und schmerzhafte Beziehung zwischen der deutschen und der polnischen Kultur und darüber, wie man sie aufs neue verknüpfen kann.


Paweł Huelle: Mercedes Benz
.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. München: Verlag C.H. Beck 2003. 160 S. € 17,90.

 

(FAZ, 22.02.03) Für einen ausgesprochen lesevergnügten Rezensenten Richard Kämmerlings konzentriert Pawel Huelle in seinem neuen Roman "nicht weniger als das Schicksal Polens im zwanzigsten Jahrhundert". Zugleich ist der Roman für Kämmerlings durch und durch aus literarischen Anspielungen gefertigt, so wie der titelgebende Mercedes-Benz-Oldtimer des Vaters des Erzählers schließlich nur noch aus Ersatzteilen bestehe. Außerdem sei dieser Roman eine "offene Hommage" an den "großen Tschechen" Bohumil Hrabal, sein erzählerischer Rahmen "ein posthumer Brief an das bewunderte Vorbild". Für den Rezensenten ist dies Buch, das man wegen der "pikaresken Form, in der satirische Skizzen der postsozialistischen Realität mit der Familiengeschichte Huelles" verschränkt werden, leicht unterschätzen könne, zudem "eine Erforschung des Mysteriums Erinnerung, der poetischen Produktivkraft schlechthin". Im organisierten Chaos des Danziger Stadtverkehrs erkennt der Rezensent das erzählerische Modell dieses leichten und wendigen Buchs: "oft scheinen die einzelnen Worte seiner oft über eine halbe Seite reichenden Sätze dreispurig dahinzugleiten, sich im Kreisverkehr zu drehen und waghalsige Wendungen zu vollziehen". Für den hochbeglückten Rezensenten aber sind die Bremsen das wichtigste Ausstattungsstück dieser erzählerischen S-Klasse: "S wie Schelmenroman".


Paweł Huelle: Silberregen
. Danziger Erzählungen [Pierwsza miłość i inne opowiadania].

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Berlin: Rowohlt Verlag 2000. 268 S., € 19,00.

 

In der Nacht bevor Danzig von den Russen zerstört wird, geht Direktor Winterhaus zum leeren Straßenbahndepot - in Erinnerung an die Zeit als er noch ein gewöhnlicher Straßenbahnfahrer war. Die ersten Granaten fallen und setzen nicht nur seiner Karriere, sondern auch der Stadt, die nie wieder sein würde, was sie gewesen war, ein Ende.
Pawel Huelle, seit seiner Kindheit auf den Wegen der verschwundenen deutschen und der neuen polnischen Stadt unterwegs, erzählt von der Rückkehr des Herrn Winterhaus nach 40 Jahren und lässt den Leser in die Atmosphäre der pommerschen und kaschubischen Umgebung eintauchen.


Marzanna Kielar: In den Rillen eisiger Stunden

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Edition Solitude 2000. 96 S., € 15,00.


Julian Kornhauser: Zuhause, Traum und Kinderspiele

Aus dem Polnischen von Kirsti Dubeck. Potsdam: Deutsches Kulturforum östliches Europa 2003. 156 S. € 11,90

 

Gleiwitz in den fünfziger und sechziger Jahren des 20.Jahrhunderts: J., der Held des Romans, erlebt die ihn umgebende vielschichtige Welt Oberschlesiens aus der Sicht eines Kindes, begleitet von der erwachsenen Perspektive des sich erinnernden Erzählers. In der Geschichte seiner Familie spiegelt sich eine komplizierte polnisch-jüdisch-schlesisch-deutsche Welt: J.s Vater, ein Krakauer Jude und KZ-Überlebender, träumt in einer zunehmend antisemitisch eingestellten Umwelt von Israel, seine Mutter, eine bodenständige Oberschlesierin, kann sich nicht vorstellen, ihre geliebte Heimat zu verlassen. In der Gleiwitzer Grenzlandatmosphäre und der politischen Wirklichkeit des volksrepublikanischen Polen setzt J. sich mit seiner jüdischen Herkunft auseinander, durchläuft intellektuelle und sexuelle Initiationsriten. Julian Kornhauser thematisiert das subjektive Erleben und schafft zugleich eine exemplarische Biographie seiner Generation. Mit Zuhause, Traum und Kinderspiele legt das Deutsche Kulturforum östliches Europa das erste ins Deutsche übersetzte Werk des in Polen berühmten Lyrikers, Erzählers, Essayisten und Literaturkritikers vor.


Hanna Kowalewska: Polnische Sonate
[Tego lata, w Zawrociu].

Aus dem Polnischen von Karin Wolff. München: List Verlag 2000. 271 S., € 8,95.

 

Der Roman erzählt von Matylda, einer jungen Warschauerin, die von ihrer Großmutter ein stattliches Haus auf dem Land erbt, irgendwo östlich der Hauptstadt. Wer Polen kennt, weiß, dass die Provinz dort in besonderem Masse Provinz ist. An der Erbschaft waere nichts Besonderes, wenn nicht alle anderen Verwandten im Testament übergangen worden wären, die mit der alten Dame die letzten Jahre in der Kleinstadt verbracht haben. Entsprechend schlägt Matylda nicht nur das Misstrauen der Umwelt entgegen, sondern der einzige Hass, der unheilbar ist: Der in der Familie gewachsene. Souverän bedient sich die junge Frau der Waffen, die ihr in der delikaten Situation zur Verfügung stehen: Des Hauses selbst, das wie eine Festung in feindseliger Umwelt ist; ihrer Frechheit und Intelligenz, mit der sie den plumpen Intrigen der Sippe begegnet; des Tagebuches der Großmutter, das wie ein Wegweiser im Labyrinth der Familiengeschichte ist; und nicht zuletzt ihrer physischen Attraktivität. Manchen gegen sie gerichteten Spieß kann sie so umdrehen, bis sie die Rätsel der Erbschaft durchschauen kann. Bei der Beschreibung der Konflikte Matyldas entwirft Hanna Kowalewska für uns das Sittenbild einer kleinstädtischen Gesellschaft, die von Materialismus und Intrige geprägt ist.


Włodzimierz Kowalewski: Zurück nach Breitenheide / Powrót do Breitenheide

Aus dem Polnischen von Doreen Daume. Klagenfurt: Wieser 2002. 191 S. € 14,80

 

 Urszula Kozioł: Bittgesuche. Gedichte.

Aus dem Polnischen von Peter Gehrisch. Leipzig: Edition Erata 2007. 88 S. € 13,95

 

Urszula Koziols Bittschriften mit ironischer Nebenbedeutung fußen auf jüngster Geschichte und gewähren Einblick in die Tiefenstruktur polnischer Identität. Der vorliegende Band versammelt den sprachlichen Reichtum der Dichterin. Inbegriff ihrer Fremd- und Selbstrecherche sind Gedanken über das Dichten, seinen Einfluß und seine Ohnmacht. "Es entstehen lange Gedichte mit unregelmäßig gebündelten Strophen, Verse, die gelegentlich dramatische Akzente erhalten und damit eine neue poetische Dimension erreichen." (Dagmar Nick)

 

 Marek Krajewski: Festung Breslau. Kriminalroman.

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz. München: dtv 2008. 300 S. € 14,90.

 

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs ist Breslau zur Festung erklärt worden. Hier will sich das Naziregime bis zum letzten Augenblick verschanzen. Eberhard Mock ist mittlerweile zweiundsechzig und ehemaliger Offizier der Abwehr, der mit einer schweren Kriegsverletzung zu kämpfen hat. Als die Nichte einer bekannten Nazigegnerin tot aufgefunden wird, beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln.

 

 Marek Krajewski: Gespenster in Breslau. Kriminalroman.

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz. München: dtv 2007. 320 S. € 14,50.

 

Breslau 1919. Auf einer der Oder-Inseln werden die grässlich zugerichteten Leichen von vier jungen Männern entdeckt, die Matrosenmützen tragen. Bei ihnen findet Kriminalassistent Eberhard Mock eine an ihn adressierte Notiz: Er solle sich zu seinem Fehler bekennen und anfangen zu glauben. Auf der Suche nach dem Mörder gerät Mock in Bordelle und Spelunken und stößt schließlich auf eine Geheimgesellschaft, die ihn im Visier hat.

 

Marek Krajewski: Der Kalenderblattmörder. Kriminalroman.

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz. München: dtv 2006. 320 S. € 14,00

 

Breslau 1927. Die Damen der Gesellschaft geben sich in ihren eleganten Wohnungen der Leidenschaft für Musik hin und feiern nebenbei gern auch mal eine Orgie. In den Kneipen hocken verkommene Gestalten, in Hinterzimmern wird Kokain geschnupft, und der selbsternannte Prophet Aleksiej von Orloff verkündet in gutbesuchten Vorträgen den Weltuntergang. Da werden in der Stadt mehrere grausame, akribisch geplante Morde verübt. Ein Musiker wird bei lebendigem Leibe eingemauert, ein Schlosserlehrling in Stücke gehackt, ein Stadtrat mit einer Klaviersaite an einem Fuß am Kronleuchter aufgehängt und erstochen. Bei jedem der Opfer findet man ein abgerissenes Kalenderblatt.


Hanna Krall: Ach, Du bist Daniel
.

Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann. Frankfurt/Main: Neue Kritik 2002. 130 S. € 17,00.

 

Die Autorin hat das vorliegende Werk als den Abschluss eines Zyklus von Erzählungen bezeichnet, der die Verflechtung jüdischer, polnischer und deutscher Schicksale im Kontext des Krieges zum Gegenstand hatte. Man kann das Buch auch wie das Tagebuch der polnischen Schriftstellerin lesen - geschrieben mit größter Zurückhaltung - und dadurch umso bewegender.


Hanna Krall: Eine ausnehmend lange Linie.

Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann. Frankfurt/Main: Neue Kritik 2005. 136 S. € 17,00.


Hanna Krall: Da ist kein Fluß mehr

Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann. Frankfurt/Main: Neue Kritik 1999. 180 S., € 19,50.


Hanna Krall: Dem Herrgott zuvorkommen

Aus dem Polnischen von Hubert Schumann. München: btb Goldmann 1998. 155 S., € 7,00.

 

In einer meisterhaften literarischen Montage konfrontiert Hanna Krall den stellvertretenden Kommandanten des Warschauer Ghettoaufstandes von 1943, Marek Edelman, mit dem heutigen Herzchirurgen Marek Edelman. Vergangenheit und Gegenwart fließen ineinanander, die Todgeweihten des Ghettos erscheinen neben herzkranken Patienten des Lodzer Krankenhauses, die Kampfgefährten Edelmans neben seinen Medizinerkollegen.


Hanna Krall: Hypnose

Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann. München: btb Goldmann 1998. 217 S., € 8,00.

 

12 Porträts von Menschen, die dem Holocaust zum Opfer fielen oder ihn überlebt haben. Sie zeigen, wie gegenwärtig die Folgen des Zweiten Weltkrieges auch heute noch sind - und handeln zugleich von den ewigen Dingen des Lebens: von Angst, Tod, Eifersucht und Liebe.


Hanna Krall: Tanz auf fremder Hochzeit

Aus dem Polnischen von Hubert Schumann. München: btb Goldmann 1997. 224 S., € 7,50.

 

Hanna Krall erzählt starke, legendenhafte Geschichten, lakonisch, raffiniert gebaut, fast immer im Stil einer Reportage - und doch treffen sie den Leser in der Seele und bleiben im Gedächtnis haften wie dichteste, intensivste Literatur.


Hanna Krall: Unschuldig für den Rest des Lebens.
Frühe Reportagen

Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann. Frankfurt/Main: Neue Kritik 2001. 176 S., € 19,50.


Hanna Krall, Teofila Reich-Ranicki: Es war der letzte Augenblick.
Leben im Warschauer Getto. Aquarelle und Texte.

Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann. Stuttgart: DVA 2000. 119 S., € 19,90.

 

Während ihrer Zeit im Warschauer Getto schuf Teofila Reich-Ranicki zwei Aquarellzyklen, die die Zerstörung des Gettos auf wunderbare Weise überlebt haben. Da sind einerseits Bilder, die den Terror, das Grauen und das ganze Leiden der Menschen zeigen. Und da sind andererseits zauberhaft leichte Bilder, Opernszenen aus Carmen oder Tosca, die zur selben Zeit entstanden sind. Die polnische Schriftstellerin Hanna Krall erzählt begleitend zu diesen Bildern einfühlsam die Geschichte der Teofila Reich-Ranicki.


Józef Ignacy Kraszewski: Aus dem Siebenjährigen Krieg

Aus dem Polnischen von Liselotte und Alois Hermann. Berlin: Aufbau Verlag 2. Aufl. 2000. 310 S., € 7,95.

 

Ein Roman aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges. Drückende Schwüle lastet 1757 auf den diplomatischen Beziehungen zwischen Preußen und Sachsen. Am Berliner Hof Friedrichs II. ist man besorgt über die vielen Geheimdepeschen, die zwischen Dresden und Wien hin- und hergehen. Zwar hat man schon seine Spione in der Umgebung des kursächsischen Politikers Heinrich Graf von Brühl, aber, als sich der junge Schweizer Max de Simonis in Berlin um eine Aufgabe bemüht, wird er nach Sachsen geschickt, um weitere Informationen zu liefern. Ziemlich naiv begibt er sich auf das spiegelglatte höfische Parkett Dresdens und verfängt sich in den Netzen von Intrigen, Amouren und geheimpolitischen Machenschaften. Brühls Pläne werden verraten, und die Preußen marschieren ohne Kriegserklärung in Sachsen ein. Simonis gerät zwischen die Fronten.


Józef Ignacy Kraszewski: Feldmarschall Flemming

Aus dem Polnischen von Hubert Sauer-Zur. Berlin: Aufbau 2001. 292 S., € 8,50.

 

Feldmarschall Jakob Heinrich Graf Flemming (1667-1728), intimer Vertrauter von August dem Starken, versucht noch immer, das polnische Wahlkönigtum in eine sächsische Erbmonarchie umzuwandeln. Mit viel List hat er die polnischen Hetmane dazu gebracht, eine Urkunde zu unterzeichnen, mit der sie ihm das Oberkommando über ihre Truppen zugestehen. Als sie merken, daß sie sich damit de facto entwaffnet haben, wollen sie ihm dieses Schreiben wieder abjagen. König August begegnet dem Leser als alternder Fürst; die Cosel ist verbannt, sein Liebchen ist deren Nachfolgerin, die Dönhoff. Der Leser wird an den bunten polnisch-sächsischen Hof in Dresden und in Warschau geführt, macht ihn vertraut mit Intrigen und Machtkämpfen, in denen Flemming lange Zeit siegt.


Józef Ignacy Kraszewski: Der Gouverneur von Warschau.
Historischer Roman.

Aus dem Polnischen von Kristiane Lichtenfeld. Berlin: Aufbau Taschenbuchverlag 2003. 650 S., € 11,50.


Józef Ignacy Kraszewski: Gräfin Cosel.
Ein Frauenschicksal am Hofe August des Starken.

Aus dem Polnischen von Hubert Sauer-Zur. Berlin: Aufbau Verlag 2. Aufl. 2000. 305 S., € 7,95.

 

Anna Constantia von Brockdorff (1680-1765), als Geliebte August des Starken zur Gräfin Cosel erhoben, war eine der schönsten Frauen ihrer Zeit. Sie entstammte altem Holsteiner Adel, wuchs frei auf, lernte Reiten und Schießen, Konversation und Tanz, bewegte sich stets mit Anmut, sprach voller Witz und mit Schlagfertigkeit. So gewann sie das Herz des sächsischen Kurfürsten, wurde seine heimliche Frau und gebar ihm drei Kinder. Neun Jahre lang war sie die mächtigste Frau Sachsens, danach wurde sie 49 Jahre auf der Festung Stolpen gefangengehalten.&Dieses Buch erzählt ihr anrührendes Schicksal und läßt ein prachtvolles Gemälde der königlichen Residenz in Dresden entstehen.


Józef Ignacy Kraszewski: Graf Brühl

Aus dem Polnischen von Alois Hermann. Berlin: Aufbau Verlag 2. Aufl. 2000. 303 S., € 8,50.

 

Heinrich Graf Brühl (1700-1763) begann seine Karriere am sächsisch-polnischen Hof als Page Augusts des Starken. Bereits mit 31 Jahren war der ehrgeizige junge Mann Geheimrat und Minister. Doch nach dem Tod des Kurfürsten scheint seine Laufbahn zu Ende: Der Thronfolger will Sachsen und Polen gemeinsam mit seinem vertrauten Jugendfreund Sulkowski regieren. Durch List und Intrige gelingt es Brühl, sich unentbehrlich zu machen. Er übernimmt für den trägen Friedrich August II. nach und nach alle politischen Geschäfte. So dient er sich an die erste Stelle im Staat und stürzt schließlich sogar den Grafen Sulkowski.
Kraszewskis spannender Roman beschreibt die jahrelange Rivalität von Brühl und Sulkowski, den beiden so unterschiedlichen Männern, die sich zunächst Freunde nennen, aber später zu erbitterten Feinden werden.


Józef Ignacy Kraszewski: König August der Starke

Aus dem Polnischen von Kristiane Lichtenfeld. Berlin: Aufbau 1999. 317 S., € 7,95.


Zbigniew Kruszyński: Zu Lande und zur See.

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Stuttgart: DVA 2005. 224 S. € 19,90.

 

Zbigniew Kruszynskis Figuren sind Prototypen einer Gesellschaft auf der Suche nach einer neuen Identität. Sie alle stellen sich dem Wandel der zeit auf ihre zum Teil kuriose Weise.

 

Wojciech Kuczok: Dreckskerl. Eine Antibiographie.

Aus dem Polnischen von Gabriele Leupold und Dorota Stroinska. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2007. 160 S. € 19,80.

 

Kuczoks preisgekrönter Roman Dreckskerl erzählt von den dramatischen Wendungen der deutschen und polnischen Geschichte im 20. Jahrhundert, deren Gewalt sich im privaten Leben der Familie K. fortsetzt. Einziger Schauplatz ist das vom Vater des »alten K.« erbaute Haus, irgendwo im rußgrauen schlesischen Bergbaugebiet. Es überstand die deutsche Besatzung, blieb von Bomben verschont, muß aber nach Kriegsende mit einem proletarischen Ehepaar geteilt werden. Der Krieg geht in der nächsten Generation weiter - ein Krieg der vergifteten Seelen. Der »alte K.« züchtigt sein Kind, den Ich-Erzähler, mit der Peitsche. Ein gescheiterter Künstler, sieht er sich in der Umgebung von Bergleuten, in Schmutz, Gestank und Verwahrlosung, vom kommunistischen System aller Lebenschancen beraubt und tobt seine Frustration an dem Jungen, dem »Dreckskerl «, aus - bis dieser zum Gegenschlag ausholt. Kuczoks »Antibiographie«, ein nachtschwarzer Familienroman, hat in Polen lebhafte Debatten hervorgerufen. Dabei ist seine Erzählweise von sozialkritischer Literatur äonenweit entfernt. Sein Blick ist kalt, sein Ton sarkastisch, dennoch glüht in diesem Buch ein Zorn. Er treibt die Sätze voran und schärft sie zu virtuosen Wortspielen, zu Ironie und Witz.
 

 

Wojciech Kuczok: Im Kreis der Gespenster. Erzählungen.

Aus dem Polnischen von Friedrich Griese. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2006. 143 S. € 19,80.

 

Unter der beeindruckenden Zahl guter junger Autoren in Polen gilt Wojciech Kuczok als herausragender Stilist. Mit seinem Gespür für die feinsten Risse, in denen sich der Fassadensturz eines ganzen Lebens ankündigt, scheint er prädestiniert für die elementaren Themen: Liebe, Sexualität, Tod. Im Kreis der Gespenster, sein jüngster Prosaband aus fünf langen Erzählungen und vier knappen »Interludien«, die mit vier Préludes aus op. 28 von Chopin betitelt sind, handelt von Menschen an der Schwelle. Der Geschäftsmann, der auf einer Bank im Park, von einem Bettler grotesk belästigt, seine Homosexualität entdeckt; der Psychoanalytiker, der sich der geladenen Waffe eines verrückten Patienten gegenübersieht; die Witwe, die eines Tages das Grab ihres Mannes nicht mehr findet – alle kippen sie in einem Augenblick gleißender Erkenntnis aus ihrem Alltag heraus und gehen sich verloren. Wie die junge Frau in der Titelgeschichte, die offenbar schon von der anderen Seite der Wirklichkeit her auf ein Liebesdelirium zurückschaut. Kuczok versteht es meisterhaft, in die ruhige realistische Erzählung das Unfaßbare einbrechen zu lassen – auch darin, nicht nur in ihrer Poesie und Melancholie, sind seine geschliffenen Prosastücke der nervösen Klaviermusik des polnischen Romantikers verwandt.

 

Andrzej Kuśniewicz: Tierkreiszeichen

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2000. 350 S. € 19,80.


Landschaften und Luftinseln
. Polnische Erzählungen der Gegenwart.

Hrsg. von Aleksandra Markiewicz. München: dtv 2000. 303 S., € 10,00.

 

Zum Themenschwerpunkt Polen der Buchmesse 2000 präsentiert diese Anthologie die polnische Literatur-Avantgarde. Neben bereits in Deutschland publizierten und etablierten Autoren wie Pawel Huelle und Andrzej Stasiuk stehen neue, bei uns noch weitgehend unbekannte Namen. Alle Erzählungen erscheinen hier zum ersten Mal auf Deutsch, viele wurden eigens für diese Anthologie geschrieben. Um sich dem deutschen Publikum vorzustellen, richten die Autoren vor jeder Erzählung das Wort direkt an den Leser. Zusammen mit einem Autorenfoto und natürlich den Erzählungen selbst bietet der Band ein lebendiges Bild der jungen polnischen Literatur-Szene und viel Stoff zu Entdeckungen für alle, die das Messethema neugierig gemacht hat.


Marek Ławrynowicz: Lehrjahre des Gammelns

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. München: Verlag C.H. Beck 2002. 154 S., € 16,50.

 

Unweit von Warschau, im nicht sehr aufregenden Falenica, spielt sich die Jugend vom Ich-Erzähler und seinen Freunden Poldek, Ziantek, Borówa und Szpunt ab, zwischen dem Kino "Star" und der Schule, den Stränden an der Weichsel und dem Bahnhof, in den rigiden 60er Jahren der Gomulka-Ära. Der Erzähler hält Rückschau, und er wäre nicht der Erzähler eines Romans von Marek Lawrynowicz, wenn diese Rückschau nicht überwiegend komisch und grotesk ausfiele, auch wenn sich ein melancholischer Unterton hineinmischt.
Aber was die "halbstarken" Freunde im Kampf gegen die Schule, den sadistischen Direktor, schlechte Filme und die Kleinstadtlangeweile durchfechten, durchgerüttelt von den Anforderungen der Erotik und den ersten Liebesabenteuern, ist hinreißend erzählt, mit kluger Bosheit und Menschlichkeit, voll unvergeßlicher Gestalten und burlesker Situationen, ob es sich um ein aus dem Ruder laufendes Fußballspiel, den Lehrer "Hierham" und die schönen Knie der sechzehnjährigen Kasia Wie(ek oder den Schulköter handelt, der nach ausdauerndem Training auf Gomulkas Spitznamen hört.
Marek Lawrynowicz ist ein "mitreissender Erzähler" (NZZ), der weiß, daß Unbekümmertheit und Humor Strategien des Überlebens sind und daß die Lage zwar hoffnungslos, aber nicht ernst ist.


Marek Ławrynowicz: Der Teufel auf dem Kirchturm

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. München: Verlag C.H. Beck 2000. 208 S., € 18,50

 

Zwischen Lemberg und Wilna, zwischen Polen und Litauen - mit einem kurzen Intermezzo in Deutschland - spielt diese hinreißende Familiengeschichte: Es geht los mit der Jugendzeit der Großväter und ihren zahlreichen Kindern, deren Leben sich durch die Ereignisse der Zeit ebenso spektakulär wandelt wie der Charakter der Städte, in denen sie aufwachsen. Da ist Edward, ein tiefgläubiger Katholik, der einen Kirchenchor nach dem andern gründet und leider viel zu früh an der Schwindsucht stirbt. Da ist Mietek, das schwarze Schaf unter den Brüdern: zwischen den Kriegen treibt seine kommunistische Gesinnung die ganze Familie zur Verzweiflung, doch unter der deutschen Besatzung schlägt er sich am geschicktesten durchs Leben: mit einer Gruppe kunstvoll geschnitzter Holzfiguren, die auf vielfältigste Weise kopulierende Paare darstellen, füllt er in seinen Privatvorstellungen Saal um Saal. Henryk hingegen - und damit kommen wir eine Generation weiter -, Henryk ist ein volksnaher Literat, der seinem Auftrag, litauischen Bauern polnische Kultur nahezubringen, gerecht zu werden versucht, indem er sich deren Lieder und selbstgebrannten Schnaps begeistert einverleibt. Der Erzähler nimmt, bevor er sich endlich entschließt, geboren zu werden, zunächst einmal die Ordnung dieser Welt und das Treiben der Menschen unter die Lupe: aus sicherer Perspektive im Bauch seiner Mutter. Als seine Familie Wilna endgültig hinter sich läßt, wird ihr von einer jubelnden Menge die sie für die letzten Vertreter der Zarenfamilie hält, ein triumphalter Abschied beschert.
Mit verschmitztem Charme und bilderreicher Sprache, durch groteske Überzeichnung und vergnüglichen Spott vollbringt der polnische Satiriker Marek Lawrynowicz das Kunststück, den Lauf der wechselhaften polnischen Geschichte unterhaltsam darzustellen.


Stanisław Lem: Memoiren, gefunden in der Badewanne

Aus dem Polnischen von Jens Reuter. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2001. 125 S., € 9,00. 

 

Memoiren, gefunden in der Badewanne ist eine satirische Farce, eine surrealistische Anti-Utopie und eine Schmähschrift auf die absolute Bürokratie und den totalen Polizeistaat, in dem alles und jeder gelenkt, einem geheimen Zweck untergeordnet und von Spitzeln überwacht wird.
Das »Gebäude«, eine Spionagezentrale, ist »unbesiegbar«; im Verlauf seiner Entwicklung ständig gewachsen, steht es im unaufhörlichen Kampf mit einem Antigebäude, einer gegnerischen Spionagezentrale, die es durchdrungen hat und von der es ebenso durchdrungen worden ist. Ob es die beiden »Gebäude« wirklich gibt oder ob der Widerstreit bloß eine gedankliche Konstruktion ist, das weiß kein Mensch mehr so genau. Auf jeden Fall sind Chaos und Ordnung, Zufall und Notwendigkeit, Sinn und Unsinn nicht zu unterscheiden - Memoiren, gefunden in der Badewanne: ein Zukunftsalptraum.


Stanisław Lem: Die phantastischen Erzählungen

Aus dem Polnischen von div. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1988. 444 S., € 9,00. 

Stanisław Lem: Rückkehr von den Sternen

Aus dem Polnischen von Maria Kurecka. München: Ullstein Verlag 2002. 308 S., € 8,95.


Stanisław Lem: Solaris

Aus dem Polnischen von Irmtraud Zimmermann-Göllheim. München: dtv 2000. 236 S., € 8,50.


Stanisław Lem: Sterntagebücher

Aus dem Polnischen von Caesar Rymarowicz. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2001. 523 S. € 15,00.


Stanisław Lem: Die Stimme des Herrn
.

Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 3. Aufl. 2002. 280 S., € 9,00.


Artur Daniel Liskowacki: Sonate für S.

Aus dem Polnischen von Joanna Manc. München: Knaus Verlag 2003. 416 S. € 21,90.

 

Der polnische Autor Artur Daniel Liskowacki fügt der schwierigen Geschichte von Deutschen und Polen eine neue literarische Facette hinzu. Mit seinem Roman »Sonate für S.« verpasste er 2001 nur um eine Stimme den wichtigsten polnischen Literaturpreis NIKE. Doch über 40.000 polnische Leser haben eindrücklich bewiesen, dass ihnen die Geschichte der nach 1945 vertriebenen Deutschen nicht gleichgültig ist. Liskowacki erzählt die Geschichte der Stadt Stettin in jenem dramatischen Augenblick, als Millionen Menschen in Europa in die Falle der Geschichte geraten, als die Stadt nach Kriegsende nicht länger deutsch, aber auch nicht wirklich polnisch ist. Liskowacki folgt - voller Poesie, Neugier und ohne historische Vorurteile - den Spuren einiger »ganz normaler« Menschen in einer »unnormalen« Zeit, die trotz aller Widrigkeiten an ihrer Identität festhalten. Da ist der kleine Heini, der so schön singt, und der Geiger Bonkowsky, da sind Willy Peters, der seine Familie im Krieg verlor, und August Kugel, der die deutsche Fußballmannschaft gründet. »Sonate für S.« verteidigt das einzelne Leben gegen die Vereinnahmung durch wohlfeile Geschichtsbilder und wagt eine überraschende Perspektive.

 

Dorota Masłowska: Die Reiherkönigin. Ein Rap.

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2007. 170 S. € 9,95.

 

Der Star der polnischen Literatur rappt. Nach ihrem Debut »Schneeweiß und Russenrot«, das von Kritikern und Lesern gleichermaßen gefeiert worden ist, landete Dorota Masłowska mit »Die Reiherkönigin« ihren nächsten großen Coup. Ein schonungsloser Rap über den Existenzkampf in der Medien- und Konsumwelt, der mit dem renommierten NIKE-Preis ausgezeichnet wurde. Der Popsänger Stanisław Retro ist auf dem absteigenden Ast: Seine Freundin verlässt ihn, die Presse setzt ihm mit verleumderischen Meldungen über sein Sexualleben zu, und der verzweifelte Versuch seines Managers, ihn als Schwulenstar zu verkaufen, misslingt. Der nächste große Hype, der ihn von der Bühne fegen wird, steht bereits in den Startlöchern. Masłowska sampelt Literatur, Popmusik und Kinderlieder, knöpft sich den Medienjargon vor und entlarvt seine Phrasen. Sie bedient sich der Zitate und Verweise als Material, formt es zu einer neuen Art von Poesie und gießt das alles lässig in den Rhythmus des Rap. Ein Sog, dem man sich nicht entziehen kann, und das überdrehte und farbige Bild einer beschleunigten Gesellschaft.

Dorota Masłowska: Schneeweiß und Russenrot [Wojna polsko-ruska pod flagą biało-czerwoną]

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2004. 240 S. € 7,90.

 

In einer völlig neuen Sprache, die kreativ mit Regeln spielt, gelingt Dorota Masłowska ein ganz erstaunliches, zwischen poetisch und schmutzig, nostalgisch und rebellisch changierendes literarisches Porträt der Subkultur in einer heutigen polnischen Stadt. Erzählt wird die Geschichte von Andrzej, genannt der Starke, der von seiner Freundin verlassen wird und dies von seinen Freunden erfährt, während sich Polen auf einen neuen Krieg gegen Russland vorbereitet. Auf der Suche nach Speed lässt er sich mit verschiedenen Frauen ein, verliert seinen Hund, fährt ans Meer, wird verhaftet und verhört, kommt ins Krankenhaus.
Dorota Masłowska landete mit ihrem Debüt einen überraschenden Bestsellererfolg. Wie Irvine Welsh, Mian Mian und Nick McDonell schreibt sie abseits des literarischen Mainstreams und fasziniert damit ein ganz neues Lesepublikum. Schneeweiß und Russenrot erscheint unter anderem in den USA, in Italien, Russland, Ungarn und Holland.

 

Zbigniew Mentzel: Alle Sprachen dieser Welt.

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz. München: dtv 2006. 160 S. € 12,00.

 

Der Held dieses Buches ist ein rechter Schlemihl. Während sein Vater erst ein tapferer Soldat und dann ein pflichtbewusster Angestellter war, der keinen Tag in der pharmazeutischen Abteilung seines Krankenhauses gefehlt hat, und seine Mutter, die eigentlich Konzertpianistin und Dichterin werden wollte, große Hoffnungen für ihren Sohn hatte, sitzt dieser auch mit 46 Jahren noch den lieben langen Tag in seiner winzigen, mit Büchern vollgestopften Warschauer Wohnung, beobachtet seine Nachbarn, spekuliert an der Börse und denkt ergebnislos über die »Sprache der Zukunft« nach.
Der Roman spielt an einem einzigen Tag, knapp zehn Jahre nach dem Ende des Kommunismus in Polen. Der 17. Januar ist der Jahrestag der „Befreiung“ Warschaus durch die Rote Armee und der letzte Arbeitstag seines Vaters, aber warum dieser Tag auch für Zbigniew Hintz der wichtigste Tag seines Lebens sein wird, erfährt der Leser erst am Schluss dieses mit feinem Humor geschriebenen Romans, der die symbolfixierte Befindlichkeit der polnischen Intelligentsija und die unglückliche Vergangenheit dieses Volkes in nuce erfasst.


Adam Mickiewicz: Dich anschaun
. Liebesgedichte.

Aus dem Polnischen von Karl Dedecius. Frankfurt/Main: Insel Verlag 1998. 64 S., € 10,80.


Adam Mickiewicz: Dichtung und Prosa

Hrsg. von Karl Dedecius. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1994. 364 S., € 19,80.


Czesław Miłosz: "Das" und andere Gedichte.

Aus dem Polnischen von Doreen Daume. München: Hanser Verlag 2004. 136 S. € 14,90.

 

Der Nobelpreisträger Czeslaw Milosz zieht die Bilanz seines Dichterlebens: keineswegs altersmilde will er sich seine Lebenslust, seine Neugier und sein Begehren sogar über sein Leben hinaus bewahren. Neben der Sammlung "Das" enthält der Band auch frühere Gedichte, so dass ein Querschnitt durch das große Lebenswerk dieses Weltbürgers aus Polen vorliegt.


Czesław Miłosz: Mein ABC. Von Adam und Eva bis Zentrum und Peripherie.

Aus dem Polnischen und Englischen von Doreen Daume. München: Hanser Verlag 2002. 179 S. € 15,90

 

Der polnische Weltbürger und Nobelpreisträger Czeslaw Milosz hat mit seinem ABC eine besondere Autobiographie geschrieben. Aus den Mosaiksteinen von Adam und Eva bis Zentrum und Peripherie erhält man mit der Fülle von Orten und seelischen Zuständen ein faszinierendes Portrait des Dichters.


Czesław Miłosz: Gedichte 1933-1981

Aus dem Polnischen von Karl Dedecius. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1982. 227 S., € 17,80.


Czesław Miłosz: Hündchen am Wegesrand

Aus dem Polnischen von Doreen Daume. Stuttgart: Verlag Carl Hanser 2000. 232 S., € 13,90.

 

Kalendergeschichten, die von Liebe und Tod, Kirche und Glauben, Philosophie und Literatur handeln, von allen ersten und letzten Dingen, die jeder auf seine Weise beantworten und meistern muss. Czeslaw Milosz, der große Schriftsteller und scharfsinnige Diagnostiker beleuchtet in diesen kurzen Geschichten schlaglichtartig jeweils einen Aspekt seines lebenslangen Nachdenkens. Ein Stück polnischer Weltliteratur.

Rezension:
Vielleicht sind es die Auszüge aus Milosz' Sudelbüchern, vielleicht Fragmente ungeschriebener Erzählungen, ein ganzer Abschnitt trägt die Überschrift "Themen, die ich anderen überlasse". Der Sarkasmus ist unüberhörbar. Verunsicherung, Nasführung des Lesers sind wohl die Absicht dieser Anekdoten, Rätsel und Prosagedichte. Heute, sagt der Autor, zum Beispiel, ist nicht mehr Religion, sondern Nihilismus das Opium des Volkes: "Die Gewissheit, dass wir für all unsere Niedertracht, unsere Fehltritte, Feigheiten und Morde nicht zur Rechenschaft gezogen werden, ist ein ungeheurer Trost." (Jens Jessen, DIE ZEIT)


Czesław Miłosz: Die Straßen von Wilna

Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann. München: Hanser 1997. 174 S., € 13,90.

 

Milosz erinnert sich an das Wilna seiner Kindheit: ein Gedankenspaziergang durch die Straßen einer lebendigen, vielsprachigen und kosmopolitischen Stadt mit einer langen, wechselvollen und grausamen Geschichte.


Czesław Miłosz: Das Tal der Issa

Aus dem Polnischen von Maryla Reifenberg. Frankfurt/Main: Eichborn 2000. 351 S., € 22,90.

 

 Zygmunt Miłoszewski: Domofon.

Aus dem Polnischen von Katarzyna Opiełka. München: dtv 2008. 379 S. € 14,00

 

Agnieszka und Robert sind frisch verheiratet und ziehen nach Warschau, in einen Wohnblock im Stadtviertel Brodno. Sie haben das Haus kaum betreten, da finden sie im Aufzug die Leiche eines jungen Mannes mit abgetrenntem Kopf. Kein guter Anfang für das langersehnte Stadt- und Eheleben. Und es kommt noch schlimmer: Robert wird von wahnhaften Anfällen gebeutelt, Agnieszka hat schreckliche Alpträume - womit sie nicht allein ist. Der große Wohnblock steht halb leer, doch so gut wie alle der übriggebliebenen Bewohner werden von Alpträumen geplagt. So furchtbar, dass sie lieber sterben wollen, als jemals das Ende des Traums zu erleben. Eines Tages schließt sich das Haus. Keiner der Bewohner kann es mehr verlassen, Telefone und Computer funktionieren nicht. Der Rollstuhlfahrer, den bisher keiner der Hausbewohner zu Gesicht bekommen hat und dem kein Geheimnis seiner Nachbarn verborgen geblieben ist, weiß um die Vergangenheit des Hauses. Doch weiß er auch einen Weg, hinauszukommen?


Sławomir Mrożek: Das dramatische Werk, 7 Bde.
(Striptease; Liebe auf der Krim; Emigranten; Amor; Tango; Der Botschafter).

Zürich: Diogenes Verlag. 1998., € 99,90.

 

Bereits sein erstes Stück, "Polizei", wurde ein Welterfolg, heute zählt er zu den bekanntesten Autoren Europas. Seine Stücke haben seit Jahrzehnten einen festen Platz im Repertoire der internationalen Bühnen und werden von ihrer Bedeutung her mit den Werken Becketts, Dürrenmatts und Frischs verglichen - Mrozek bleibt jedoch einmalig. Ungemein witzig, pointiert und schonungslos hinterfragt er stereotypes Denken und Handeln sowie zweifelhafte Werte - das macht Mrozeks Werk zeitlos aktuell.

 

Sławomir Mrożek: Balthasar. Autobiographie.

Aus dem Polnischen von Marta Kijowska. Zürich: Diogenes Verlag 2007. 375 S. € 22,90.

 

Sławomir Mrożek: Der Doppelgänger und andere Geschichten

Aus dem Polnischen von Christa Vogel und Ludwig Zimmerer. Zürich: Diogenes Verlag 2000. 272 S., € 22,90.

 

Der Doppelgänger (The Double) of the tyrant had represented him for many years at parades and other boring events, and when he was not on duty he cultivated his land like all other farmers. But the tyrant had now died. There will now be an end to exploitation and injustice, said the bodyguards of the dead tyrant as they looked for the double, and also no more mysterious accidents. There was only one thing they had to ensure: that the people should not under any circumstances be reminded of earlier times by a face.

Whether it''s a case of a long story or a short piece of prose, whether it concerns famous stories of presidents or slap-stick fables, Mroyek is a master of surprising changes, and his needle-sharp points penetrate the thickest skin.


Sławomir Mrożek: Lolo und andere Geschichten

Aus dem Polnischen von Christa Vogel, Ludwig Zimmerer und Witold Kośny. Zürich: Diogenes Verlag 2000. 293 S., € 22,90.

 

Lolo always presses the right buttons to keep her bearded master satisfied - and then she gets bacon. But only for Lolo. Until one day, Lolo''s friend, the other laboratory rat, who is getting hungrier and hungrier because she doesn''t know how to press the right buttons, finds a method with which she will also get something ...
In Monisa Clavier, a Polish tourist is lying in wait for a Western film star. Everything now depends on him catching her attention. As the complex-ridden Polish youngster fails to do this, he pretends to be a glass-smashing Russian at a party, because, as foreigners, Russians appear to enjoy an advantage in the West. In this way, the young Pole reaches his primary goal, but this is just where his problems really begin.


Sławomir Mrożek: Der Perverse und andere Geschichten

Aus dem Polnischen von Christa Vogel. Zürich: Diogenes Verlag 1995. 261 S., € 19,90.

 

Regardless of whether he is making fun of his compatriots'' new business- orientated awareness following the merging of Eastern and Western Europe, bringing a breath of fresh air into stagnating disarmament negotions with his idea of a vampire commando, taking the mickey out of the official imbecility familiar from the ever-popular president jokes or mocking the megalomania of modern medicine-men, there is no escaping Mrozek''s caustic wit. In Der Perverse, the most normal of situations can suddenly take on an aspect of unreality.

Wiesław Myśliwski: Der helle Horizont

Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann. Berlin: btb 2003. 680 S., € 24,90.

Eine Kindheit in Polen: Der junge Piotr lebt behütet auf dem Land. Als die Front in den letzten Kriegstagen immer näher rückt, heißt es Abschiednehmen vom ländlichen Idyll und der Geborgenheit der Großfamilie. Vater, Mutter und Kind flüchten sich in eine kleine Stadt, wo sie Unterschlupf finden im Souterrain der beiden Fräulein Poncka, die ihr Leben offensichtlich mit Liebesdiensten bestreiten. Aber während die Eltern unter Flucht und Armut leiden und sich nur schwer an das neue Leben gewöhnen können, verliebt sich Piotr eines Tages in dieses schöne Mädchen aus der Nachbarschaft, das so wunderbar Orgel spielen kann ... In einer Prosa von seltener Meisterschaft, die schwebende Leichtigkeit mit virtuoser Sprachgewalt vereint, lässt Wieslaw Mysliwski das Polen der Nachkriegszeit wieder auferstehen. Ein großer Roman mit deutlich autobiografischen Zügen - über die Erinnerung, das Erwachsenwerden und die Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit in Zeiten des Umbruchs.


Wiesław Myśliwski: Der nackte Garten

Aus dem Polnischen von Caesar Rymarowicz. München: Goldmann Verlag 2000. 220 S., € 19,00.

 

Ein Lehrer in einem kleinen polnischen Bauerndorf blickt zurück auf sein Leben. Dem Strom seiner Erinnerungen folgend, umkreist er seine Kindheit und Jugend, aber auch das Verhältnis zu seinem Vater, der dem Sohn gleichsam zum gebrochenen Spiegel seiner selbst wird. Untrennbar sind ihrer beider Wege miteinander verbunden, und so entsteht das subtile und vielschichtige Porträt eines Vaters und eines Sohnes, die zeitlebens nicht aufgehört haben, einander zu suchen. In einer Prosa von seltener Meisterschaft, die schwebende Leichtigkeit mit virtuoser Sprachgewalt vereint, lässt Wieslaw Mysliwski vor dem Auge des Lesers die beinahe vergessene Welt des ländlichen Polen wiedererstehen - und erschafft eine sensible Hommage an den Vater, der sich einst einen Sohn erträumte.


Zofia Nałkowska: Die Ungeduldigen

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier: Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2000. 260 S., € 17,80.


Waldemar Nocny: Insel im Strom

Aus dem Polnischen von Ludwig Kozlowski. ??: Atlantik 2006. 350 S. € 15,80.

 

Ein detailreicher Roman über den tiefgreifenden Wandel Danzigs zwischen 1920 und 1945, über Totalitarismus und Mitläufertum und die Unbeugsamkeit von Menschen, die das Leben und die Freiheit lieben.


Maria Nurowska: Briefe der Liebe

Aus dem Polnischen von Albrecht Lempp. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag 1995. 255 S., € 8,90.

 

Elzbieta Elsner hat sich als blutjunges Mädchen im Warschauer Ghetto durch Prostitution am Leben gehalten. Nach Kriegsende nahm sie eine neue Identität an, heiratete unter falschem Namen und lebte in ständiger Angst, entlarvt zu werden. In sieben an ihren Mann gerichteten Briefen legt sie über sich und die Vergangenheit Rechenschaft ab.

 Maria Nurowska: Dein Name geht Dir voraus.

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz. München: dtv 2008. 240 S. € 14,00.

 

Elizabeth Connery, eine amerikanische Kunsthistorikerin, reist zum ersten Mal in ihrem Leben nach Osteuropa, um ihren verschwundenen Mann zu suchen. Jeff Connery verschwand spurlos, nachdem er sich während einer Forschungsreise in die Ukraine einer oppositionellen Gruppierung angeschlossen hatte. So gerät auch Elizabeth in die Wirren der Orangenen Revolution, findet eine neue Liebe und gewinnt einen völlig anderen Blick auf ihr Leben und das, was unser aller Leben bestimmt.

 

Maria Nurowska: Der russische Geliebte.

Aus dem Polnischen von Karin Wolff. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag 2000. 253 S. € 8,90.

 

Die polnische Literaturprofessorin Julia wird an die Sorbonne eingeladen. Für die Wissenschaftlerin ist die Pariser Gastdozentur eine berufliche Chance. An die Liebe glaubt sie schon lange nicht mehr. Doch dann bricht der zwanzig Jahre jüngere Sascha in ihr Leben ein ... Der Beginn einer großen Leidenschaft.


Maria Nurowska: Jenseits ist der Tod.

Aus dem Polnischen von Albrecht Lempp. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag 1999. 223 S., € 7,45.

 

Eine junge Frau ruft sich nach dem Tod der Mutter alles ins Gedächtnis zurück, was sie von dieser leidenschaftlichen, mutigen, aber auch rücksichtslosen und egozentrischen Frau weiß, die ihr Leben bestimmt hat. Die Schilderung einer Beziehung, die Jahrzehnte lang von Hassliebe geprägt war.


Maria Nurowska: Tango für drei

Aus dem Polnischen von Bettina Eberspächer. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag 2002. 189 S., € 7,90.

 

Alexandra ist eine leidenschaftliche Schauspielerin. Schon die erste Rolle bringt ihr den großen Durchbruch, und damit nicht genug: Zygmunt, der von ihr bewunderte Schauspiellehrer und Regisseur, verlässt ihretwegen seine Frau Elzbieta. Diese versucht nach dem privaten Frust ein Comeback als Schauspielerin. Und wie es das Schicksal so will, werden alle drei, Zygmunt und die Frauen, für ein Theaterstück engagiert. Mit einem Mal ist nichts mehr wie es war, und ein Kampf auf Leben und Tod beginnt.


Maria Nurowska: Wie ein Baum ohne Schatten

Aus dem Polnischen von Bettina Eberspächer. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag 2001. 283 S., € 9,90.

 

Das Leben der Krystyna Skarbek - eine faszinierende literarische Annäherung an eine beeindruckende Frauengestalt. Sie spielte mit den Männern - und mit ihrem Leben. Krystyna Skarbek: Polin, Jüdin, eine der erfolgreichsten Agentinnen der britischen Spionage, eine Frau voller Leidenschaft. In der Fremde hoch dekoriert, in der Heimat vergessen. Umgebracht von einem eifersüchtigen Geliebten...

 

Daniel Odija: Das Sägewerk.

Aus dem Polnischen von Martin Pollack. München: Zsolnay 2006. 176 S. € 17,90

 

Eine neue Schriftstellergeneration wächst in Polen heran. Einer ihrer Wortführer ist Daniel Odija. Seine Romane und Dramen spielen in der Provinz. Er berichtet von Menschen am Rand der Gesellschaft und bietet einen beklemmenden Eindruck in das Polen von heute und die Entdeckung einer magischen, für unsere Augen archaischen Welt. Unsentimental erzählt Odija von einem Dorf, das bis zur Wende von einer Kolchose beherrscht wurde und nun langsam vor die Hunde geht. Einzig der Schmalspuroligarch und Sägewerksbesitzer Józef Mysliwski versteht es, die sich bietenden Möglichkeiten zu nutzen. Als er scheitert, ist auch der Traum vom raschen Aufstieg auf Kosten anderer ausgeträumt.

 

 Włodzimierz Odojewski: Als der Zirkus kam.

Aus dem Polnischen von Barbara Schäfer. München: SchirmerGraf 2008. 176 S. € 16,80.

 

Marek ist kein Kind mehr, als gegen Ende des Kriegs ein Zirkus in die Stadt kommt. Er verliebt sich in die geheimnisvolle Liliputanerin Simone und sieht sich einem Sturm schöner, beunruhigender Gefühle ausgesetzt. Meisterhaft versteht es Odojewski, in diesen Momentaufnahmen das Erwachsenwerden in schwieriger Zeit zu schildern.

 

 Włodzimierz Odojewski: Ein Sommer in Venedig.

Aus dem Polnischen von Barbara Schäfer. München: SchirmerGraf 2007. 128 S. € 14,80.

 

Marek träumt davon, in den Ferien nach Venedig zu fahren. Das hatte Mama ihm versprochen. Aber der Sommer 1939 hält andere Überraschungen für ihn bereit. Er bleibt in Polen, wird aufs Land geschickt, in die Villa seiner Tante Weronika. Und erlebt eine Reise, die das echte Venedig an Wundersamem, Überraschendem, Poetischem bei weitem übertrifft.


Eliza Orzeszkowa: Die Blumenhochzeit

Aus dem Polnischen von Karl Dedecius. Frankfurt/Main: Insel Verlag 2000. 66 S., € 7,50.


Jerzy Pilch: Andere Lüste

Aus dem Polnischen von Albrecht Lempp. Berlin: Verlag Volk & Welt 2000. 171 S., € 14,30.

 

"Leichte Zeiten gibt es nicht", seufzt Kohoutek. Eigentlich könnte er rundum zufrieden sein. Ja, wäre da nicht Justyna. Seine aktuelle Freundin. Mit ihrer ganzen Bibliothek und allerlei Habseligkeiten im Koffer kommt sie plötzlich angereist - und schon ist es vorbei mit der Beschaulichkeit. Flugs muss er sie auf dem Dachboden der alten Schlachterei (und manchmal sogar auf dem Apfelbaum) verstecken, damit niemand erfährt, dass er ein alter Wüstling ist, besessen vom "unersättlichen Dämon der Tastlust" und von noch ganz anderen Begierden.
Kohoutek sitzt in der Falle, die er sich selbst gestellt hat. Sein Versuch, die aktuelle Freundin vor Oma, Eltern, Frau und Nachbarn geheim zu halten, führt zu unvergleichlich komischen Szenen. Am Ende bleibt Kohoutek nur noch die Flucht aus seinem Dorf im Teschener Ländchen, dieser protestantischen Enklave in Polen, wo man es mit Sitte, Anstand und Bibel ohnehin ein bisschen strenger nimmt.

 

 Jerzy Pilch: Die Talente und Obsessionen des Patryk W.

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz. München: dtv 2008. 380 S. € 14,50.

 

Warschau, im Jahr 2000. Der Jurastudent Patryk Wojewoda kann Geheimzahlen, wenn sie am Geldautomaten eingetippt werden, erhören. Eine Fähigkeit, die ihm von Nutzem ist, um etwa eine attraktive Frau kennenzulernen. Aber Patryk fühlt sich seinem Können auch verpflichtet und macht es sich zur Aufgabe, erzieherisch auf seine Mitmenschen einzuwirken, indem er etwa zur Strafe für nachlässige Kleidung Geld vom Konto des »Missetäters« abhebt, das er diesem später mit einer Belehrung wieder zukommen lässt. So wird die Polizei auf ihn aufmerksam - und macht ihm ein fragwürdiges Angebot.


Jerzy Pilch
: Zum starken Engel

Aus dem Polnischen von Albrecht Lempp. München: Luchterhand Literatur 2002. 256 S. € 20,00.

 

Juruś hat drei Leidenschaften: Saufen, Frauen und das Schreiben. Für den fulminanten Sprachwitz, mit dem er Juruś' Rettung vor der ersten Sucht durch die beiden anderen inszeniert, hat Jerzy Pilch 2001 den bedeutendsten polnischen Literaturpreis erhalten.


Halina Poświatowska: Erzählung für einen Freund

Aus dem Polnischen von Monika Zenkteler-Cagliesi. München: Piper 2000. 240 S., € 18,00.

 

Halina Poswiatowska wurde 1935 in Tschenstochau geboren und litt seit ihrer Kindheit an einem schweren Herzfehler: Nach ersten Gedichtveröffentlichungen 1957 schriftstellerischer Durchbruch; 1958-1961
Amerikaaufenthalt. Ihr autobiographischer Roman "Erzählung für einen Freund" erschien 1967, nur wenige Monate vor ihrem Tod.


Halina Poświatowska: Immer, wenn ich leben will. Gedichte über die Liebe und den Tod.

Aus dem Polnischen von Monika Zenkteler-Cagliesi. München: Piper 2002. 128 S. € 14,90.

 

1957 setzt eine junge Frau, die seit ihrer Kindheit im Zweiten Weltkrieg unheilbar herzkrank ist, die polnische Literaturszene in Aufruhr: Halina Poswiatowska legt ihren ersten Lyrikband vor. Als sie 1967 erst 32jährig stirbt, bewahren ein autobiographischer Roman und Hunderte von Gedichten diese faszinierende Stimme. Ungewöhnlich frei spricht sie von Liebe, Schmerzen und Sehnsucht. Im Wettlauf mit der Zeit und allen Warnungen der Ärzte zum Trotz hat sich Halina Poswiatowska ihre Träume erfüllt, ist gereist und zum Studium nach Amerika gegangen, hat geflirtet, intensiv geliebt und ihr Herz immer wieder auf die Bewährungsprobe gestellt. 35 Jahre nach ihrem frühen Tod erscheint jetzt zum erstenmal außerhalb Polens eine Auswahl ihrer schönsten Gedichte.

 

Janusz Przymanowski: Vier Panzersoldaten und ein Hund.

Aus dem Polnischen von Ruprecht Willnow. Berlin: Neues Leben 2005. 800 S. € 19,90.

 

Drei Jahre schon streift der 15jährige Janek durch die nördlichen Wälder der Sowjetunion, wohin er bei Ausbruch des Krieges aus Polen geflohen ist. Er begleitet einen alten Jäger auf seinen Streifzügen. Janek hat einen treuen Gefährten und unzertrennlichen Freund, seinen Hund Sharik. Eines Tages erfährt er, daß eine polnische Panzerdivision an der Seite der Roten Armee kämpft. Er hat nur noch einen Wunsch - mitzukämpfen. Um als Fünfzehnjähriger, noch dazu mit einem Hund, in eine Panzerbrigade aufgenommen zu werden, muß er sich einiges einfallen lassen. Das ist die Vorgeschichte zu den Kriegserlebnissen von Janek, den Panzersoldaten und dem Hund Sharik.


Władysław Stanisław Reymont: In der Opiumhöhle

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl und Renate Schmidgall. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1989. 290 S., € 18,80.

 

Tadeusz Różewicz: In der schönsten Stadt der Welt.

Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann. München: Hanser 2006. 184 S. € 17,90.

 

Tadeusz Różewicz hat sich in seinen Erzählungen der dramatischen Geschichte der polnischen Kriegsgeneration gewidmet: Leben und Sterben der Partisanen im Untergrund, der Verlust an sinnvollen Lebenskonzeptionen, die Brutalität und die Menschlichkeit unter dem Kriegsrecht. Nun endlich erscheint eine umfangreiche Sammlung dieser wunderbaren, prosaischen Texte. In seiner knappen, bildhaften Sprache beweist Tadeusz Rózewicz, dass die Geschichten bis heute nichts von ihrer Kraft, Schönheit und moralischen Sicherheit eingebüßt haben.


Tadeusz Różewicz: Das unterbrochene Gespräch.
Gedichte polnisch/deutsch.

Aus dem Polnischen von Alois Woldan. Graz: Droschl 1992. 164 S., € 15,50.


Tadeusz Różewicz: Zweite ernste Verwarnung
. Gedichte.

Aus dem Polnischen von Henryk Bereska. München: Carl Hanser Verlag 2000. 120 S., € 13,90.

 

Tadeusz Rozewicz, der als Junge mit den Partisanen gegen Hitler kämpfte, hat seine Poetik aus der Erfahrung des Krieges formuliert: eine schnörkellose, antiillusionistische Dichtung. Seine mit harten Schnitten arbeitenden Poeme beschreiben eine Welt, die sich nicht versöhnen lassen will.


Janusz Rudnicki: Der Grenzgänger

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier, Doreen Daume und Henryk Bereska. Herne: Gabriele Schäfer 2002. 232 S. € 14,90.


Artur Sandauer: Der Tod eines Liberalen

Aus dem Polnischen von Urszula Usakowska-Wolff und Manfred Wolff. Bielefeld: Pendragon 2001. 167 S., € 12,68.


Małgorzata Saramonowicz: Die Schwester

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier. Hamburg: Rotbuch Verlag 2000. 190 S., € 18,50.

 

Mit dem Roman Die Schwester ist Malgorzata Saramonowicz über Nacht zum Star der neuen polnischen Literatur geworden. Dies ist ein spannendes Buch über Angst, das die Leser in seinen Bann ziehen wird.
Wenn man den Ärzten glauben darf, dann ist Maria ins Koma gefallen, als sie hörte, dass sie schwanger ist. Die Mediziner wollen das Kind abtreiben, um Marias Leben zu retten, doch Jakub, ihr Mann, der Philosoph, widersetzt sich. Er beginnt eine Suche nach den Gründen dieser Ohnmacht und gelangt bald zu der Erkenntnis, dass er so gut wie nichts weiß über die Frau, mit der er zusammenlebt. Im Verlauf seiner Suche beschleicht ihn das Gefühl, dass er in eine ziemlich dunkle Sache verstrickt wird. Und mit jeder Bewegung macht er mehr unheimliche Entdeckungen. Die Schwester ist ein ganz und gar außergewöhnlicher Roman. Drei Erzähler entfesseln einen faszinierenden, mitunter beklemmenden, immer aber mitreißenden Erzählton. Die erste Stimme ist die der Hauptfigur, Maria. Die zweite Stimme gehört ihrem Ehemann Jakub, der von seiner Suche nach dem Grund der Krankheit seiner Frau erzählt und davon, wie er sie retten möchte. Die überraschendste Stimme aber ist die dritte, ein Flüstern nur.


Małgorzata Saramonowicz: Spiegel

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier. Hamburg: Rotbuch Verlag 2002. 261 S., € 19,90.


Bruno Schulz: Die Wirklichkeit ist Schatten des Wortes.
Aufsätze und Briefe.

Aus dem Polnischen von Mikolaj Dutsch (u.a.). München: dtv 2000. 398 S., € 13,50.

 

Der zweite Band der Werkausgabe enthält Briefe, Essays, Rezensionen und Skizzen, die das geistige Porträt des zur literarischen Erneuerung entschlossenen und fähigen Künsters dokumentieren. Ein ausführlicher Anhang mit Zeugnissen von Freunden und Zeitgenossen, eine Lebens- und Werkchronik sowie Nachworte des akribischen Suchers und Herausgebers Jerzy Ficowski helfen, den Menschen und den Künstler Bruno Schulz kennen zu lernen.


Bruno Schulz
: Die Zimtläden und alle anderen Erzählungen; Die Wirklichkeit ist Schatten des Wortes.

Aus dem Polnischen von Mikolaj Dutsch (u.a.). München: Hanser 2000. 398 S., € 24,90.

 

Bruno Schulz verkörpert jenen Typus des mitteleuropäischen Schriftstellers (und Künstlers), dessen Welt im Zweiten Weltkrieg endgültig untergegangen ist. Mit visionärer Kraft und groteskem Humor hat er in den Zimtläden die Geschichten und Träume einer Gesellschaft dargestellt, die unter der Vorahnung einer verborgenen Katastrophe lebt.


Piotr Siemion: Picknick am Ende der Nacht
[Niskie Łąki].

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Berlin: Verlag Volk & Welt 2000. 395 S., € 22,50.

 

Wenn Engländer reisen, geschieht oft, was niemand erwartet, selbst im grau-makabren Polen der frühen achtziger Jahre: Ein Theatermann kommt nach Wroclaw, um Ibsens Wildente zu inszenieren, und als erstes findet er sich in der schmutzigkalten Oder wieder. Wer hat ihn hineingestoßen? Er weiß es nicht. Bald aber lernt er die näher kennen, die sich seiner angenommen haben: exzentrische junge Leute, die wissen, dass alles in dieser unmöglichen Welt nichts ist, wenn es nicht Theater ist. Zwei haben es dem Engländer besonders angetan: Carlos, der im Untergrund Radio macht, und die schöne Lidka. Die Freundschaft der drei hält über Grenzen hinweg, und eine gemeinsame Sehnsucht nach der gehassten und geliebten Stadt an der Oder verbindet sie, als sie sich in New York wiederbegegnen. Kein Wunder, dass sie nach Wroclaw zurückkehren, sobald die Nacht des Realsozialismus vorbei ist. Endlich können sie machen, was sie wollen: Carlos gründet einen Radiosender, der Engländer dreht Dokumentarfilme für die BBC, und Lidka eröffnet eine Videothek. Schließlich finden sie sich zu einem exzessiven Frühlingsfest am Ufer der Oder ein. Symbolisch fliegen ihre Sorgen in den Grenzfluss zwischen Ost und West - in Wahrheit sind es bunte Gartenzwerge -, und als der Engländer ausrutscht, folgen ihm die anderen freiwillig ins Wasser. Der Fluß ist wieder schmutzig und kalt, sie aber lachen - so übermütig wie noch nie in ihrem Leben.


Henryk Sienkiewicz: Mit Feuer und Schwert
, 2 Bde.

Übersetzt von Cécile G. Lecaux. Bergisch-Gladbach: Lübbe 1999. 1344 S., € 14,95.


Henryk Sienkiewicz: Die Kreuzritter

Aus dem Polnischen vom Verfasser. Berlin: Verlag Neues Leben 2000. 320 S., € 14,30.


Henryk Sienkiewicz: Quo vadis?

Auf der Grundlage der Übersetzung von J. Bolinski neu erarbeitet von Marga und Roland Erb. München: dtv 2000. 624 S., € 12,50.

 

Das dekadente Rom Kaiser Neros im Widerstreit mit der unwiderstehlichen sittlichen Kraft des aufstrebenden Christentums und dazu eine von melodramatischen Elementen nicht freie, großartige Liebesgeschichte zwischen dem Römer Vinicius und der Christin Lygia - aus diesen Essenzen schuf der polnische Schriftsteller Henryk Sienkiewicz den Welterfolg "Quo vadis?". Das opulente Werk basiert auf intensiven Quellenstudien. Seinem Autor geht es aber nicht nur um die Beschreibung der römischen Welt, sondern, "weil er dem Volk ins Herz schaut", auch um die Schilderung etwa des Martyriums der Christen oder des großen Brands und um das Pathos einer tiefen Leidenschaft. So ist ein Klassiker unter den historischen Romanen entstanden, für den Sienkiewicz 1905 den Nobelpreis erhielt.


Henryk Sienkiewicz: Wirren

Aus dem Polnischen von Karin Wolff. Stuttgart: Manesse 2005. 572 S. € 22,90.

 

Vor genau einhundert Jahren wurde das literarische Schaffen Henryk Sienkiewiczs mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Wie vielfältig sein Können und wie klar sein Blick auf die Gegenwart war, beweist der Roman "Wirren", der bis heute völlig zu Unrecht im Schatten des Welterfolgs "Quo vadis?" steht. Spannend und atmosphärisch dicht erzählt er eine tragische Liebesgeschichte vor dem Hintergrund revolutionärer Umbrüche.
Als der wenig beliebte, doch außerordentlich vermögende Adam Zarnowski im Jahre 1905 stirbt, reisen Verwandte und Bekannte zu seinem Gutshof, um das Erbe anzutreten: Sein attraktiver Neffe Władysław Krzycki, die wohlhabende Jungwitwe Zosia Otocka, deren feenhafte Schwester Marynia und eine geheimnisvolle Freundin aus England sind nur einige der illustren Gäste, die sich in der polnischen Ortschaft Jastrząb einfinden. Noch während sich zwischen ihnen erste zarte Bande entspinnen, sorgt die Eröffnung des Testaments für eine Überraschung, bei manchem Bauern aus der Gegend auch für Enttäuschung. In die angespannte Stimmung mischen sich zunehmend gewaltsame Töne, als revolutionäre Unruhen von Russland auf Polen übergreifen. Eine Katastrophe bahnt sich an.
Hellsichtig und mit elegantem, fein-ironischem Ton erzählt Sienkiewicz die Geschichte seiner zwischen Nationalismus und Sozialismus zerrissenen Heimat. Seine Figuren sind prägnante Charaktere, die zugleich typische Positionen ihrer Zeit verkörpern. So wird ein wichtiges Kapitel der polnischen Vergangenheit lebendig.


Juliusz Słowacki: Beniowski
. Eine Versdichtung.

Aus dem Polnischen von Hans-Peter Hoelscher-Obermaier. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1999. 215 S., € 17,80.


Juliusz Słowacki: Des Dichters größter Ruhm.
Ausgewählte Lyrik.

Aus dem Polnischen von Christoph Ferber. Mainz: Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung 1997. 151 S., € 10,00.

 

Juliusz Slowacki (1809-1849), neben Mickiewicz und Krasinski der dritte große Dichter der polnischen Romantik, ist außerhalb seiner Heimat kaum bekannt geworden. Zu Unrecht, denn seine formale Meisterschaft und seine Sprachgewalt machen ihn zu einem Klassiker mit größtem Einfluß auf die spätere polnische Dichtung. Sein in der Tradition von Dante und Petrarca stehendes Poem "In der Schweiz" und auch die kürzeren Liebesgedichte gehören zum Innigsten und Zartesten, was in polnischer Sprache über die Liebe gesagt worden ist. Slowackis Lyrik hat wegen ihres gedanklichen Reichtums und ihrer schöpferischen Originalität bis heute nichts an ihrer mythenschaffenden Kraft eingebüßt. Die vorliegende Übersetzung erlaubt es dem deutschsprachigen Leser, einen Eindruck auch von der Klangfülle seiner Dichtung zu gewinnen.


Juliusz Słowacki: König-Geist

Aus dem Polnischen übertragen, mit Kommentar und Nachwort versehen von Walter Schamschula. Frankfurt/Main: Peter Lang 1998. 278 S., € 45,50.

 

Slowackis "Król-Duch", ein Meisterwerk der polnischen Romantik, das letzte Werk des Dichters, ist außerhalb Polens nur wenigen Experten bekannt. Die Probleme der Textüberlieferung und -analyse haben bewirkt, daß dieses Epos auch in Polen nicht gebührend gewürdigt wird und daß es keine vollständige Übersetzung in eine andere Sprache gibt. Diese deutsche Fassung bemüht sich um philologische Genauigkeit unter Bewahrung der komplizierten Strophen- und Versform und bietet den bisher umfassendsten Kommentar des Werks.

 

 Marek Śnieciński: Andere Obsessionen. Erzählungen.

Aus dem Polnischen von Bettina Eberspächer. Leipzig: Edition Erata 2007. 140 S. € 13,95.

 

Piotr Sommer: Ein freier Tag im April. Gedichte.

Aus dem Polnischen von Doreen Daume. Wien: Edition Korrespondenzen 2002. 128 S. € 21,50.

 

Die Stärke der polnischen Literatur ist die ihrer Dichter - und Piotr Sommer ist einer der profiliertesten unter ihnen. Ohne große Worte, mit Leichtigkeit und Ironie, wirft er wie flüchtig ein Licht auf die dämmrige Szenerie unserer Existenz. Seine Lyrik ist Gespräch, leichtes Parlando, der Ton ein unverkennbarer Sound des Einfachen, wie nebenbei Hingesagten. Und doch ist diese Schlichtheit eine nur scheinbare. Sommers Umgang mit der Sprache der öffentlichen Rede, der Straße und der poetischen Epiphanie ist ein ganz und gar virtuoser.

 

 Andrzej Stasiuk: Fado. Reiseskizzen.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2008. 158 S., € 9,50.

 

Während seiner Fahrten durch Albanien hört Stasiuk den Fado. Melancholie und sanfter Trotz dieser Musik sind auch den 24 kurzen erzählerischen Meditationen eigen, die thematisch wie geographisch einen weiten Bogen schlagen: von Südpolen bis Montenegro, vom Blick durchs Vergrößerungsglas auf eine alte Karte, die bosnische Dörfer verzeichnet, bis zu den Reflexionen über die neue Mobilität als Flucht aus der eigenen Geschichte, dem eigenen Leben. "Gibt es eine bessere Metapher für die Reise als eine brüchige Landkarte? Gibt es eine noblere Art der Reise als die auf den Spuren eines Schriftstellers, dessen Bücher man bewundert? So eine Reise ist eine Pilgerfahrt. Und die Pilgerfahrt ist ja nichts anderes als die ältere Schwester der Reise als solcher. Reisen heißt leben. Jedenfalls doppelt, dreifach, mehrfach leben."


Andrzej Stasiuk: Das Flugzeug aus Karton.
Essays.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2004. 200 S. € 19,90.

 

Eingeschobene Prosastücke – mitteleuropäische Impressionen und Erinnerungsbilder – dokumentieren die »Vielfalt der Welten«: hier der mediale Kosmos, die Verfügbarkeit aller nur denkbaren Informationen, dort ein verfallender Kurort mit Hotel und Sanatorium, »ein galizischer Zauberberg«.
Nicht ohne Melancholie kündet Stasiuk vom Verlust des Geheimnisses in unserer total erleuchteten, vom Visuellen beherrschten Welt. Und erinnert an die Magie eines Kinderfotos, das uns vielleicht einmal vor der letzten, größten Einsamkeit bewahren wird. Wie uns auch nur ein Flugzeug aus Karton in den Himmel bringen kann.


Andrzej Stasiuk
: Galizische Geschichten.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2002. 130 S. € 19,90.

 

Südostpolen nach der Wende. In einem Dorf verrottet die frühere LPG, und das kleine Menschenuniversum gerät aus den Fugen. Wer nicht mehr fortkommt, bleibt am Fenster sitzen wie die alte Frau, die noch heute ihre sechs Töchter auf dem Wiesenweg davongehen sieht, oder wie Herr Lewandowski, der im ungeheizten Zimmer vor dem Foto seiner Frau hockt und von Warschau träumt. Nur der ewig verschuldete Wäadek kommt zu Geld. Den vergammelten Kiosk mit Zahnbürsten, Papstbildern, drei Zigarettensorten und dem blassen, gelangweilten Gesicht der Verkäuferin verwandelt er in eine gleißende Licht- und Farbenpracht - die Erschaffung der Welt im grauen Raum zwischen Kneipe und Dorfplatz.
In dieser Gegend, die früher ein Teil Galiziens war und schon immer zu den ärmsten und rückständigsten Regionen Polens gehörte, findet Andrzej Stasiuk, was er sucht: Bilder aus dem imaginären Alltagsmuseum Mitteleuropas, Geschichten, die er sich in dämmrigen Wohnstuben, in Kirchenruinen und an den Busstationen einer verlassenen Provinz erzählen läßt, Lebensträume und Hoffnungen, die sich gegen die Gewalt einer ganzen Epoche behauptet haben.
Ein sympathisierender Blick ruht auf den Gestalten, und auch dem Übernatürlichen und Unwahrscheinlichen verschließt der Autor sich nicht. Menschen mit sparsamen Strichen und ihr Drama auf wenigen Seiten, unter Verzicht auf jede Erklärung zu entwerfen, ist eine Kunst, die Andrzej Stasiuk meisterhaft beherrscht.


Andrzej Stasiuk
: Die Mauern von Hebron.

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2003. 150 S. € 9,00.

 

"Aus Langeweile kaufte ich mir ein Heft und einen Kugelschreiber, setzte mich eines Abends hin und schrieb, wie mir Opa Jarema geraten hatte, ein Buch über das Gefängnis. Zwei Wochen habe ich gebraucht. So lange wie die Arbeit in der Zuckerfabrik. Ich hatte keine Ahnung, daß es so leicht ist, ein Buch zu schreiben." Stasiuks legendäres Debüt, seit 1992 in Polen immer wieder aufgelegt, verstört und fasziniert die Leser bis heute. Die gewalttätige Realität des Gefängnisalltags verlangt dem Autor jene Kraft zur poetischen Überschreitung ab, für die sein späteres Werk bewundert wird.
In keinem anderen Text Stasiuks ist der Blick auf die Wirklichkeit so schamlos und gnadenlos. Dem Untergrundverleger war das "Buch eine Spur zu knastig für diese Zeiten". Heute bildet es das Fundament seines Werkes. Denn die rauschhafte Schönheit des Lichts und der Landschaft in der Welt hinter Dukla hätte sich ohne die existentielle Schwärze der Mauern von Hebron womöglich nie gezeigt


Andrzej Stasiuk:  Neun

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2002. 297 S. € 22,90.

 

Pawel, ein junger Geschäftsmann, der es zu einem bescheidenen Textilhandel gebracht hat, erwacht in einer Trümmerlandschaft. Der Spiegel im Bad ist zerschlagen, Tuben, Bürsten und Fläschchen liegen auf dem Boden, Kleider sind aus dem Schrank gerissen. Er verlässt seine Wohnung und fährt durch Warschau, getrieben von Unruhe und Angst. Er hat Schulden, man ist ihm auf den Fersen, er braucht Geld. Ein Freund, Jacek, an den er sich um Hilfe wendet, entgeht knapp einem Überfall und ist ebenfalls auf der Flucht.
Stasiuk erzählt diese Geschichte aus dem kriminellen Milieu so unspektakulär wie beklemmend. Ohne Kommentare, präzise wie ein allgegenwärtiges Kameraauge, begleitet er seine Protagonisten von Schauplatz zu Schauplatz: über Bahnhöfe und Magistralen, durch Industriebrachen und Hotelruinen, wilde Gärten und aufgeweichte Lehmwege, heruntergekommene Innenhöfe und schließlich auf die Dächer hoch über der Marszalkowska, wo die Verfolgungsjagd endet. Sein multipler Erzähler lauscht den Atemzügen der Großstadt, belauert sie wie ein Lebewesen, spürt dem Vergehen der Zeit nach und wird Zeuge eines Mordes.
Nach "Der weiße Rabe" und "Die Welt hinter Dukla" hat Stasiuk in seinem neuen Buch - es ist sein neuntes - die poetische Ausmessung der heutigen polnischen Wirklichkeit weitergetrieben. Hinter allem, was geschieht, wartet der Stillstand. Das träumerische Wissen um die Vergeblichkeit jeder Fluchtbewegung gibt dem Roman seinen eigentümlichen Zauber.

 

Andrzej Stasiuk: Über den Fluß.

 

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2004. 200 S. € 10,00

 

Andrzej Stasiuks Zyklus von zwölf aufeinander bezogenen Geschichten beginnt mit drei wunderbaren Skizzen aus der Kindheit. Es sind kleine Prozessionen, nicht sehr feierlich, aber voll andächtigen Staunens: ein Gang in die Kirche, in die Bibliothek, in den Religionsunterricht. Erste Erkundungen des Magischen und Erotischen in einer unberührten, von Geheimnissen erfüllten Sphäre, in der die Verlockungen, nicht die Katastrophen der Liebe schon zu ahnen sind. Die von Schatten gefleckte Straße aus der Schulzeit führt dann direkt in den Warschauer Underground der siebziger und achtziger Jahre. Dort geschieht nicht viel. Nur dass ein paar junge Leute unentwegt auf der Grenze zwischen Leben und Tod balancieren. Stasiuks poetische Messinstrumente zeichnen die Grade ihrer Verlassenheit auf, doch die Kraft der Bilder, der verwegene Schritt Richtung Transzendenz verwandelt den traurigen Traum dieser Jugend in große Literatur.


Andrzej Stasiuk: Der weiße Rabe

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Reinbek: Rororo 2000. 348 S., € 9,90.

 

Wer hat nicht schon mit dem Gedanken gespielt, wenigstens für zwei Wochen aus der Welt zu verschwinden? Fünf Jugendfreunde im postkommunistischen Warschau, "gut dreißig, Nachkommenschaft auf dem Hals", brechen ins Ungewisse auf.Ihres Alltags überdrüssig, lassen sie sich von Wasyl Bandurko, dem gescheiterten Pianisten, zu einem Abenteuer überreden, das sie in das wilde, spärlich besiedelte Gebiet an der polnisch-slowakischen Grenze führt. Nicht alle kennen den Zweck des Ausflugs: Bandurko will seinen eigenen Tod inszenieren.

 

Andrzej Stasiuk: Unterwegs nach Babadag.

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2005. 303 S. € 22,80

 

Kuhherden auf einer Bahnstrecke hinter Oradea, Schafe in einer Vorortstraße von Satu Mare, ein Schimmel, der mitten in Suceava weidet – den schmutzigsten, entlegensten Teil unseres Kontinents bevölkern die Tiere. In der Endlosigkeit verrosteter Lagerhallen, im Schatten gigantischer Schornsteine, zwischen schaukelnden Lastwagen zupfen sie vergiftetes Gras, ohne eine Spur von Angst oder Interesse. Als weideten sie dort seit Urzeiten. Sequenzen wie aus Filmen von Buñuel oder Fellini durchziehen Andrzej Stasiuks literarische Reportagen aus Albanien, Moldawien, Rumänien, der Ukraine, Ungarn und der Slowakei. Nach der Rückkehr kann er kaum glauben, daß er wirklich dort war, nicht alles nur geträumt hat – die Bunker, Satellitenschüsseln und UNO-Flaggen, das Dorf im Donaudelta, das langsam im Wasser versinkt, die Städtchen, in denen die Kinder schon müde zur Welt kommen. Babadag heißt einer der Orte, die Stasiuk zwischen Ostsee und Schwarzem Meer durchreist. Einer dieser »schwachen Orte«, die verschwinden, sobald man sich abwendet. Die Panik, sie und ihre Bewohner könnten aufhören zu sein, wenn er sie nicht beschreibt, sie könnten mit ihm und seinem erlöschenden Blick untergehen, treibt ihn an. Aus dieser Angst ist Stasiuks neues Buch entstanden – sein wohl schönstes über eine Welt weit hinter Dukla.


Andrzej Stasiuk: Die Welt hinter Dukla

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2000. 180 S., € 18,80.

 

Dukla ist ein verschlafenes Nest in Südpolen, am Rande der Karpaten, nicht weit von der slowakischen Grenze entfernt. Auf dem Marktplatz hat sich alle Leere der Welt versammelt. Ein Wind herrscht, der direkt aus Alaska und Sibirien herüberweht. Mit seinem bröckelnden Mauern und dem Schloss der Fürsten von Brühl, den beiden Barockkirchen und der niedergebrannten Synagoge ist Dukla ein Ort, der eine magische Anziehungskraft auf Stasiuks Ich-Erzähler ausübt. Wie unter Zwang kehrt er immer wieder in das Städtchen zurück, "um es bei unterschiedlichem Licht, zu unterschiedlichen Tageszeiten anzusehen". Sein Versuch, den Geist des Ortes zu fassen, der Materie ihr Gedächtnis zu entreißen, macht die Spurensuche zu einer dichterischen Expedition. Andrzej Stasiuk beschreibt sein Buch als einen ''schwer zu beschreibenden Akt atheistischer Mystik, eine sehr meditative Prosa. Es geht um ein tiefes Eintauchen in jedes Ereignis, darum, all das, was sichtbar ist, zu notieren - um ein postreligiöses Erleben der Gegenwart.'' (LITERATUREN)


Andrzej Stasiuk
: Wie ich Schriftsteller wurde

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2001. 139 S., € 9,00

 

Andrzej Stasiuk wäre lieber Rockstar geworden als Schriftsteller. Daß es anders kam, verdanken wir der verwunschenen Trostlosigkeit Warschaus, dem Realismus Godots, der Musik der Sex Pistols und Leuten wie Lou Reed und Jean Genet. Und einer permanenten Rebellion gegen Eltern, Schule, Armee und Gesellschaft. Im Dezember 1980, als das Kriegsrecht in Polen verhängt wurde, kehrte Stasiuk nicht mehr in seine Kaserne zurück und landete im Gefängnis. Nach seiner Entlassung wurde er als Held des Widerstands gefeiert. Doch er war weder Pazifist noch Dissident - er hatte einfach keine Lust mehr. Dieser in einem einzigen, langen Atemzug erzählte Bildungsroman in ironischer Absicht bestätigt, was Stasiuk-Leser längst wissen: daß seine poetische Kraft sich nicht nur einem gefährlichen Leben, sondern auch dem unverwandten Staunen über die Wirklichkeit verdankt.

 

Julian Stryjkowski: Asrils Traum. An den Weiden... unsere Harfen. Zwei Erzählungen

Aus dem Polnischen von Karin Wolff. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1995. 302 S., € 17,80.


Andrzej Szczypiorski. Amerikanischer Whiskey

Aus dem Polnischen von Klaus Staemmler. Zürich: Diogenes 2000. 257 S. € 7,90.

 

"Der Mangel an Bereitschaft, mit der offiziellen Geschichtsschreibung und mit den nationalen Mythen konform zu gehen, bewirkt, daß man ihn, nicht immer gern, dafür mit um so größerem Respekt, als wahren Spezialisten der Erinnerung anerkennt."(Süddeutsche Zeitung)
"Szczypiorski ist ein Meister der unterschwelligen, doppelbödigen Kommunikation zwischen Herr und Knecht, Mächtigem und Bittsteller, Überlegenem und Unterlegenem. Die hierarchischen Beziehungen sind immer viel komplizierter, als die institutionalisierte Rollenzuteilung es erwarten läßt. Das Verhältnis zwischen den Bewachern eines KZ und den Inhaftierten schildert er als ein vielschichtiges Gemisch aus unmenschlicher Grundsituation und humanitären Funken. Szczypiorski gelingt es prickelnd, die Ambivalenz und Willkür des Schicksals einzufangen, den Augenblick etwa, da des Erzählers Zukunft sekundenlang auf des Messers Schneide steht."(Mittelbayerische Zeitung)
"Daß Szczypiorski zur Meisterklasse der lebenden europäischen Literatur gehört, ist inzwischen unter den Kundigen ausgemacht. Szczypiorski, der ja eigentlich nur von Trübem, Bitterem, Qualvollem zu berichten hat, vermag eine Leichtigkeit ohne Trivialität, einen Anflug von Humor ohne Verlogenheit zu bewahren."(Die Zeit)
"Turmhoch stehen diese Erzählungen über dem grassierenden esoterischen Gefinkel und knieweichen Selbstbeweinen heimischer Floristen."(Der Spiegel)


Andrzej Szczypiorski: Feuerspiele

Aus dem Polnischen von Barbara Schäfer. Zürich: Diogenes Verlag 2002. 362 S., € 11,90.

 

Ein amerikanischer Industrieller, ein Exilrusse und ein polnischer Jude planen eine Kunstausstellung privater Sammler im idyllischen Kurort Bad Kranach. Es sollen reiche Kunstsammler aus allen Teilen der Welt daran teilnehmen. Eine Ausstellung, die ein Beweis dafür sein könnte, wie haushoch überlegen die schönen Künste doch kleinkariertem Nationalismus gegenüber sind. Doch bald stellt sich heraus, dass die wahren Interessen der Beteiligten in Wirklichkeit ganz woanders liegen...


Andrzej Szczypiorski: Die schöne Frau Seidenman

Aus dem Polnischen von Klaus Staemmler. Zürich: Diogenes 1996. 268 S., € 8,90.

 

Dieser Roman handelt von der Rettung der Irma Seidenman, einer blauäugigen, schlanken und schönen Polin, und einer Vielfalt von Gestalten und Geschichten, die der Autor in einer großartigen Komposition um sie herum gruppiert. Ein Roman wie ein unvergleichliches Gemälde, voller Poesie und leisen Humors, scharf beobachtet und unsentimental.


Andrzej Szczypiorski: Eine Messe für die Stadt Arras

Aus dem Polnischen von Karin Wolff. Zürich: Diogenes 1991. 197 S., € 8,90.

 

Im Frühling des Jahres 1458 wurde die Stadt Arras von Hungersnot und Pest heimgesucht. Im Laufe eines Monats starb beinahe ein Fünftel der Bevölkerung. Kurze Zeit später kam es aus ungeklärten Gründen zur berüchtigten Vauderie d'Arras - grausamen Juden- und Hexenverfolgungen und Prozessen wegen angeblicher Häresie. Geraume Zeit danach erklärte der Bischof von Utrecht alle Hexen- und Ketzerprozesse für nichtig.


Andrzej Szczypiorski: Nacht, Tag und Nacht

Aus dem Polnischen von Klaus Staemmler. Zürich: Diogenes 2000. 264 S. € 8,90.

 

A love story and political thriller with autobiographical elements all in one. The central character, scientist Antoni, tells a journalist the story of his life, his great love for Justyna, a member of the resistance who has followed him through many years of imprisonment all across the country. On a second and third level the same events are told from the viewpoint of the Communist Czarnocki and of the Russian functionary Lomakin. In this exciting novel Szczypiorski has created a clear picture of the events and background forming of European history of this century to the present day.


Andrzej Szczypiorski: Den Schatten fangen

Aus dem Polnischen von Barbara Schäfer. Zürich: Diogenes 2000. 176 S. € 7,90.

 

A la recherche du temps perdu und einer verlorenen Jugend. Fünfzehn Jahre alt ist Krzys, als 1939 in Polen der Krieg ausbricht
Sommer 1939 in Polen: Wie eine Gewitterwolke hängt die drohende Kriegsgefahr über dem Land. Der junge Krzys, der an der Schwelle zum Erwachsensein steht und seine erste Liebe erlebt, verabschiedet sich wehmütig von den liebgewordenen Erinnerungen seiner Kindheit. Und mit dem Ende der Kindheit von Krzys zieht das Ende einer polnischen Epoche heran. Krzys kann gerade noch den Schatten fangen...


Andrzej Szczypiorski: Selbstporträt mit Frau

Aus dem Polnischen von Klaus Staemmler. Zürich: Diogenes 1996. 256 S., € 8,90.

 

Der sechzigjährige polnische Soziologe Kamil wird auf einem Kongress in Genf von der Rundfunkjournalistin Ruth zu den Ereignissen des politischen Frühlings in Polen befragt. Die Begegnung ist für beide schicksalshaft. "''Selbstportrait mit Frau''", so der Autor, "stellt die Unfähigkeit zu einer wahren, tiefen Liebe zwischen Mann und Frau dar. Auf einer anderen Textebene versuche ich aber eine viel allgemeinere Überlegung mitzuteilen, nämlich die, dass die Unfähigkeit zu lieben ein Charakteristikum unserer Zeit ist, ganz unabhängig davon, ob jemand in der vollkommensten Demokratie oder im schlimmsten Totalitarismus lebt."


Andrzej Szczypiorski: Der Teufel im Graben

Aus dem Polnischen von Klaus Staemmler. Zürich: Diogenes 1995. 208 S. € 7,90.

 

Stanislaw Ruge erinnert immer irgendwen an irgend jemanden. In der Kneipe eines polnischen Provinznestes kommt er mit einem Dienstreisenden und dem ortsansässigen Rostocki ins Gespräch. Rostocki besteht darauf, in Ruge einen Polizisten wiederzuerkennen, der in der Nazizeit mit den Deutschen kollaborierte. Am nächsten Morgen wird Ruge überfahren auf den Zuggleisen aufgefunden. Selbstmord - oder Mord?


Władyslaw Szlengel: Was ich den Toten las
. Texte und Gedichte aus dem Warschauer Getto.

Aus dem Polnischen von Roland Erb (u.a.). Neumünster: Paranus Verlag 2003. 126 S. € 12,80.

 

"Die Gedichte Wladyslaw Szlengels sind das einzige so in sich geschlossene lyrische Dokument über das Leben im Warschauer Getto, ein Dokument, von dem sich viele Wege in die Zukunft auftun. Es darf nicht unbekannt bleiben." (Irena Maciejewska). Seine Texte las der schon vor dem Krieg durch Beiträge in satyrischen Warschauer Zeitschriften bekannt gewordene Dichter Wladyslaw Szlengel (1914 - 1943) erst den Insassen des Warschauer Gettos vor und dann - während des Aufstandes - den Aufständigen, mit denen er auch sein Leben verlor. Auf Polnisch erschienen Szlengels Texte 1977; der Verlag Gustav Kiepenheuer (Leipzig) brachte 1990 die deutsche Übersetzung heraus."


Wisława Szymborska: Auf Wiedersehn, Bis morgen
. Gedichte.

Aus dem Polnischen von Karl Dedecius. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1998. 78 S., € 5,50.

 

Die Gedichte von Wislawa Szymborska zeugen von Augenblicken der Erleuchtung, der Stärke. Die große polnische Lyrikerin, die im Juli 1998 ihren 75. Geburtstag feierte, erhielt 1996 den Nobelpreis für Literatur "Für eine Poesie, die mit ironischer Präzision den historischen und biologischen Zusammenhang in Fragmenten menschlicher Wirklichkeit hervortreten läßt". Ihre Poesie ist ihr Lebens-, Empfindungs- und Denkkommentar: Ob "Ende oder Anfang", ob "Abschied vom Augenblick" oder die Erkenntnis "Nichts ist geschenkt", die Wirklichkeit ist für Wislawa Szymborska immer etwas, worüber man sprechen muß.


Wisława Szymborska: Hundert Freuden
. Gedichte.

Aus dem Polnischen von Karl Dedecius. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1996. 230 S., € 9,00.

 

In den Gedichten der Wislawa Szymborska geschieht etwas Wundersames. Lauter einfache Wörter fügen sich zu lauter einfachen Sätzen, und doch beginnen diese Sätze, in denen von den alltäglichsten Dingen gesprochen wird, mit einem Mal zu schweben (Neue Züricher Zeitung).

 

Olga Tokarczuk. Anna In in den Katakomben. Der Mythos der Mondgöttin Inanna.

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Berlin: Berlin Verlag 2007. 220 S. € 16,00

 

"Keine Definition von Mythos, die ich kenne, ist so ungewöhnlich, paradox und witzig wie die von Karl Kerényi geprägte: Mythos ist die Epiphanie des Göttlichen im Sprachzentrum des menschlichen Hirns. Man könnte es auch so ausdrücken: ein Mythos ist in dem Maße wirklich, in dem alles, was wahrgenommen wird, auch wirklich ist. Solange wir die Götter auf ihren Reisen, Abenteuern, in ihren Metamorphosen, ihren Schöpfungen und Apokalypsen begleiten, existieren sie auch. Und so existiert auch Inanna. Mit dieser Geschichte habe ich auf einen der ältesten Mythen der Menschheit zurückgegriffen. Die Heldin ist die sumerische Göttin Inanna, Tochter des Mondgottes und der Mondgöttin, Herrscherin über die Stadt Uruk, die Göttin von Liebe und Krieg. Sie wird mit dem Planeten Venus assoziiert und in Gestalt des Abend- und Morgen-sterns verehrt. Einerseits gilt sie als Schutzpatronin der körperlichen Liebe, andererseits steht sie als die ungestüme und unstete Kriegsgöttin für das Streben ihres Volkes nach größerer Macht."

 

Olga Tokarczuk: Letzte Geschichten.

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Stuttgart: DVA 2006. 296 S. € 22,90

 

Drei kunstvoll verwobene Geschichten über drei Frauen, einsam und auf der Suche nach sich selbst. Ihre Lebenswege treffen sich an einzelnen Punkten, und subtil fügt sich das Porträt einer Gesellschaft und einer Region im südwestlichen Polen an der Grenze zu Tschechien. Es geht um Ida Marzec, die nach langer Zeit hierher zurückkehrt, wo sie niemand Vertrauten mehr antrifft und schließlich Zuflucht bei einem alten Ehepaar findet, das voller Erinnerungen an ihre Familie steckt. Es geht um Idas Mutter, die alte Paraskewia, die mit ihrer Ziege Tekla zurückgezogen in den Bergen lebt. Und schließlich um Maja, Idas Tochter und Pareskewias Enkeltochter, die durch Asien reist und auf einer Insel in einem amerikanischen Zauberkünstler ihren verschwundenen Vater zu erkennen glaubt.

 

Olga Tokarczuk: Der Schrank

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. München: dtv 2001. 117 S., € 7,50.

 

Ein Schrank, der für ein junges Paar Wohnstatt und Zuflucht vor der Welt wird. Der Traum einer Bankangestellten von der Stimme eines Mannes, der ihr sagt, daß er sie liebt. Ein Satz Platons, der einen Lehrer zum Werwolf werden läßt. Die Habseligkeiten der Gäste eines Hotels, die diese in der Vorstellungskraft eines Zimmermädchens lebendig machen - Olga Tokarczuks Geschichten entführen uns in ein Reich der Phantasie zwischen Mythen, Träumen und alltägliche Wirklichkeit. - Es sind Erzählungen voller Magie und Poesie.

 

Olga Tokarczuk: Spiel auf vielen Trommeln: Erzählungen.

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Berlin: Matthes & Seitz 2006. 144 S., € 14,80.


Olga Tokarczuk: Taghaus, Nachthaus

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. München: dtv 2004. 318 S., € 10,00.


Olga Tokarczuk: Ur und andere Zeiten

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Berlin: btv 2002. 335 S., € 9,90.

 

Das Städtchen Ur befindet sich in einem eigens für seine Bewohner erschaffenen kleinen Kosmos, der von den vier Erzengeln bewacht wird. Gleichzeitig ist dieser Ort in der realen Welt angesiedelt und schildert die Geschichte Ostpolens von 1914 bis heute. Mit Leichtigkeit und subtiler Ironie erzählt Olga Tokarczuk Geschichten aus dem Leben ihrer Figuren: von der zarten, aber unerfüllten Liebe zwischen Genofewa und dem Jungen Eli; vom verarmten Baron, der den Sinn des Lebens in einem kabbalistischen Spiel findet; von Genofewas Mann Michal, der 1919 aus dem Krieg heimkehrt und zum ersten Mal seiner Tochter Misia begegnet. Tokarczuks besondere Kraft liegt in ihrer bildhaften Erzählweise, in der das Träumen und Imaginieren seinen Platz hat.

 

Tomek Tryzna: Zauberer

Aus dem Polnischen von Agnieszka Grzybkowska. München: Luchterhand Literaturverlag 2006. 253 S. € 19,90.

 

Kurz nur hat Romek Stratos seine Spielzeugarmee im Stich gelassen, um ein paar Runden mit einem Tretauto zu fahren. Aber dieser kurze Augenblick hat den Einbrechern genügt, um alles auszuräumen, was der Familie Stratos gehörte. Romek will seine Schuld am Ruin seiner Familie wieder gut machen, und so beginnt eine abenteuerliche Reise voll Phantastik und Ernüchterung durch das kommunistische Polen: Noch oft wird Romek alles verlieren, aber ebenso oft wird er sein Glück machen und der profanen Wirklichkeit eins auswischen. Lala zu küssen ist eine schlimme Sache, aber ein Kuss ist nunmal der Preis für eine Runde mit Lalas Tretauto. Noch schlimmer aber ist, dass während der Küsserei Einbrecher die Wohnung ausräumen, auf die Romek doch eigentlich aufpassen sollte. Romeks Familie verliert alles und droht auseinanderzubrechen: Der Vater ist ein wunderbarer Mensch, aber er ist launisch und greift schnell zur Flasche. Und weil Romek sich schuldig fühlt am Unglück seiner Familie, erfindet er ein Geschäftsmodell nach dem anderen: mit seinen selbstgegossenen Zinnfiguren zum Beispiel, die er an seine Schulkameraden verkauft, schafft er es tatsächlich, ein wenig Geld zurückzulegen. Romek und seine Mutter wagen es sogar, nach Warschau zu gehen: Ein Modegeschäft will die Mutter gründen, noch einmal von vorne anfangen. Die Hauptstadt ist eine glitzernde Verheißung, und wirklich scheinen die Stratos diesmal Glück zu haben: ein Verehrer taucht auf, vermögend und mit Manieren. Aber weil das Leben ungerecht ist, und die Stratos’ zu naiv sind für die große Stadt, ist auch dieses Glück nicht von langer Dauer …


Magdalena Tulli: In Rot

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Stuttgart: DVA 2000. 192 S., € 18,90.

 

Köchin, Soldat, Mädchen, Liebhaber, Fabrikant und Revuedirektor- ein ganzer Reigen von Personen bevölkert Magdalena Tullis Roman. Wir befinden uns zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Schauplatz ist die Stadt Sciegi, die sich wandelt wie der historische Hintergrund, die Ereignisse, die den Personen widerfahren. Mal Garnisonsstadt in der finsteren Kälte des Nordens, dann wieder Metropole und Hafenstadt unter blauem Sommerhimmel, am Ende ein Trümmerfeld. Sciegi ist die Geschichte.


Józef Wittlin: Mein Lemberg

Aus dem Polnischen von Klaus Staemmler. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1994. 82 S., € 8,80.


Józef Wittlin: Das Salz der Erde

Aus dem Polnischen von Izydor Berman. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2000. 301 S., € 10,00.


Rafał Wojaczek: In tödlicher Not
. Ausgewählte Gedichte

Aus dem Polnischen von Gregor Simonides und Tobias Rössler. Aachen: Rimbaud Verlagsgesellschaft 2000. 88 S. € 11,00.


Karol Wojtyła: Die Jugendgedichte des Papstes

Aus dem Polnischen von Blasius Chudoba. Graz: Styria Verlag 2000. 160 S., € 12,90.

 

Diese Gedichte verfasste der Papst mit 19 Jahren im Jahr 1939 vor und nach Beginn des zweiten Weltkrieges und der Besetzung Polens durch die Deutsche Wehrmacht.


Adam Zagajewski
: Mystik für Anfänger. Gedichte

Aus dem Polnischen von Karl Dedecius. München: Hanser 6. Aufl. 2002. 99 S., € 13,90.

 

Adam Zagajewski beschreibt in seinen Gedichten die janusköpfige Welt der Gegenwart. Dabei stellt er sich der Welt, ist ihr strengster Beobachter, ihr mitleidender Bewohner auf Zeit.


Adam Zagajewski
: Die Wiesen von Burgund. Ausgewählte Gedichte
Aus dem Polnischen von Karl Dedecius. München: Hanser 2003. 176 S. € 15,90.

 

Im Mittelpunkt von Adam Zagajewskis poetischen Erkundungen steht Europa: europäische Musik und Philosophie, Europas Architektur und seine Landschaften, aber immer auch des Dichters eigene Geschichte. Er, den seine Ironie davor bewahrt, ein reiner Elegiker zu werden, verkörpert so tief wie kaum ein anderer das europäische Bewusstsein mit allen Ambivalenzen.


Andrzej Zaniewski: Die Ratte

Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann. München: dtv 2000. 208 S., € 9,00.

 

Mit seiner Biographie einer Wanderratte, von ihr selbst erzählt, hält Zaniewski den Leser von der ersten bis zur letzten Seite in Atem. Zahlreiche Mythen und Märchen sind mit den Geschicken der Ratte verwoben. Wir sehen die Welt mit ihren Augen, leben und leiden mit ihr. Voller Grauen und zugleich voller Bewunderung erkennen wir in ihrem Leben das Abbild unserer eigenen Zivilisation. Eine ungeheure Provokation: Der Leser wird zwischen Abscheu und Identifikation hin- und hergerissen; ein Wechselbad der Gefühle, das unsere menschliche Überlegenheit und Überheblichkeit radikal in Frage stellt. Ein Roman voller Abenteuer und Geheimnisse, und dabei eine grausame und schmerzliche Parabel über die menschliche Existenz zwischen Wohlstand und Elend, Frieden und Krieg.


Stefan Żeromski: Vorfrühling

Aus dem Polnischen von Kurt Harrer und Eckhart Thiele. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1983. 377 S., € 20,80.

 

 


 

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