Polnische Literatur heute
Herzlich willkommen
auf dieser der polnischen Literatur gewidmeten Seite, die seit ihrem Bestehen
schon über 12.500 Gäste aus 58 Ländern besucht haben (Stand: März 2006). Wenn ich
Sie hier motivieren kann, sich mehr mit Polen zu beschäftigen oder ihr Wissen
durch die Verknüpfung mit anderen Websites zu verbessern, dann ist mein Ziel
erreicht!
Im Jahr 2000 war
Polen Schwerpunktthema der Frankfurter Buchmesse. Nicht nur vor diesem
Hintergrund erscheint es angemessen, an dieser Stelle einige Hinweise auf seine
Literatur zu geben, die in Deutschland völlig zu Unrecht nach wie vor relativ
unbekannt ist.
Wie vor allem Literaturwissenschaftler wissen, gehörte die polnische Literatur
spätestens seit dem Barock zum Kreis der europäischen Nationalliteraturen.
Immer wieder traten Dichter hervor, die mit ihren Werken über Polen hinaus
Bedeutung erlangten, angefangen mit dem unvergleichlichen Jan
Kochanowski über Mikołaj Rej
bis hin zu den drei Klassikern der Romantik: Adam
Mickiewicz, Juliusz
Słowacki und Zygmunt
Krasiński. Auch das 20. Jahrhundert sah eine Reihe herausragender Autoren,
die sich oft von gesamteuropäischen Strömungen beeinflussen ließen: Stanisław Wyspiański, Stanisław Ignacy Witkiewicz, Witold
Gombrowicz, Zbigniew Herbert,
Wisława Szymborska und viele andere.
Der oft hermetische Charakter ihrer Werke, der enge Bezug zur nationalen
Geschichte mit all ihren Besonderheiten, erschwerten
die Rezeption in anderen Staaten und Kulturen. Hätte es nicht eine Reihe
großartiger Übersetzerinnen und Übersetzer gegeben, wäre noch viel weniger im
Westen bekannt geworden.
An dieser Stelle ist es nicht möglich, zu ausführlich auf die Geschichte dieser
Literatur einzugehen. Wer sich intensiver damit beschäftigen möchte, dem sei
das großartige "Panorama der polnischen Literatur
des 20. Jahrhunderts" ans Herz
gelegt, dessen letzte Bände zur Buchmesse 2000 erschienen sind, welches das
Deutsche Polen-Institut in Darmstadt unter der Federführung von Karl Dedecius
zu einer Zeit zusammenstellte, als es noch das Zentrum der Beschäftigung mit
polnischer Kultur in Deutschland war.
Links:
Polnische Literatur
allgemein
Die ausführlichsten
Informationen befinden sich auf der mit "Polen
2000" betitelten Seite der
Krakauer "Villa Decius". Hier gibt es nicht nur eine Übersicht über
die wichtigsten Autoren und ihre Bücher, sondern auch weiterführende Hinweise
auf Literaturzeitschriften und vieles mehr. Sehr zu empfehlen! Aktuelle
Hinweise findet man auch auf den vom transkultura.net aus Frankfurt/Oder
gestalteten Seiten von literaria.org.
Der wichtigste polnische Literaturpreis, die "Nike",
ist ebenso zu finden wie eine schöne Seite zur "altpolnischen"
Literatur (vom Mittelalter bis zum
Barock). Einige Klassiker als Dateien herunterladen sowie allgemeine
Informationen zum Thema E-Books sind mittlerweile ebenfalls im Netz zu finden. Die
"Polska Biblioteka Internetowa" enthält insgesamt über 9.000
Positionen aus der gesamten Weltliteratur, die sich problemlos durchsuchen
lassen. Ein ähnlich umfangreiches Panorama bietet ein von der UNESCO gefördertes
Online-Projekt der Universität
Danzig.
Autoren
Noch nicht
allzuviele Autoren sind das Thema von Homepages. Immerhin stößt man mitunter
auf solche, von denen es man am wenigsten erwartet hätte. Wenig verwunderlich
ist es, dass im Netz Volltexte von Werken wie dem "Pan
Tadeusz" des Adam Mickiewicz
oder der kompletten "Trylogia"
von Henryk Sienkiewicz zu finden
sind. Es gibt aber auch Seiten, die dem Leben und Werk so verschiedenartiger
Schriftsteller wie Marek
Hłasko, Andrzej Bursa oder Edward Stachura gewidmet sind. Von den Klassikern der polnischen
Literatur kann man sich auf die Spuren Słowackis, des Literatur-Nobelpreisträgers von 1924, Władysław
Stanisław Reymont, oder des
von den Deutschen ermordeten Bruno Schulz begeben. Lohnenswert ist auch der Besuch der zu Ehren des großen
Lyrikers Julian Tuwim erstellten Seiten.
Ebenfalls präsent sind drei der vier großen Lyriker der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts: Zbigniew
Herbert sowie die beiden
Nobelpreisträger Czesław
Miłosz und Wisława Szymborska. Aber auch einige Schriftsteller aus dem zweiten
Glied, die dennoch für die Literaturgeschichte nicht uninteressant sind, haben
ihre Anhänger gefunden: Władysław
Broniewski etwa, Stalins Barde und
Feind zugleich, Miron
Białoszewski, dessen
großartiger Text über den Warschauer Aufstand viel zu wenig gelesen wird, oder
der Fantasy-Autor Andrzej
Sapkowski. Einen in Deutschland
wenig bekannten Dichter der sogenannten "bäuerlichen Strömung", Tadeusz Nowak, kann man ebenfalls im Netz kennenlernen. Ein
deutscher Verehrer hat sich des genialen Aphoristikers Stanisław Jerzy Lec angenommen. Überraschenderweise gibt es sogar ein
ausführliches Projekt über den lange verfemten Futuristen und Bolschewisten Bruno Jasieński.
Privaten Initiativen zu verdanken sind auch Seiten über den im Warschauer
Aufstand gefallenen Lyriker Krzysztof Kamil Baczyński oder den in Polen sehr bekannten
Historienschriftsteller Teodor
Parnicki.
Eine deutsche literarische Beschäftigung mit Polen war in der Vergangenheit
eher die Ausnahme, wenn man einmal von der kurzen Zeit der
"Polenlieder" in der Epoche des Vormärz absieht. Ein Schlüsseltext
ist aber sicherlich Heinrich
Heines Nachlese zu den
Reisebildern, den man on-line nachlesen kann. Ein besonderes Phänomen sind die
Grenzgänger zwischen den beiden Kulturen wie der "Austro-Pole"
Tadeusz Rittner, die Schlesier August Scholtis oder Horst Bienek sowie die
Gegenwartsautoren Dariusz
Muszer oder Radek Knapp. Ihnen
allen wäre ähnliche Aufmerksamkeit im Internet zu wünschen. Vielleicht wollen
Sie aber auch nur wissen, was Andrzej Stasiuk und seine Frau Monika Sznajderman
in ihrem Verlag Czarne an neuer mitteleuropäischer Literatur herausgeben?
Es folgt nun das von
mir zusammengestellte Verzeichnis lieferbarer polnischer Belletristik in
deutscher Übersetzung sowie von einigen Sachbüchern zum Thema Polen:
(Weiterverwendung
oder Download des Verzeichnisses nur nach Erlaubnis des Erstellers. Alle Rechte
zum Wiederabdruck bei Markus Krzoska, 2000-2011. Zuwiderhandlung wird
urheberrechtlich verfolgt).
a) Belletristik:
Lidia Amejko: Die
Vorstadtheiligen
Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann. Köln: Dumont Verlag 2010. 2203
S. € 18,95.
Gott scheint die Einwohner einer
polnischen Plattenbausiedlung vergessen zu haben. Deshalb müssen sie sich
selbst um ihre Seelen kümmern. Während sie alle vor dem Schnapsladen Jericho
herumhängen, erzählt eine von ihnen die Lebensgeschichten der Trinker, Huren
und Nichtstuer des Viertels als Heiligenlegenden. Unsentimental und
einfallsreich beschreibt Lidia Amejko Gefallene, wie man sie in jeder Vorstadt
trifft: Menschen, die ohne sinnstiftenden Gott auskommen müssen. Da ist die
Mutter Duchamp, die über alle und jeden zu schwatzen versteht, oder der heilige
Haïdegger, ein obdachloser Wohltäter der Worte, der der profanen Gegenwart ein
Fünkchen Metaphysik entlockt. Sie alle schlagen sich die Nächte um die Ohren
und stellen sich tapfer der Leere, mit nichts als ein paar Promille Alkohol im
Blut.
Jerzy Andrzejewski: Finsternis bedeckt die Erde
Aus dem Polnischen
von Oskar Jan Tauschinsky und Walter Henke. München: Langen Müller 1988. 192
S., € 11,00.
Andrzej Bart: Die Fliegenfängerfabrik
Aus dem Polnischen
von Albrecht Lempp. Frankfurt am Main: Schöffling Verlag 2010. 264 S. € 19,95.
Ein geheimnisvoller
Gast fordert einen polnischen Schriftsteller auf, in seine Heimatstadt Lodz zu
fahren und als Beobachter an einem Gerichtsprozess teilzunehmen. Ein
Teufelspakt? Es beginnt eine Wanderung zu einem Ort, an dem historische
Gestalten in eine phantastische Welt treten. Angeklagt in einem fiktiven
Prozess ist der Vorsitzende des Judenrats im Lodzer Ghetto, Chaim Rumkowski.
Ein manischer Organisator, der im Glauben, die Lodzer Juden vor Auschwitz
retten zu können, aus dem Ghetto ein prosperierendes Unternehmen machte, das
nun zum Wohl des Dritten Reichs arbeitete – noch ein Teufelspakt? Der
Stimmenchor der Zeugen und Opfer kreist um die Fragen nach historischer Schuld
– denn letztlich bewahrte der selbst ernannte Retter niemanden, nicht einmal
sich selbst, vor dem Tod: Was war Rumkowskis Motiv? Die Sorge um das Schicksal
der Gemeinschaft oder Machtgier? Darf man Menschenleben gegeneinander
aufrechnen?
Joanna Bator: Sandberg
Aus den Polnischen
von Esther Kinsky. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2011. 492 S. € 26,90.
Die
rebellische Dominika mit dem dunklen Teint und der »Zigeunermähne« ist eine
Außenseiterin. In der Klasse fühlt sie sich zu den Mitschülern hingezogen, die
anders sind: zu Dimitri, dem Sohn griechischer Exilanten, und zu Małgosia,
ihrer lesbischen Freundin. Das Leben im »Sandberg«, der heruntergekommenen
Plattenbausiedlung am Rande einer westpolnischen Kleinstadt, ödet sie an: der
Dreck, der Suff; ihre Mutter, die von einem Schwiegersohn aus Castrop-Rauxel
träumt; die von Kirche und Konsumwahn manipulierten Nachbarsfrauen. Was geht sie das an? Wie kommt sie überhaupt hierher? Geliebt fühlt
sich Dominika nur von ihren Großmüttern – Halina, die im »Deutschenhaus« in der
Altstadt wohnt, und Zofia, die sich 1943 das Leben nehmen wollte. Eines Tages,
als sie bei Zofia im Garten unter dem Walnussbaum sitzt, taucht ein Historiker
aus Kalifornien auf, der die Spur eines jüdischen Freundes verfolgt und wie
beiläufig ins Gespinst der Lebenslügen hineinsticht, aus dem Dominika sich
befreien will. Joanna Bator, die wohl stärkste neue Stimme der polnischen
Literatur, erzählt in einer reichen, sinnlichen Sprache und mit giftiger Ironie
von den Träumen, Ängsten und Hoffnungen einer von Krieg und Flucht
traumatisierten Generation und von der Rebellion und Freiheitssehnsucht ihrer
Kinder.
Anna Bolecka: Der weiße Stein
Aus dem Polnischen
von Albrecht Lempp. Berlin: Berlin Verlag 2000. 238 S., € 19,00.
Vor dem Ausbruch des
Zweiten Weltkriegs erinnert der Urgroßvater auf dem Sterbebett sein Leben in
einem polnischen Bauerndorf. "Die Gerüche und Farben der wechselnden
Jahreszeiten, Hitze und Kälte, Dürre und Regen ... In kristallklaren Sätzen
wird das polnische Bauernleben der Vorkriegszeit in seiner archaischen
Schönheit gemalt und mischt sich mit Träumen, Religion, Aberglaube, Mystik zu
einem rauschhaften, detailscharfen Panorama des polnischen Lebens." (Stem,
Amsterdam)
Anna Bolecka: Lieber Franz
Aus dem Polnischen
von Monika Kjer-Popiel. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2000. 408 S., € 24,80.
"Lieber
Franz" erzählt die Geschichte von Franz Kafka in fiktiven Briefen des
Autors und solchen an ihn - von Freunden, Bekannten, Zeitgenossen. Anna Bolecka
gelingt es, die intensive Spannung, in der Kafka zu seiner Welt gelebt hat,
wiederzugeben, indem sie die auftretenden Figuren kunstvoll selbst zu dramatis
personae erklärt. Der erste Brief an Kafka, den "lieben Herrn Franz",
stammt von Jizchak Löwy, einem Schauspieler, und markiert, geschrieben 1911,
eine geistige Wende im Leben des Schriftstellers - seine Entdeckung der
ostjüdischen Überlieferung. Thematisch zieht sich diese "Wende" durch
den ganzen Roman hindurch, der im Kern jedoch von Kafkas Verhältnis zu Frauen erzählt:
Dabei kommen seine Persönlichkeit, seine Ängste und Neurosen sowie seine
Selbstzerstörungskräfte am deutlichsten zum Vorschein. Und so schafft es Anna
Bolecka, ein sehr genaues Bild des Menschen Franz Kafka zu zeichnen, der sich
treu bleibt - in seinen Zuneigungen und in der leidvollen Erfahrung einer ihn
überwältigenden Realität. "Lieber Franz", ein so gewagter wie
überzeugender Briefroman, besticht durch seine poetische Sprache, die
Einfühlsamkeit, Empfindsamkeit und Ernsthaftigkeit seiner Autorin und durch die
wunderbare Mixtur von Fiktion und Wirklichkeit.
Tadeusz Borowski: Bei uns in Auschwitz
Aus dem Polnischen
von Vera Cerny. München: Piper Verlag 1999. 277 S., € 10,90.
Diese Erzählungen
Borowskis gehören zu den beklemmendsten Zeugnissen des 20. Jahrhunderts. Die
Einmaligkeit des Werks besteht nicht nur darin, daß er die Greuel der
Vernichtungslager mit literarischen Mitteln zu beschreiben versucht - ganz und
gar eigenständig ist auch die Konzeption der Tragik, die einen Unterton von
scheinbaren Zynismus, scheinbarer moralischer Indifferenz bedingt.
Kazimierz Brandys: Warschauer Tagebuch. Die Monate davor
1978-1981.
Aus dem Polnischen
von Friedrich Griese. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1984. 360 S., € 20,80.
Mirosław Bujko:
Der goldene Zug.
Aus dem Polnischen von Friedrich Griese. München: dtv 2007. 540 S. €
15,00.
Ein großer Abenteuerroman, in dem
die ganze Schönheit und Grausamkeit Russlands lebendig wird. Russland 1917. Die
Revolution hat gesiegt, die Zarenfamilie wird vom Exekutivkomitee des Urals
hingerichtet. Was bleibt, ist ein riesiger Goldschatz, den die Bolschewiki in
einem Güterzug vor den herannahenden Deutschen zu retten versuchen. Aber längst
haben auch andere von dem Gold Wind bekommen.
Sylwia Chutnik:
Weibskram.
Aus dem Polnischen
von Antje Ritter-Jasińska. Berlin: Vliegen Verlag 2011.
Welche Erinnerungen hat eine Frau
an den Krieg? Wie ist es, wenn im Alter die Kraft nachlässt und das Leben zum
Kampf wird? Was macht ein dreizehnjähriges Mädchen mit seiner Wut gegen
Konsumterror und Rollenklischees? Sylwia Chutnik nimmt kein Blatt vor den Mund.
In ihrem furiosen Roman skizziert sie das Bild einer rücksichtslosen
Gesellschaft, das aktueller nicht sein könnte. Und sie schreibt eine rasante
weibliche Gegengeschichte.
Stefan Chwin: Der goldene Pelikan.
Aus dem Polnischen
von Renate Schmidgall. München: Hanser 2005. € 19,90.
Jakub ist
Juraprofessor an der Danziger Universität, gut aussehend, selbstbewusst,
wohlsituiert. Er weiß, was richtig ist, und als ein Mädchen sich beschwert, sie
sei zu Unrecht durch die Prüfung gefallen, lässt er sie hochmütig stehen. Bis
er eines Tages zufällig erfährt, dass sie sich umgebracht habe. Sein Gewissen
beginnt ihn zu plagen. Er begeht kleine Ladendiebstähle, trennt sich von seiner
Frau, verliert Arbeit und Wohnung und irrt schließlich als Obdachloser durch
die Stadt. Ein fesselnder Roman über das Leben und darüber, wie es plötzlich
zerbrechen kann.
Stefan Chwin: Tod in
Danzig [Hanemann]
Aus dem Polnischen
von Renate Schmidgall. Reinbek: rororo 1999. 285 S. € 8,50.
Danzig 1945. Die
Deutschen verlassen die brennende Stadt. Unter dramatischen Bedingungen gelingt
etlichen die Flucht an Bord der "Friedrich Bernhoff", die vor
Bornholm beschossen wird und sinkt. Viele Menschen kommen um, auch die
Wallmanns aus der Lessingstraße 17. In ihrer verwaisten Wohnung findet bald
darauf die Familie des Ich-Erzählers ein neues Zuhause. Wie viele
heimatvertriebene Polen aus den sogenannten "kresy", den von Rußland
besetzten Ostgebieten, beginnen auch sie ihre neue Existenz zwischen den
fremdartigen, unversehrten, zurückgelassenen Dingen, den Zeugen einer
untergegangenen Welt. In dieser Villa mit Türmchen, Galerie und Veranda im
Stadtteil Oliva, mit seinen schattigen Gärten und Buchenhainen, dem Dom und der
Zisterzienserkirche, wohnt noch immer Herr Hannemann, einst Profesor der
Anatomie, ein Deutscher, der gut Polnisch spricht. Nach dem mysteriösen Tod
seiner Geliebten ist von einer Art innerer Lähmung befallen. Er ist in Oliva
geblieben. Nun erlebt er die Verwandlung Danzigs in eine polnische Stadt.
In der Ulica Grottgera, wie die Lessingstraße jetzt heißt, verflechten sich
die Geschichten der alten und neuen Bewohner. Da ist Hanka, eine junge Frau aus
Galizien, die einen Selbstmordversuch unternimmt, weil sie das Grauen ihrer
Kriegserlebnisse nicht mehr erträgt; und Adam, ein obdachloser taubstummer
Junge, und viele andere.
Stefan Chwin: Die Gouvernante [Esther]
Aus dem Polnischen
von Renate Schmidgall. Berlin: Rowohlt Verlag 2000. 320 S., € 21,00.
Man kann Stefan
Chwin als poetischen Chronisten der deutsch-polnischen Geschichte bezeichnen.
Sein neuer Roman beginnt um 1900 in Warschau. Dort unterrichtet "Fräulein
Esther" den 12-jährigen Andrzej Celinski in Fremdsprachen. Esther gelingt
es, die ganze Familie Celinski in ihren Bann zu ziehen, aber Andrzej und sein
älterer Bruder Aleksander sind ihre heftigsten Bewunderer. Doch die Gouvernante
verschwindet plötzlich. Als Erinnerung bleiben nur ein paar Bilder von ihr und
ihrer Heimatstadt Danzig. Bilder, die gut vier Jahrzehnte später wieder
auftauchen und Andrzej das Leben retten.
Maria Dąbrowska: Tagebücher 1914-1965
Aus dem Polnischen von Klaus
Staemmler. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1996. 390 S., € 10,00.
Jacek Dehnel: Lala
Aus
dem Polnischen von Renate Schmidgall. Berlin: Rowohlt 2008. 350 S. € 19,90.
Sie muss eine sehr schöne Frau gewesen sein. Noch im Alter
wird sie bei ihrem Spitznamen gerufen: «Lala» (Puppe). Wenn ihr Enkel Jacek ihr
zuhört, tut Lala nichts lieber als zu erzählen. Von ihrem Vater, dem legendären
6 Millionen Werbekontakte: Besitzer des ersten Autos in der Ukraine, von ihrer
adeligen Mutter, die eine Ehe sausen ließ, als der Vater endlich um sie warb,
und nicht zuletzt von sich selbst. Hineingeboren in die alte Welt des
polnischen Landadels, erlebt Lala den Zweiten Weltkrieg, die deutsche
Besatzung, den Umbruch aller Werte. Doch mit ihrem Charme und ihrer Courage
gewinnt sie selbst den Respekt der deutschen Besatzungssoldaten. «Lala» ist
eine weitgespannte Familiensaga und die Geschichte der zärtlichen Beziehung
zwischen Enkel und Großmutter: Jacek liebt Lalas schillernde Erzählungen, und
als sie allmählich vergesslich wird, übernimmt er selbst deren Faden. Bis es so
weit kommt, dass er ihr versichern muss, ja, sie habe wirklich ein erfülltes Liebesleben
gehabt, das könne sie ihm glauben. &xnbsp;Lala hat
ihm ein ganzes Jahrhundert an gelebtem Leben vererbt.
Wilhelm Dichter: Das Pferd Gottes
Aus dem Polnischen
von Martin Pollack. Reinbek: Rowohlt 2000. 313 S., € 8,50.
Wien, die ''Stadt,
in der die Juden glücklich waren'', ist im galizischen Boryslaw noch lebendig.
Der Ich-Erzähler, der Junge Wilek, hört die Großeltern Straußwalzer singen und
von den alten Zeiten schwärmen. Plätzlich bricht der Krieg aus. Die Sowjets
marschieren ein. Sie verstaatlichen die Ölfirmen und im Kindergarten werden
Leningedichte gelernt. Als die Sowjets flüchten, sprengen sie das
Elektrizitätswerk, um es nicht den Deutschen zu überlassen. Die Pogrome
beginnen. Die Großmutter wird von einem Nachbarn verraten. Wilek flieht mit
seinen Eltern von Versteck zu Versteck, überlebt unter Betten, in Brunnen, auf
Dachböden.
Im Nachkriegspolen wird aus dem verfolgten Kind der privilegierte Stiefsohn
eines kommunistischen Funktionärs. Die Mitschüler hänseln ihn, er rieche nach
Gas. Wilek ist kalt, mißtrauisch, geht wieder in Deckung. Zu schnell kann Macht
sich gegen ihn wenden. Kein sicherer Ort für seinesgleichen.
Wilhelm Dichter: Rosenthals Vermächtnis [Szkoła
bezbożników].
Aus dem Polnischen
von Martin Pollack. Berlin: Rowohlt Verlag 2000. 200 S., € 19,00.
Wilek hat als
verstecktes Kind in Galizien überlebt. Im Warschau der Aufbaujahre gehört er zu
den Privilegierten, denn sein Stiefvater arbeitet im Außenministerium. Fast
alle Freunde der Eltern sind jüdische Überlebende, die in der Partei und im
Wirtschaftsapparat Karriere machen. Doch die alten Ängste weichen nicht. Wilek
wird von den Bildern aus der Zeit der Verfolgung heimgesucht, von Erinnerungen
an seinen umgekommenen Vater und an die ermordeten Verwandten. Herr Rosenthal,
ein väterlicher Freund und Mentor, gibt ihm Plechanow und Majakowski zu lesen.
Hätten die Bolschewiki Europa erobert - glaubt Wilek -, hätte es keinen Hitler
gegeben, und seine Familie wäre noch am Leben.
In der Schule wird er als "russischer Lakai" und
"Kommunist" beschimpft. Um antisemitischen Attacken zu entgehen,
wechselt er auf ein Elitegymnasium, wo zukünftige Funktionäre herangezogen
werden. Seine Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Sicherheit ist so groß, dass er
die hellsichtigen Warnungen von Herrn Rosenthal in den Wind schlägt. Lakonisch
und mit kühler Präzision beschreibt Wilhelm Dichter die Mechanismen der Angst
und der Anpassung, die Hoffnungen und Irrwege einer jungen Nachkriegsgeneration
in Osteuropa.
Isachar Falkensohn Behr: Gedichte von einem polnischen Juden
Göttingen: Wallstein
Verlag 2002. 102 S., € 22,00.
"Gedichte von
einem polnischen Juden" - mit diesem geradezu provokanten Titel spielte
1772 der damals anonyme Autor Isachar Falkensohn Behr mit gängigen Vorurteilen
vornehmer Leser und - vor allem - Leserinnen, galten doch die Ostjuden in den
deutschen Metropolen als fromme, aber ungebildete, schwarzvermummte Gestalten
mit finsterem Blick und bärtigen Gesichtern. Mit dieser Edition wird die erste
Lyriksammlung eines deutschsprachigen Juden nachgedruckt - eine Sammlung, die
auch Goethes Aufmerksamkeit erregte. Falkensohn Behr, ein Juden aus dem Osten
im aufgeklärten Berlin Moses Mendelssohns, fand in der Anakreontik poetische
Formen und Motive und in der Kultur der Freundschaft, die in der
Rokoko-Dichtung propagiert wurde, das geeignete Milieu zur Integration.
Ida Fink: Notizen zu Lebensläufen
Aus dem Polnischen
von Esther Kinsky. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag 2000. 185 S., €
8,45.
Ida Fink erzählt vom
Leben in Polen zur Zeit der Besetzung durch die Nazis. Mit knappen,
eindringlichen Notizen zeichnet sie Lebensläufe von Männern und Frauen nach,
die von den Nazis geschunden wurden. Behutsam und schonungslos, elegisch und
ironisch zugleich, stehen die scheinbar einfachen Erzählungen für die Facetten
des Lebens in unmenschlicher Zeit.
Ida Fink: Die Reise
Aus dem Polnischen
von Klaus Staemmler. Frankfurt/Main: Fischer Verlag 1995. 240 S. € 8,90.
Die polnische
Schriftstellerin Ida Fink lebt heute in Israel. Die Geschichte, die sie in
diesem Roman erzählt, beginnt im Herbst 1942. Zwei jungen polnischen Jüdinnen
gelingt die Flucht aus dem Ghetto. Als sicherster ''Zufluchtsort'' erscheint
ihnen eines der zahlreichen Zwangsarbeiterlager im Deutschen Reich. So arbeiten
sie unter falschem Namen in einer Maschinenfabrik im Ruhrgebiet. Sie erleben
Haß und Hilfsbereitschaft, Feindschaft und Freundschaft, werden denunziert, von
der Gestapo gejagt. Daß sie die Heimat eines Tages wiedersehen, verdanken sie
ihrem unbändigen Überlebenswillen.
Janusz Głowacki: Die Lotterie, das Schwein, die Unterhose [Ostatni cieć]
Aus dem Polnischen
von Albrecht Lempp. Innsbruck: Skarabäus-Verlag 2004. 230 S. € 19,00.
"Glowacki's protagonist is
John Jefferson Caine, whose name is pronounced like the name of Welles's hero.
Just as in Welles, Caine is a media mogul. The action of Glowacki's book is set
almost a century later, so Caine can manipulate public opinion in a far more
refined manner by staging events which his TV channels then broadcast. Caine
amassed an enormous fortune as a fashion designer; he became the most famous
creator of cultural symbols and images. But his greatest success was the
creation of a new design of men's pants. Welles's reporter is replaced by Kuba,
the last super, a Pole from Greenpoint. He is a classic Glowacki character, and
he guides the reader through Caine's mad world."
Michał Głowiński: Eine Madeleine aus Schwarzbrot.
Aus dem Polnischen
von Martin Pollack. Frankfurt/Main: Jüdischer Verlag 2003. 220 S. € 19,90.
Je länger der
Trauerzug für Stalin durch die Straßen Warschaus marschiert, desto heiterer
wird die Stimmung jener, die daran teilnehmen müssen – die Hoffnung auf
Befreiung nach dem Tod des Diktators bricht sich Bahn. Mit oft hintergründiger
Ironie führt Michal Glowinskis Zyklus von Erzählungen eindringlich die
Atmosphäre im Nachkriegspolen vor Augen – jene Jahre der staatlichen
Repression, in denen auch der Antisemitismus im neuen kommunistischen Gewand
wiederersteht. Glowinskis Reise durch die Erinnerung führt auch in die Zeit der
Shoah zurück, die der bekannte polnische Literaturwissenschaftler als Kind und
Jugendlicher im Warschauer Ghetto und dann in verschiedenen Verstecken
überlebte. Im Mittelpunkt aber steht die Welt der Volksrepublik Polen nach
1945. Knappe, erhellende Momentaufnahmen machen die menschlichen
Tiefendimensionen einer von vielen Traumata gezeichneten Gesellschaft
einsichtig, die Glowinski als Schüler und Student erlebte und nun erzählend in
Erinnerung ruft – eine Zeit des kollektiv verordneten Verdrängens wird
vergegenwärtigt, in der schon das Wahrhaben von zerstörerischen Auswirkungen
der »großen Geschichte« auf die Lebensgeschichten einzelner ein Zeugnis des
Widerstehens war.
Natasza Goerke:
Rasante Erstarrung
Aus dem Polnischen
von Marlis Lami. Innsbruck: Skarabaeus Verlag 2003. 92 S. € 16,00.
"Ein polnischer
Mann ohne Eigenschaften - der (Anti-Held) in der Erzählung Rasante Erstarrung
der polnischen Autorin Natasza Goerke treibt durch seinen Alltag und versinkt
in den Rätseln, die die Welt für ihn bereithält. Goerke umkreist ihn mit jener
erzählerischen Raffinesse, die bei jedem ihrer Texte für Begeisterung bei
Leserschaft und Kritik sorgt und ihr eine treue Anhängerschaft beschert hat:
Ihre Prosa sprüht von Ironie und absurdem Humor, die in schillerndem Kontrast
zur Trostlosigkeit der Welt stehen, von der sie erzählt.
Traurigkeit und Komik fließen ineinander und bewirken die unwiderstehliche
Faszination, die von der Erzählweise Natasza Goerkes ausgeht. Das Gewöhnliche
legt sie unter das Mikroskop und vergrößert es zu grotesken Dimensionen, die
Realität verschwimmt mit Traum und Phantasie zu einem unentwirrbaren, surrealen
Labyrinth. Aus Fragmenten der Realität, Verweisen auf literarische Texte und
popkulturelle Erscheinungen, aus westlichen, östlichen und fernöstlichen
Einflüssen, aus Anspielungen und Versatzstücken webt Natasza Goerke ein Band,
das die Erzählung von ihrem Mann ohne Eigenschaften umschließt und zugleich
darüber hinausweist: Mit spöttischer Kritik zeigt sie auf eine
Gegenwartskultur, deren Idole sich oft gerade durch ihre Durchschnittlichkeit,
ihre Bedeutungslosigkeit, ihre Hohlheit auszeichnen."
Witold Gombrowicz:
Bacacy. Erzählungen
Aus dem Polnischen
von Walter Kiel und Olaf Kühl. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag 2005.
€ 8,90.
Gombrowicz hatte
etwas gegen den tödlichen Ernst in der hohen Kunst. Entsprechend verschmähen seine
hier versammelten Erzählungen durchaus nicht den erotischen Reiz der
Unterhaltsamkeit. Sie entfalten den ganzen Charme des schwarzen Humors, des
Schockers und des pointierten Krimis.
Witold Gombrowicz:
Gesammelte Werke, 13 Bde. in 11 Tln.
Frankfurt/Main:
Fischer Taschenbuchverlag 1998. € 99,00.
Witold Gombrowicz,
1904 als Sohn eines polnischen Landadeligen geboren, ist einer der
bedeutendsten polnischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er begann nach
seiner Ausbildung zunächst eine Juristenlaufbahn, bevor er sich ab 1934 ganz
dem Schreiben widmete. Auf einer Reise vom Ausbruch des Zweiten Weltkrieges
überrascht, blieb er bis 1963 in Argentinien, wo fast alle seine Werke
entstanden, die zunächst in Paris und später auch in Polen veröffentlicht
wurden. Zwischen 1959 und 1970 erschienen sie erstmals in deutscher Sprache.
Gombrowicz gilt als Vertreter des polnischen Existentialismus und wurde vor
allem durch seine grotesken und phantastischen Erzählungen bekannt. Er wurde
für sein Werk mit zahlreichen internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet.
Witold Gombrowicz:
Polnische Erinnerungen
Aus dem Polnischen
von Klaus Staemmler. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag 2005. € 9,90
Gombrowicz erzählt
von seiner Jugend auf dem Lande, von seinen komplizierten Beziehungen zum
intellektuellen Leben Warschaus und beschreibt boshaft und scharfsinnig die
Bewohner seiner neuen Heimat Argentinien. Unmittelbar entsteht die eigenwillige
Schriftstellerpersönlichkeit, dessen Werk in der Literatur des 20. Jahrhunderts
so einzigartig ist.
Witold Gombrowicz: Sakrilegien. Aus
den Tagebüchern 1953 bis 1967.
Aus dem Polnischen
von Olaf Kühl. Frankfurt/Main: Eichborn Verlag 2002. 359 S., € 27,50.
Nein, Kulturkritik kann
man das nicht nennen. Kulturkritik, das hört sich ja so müde an. Dagegen
Gombrowicz und seine noble Unverschämtheit! Dieses aggressive Rollenspiel,
diese Attacken auf alles und auf jeden, Polen, Franzosen, Argentinier,
Deutsche! (Ein besonders schönes Kapitel handelt vom West-Berlin der sechziger
Jahre.) Wie er schimpft und predigt, wie er sich lustig macht über uns und über
sich, das ist inspiriert und hat einen langen Atem. Nichts ist diesem
Tagebuchschreiber heilig. Seine Kennerschaft in Sachen Dummheit ist
unübertroffen. Damit provoziert er natürlich Rechte wie Linke, Gerechte wie
Ungerechte. Mit größter Lust schlachtet er die Kühe des Patriotismus, der
Kirche, der Ideologie, und am allerwenigsten schont er die Kultur und ihren
Jahrmarkt der Eitelkeiten.
Nie kann man sicher sein, wie er es meint. Der Ton kippt von der
haarsträubenden Komik in den bitteren Ernst. Von der Banalität des Alltags zur
philosophischen Menschheitsfrage (und umgekehrt), vom Größenwahn zur bösen
Selbstironie (und umgekehrt) ist es nur ein kleiner Schritt. Kein Zufall, daß
er im Exil geblieben ist; nur einem ewigen Außenseiter ist eine derartige
Perspektive vergönnt. Ihre Kehrseite ist die Egomanie.
Kein Wunder also, daß das vollständige Tagebuch einen über tausendseitigen
Folianten füllt. Das ist nicht jedermanns Sache. Deshalb begnügt sich die hier
vorgelegte Auswahl auf ein gutes Drittel der Vorlage. Vor mehr als vierzig
Jahren geschrieben, sind diese Seiten frisch geblieben wie am ersten Tag. Sie
schärfen den Blick, und sie beweisen, daß die Tragikomödie unsterblich ist.
Katarzyna Grochola: Die himmelblaue Stunde
Aus dem Polnischen von Monika
Cagliesi-Zenkteler. München: Heyne Verlag 2003. 300 S. € 9,00
Als ihr Mann sie aus der gemeinsamen Wohnung wirft, beschließt Judyta, den
Traum vom Häuschen auf dem Lande zu verwirklichen. Erfolgreich nimmt sie es mit
Handwerkern, Ungezieferheeren und schlammigen Pfaden auf, die so gar nicht zu
ihren eleganten Stilettos passen. In ihrer Zeitschriftenkolumne schreibt sie
sich den Ärger von der Seele und behauptet: Alle Männer sind gleich. Ein Leser
will das nicht auf sich sitzen lassen und verwickelt sie in einen witzigen
Briefwechsel. Schon bald wartet Judyta mit Herzklopfen auf die himmelblauen
Umschläge …
Henryk Grynberg: Drohobycz, Drohobycz. Zwölf Lebensbilder.
Aus dem Polnischen
von Martin Pollack. München: Zsolnay-Verlag 2000. 336 S., € 19,90.
Zwölf Berichte vom
Leben und Überleben in barbarischen Zeiten.
Eindringlich, berührend und authentisch: Ein
behutsame literarische Auseinandersetzung mit einem dunklen Kapitel der
europäischen Geschichte.
Angst und Schrecken verbreitete der aus Wien stammende Gestapohauptmann
Felix Landau unter den Juden von Drohobycz. Nur mit dem Schriftsteller und
Maler Bruno Schulz machte er eine Ausnahme. Von dem schmächtigen Dichter der
"Zimtläden", dem Kafka-Übersetzer und Zeichenlehrer ließ Landau sich
porträtieren, mit ihm unterhielt er sich. Und Schulz redete mit ihm - um sein
eigenes Leben. Und genauso um sein Leben musste der für seine Intarsien
berühmte Kunsttischler Hauptman mit dem SS-Scharführer Karl Günther reden, der
dessen Kostbarkeiten unter der Hand nach Deutschland verkaufte. Als Landau
davon erfuhr, erschoss er Hauptman. Kurze Zeit später wurde Bruno Schulz von
Günther ermordet. Beiläufig, als sei dieses Schicksal ganz selbstverständlich,
berichten die zwölf Erzähler im Buch des polnischen Schriftstellers Henryk
Grynberg über den Holocaust, aber auch über den Antisemitismus in der
Sowjetunion. Grynbergs dokumentarische Prosa geht zurück auf die Erzählungen
Überlebender, und sie reicht herauf bis in die Gegenwart. Seine über alle
Kontinente verstreuten Protagonisten überleben nur durch Zufall, denn die
größte Gefahr geht von den Menschen aus - nicht nur von den Deutschen, sondern
von all denen, die angesichts einer drohenden Katastrophe vor nichts
zurückschrecken.
Zygmunt Haupt: Ein Ring aus Papier. Erzählungen
Aus dem Polnischen
von Esther Kinsky. Mit einem Nachwort von Andrzej Stasiuk. Frankfurt/Main:
Suhrkamp 2003. 350 S. € 24,90.
»Was ist das –
Glück? Erinnerung, ein Stück gelebten Lebens, das zum Eigentum geworden ist.
Man kann zwischen zerbrochenen Spielsachen sitzen, zwischen Spänen, Kletten und
Gras oder mitten in einer Landschaft und aus dieser zerstreuten Welt eine neue
Gestalt bilden.« Das schmale ?uvre
von Zygmunt Haupt (1907–1975) ist eine einzige Beschwörung dieser für immer
verlorenen Welt der Kindheit. Aufgewachsen in Podolien, einem Grenzland mit
seinen verschiedenen Sprachen und Volksgruppen, erlebt er, am Gartenzaun
stehend, das Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie. In seinen Texten
mit so faszinierenden Titeln wie »Madrigal für Anusia«, »Von Stefcia, Chaim
Immerglück und den skythischen Armbändern« oder »Aus der Chronik vom fliegenden
Haus« gewinnen die weiten, melancholischen Landschaften des europäischen
Ostens, die endlosen Wälder, aber auch der Theodorplatz in Lemberg oder eine
Straße in Paris eine sinnliche Prägnanz, die den Malerdichter verrät.
Wenngleich Haupts Sprache in ihrer Durchdringung von Imagination und Expression
zu den größten Errungenschaften der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts
gehört, wurde dem Schaffen dieses Emigranten nie die Aufmerksamkeit zuteil, die
seiner Originalität gebührt. Erst 1997, dank des Engagements Andrzej Stasiuks,
der ihn als seinen »Lehrer« bezeichnet und eine Neuausgabe im eigenen Verlag
publizierte, wird Zygmunt Haupt in Polen entdeckt.
Zygmunt Haupt:
Vorhut. Erzählungen, Fragmente,
Skizzen.
Aus dem Polnischen
von Esther Kinsky. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2007. 231 S. € 15,80
Haupts Prosaband
Vorhut, 1989 im Pariser Exilverlag Kultura posthum veröffentlicht, enthält
Texte aus den Jahren 1944-1975. Sie lesen sich wie Bruchstücke, wie
Mosaiksteine eines ungeschriebenen Romans. Wie es möglich sei, auf so
universale Weise zu schreiben, daß es im Ohr eines jeden Lesers Widerhall
findet, und doch dem Authentischen, Exotischen, den unreduzierbaren Details
treu zu bleiben - die Frage hat Haupt (1907-1975) gequält; er war überzeugt,
diesem Anspruch nicht zu genügen. Die Leser dieses Buches werden ihm
widersprechen.
Zbigniew Herbert:
Ein Barbar in einem Garten
Aus dem Polnischen
von Klaus Staemmler und Walter Tiel. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1995. 320 S., €
14,80.
Zbigniew Herbert: Gewitter Epilog. Gedichte.
Aus dem Polnischen
von Henryk Bereska. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2000. 78 S., € 16,80.
Nicht viel wird
bleiben Richard wirklich nicht viel / von der dichtung dieses
wahnsinnsjahrhunderts sicherlich Rilke und Eliot / auch ein paar andre würdige
schamanen die das geheimnis kannten / widerstandsfähige wörter gegen die
wirkung der zeit zu beschwören" (An Ryszard Krynicki).
Zu den paar andren, deren Poesie Zbigniew Herbert Haltbarkeit attestierte,
zählte zweifellos er selbst, auch wenn er so gar nichts von einem Schamanen an
sich hatte. Er war und blieb, auch in bedenklich bacchantischen Situationen,
stets ein Herr, ein polnischer Herr, der als Dichter nicht von ungefähr am
liebsten in der Gestalt des Pan Cogito - des Herrn Cogito - auftrat. Diesem
Alter Ego verdanken wir einige Gedichte, die in ihrer Anschauungskraft,
Gedankenklarheit, Welt- und Menschenzugewandtheit einzigartig dastehen in der
lyrischen Landschaft des 20. Jahrhunderts, Gedichte, die diesem
Wahnsinnsjahrhundert wahrhaftig Widerstand leisteten. Es sind ziemlich
altmodisch anmutende Attribute, die sich in der Erinnerung an Zbigniew Herbert
als Erstes bei mir einstellen: Stolz, Großmut, Treue, Tapferkeit (sie vor
allem), Weisheit (ja, auch sie). Doch wie viel Intelligenz und Ironie -
Selbstironie insbesondere - gehörten dazu, um alle diese Eigenschaften, die
sich unter den einen Begriff Humanität subsumieren ließen, unbeschädigt über
die schrecklichen Zeiten zu bringen. Unter den vielen Engeln seines Werks - nur
Rafael Alberti hat es auf noch mehr Engel gebracht - gibt es nicht nur einen
engel der skepsis, sondern auch einen engel der ironie. Ohne seine wunderbare
Waffe des Lachens, ohne sein entwaffnendes Lachen wäre Zbigniew Herbert
verloren gewesen in einer Zeit, die einem Polen, einem polnischen Dichter
zumal, furchtbare Prüfungen auferlegte.
Zbigniew Herbert: Der gordische Knoten.
Prosastücke.
Aus dem Polnischen
von Henryk Bereska. Berlin: Friedenauer Presse 2001. 32 S., € 9,50.
Zbigniew Herbert: Herrn Cogitos Vermächtnis.
89 Gedichte.
Aus dem Polnischen
von Karl Dedecius (u.a.). Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2000. 181 S., €
19,80.
"Herrn Cogitos
Vermächtnis" ist ein Vermächtnis Zbigniew Herberts an seine Leser: 89
Gedichte, vom Autor selbst ausgewählt aus allen Phasen seines Lebens, das von
den Ereignissen des 20. Jahrhunderts nicht zu trennen ist. Zbigniew Herbert
zählt zweifellos zu den größten und auch zu den am häufigsten übersetzten
polnischen Dichtern; er erlangte Weltruhm und blieb doch eng mit der
Wirklichkeit seines Landes verbunden. Vordergründig schlicht, hintersinnig
verschmitzt, ernst und heiter zugleich erzählt Herbert von ganz alltäglichen
Dingen: von einer Welle, einem Zweig, einem Kieselstein, der Grazie einer
Bewegung. Und ebenso unnachahmlich verarbeitet er zeitgeschichtliche
Erfahrungen, die man selten ergreifender und anschaulicher zu lesen bekommt als
bei diesem Dichter der leisen Töne: Am schönsten ist Nike / wenn sie zögert /
die rechte hand an die luft gelehnt / herrlich wie ein befehl / aber die flügel
zittern. Die Sinnlosigkeit des Krieges in einem, das Bekenntnis zur Schönheit
des Lebens im nächsten Gedicht, das erzeugt die Magie dieser Sammlung, in der
manche bekannte Gedichte neu überarbeitet, andere erstmals auf Deutsch zu lesen
sind. Zbigniew Herbert ist hier noch einmal in all den Facetten seines
lyrischen Werks zu entdecken.
Zbigniew Herbert: Das Land, nach dem ich mich sehne. Lyrik und Prosa.
Aus dem Polnischen
von Karl Dedecius (u.a.). Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1987. 376 S., €
20,80.
Zbigniew Herbert: Opfer der Könige. Zwei Essays.
Aus dem Polnischen
von Klaus Staemmler. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1999. 114 S., € 10,80.
Zbigniew Herbert: Stilleben mit Kandare.
Skizzen und Apokryphen.
Aus dem Polnischen
von Klaus Staemmler. Frankfurt/Main. Suhrkamp 1996. 215 S., € 5,95.
In einem Buch über
die Landschaft, Bilder und die Maler Hollands, das auf alle Abbildungen
verzichtet, wendet Herbert den natürlichen Nachteil der Sprache in ein neue Qualität. Die literarische Beschreibung - so meint
er - sei einem mühevollen Möbelrücken ähnlich. Was der Autor etwas locker
-Möbelrücken- nennt, rückt Dinge in unser Bewußtsein, die sonst wie in einem
dunklen Spiegel erschienen. Herbert hat faszinierte, ja süchtige Leser-.
(Harald Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung).
Zbigniew Herbert: Der Tulpen bitterer Duft
Aus dem Polnischen
von Klaus Staemmler. Frankfurt/Main: Insel Verlag 2001. 63 S., € 10,80.
Der Tulpen bitterer
Duft berichtet davon, wie eine der schönsten Blumen als Geschenk des Orients
nach Europa kam, und erzählt die Geschichte einer Manie, die des holländischen
Tulpenfiebers im 17. Jahrhundert, das sich bis zum Irrsinn steigerte und zum
Ruin der Tulpenspekulanten führte. Es ist eine atemberaubende Geschichte, die
auch als Parabel gelesen werden kann. »Denn«, so Zbigniew Herbert am Schluß
seiner Erzählung, »erinnert die beschriebene Affäre nicht an andere,
bedrohlichere Wahnsinnstaten der Menschheit, die auf der unvernünftigen Bindung
an eine einzige Idee, ein einziges Symbol, eine Glücksformel beruhen?«
Zbigniew Herbert: Im Vaterland der Mythen.
Griechisches Tagebuch.
Aus dem Polnischen
von Karl Dedecius. Frankfurt/Main: Insel 2001. 200 S., € 8,50.
Zbigniew Herbert (1924
-1998) unternahm seine erste Griechenlandreise 1964. Er bewanderte Attika, den
Peloponnes und zahlreiche Inseln, vor allem Delos und Kreta. Den stärksten
Eindruck empfing er von Delphi; die größte Enttäuschung waren für ihn die
Fresken des Knossos.
Sein »Griechisches Tagebuch« ist eine Sammlung seiner schönsten Gedichte,
Prosatexte, Dialoge und essayistischen Aufzeichnungen über griechische Kunst,
Geschichte und Landschaft. Herberts Griechenland ist keine antiquierte Antike.
Wer bei ihm nur bildungsbeflissene Gräkomanie sucht, kommt nicht auf seine
Kosten. Er reiste im »Vaterland der Mythen, in einem Land, wo die Uhren
Jahrtausende abmessen«, um eine Einsicht in die Gegenwart und Zukunft zu
gewinnen. Seine Aufzeichnungen sind so auch Gebrauchsanweisungen, mit Mythen
heute umzugehen.
Gustaw Herling: Tagebuch bei Nacht geschrieben
Ausgewählt und aus
dem Polnischen übersetzt von Nina Kozlowski. München: Carl Hanser Verlag 2000.
479 S., € 24,90.
1971 begann Gustaw
Herling sein "Tagebuch bei Nacht" im Exil in Neapel. Es wird hier in
einer repräsentativen Auswahl aus den Jahren 1984 bis 1995 vorgestellt,
beginnend mit dem Orwell-Jahr bis zu Herlings Trennung von der ''Kultura''. Er
reflektiert darin die großen Probleme seiner Zeit, die politische und kulturelle
Entwicklung in Polen und Russland ebenso wie in Westeuropa. Ein Hauptinteresse
gilt der Entstehung des Totalitarismus in Politik und Kunst, der Frage nach dem
Bösen, seiner Banalität oder Dämonisierung. Aber er besucht auch die schönsten
und abgelegensten Kirchen in Neapel und berichtet über Ausstellungsbesuche oder
Lektüreerfahrungen, vor allem über Tschechow und Kafka. Damit wird die ganze
Vielfalt seines Denkens und Schreibens zugänglich, denn die
Tagebücher gelten als sein Hauptwerk.
Gustaw Herling: Das venezianische Porträt.
Erzählungen
Aus dem Polnischen
von Nina Kozlowski. München: Carl Hanser Verlag 1996. 300 S., € 19,90.
Die Gesichter des
Bösen sind Herlings Thema, und in all seinen Geschichten zeichnet er Porträts
von Menschen, denen das Böse begegnet, sei es in menschlicher Gestalt, sei es
durch Krieg, Krankheit oder Naturkatastrophen. Wie meistern diese Menschen ihr
Schicksal? Wie reagieren sie, wenn das Außergewöhnliche, das Numinose, das
menschliches Fassungsvermögen Übersteigende in ihr Leben tritt?
Leszek Herman (Oświęcimski): Der Klub der polnischen Wurstmenschen
Aus dem Polnischen
von Adam Gusowski. Berlin: Ullstein Verlag 2004. 160 S. € 7,00.
Die Handlung des
philosophisch unterfütterten Abenteuerromans wäre vielleicht folgendermaßen zu
umreißen: Drei Typen werden von Forschern aus Wurst gebastelt und verlassen
ihre polnische Heimat, um in der BRD ihr wurstiges Glück zu versuchen. Sie
erleben einige seltsame Geschichten, lernen deutsch, schreiben Gedichte und am
Ende jagen Agenten die Wurstmenschen. Es wird geschossen, geliebt, geflüchtet
und – logisch, gesoffen. Das Drumherum dieses Handlungsstranges ist die
eigentliche Würze des erfreulichen Büchleins.
Jan Himilsbach: Die Welt des Jan Himilsbach.
Zusammengestellt und
übersetzt von Martin Sander. München: dtv 2006. 196 S. € 14,50.
Kurz- und
Schelmengeschichten von einem der großen unabhängigen Autoren Polens nach dem
Krieg. Als heimatloses Waisenkind - seine Mutter war während der deutschen
Okkupation gestorben - hatte man ihn 1945 wegen ein paar Diebstählen in
Erziehungsheime gesperrt und zum Steinmetz ausgebildet. Himilsbach blieb ohne
festen Wohnsitz und verdiente sein Brot auf Warschauer Friedhöfen und als
Matrose auf der Weichsel. Seine ersten Erzählungen entstanden in den fünfziger
Jahren - Schelmengeschichten, ausnahmslos autobiographischen Charakters, sehr
inspiriert, weniger faktentreu. Vom Schriftstellerverband entdeckt und wegen
Regelverstößen wieder fallengelassen, verkehrte Himilsbach bald mit Hlasko,
Konwicki und anderen bedeutenden Angehörigen der Warschauer Literaten- und
Kneipenszene. Berühmt wurde er jedoch als Schauspieler, in „Rejs“, ein
satirischer Film, der auf Anhieb Kultstatus erreichte. Seither spielte
Himilsbach in Dutzenden von Filmen - am liebsten skurrile Kleinbürger, Trinker,
Lebenskünstler, oft sich selbst. Ende der neunziger Jahre entdeckte ihn ein vor
allem jugendliches Publikum, die Neuausgaben seiner Erzählungen wurden zu
bemerkenswerten Verkaufserfolgen. Als Jan Himilsbach 1988 an den Folgen
langjährigen und exzessiven Alkoholkonsums in Warschau starb, war er in Polen
berühmt und weithin berüchtigt: zur Schlüsselfigur der unabhängigen polnischen
Nachkriegsliteratur unter dem Kommunismus geworden, gehörte er zunächst zu
jenen, die der Gesellschaft auf ganz eigene und einmalige Weise einen Spiegel
vorzuhalten vermochten, nach der Wende wurde er zu einer bedeutenden Instanz
der jungen polnischen Kulturszene.
Himilsbachs
Erzählungen vom Leben und Überleben in Zeiten des Krieges gehören mit ihrer
lakonischen Verschränkung von geschichtlicher und persönlicher Dramatik zum
Ungewöhnlichsten moderner polnischer Literatur.
Marek Hłasko: Die schönen Zwanzigjährigen
Aus dem Polnischen
von Roswitha Matwin Buschmann. Frankfurt/Main: Verlag Neue Kritik 2000. 240 S.,
€ 19,50.
(taz, 9.12.2000)
Marek Hlasko, das "Literaturidol der polnischen Nachkriegszeit",
hatte ein "atemloses Leben" und erzählte entsprechend eindringlich.
"Die schönen Zwanzigjährigen" sind seine Aufzeichnungen aus dem Exil,
1966 auf Polnisch in Paris erschienen, jetzt erstmals auf Deutsch. Ob diese
Übersetzung gelungen ist, erfährt man in Olga Mannheimers Kritik nicht, dafür
umso mehr über Hlaskos Lebensgeschichte. Hlasko, 1934 geboren, mit 20 Jahren
entdeckt, einige Jahre später bereits als "Vaterlandsverräter"
bezeichnet, lebte und arbeitete zunächst im Pariser Exil, später in Westeuropa,
Israel und den USA. Seinen Schreibstil schulte er
"angeblich an Spitzelbriefen" und sein Tod 1969 an einer Überdosis
Alkohol und Tabletten bleibt unaufgeklärt. "Erfahrenes und Erdachtes sind
dicht verwoben", meint Mannheimer über diese Aufzeichnungen. Doch diene
die Vermischung "nicht der Selbstverklärung", sondern im Gegenteil
einer erstaunlichen Offenheit. Trotzdem, so die Rezensentin, frage man sich, an
welchen Stellen der "wahre" Hlasko erkennbar sei. Erkennbar ist wohl
in jedem Fall sein "sagenhaftes Erzähltalent", von dem Mannheimer in
hohen Tönen schwärmt: "Ironie, Tempo, lebendige Dialoge, treffende Details
alles ist in dieser Prosa zu finden".
Witold Horwath: Seance
Aus dem Polnischen
von Esther Kinsky und Olaf Kühl. Hamburg: Hoffmann & Campe 2000. 351 S., €
19,95.
Witek ist sechzehn
und Schüler an einem Warschauer Gymnasium, als eines Tages - es ist der 22.
September 1975 - Milena Hrabicz in sein Leben tritt. Milena, aus ihrem rechen
Krakauer Elternhaus und von ihrer alkoholkranken Mutter weggelaufen, fasziniert
ihn mit ihrem Lebensstil, ihrer Art, sich zu kleiden, und ihrer übermäßigen
Trinkerei. Jenseits aller offensichtlichen Gegensätze und trotz der Kälte, die
Milena an den Tag legt, schließen beide im Augenblick ihrer ersten Begegnung
einen Bund.
Sie führt ihn ein in eine exotische Welt. Er lernt die Villa in Krakau
kennen, wo sie aufgewachsen ist; macht die Bekanntschaft ihrer Mutter, einer
begabten, aber dem Alkohol verfallenen Jouranlistin; begegnet ihrem Großvater,
einem schillernden Patriarchen, der mit der Großmutter, einer Armenierin,
herschaftlich in der Nähe von Warschau residiert. Milena zieht mit ihm durch die
Bars und bringt ihn in Kontakt mit einem zwielichtigen Milieu von Machos und
Kriminellen.
Kurz "gehen" Milena und Witek sogar miteinander, dann muss er sich
damit begnügen, als Mitglied der Clique bei gemeinsamen Eskapaden in ihrer Nähe
sein zu dürfen - bis Milena alle vor den Kopf stößt und mit einem
undurchsichtigen Kleinunternehmer nach Amerika durchbrennt. Nach elf Jahren,
Witek ist inzwischen dreißig und verheiratet, kehrt sie nach Warschau zurück.
Paweł Huelle:
Castorp
Aus dem Polnischen von
Renate Schmidgall. München: Verlag C.H. Beck 2005. 252 S. € 17,90.
Im Roman „Der
Zauberberg“ von Thomas Mann findet sich der Satz, daß die Hauptfigur Hans
Castorp einige Semester in Danzig studiert habe – Pawel Huelle hat diese
Bemerkung zum Ausgangspunkt für einen poetischen, atmosphärischen und
spannenden Bildungsroman über Castorp in Danzig gemacht. Im Oktober 1904 kommt
Hans Castorp nach Danzig, um dort Schiffbau zu studieren. Die Stadt, vor deren
melancholischem Sog ihn sein Onkel, Konsul Tienappel, noch gewarnt hatte, zieht
den knapp Zwanzigjährigen sofort in ihren Bann. Im benachbarten Zoppot verliebt
er sich in eine junge Polin, Wanda Pielecka, die allerdings in eine Affaire mit
einem jungen russischen Offizier verstrickt ist, in die auch Castorp am Ende
mit hineingezogen wird. Um sich aus seiner Gefühlsverwirrung zu befreien, sucht
Castorp Hilfe bei einem Psychologen, findet Trost bei Schopenhauer, dessen
Spuren in Danzig er folgt. Am Ende kommt er bereichert und gereift, gestärkt
durch eine erste, wenn auch unerfüllt gebliebene Liebe, nach Hamburg zurück.
Ohne Thomas Mann nachzuahmen, aber voller Anspielungen nicht nur auf den
„Zauberberg“, auf Theodor Fontanes „Effi Briest“, auf Schuberts „Winterreise“
und vieles andere erzählt Pawel Huelle elegant, unterhaltsam, voller Ironie und
Humor und zugleich mit einem Schuß Melancholie, denn natürlich ist dieser Roman
auch ein Buch über die komplizierte und schmerzhafte Beziehung zwischen der
deutschen und der polnischen Kultur und darüber, wie man sie aufs neue
verknüpfen kann.
Paweł Huelle: Mercedes Benz.
Aus dem Polnischen
von Renate Schmidgall. München: Verlag C.H. Beck 2003. 160 S. € 17,90.
(FAZ, 22.02.03) Für
einen ausgesprochen lesevergnügten Rezensenten Richard Kämmerlings konzentriert
Pawel Huelle in seinem neuen Roman "nicht weniger als das Schicksal Polens
im zwanzigsten Jahrhundert". Zugleich ist der Roman für Kämmerlings
durch und durch aus literarischen Anspielungen gefertigt, so wie der
titelgebende Mercedes-Benz-Oldtimer des Vaters des Erzählers schließlich nur
noch aus Ersatzteilen bestehe. Außerdem sei dieser Roman eine "offene
Hommage" an den "großen Tschechen" Bohumil Hrabal, sein
erzählerischer Rahmen "ein posthumer Brief an das bewunderte
Vorbild". Für den Rezensenten ist dies Buch, das man wegen der
"pikaresken Form, in der satirische Skizzen der postsozialistischen
Realität mit der Familiengeschichte Huelles" verschränkt werden, leicht
unterschätzen könne, zudem "eine Erforschung des Mysteriums Erinnerung,
der poetischen Produktivkraft schlechthin". Im organisierten Chaos des
Danziger Stadtverkehrs erkennt der Rezensent das erzählerische Modell dieses
leichten und wendigen Buchs: "oft scheinen die einzelnen Worte seiner oft
über eine halbe Seite reichenden Sätze dreispurig dahinzugleiten, sich im
Kreisverkehr zu drehen und waghalsige Wendungen zu vollziehen". Für den
hochbeglückten Rezensenten aber sind die Bremsen das wichtigste
Ausstattungsstück dieser erzählerischen S-Klasse: "S wie
Schelmenroman".
Paweł Huelle: Silberregen. Danziger Erzählungen [Pierwsza miłość i inne
opowiadania].
Aus dem Polnischen
von Renate Schmidgall. Berlin: Rowohlt Verlag 2000. 268 S., € 19,00.
In der Nacht bevor
Danzig von den Russen zerstört wird, geht Direktor Winterhaus zum leeren Straßenbahndepot
- in Erinnerung an die Zeit als er noch ein gewöhnlicher Straßenbahnfahrer war.
Die ersten Granaten fallen und setzen nicht nur seiner Karriere, sondern auch
der Stadt, die nie wieder sein würde, was sie gewesen war, ein Ende.
Pawel Huelle, seit seiner Kindheit auf den Wegen der verschwundenen
deutschen und der neuen polnischen Stadt unterwegs, erzählt von der Rückkehr
des Herrn Winterhaus nach 40 Jahren und lässt den Leser in die Atmosphäre der
pommerschen und kaschubischen Umgebung eintauchen.
Wojciech Jagielski:
Wanderer der Nacht. Eine Reportage.
Aus dem Polnischen von Lisa Palmes. Berlin: Transit 2010. 260 S. € 18,80.
Wojciech Jagielski, einer der
mutigsten Schüler Kapuscinskis, hat sich in den letzten Jahren immer wieder in
den gefährlichsten Krisengebieten dieser Welt aufgehalten: Kaukasus,
Afghanistan, Tschetschenien und immer wieder Afrika. Seine Methode beim
Beobachten und Schreiben ist so einfach wie schwierig: er lässt sich auf das
Land, die unterschiedlichen Sichtweisen, auf die Konflikte innerhalb der
Gesellschaft ohne Vorurteile ein; er porträtiert Menschen, die in die Spirale
des Hasses und der Rache geraten und kaum eine Chance haben, da wieder
herauszukommen. In seinem neuesten Buch schreibt Jagielski über Uganda, über
Truppenführer, die Dörfer überfallen und Kinder rauben, über Eltern, die mit
aller Kraft und Phantasie versuchen, ihre Kinder vor diesem Schicksal zu
bewahren. Er schreibt aber auch über die politischen Hintergründe, die
gesellschaftliche »Normalität« und fragt, wieso aus ehemaligen »Befreiern«
immer wieder habgierige und brutale Despoten werden, wie Menschen in einem
dreißigjährigen Bürgerkrieg überleben, und trotz allem die Hoffnung auf eine
Zukunft nicht aufgeben. Er erweitert seine Reportage durch fiktive,
erzählerische Elemente und erreicht damit eine eigene schriftstellerische
Qualität. Besonders eindrucksvoll sind seine genauen und stilistisch sensiblen
Porträts von Menschen, die Soldaten oder Partisanen waren, fliehen konnten und
jetzt mit diesem Trauma leben müssen; von Kindern, die sich vor dem Militär
oder den Guerilleros verstecken, nachts aus den Dörfern in die Städte ziehen
(wo sie sicherer sind) um dann, am Morgen, wieder zurückzuschleichen eben die
»Wanderer der Nacht«.
Marzanna Kielar: In den Rillen eisiger Stunden
Aus dem Polnischen
von Renate Schmidgall. Edition Solitude 2000. 96 S., € 15,00.
Andrzej Kopacki: An der Ampel: Gedichte
Aus dem Polnischen
von Dorothee Daume. Edition Korrespondenzen 2011. 176 S. € 22,00.
Momentaufnahmen, Schnappschüsse aus
allen Teilen der Welt, verzeichnet Kopackis Gedichtband An der Ampel ebenso wie
die Absurditäten des in Polen ewigwährenden politischen und gesellschaftlichen
Übergangsstadiums. Blicke, Szenen, Situationen und Menschenporträts verdichten
sich bei ihm zu einer Chronik der zeitgenössischen Empfindung der Gegenwart.
Kopacki ist ebenso Poeta doctus wie Phantast. Doch »einem dozierenden Poeta
doctus begegnen wir nicht in diesen Versen von assoziativ gesäumten Augenblicken,
Erinnerungsblitzen, in diesem Pendeln vom Unscheinbaren aufs Ganze« (Ludwig
Hartinger). Kopacki beobachtet und verfremdet. Er infiltriert das Wahrgenommene
mit literarischen Bezügen und utopischen Gesten, sodass die plastischen
Momentaufnahmen zugleich auch die Leidenschaften des Bewusstseins punktieren.
In rhythmisch und klanglich verknappten Versen voller Scharfsicht, Witz und
Sensibilität erfassen Kopackis Gedichte diese raren Augenblicke der
Konzentration.
Julian Kornhauser:
Zuhause, Traum und Kinderspiele
Aus dem Polnischen
von Kirsti Dubeck. Potsdam: Deutsches Kulturforum östliches Europa 2003. 156 S.
€ 11,90
Gleiwitz in den
fünfziger und sechziger Jahren des 20.Jahrhunderts: J., der Held des Romans,
erlebt die ihn umgebende vielschichtige Welt Oberschlesiens aus der Sicht eines
Kindes, begleitet von der erwachsenen Perspektive des sich erinnernden
Erzählers. In der Geschichte seiner Familie spiegelt sich eine komplizierte
polnisch-jüdisch-schlesisch-deutsche Welt: J.s Vater, ein Krakauer Jude und
KZ-Überlebender, träumt in einer zunehmend antisemitisch eingestellten Umwelt
von Israel, seine Mutter, eine bodenständige Oberschlesierin, kann sich nicht
vorstellen, ihre geliebte Heimat zu verlassen. In der Gleiwitzer
Grenzlandatmosphäre und der politischen Wirklichkeit des volksrepublikanischen
Polen setzt J. sich mit seiner jüdischen Herkunft auseinander, durchläuft
intellektuelle und sexuelle Initiationsriten. Julian Kornhauser thematisiert
das subjektive Erleben und schafft zugleich eine exemplarische Biographie
seiner Generation. Mit Zuhause, Traum und Kinderspiele legt das Deutsche
Kulturforum östliches Europa das erste ins Deutsche übersetzte Werk des in
Polen berühmten Lyrikers, Erzählers, Essayisten und Literaturkritikers vor.
Hanna Kowalewska: Polnische Sonate [Tego lata, w Zawrociu].
Aus dem Polnischen
von Karin Wolff. München: List Verlag 2000. 271 S., € 8,95.
Der Roman erzählt
von Matylda, einer jungen Warschauerin, die von ihrer Großmutter ein
stattliches Haus auf dem Land erbt, irgendwo östlich der Hauptstadt. Wer Polen
kennt, weiß, dass die Provinz dort in besonderem Masse Provinz ist. An der
Erbschaft waere nichts Besonderes, wenn nicht alle anderen Verwandten im
Testament übergangen worden wären, die mit der alten Dame die letzten Jahre in
der Kleinstadt verbracht haben. Entsprechend schlägt Matylda nicht nur das
Misstrauen der Umwelt entgegen, sondern der einzige Hass, der unheilbar ist:
Der in der Familie gewachsene. Souverän bedient sich die junge Frau der Waffen,
die ihr in der delikaten Situation zur Verfügung stehen: Des Hauses selbst, das
wie eine Festung in feindseliger Umwelt ist; ihrer Frechheit und Intelligenz,
mit der sie den plumpen Intrigen der Sippe begegnet; des Tagebuches der
Großmutter, das wie ein Wegweiser im Labyrinth der Familiengeschichte ist; und
nicht zuletzt ihrer physischen Attraktivität. Manchen gegen sie gerichteten
Spieß kann sie so umdrehen, bis sie die Rätsel der Erbschaft durchschauen kann.
Bei der Beschreibung der Konflikte Matyldas entwirft Hanna Kowalewska für uns
das Sittenbild einer kleinstädtischen Gesellschaft, die von Materialismus und
Intrige geprägt ist.
Włodzimierz Kowalewski: Zurück nach Breitenheide / Powrót do Breitenheide
Aus dem Polnischen
von Doreen Daume. Klagenfurt: Wieser 2002. 191 S. € 14,80
Urszula Kozioł:
Bittgesuche. Gedichte.
Aus dem Polnischen von Peter Gehrisch. Leipzig: Edition Erata 2007. 88 S.
€ 13,95
Urszula
Koziols Bittschriften mit ironischer Nebenbedeutung fußen auf jüngster
Geschichte und gewähren Einblick in die Tiefenstruktur polnischer Identität.
Der vorliegende Band versammelt den sprachlichen Reichtum der Dichterin.
Inbegriff ihrer Fremd- und Selbstrecherche sind Gedanken über das Dichten,
seinen Einfluß und seine Ohnmacht. "Es entstehen lange Gedichte mit
unregelmäßig gebündelten Strophen, Verse, die gelegentlich dramatische Akzente
erhalten und damit eine neue poetische Dimension erreichen." (Dagmar Nick)
Marek Krajewski: Festung Breslau. Kriminalroman.
Aus dem Polnischen von Paulina Schulz.
München: dtv 2008. 300 S. € 14,90.
In
den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs ist Breslau zur Festung erklärt
worden. Hier will sich das Naziregime bis zum letzten Augenblick verschanzen.
Eberhard Mock ist mittlerweile zweiundsechzig und ehemaliger Offizier der
Abwehr, der mit einer schweren Kriegsverletzung zu kämpfen hat. Als die Nichte
einer bekannten Nazigegnerin tot aufgefunden wird, beginnt er auf eigene Faust
zu ermitteln.
Marek Krajewski:
Gespenster in Breslau. Kriminalroman.
Aus dem Polnischen von Paulina Schulz.
München: dtv 2007. 320 S. € 14,50.
Breslau
1919. Auf einer der Oder-Inseln werden die grässlich zugerichteten Leichen von
vier jungen Männern entdeckt, die Matrosenmützen tragen. Bei ihnen findet
Kriminalassistent Eberhard Mock eine an ihn adressierte Notiz: Er solle sich zu
seinem Fehler bekennen und anfangen zu glauben. Auf der Suche nach dem Mörder
gerät Mock in Bordelle und Spelunken und stößt schließlich auf eine
Geheimgesellschaft, die ihn im Visier hat.
Marek Krajewski: Der
Kalenderblattmörder. Kriminalroman.
Aus dem Polnischen
von Paulina Schulz. München: dtv 2006. 320 S. € 14,00
Breslau 1927. Die Damen der
Gesellschaft geben sich in ihren eleganten Wohnungen der Leidenschaft für Musik
hin und feiern nebenbei gern auch mal eine Orgie. In den Kneipen hocken
verkommene Gestalten, in Hinterzimmern wird Kokain geschnupft, und der
selbsternannte Prophet Aleksiej von Orloff verkündet in gutbesuchten Vorträgen
den Weltuntergang. Da werden in der Stadt mehrere grausame, akribisch geplante
Morde verübt. Ein Musiker wird bei lebendigem Leibe eingemauert, ein
Schlosserlehrling in Stücke gehackt, ein Stadtrat mit einer Klaviersaite an
einem Fuß am Kronleuchter aufgehängt und erstochen. Bei jedem der Opfer findet
man ein abgerissenes Kalenderblatt.
Hanna Krall: Ach, Du bist Daniel.
Aus dem Polnischen
von Roswitha Matwin-Buschmann. Frankfurt/Main: Neue Kritik 2002. 130 S. €
17,00.
Die Autorin hat das
vorliegende Werk als den Abschluss eines Zyklus von Erzählungen bezeichnet, der
die Verflechtung jüdischer, polnischer und deutscher Schicksale im Kontext des
Krieges zum Gegenstand hatte. Man kann das Buch auch wie das Tagebuch der
polnischen Schriftstellerin lesen - geschrieben mit größter Zurückhaltung - und
dadurch umso bewegender.
Hanna Krall: Eine ausnehmend lange Linie.
Aus dem Polnischen
von Roswitha Matwin-Buschmann. Frankfurt/Main: Neue Kritik 2005. 136 S. €
17,00.
Hanna Krall: Da ist kein Fluß mehr
Aus dem Polnischen
von Roswitha Matwin-Buschmann. Frankfurt/Main: Neue Kritik 1999. 180 S., €
19,50.
Hanna Krall: Dem Herrgott zuvorkommen
Aus dem Polnischen
von Hubert Schumann. München: btb Goldmann 1998. 155 S., € 7,00.
In einer meisterhaften
literarischen Montage konfrontiert Hanna Krall den stellvertretenden
Kommandanten des Warschauer Ghettoaufstandes von 1943, Marek Edelman, mit dem
heutigen Herzchirurgen Marek Edelman. Vergangenheit und Gegenwart fließen
ineinanander, die Todgeweihten des Ghettos erscheinen neben herzkranken
Patienten des Lodzer Krankenhauses, die Kampfgefährten Edelmans neben seinen
Medizinerkollegen.
Hanna Krall: Hypnose
Aus dem Polnischen
von Roswitha Matwin-Buschmann. München: btb Goldmann 1998. 217 S., € 8,00.
12 Porträts von
Menschen, die dem Holocaust zum Opfer fielen oder ihn überlebt haben. Sie
zeigen, wie gegenwärtig die Folgen des Zweiten Weltkrieges auch heute noch sind
- und handeln zugleich von den ewigen Dingen des Lebens: von Angst, Tod, Eifersucht
und Liebe.
Hanna Krall: Tanz auf fremder Hochzeit
Aus dem Polnischen
von Hubert Schumann. München: btb Goldmann 1997. 224 S., € 7,50.
Hanna Krall erzählt
starke, legendenhafte Geschichten, lakonisch, raffiniert gebaut, fast immer im
Stil einer Reportage - und doch treffen sie den Leser in der Seele und bleiben
im Gedächtnis haften wie dichteste, intensivste Literatur.
Hanna Krall: Unschuldig für den Rest des Lebens. Frühe Reportagen
Aus dem Polnischen
von Roswitha Matwin-Buschmann. Frankfurt/Main: Neue Kritik 2001. 176 S., €
19,50.
Hanna Krall, Teofila Reich-Ranicki: Es war der letzte Augenblick. Leben im Warschauer Getto. Aquarelle und Texte.
Aus dem Polnischen
von Roswitha Matwin-Buschmann. Stuttgart: DVA 2000. 119 S., € 19,90.
Während ihrer Zeit
im Warschauer Getto schuf Teofila Reich-Ranicki zwei Aquarellzyklen, die die
Zerstörung des Gettos auf wunderbare Weise überlebt haben. Da sind einerseits
Bilder, die den Terror, das Grauen und das ganze Leiden der Menschen zeigen.
Und da sind andererseits zauberhaft leichte Bilder, Opernszenen aus Carmen oder
Tosca, die zur selben Zeit entstanden sind. Die polnische Schriftstellerin
Hanna Krall erzählt begleitend zu diesen Bildern einfühlsam die Geschichte der
Teofila Reich-Ranicki.
Józef Ignacy Kraszewski: Aus dem Siebenjährigen Krieg
Aus dem Polnischen
von Liselotte und Alois Hermann. Berlin: Aufbau Verlag 2. Aufl. 2000. 310 S., €
7,95.
Ein Roman aus der
Zeit des Siebenjährigen Krieges. Drückende Schwüle lastet 1757 auf den
diplomatischen Beziehungen zwischen Preußen und Sachsen. Am Berliner Hof
Friedrichs II. ist man besorgt über die vielen Geheimdepeschen, die zwischen
Dresden und Wien hin- und hergehen. Zwar hat man schon seine Spione in der
Umgebung des kursächsischen Politikers Heinrich Graf von Brühl, aber, als sich
der junge Schweizer Max de Simonis in Berlin um eine Aufgabe bemüht, wird er
nach Sachsen geschickt, um weitere Informationen zu liefern. Ziemlich naiv
begibt er sich auf das spiegelglatte höfische Parkett Dresdens und verfängt
sich in den Netzen von Intrigen, Amouren und geheimpolitischen Machenschaften.
Brühls Pläne werden verraten, und die Preußen marschieren ohne Kriegserklärung
in Sachsen ein. Simonis gerät zwischen die Fronten.
Józef Ignacy Kraszewski: Feldmarschall Flemming
Aus dem Polnischen
von Hubert Sauer-Zur. Berlin: Aufbau 2001. 292 S., € 8,50.
Feldmarschall Jakob
Heinrich Graf Flemming (1667-1728), intimer Vertrauter von August dem Starken,
versucht noch immer, das polnische Wahlkönigtum in eine sächsische Erbmonarchie
umzuwandeln. Mit viel List hat er die polnischen Hetmane dazu gebracht, eine
Urkunde zu unterzeichnen, mit der sie ihm das Oberkommando über ihre Truppen
zugestehen. Als sie merken, daß sie sich damit de facto entwaffnet haben,
wollen sie ihm dieses Schreiben wieder abjagen. König August begegnet dem Leser
als alternder Fürst; die Cosel ist verbannt, sein Liebchen ist deren
Nachfolgerin, die Dönhoff. Der Leser wird an den bunten polnisch-sächsischen
Hof in Dresden und in Warschau geführt, macht ihn vertraut mit Intrigen und
Machtkämpfen, in denen Flemming lange Zeit siegt.
Józef Ignacy Kraszewski: Der Gouverneur von Warschau. Historischer Roman.
Aus dem Polnischen
von Kristiane Lichtenfeld. Berlin: Aufbau Taschenbuchverlag 2003. 650 S., €
11,50.
Józef Ignacy Kraszewski: Gräfin Cosel. Ein Frauenschicksal
am Hofe August des Starken.
Aus dem Polnischen
von Hubert Sauer-Zur. Berlin: Aufbau Verlag 2. Aufl. 2000. 305 S., € 7,95.
Anna Constantia von
Brockdorff (1680-1765), als Geliebte August des Starken zur Gräfin Cosel
erhoben, war eine der schönsten Frauen ihrer Zeit. Sie entstammte altem
Holsteiner Adel, wuchs frei auf, lernte Reiten und Schießen, Konversation und
Tanz, bewegte sich stets mit Anmut, sprach voller Witz und mit
Schlagfertigkeit. So gewann sie das Herz des sächsischen Kurfürsten, wurde
seine heimliche Frau und gebar ihm drei Kinder. Neun Jahre lang war sie die
mächtigste Frau Sachsens, danach wurde sie 49 Jahre auf der Festung Stolpen
gefangengehalten.&Dieses Buch erzählt ihr
anrührendes Schicksal und läßt ein prachtvolles Gemälde der königlichen
Residenz in Dresden entstehen.
Józef Ignacy Kraszewski: Graf Brühl
Aus dem Polnischen
von Alois Hermann. Berlin: Aufbau Verlag 2. Aufl. 2000. 303 S., € 8,50.
Heinrich Graf Brühl
(1700-1763) begann seine Karriere am sächsisch-polnischen Hof als Page Augusts
des Starken. Bereits mit 31 Jahren war der ehrgeizige junge Mann Geheimrat und
Minister. Doch nach dem Tod des Kurfürsten scheint seine Laufbahn zu Ende: Der
Thronfolger will Sachsen und Polen gemeinsam mit seinem vertrauten Jugendfreund
Sulkowski regieren. Durch List und Intrige gelingt es Brühl, sich unentbehrlich
zu machen. Er übernimmt für den trägen Friedrich August II. nach und nach alle
politischen Geschäfte. So dient er sich an die erste Stelle im Staat und stürzt
schließlich sogar den Grafen Sulkowski.
Kraszewskis spannender Roman beschreibt die jahrelange Rivalität von Brühl
und Sulkowski, den beiden so unterschiedlichen Männern, die sich zunächst
Freunde nennen, aber später zu erbitterten Feinden werden.
Józef Ignacy Kraszewski: König August der Starke
Aus dem Polnischen
von Kristiane Lichtenfeld. Berlin: Aufbau 1999. 317 S., € 7,95.
Zbigniew Kruszyński: Zu Lande und zur See.
Aus dem Polnischen
von Esther Kinsky. Stuttgart: DVA 2005. 224 S. € 19,90.
Zbigniew Kruszynskis
Figuren sind Prototypen einer Gesellschaft auf der Suche nach einer neuen
Identität. Sie alle stellen sich dem Wandel der zeit auf ihre zum Teil kuriose
Weise.
Wojciech Kuczok:
Dreckskerl. Eine Antibiographie.
Aus dem Polnischen
von Gabriele Leupold und Dorota Stroinska. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag
2007. 160 S. € 19,80.
Kuczoks
preisgekrönter Roman Dreckskerl erzählt von den dramatischen Wendungen der deutschen
und polnischen Geschichte im 20. Jahrhundert, deren Gewalt sich im privaten
Leben der Familie K. fortsetzt. Einziger Schauplatz ist das vom Vater des
»alten K.« erbaute Haus, irgendwo im rußgrauen
schlesischen Bergbaugebiet. Es überstand die deutsche Besatzung, blieb von
Bomben verschont, muß aber nach Kriegsende mit einem proletarischen Ehepaar
geteilt werden. Der Krieg geht in der nächsten Generation weiter - ein Krieg
der vergifteten Seelen. Der »alte K.« züchtigt sein
Kind, den Ich-Erzähler, mit der Peitsche. Ein gescheiterter Künstler, sieht er
sich in der Umgebung von Bergleuten, in Schmutz, Gestank und Verwahrlosung, vom
kommunistischen System aller Lebenschancen beraubt und tobt seine Frustration
an dem Jungen, dem »Dreckskerl «, aus - bis dieser zum Gegenschlag ausholt.
Kuczoks »Antibiographie«, ein nachtschwarzer Familienroman, hat in Polen
lebhafte Debatten hervorgerufen. Dabei ist seine Erzählweise von
sozialkritischer Literatur äonenweit entfernt. Sein Blick ist kalt, sein Ton
sarkastisch, dennoch glüht in diesem Buch ein Zorn. Er treibt die Sätze voran
und schärft sie zu virtuosen Wortspielen, zu Ironie und Witz.
Wojciech Kuczok: Im
Kreis der Gespenster. Erzählungen.
Aus dem Polnischen
von Friedrich Griese. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2006. 143 S. € 19,80.
Unter der beeindruckenden Zahl guter
junger Autoren in Polen gilt Wojciech Kuczok als herausragender Stilist. Mit
seinem Gespür für die feinsten Risse, in denen sich der Fassadensturz eines
ganzen Lebens ankündigt, scheint er prädestiniert für die elementaren Themen:
Liebe, Sexualität, Tod. Im Kreis der Gespenster, sein jüngster Prosaband aus
fünf langen Erzählungen und vier knappen »Interludien«, die mit vier Préludes
aus op. 28 von Chopin betitelt sind, handelt von Menschen an der Schwelle. Der
Geschäftsmann, der auf einer Bank im Park, von einem Bettler grotesk belästigt,
seine Homosexualität entdeckt; der Psychoanalytiker, der sich der geladenen
Waffe eines verrückten Patienten gegenübersieht; die Witwe, die eines Tages das
Grab ihres Mannes nicht mehr findet – alle kippen sie in einem Augenblick
gleißender Erkenntnis aus ihrem Alltag heraus und gehen sich verloren. Wie die
junge Frau in der Titelgeschichte, die offenbar schon von der anderen Seite der
Wirklichkeit her auf ein Liebesdelirium zurückschaut. Kuczok versteht es
meisterhaft, in die ruhige realistische Erzählung das Unfaßbare einbrechen zu
lassen – auch darin, nicht nur in ihrer Poesie und Melancholie, sind seine
geschliffenen Prosastücke der nervösen Klaviermusik des polnischen Romantikers
verwandt.
Wojciech Kuczok: Lethargie
Aus dem Polnischen von Renate
Schmidgall. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2010. 252 S. € 19,90
Adam,
ein junger Arzt, flieht vor seinem dominanten Vater vom Dorf in die Stadt. In der
Liebe zu einem jungen Mann, einem homophoben Kleinkriminellen, findet er sein
Glück. Robert ist ein alternder Schriftsteller, den seine Schreibblockade,
seine hysterische Ehefrau und seine Schwiegereltern in die Verzweiflung
treiben. Eines Tages erfährt er von etwas, das sein
Leben verändert. Róza, eine erfolgreiche Schauspielerin und Werbeikone, lebt in
unglücklicher Ehe. Doch sie beschließt, aktiv zu werden und ihrer Lethargie ein
Ende zu setzen.
Mit psychologischer Präzision und sprühendem Witz
gelingt Kuczok die schonungslose Analyse zwischenmenschlicher Beziehungen – und
nebenbei eine bitterböse Satire der zwischen Popkultur und erzkonservativen
Positionen zerrissenen polnischen Gesellschaft.
Andrzej
Kuśniewicz: Tierkreiszeichen
Aus dem Polnischen
von Renate Schmidgall. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2000. 350 S. € 19,80.
Landschaften und Luftinseln. Polnische
Erzählungen der Gegenwart.
Hrsg. von Aleksandra
Markiewicz. München: dtv 2000. 303 S., € 10,00.
Zum
Themenschwerpunkt Polen der Buchmesse 2000 präsentiert diese Anthologie die
polnische Literatur-Avantgarde. Neben bereits in Deutschland publizierten und
etablierten Autoren wie Pawel Huelle und Andrzej Stasiuk stehen neue, bei uns
noch weitgehend unbekannte Namen. Alle Erzählungen erscheinen hier zum ersten
Mal auf Deutsch, viele wurden eigens für diese Anthologie geschrieben. Um sich
dem deutschen Publikum vorzustellen, richten die Autoren vor jeder Erzählung
das Wort direkt an den Leser. Zusammen mit einem Autorenfoto und natürlich den
Erzählungen selbst bietet der Band ein lebendiges Bild der jungen polnischen
Literatur-Szene und viel Stoff zu Entdeckungen für alle, die das Messethema
neugierig gemacht hat.
Marek Ławrynowicz: Lehrjahre des Gammelns
Aus dem Polnischen
von Renate Schmidgall. München: Verlag C.H. Beck 2002. 154 S., € 16,50.
Unweit von Warschau,
im nicht sehr aufregenden Falenica, spielt sich die Jugend vom Ich-Erzähler und
seinen Freunden Poldek, Ziantek, Borówa und Szpunt ab, zwischen dem Kino
"Star" und der Schule, den Stränden an der Weichsel und dem Bahnhof,
in den rigiden 60er Jahren der Gomulka-Ära. Der Erzähler hält Rückschau, und er
wäre nicht der Erzähler eines Romans von Marek Lawrynowicz, wenn diese
Rückschau nicht überwiegend komisch und grotesk ausfiele, auch wenn sich ein
melancholischer Unterton hineinmischt.
Aber was die "halbstarken" Freunde im Kampf gegen die Schule, den
sadistischen Direktor, schlechte Filme und die Kleinstadtlangeweile
durchfechten, durchgerüttelt von den Anforderungen der Erotik und den ersten
Liebesabenteuern, ist hinreißend erzählt, mit kluger Bosheit und
Menschlichkeit, voll unvergeßlicher Gestalten und burlesker Situationen, ob es
sich um ein aus dem Ruder laufendes Fußballspiel, den Lehrer
"Hierham" und die schönen Knie der sechzehnjährigen Kasia Wie(ek oder
den Schulköter handelt, der nach ausdauerndem Training auf Gomulkas Spitznamen
hört.
Marek Lawrynowicz ist ein "mitreissender Erzähler" (NZZ), der
weiß, daß Unbekümmertheit und Humor Strategien des Überlebens sind und daß die
Lage zwar hoffnungslos, aber nicht ernst ist.
Marek Ławrynowicz: Der Teufel auf dem Kirchturm
Aus dem Polnischen
von Renate Schmidgall. München: Verlag C.H. Beck 2000. 208 S., € 18,50
Zwischen Lemberg und
Wilna, zwischen Polen und Litauen - mit einem kurzen Intermezzo in Deutschland
- spielt diese hinreißende Familiengeschichte: Es geht los mit der Jugendzeit
der Großväter und ihren zahlreichen Kindern, deren Leben sich durch die
Ereignisse der Zeit ebenso spektakulär wandelt wie der Charakter der Städte, in
denen sie aufwachsen. Da ist Edward, ein tiefgläubiger Katholik, der einen
Kirchenchor nach dem andern gründet und leider viel zu früh an der Schwindsucht
stirbt. Da ist Mietek, das schwarze Schaf unter den Brüdern: zwischen den
Kriegen treibt seine kommunistische Gesinnung die ganze Familie zur
Verzweiflung, doch unter der deutschen Besatzung schlägt er sich am
geschicktesten durchs Leben: mit einer Gruppe kunstvoll geschnitzter
Holzfiguren, die auf vielfältigste Weise kopulierende Paare darstellen, füllt
er in seinen Privatvorstellungen Saal um Saal. Henryk hingegen - und damit
kommen wir eine Generation weiter -, Henryk ist ein volksnaher Literat, der
seinem Auftrag, litauischen Bauern polnische Kultur nahezubringen, gerecht zu
werden versucht, indem er sich deren Lieder und selbstgebrannten Schnaps
begeistert einverleibt. Der Erzähler nimmt, bevor er sich endlich entschließt,
geboren zu werden, zunächst einmal die Ordnung dieser Welt und das Treiben der
Menschen unter die Lupe: aus sicherer Perspektive im Bauch seiner Mutter. Als
seine Familie Wilna endgültig hinter sich läßt, wird ihr von einer jubelnden
Menge die sie für die letzten Vertreter der Zarenfamilie hält, ein triumphalter
Abschied beschert.
Mit verschmitztem Charme und bilderreicher Sprache, durch groteske
Überzeichnung und vergnüglichen Spott vollbringt der polnische Satiriker Marek
Lawrynowicz das Kunststück, den Lauf der wechselhaften polnischen Geschichte
unterhaltsam darzustellen.
Stanisław Lem: Memoiren, gefunden in der Badewanne
Aus dem Polnischen
von Jens Reuter. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2001. 125 S., € 9,00.
Memoiren, gefunden
in der Badewanne ist eine satirische Farce, eine surrealistische Anti-Utopie
und eine Schmähschrift auf die absolute Bürokratie und den totalen
Polizeistaat, in dem alles und jeder gelenkt, einem geheimen Zweck
untergeordnet und von Spitzeln überwacht wird.
Das »Gebäude«, eine Spionagezentrale, ist »unbesiegbar«; im Verlauf seiner
Entwicklung ständig gewachsen, steht es im unaufhörlichen Kampf mit einem
Antigebäude, einer gegnerischen Spionagezentrale, die es durchdrungen hat und
von der es ebenso durchdrungen worden ist. Ob es die beiden »Gebäude« wirklich
gibt oder ob der Widerstreit bloß eine gedankliche Konstruktion ist, das weiß
kein Mensch mehr so genau. Auf jeden Fall sind Chaos und Ordnung, Zufall und
Notwendigkeit, Sinn und Unsinn nicht zu unterscheiden - Memoiren, gefunden in
der Badewanne: ein Zukunftsalptraum.
Stanisław Lem: Die phantastischen Erzählungen
Aus dem Polnischen von div.
Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1988. 444 S., € 9,00.
Stanisław Lem: Rückkehr von den Sternen
Aus dem Polnischen
von Maria Kurecka. München: Ullstein Verlag 2002. 308 S., € 8,95.
Stanisław Lem: Solaris
Aus dem Polnischen
von Irmtraud Zimmermann-Göllheim. München: dtv 2000. 236 S., € 8,50.
Stanisław Lem: Sterntagebücher
Aus dem Polnischen
von Caesar Rymarowicz. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2001. 523 S. € 15,00.
Stanisław Lem: Die Stimme des Herrn.
Aus dem Polnischen
von Roswitha Matwin-Buschmann. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 3. Aufl. 2002.
280 S., € 9,00.
Artur Daniel Liskowacki: Sonate für S.
Aus dem Polnischen
von Joanna Manc. München: Knaus Verlag 2003. 416 S. € 21,90.
Der polnische Autor
Artur Daniel Liskowacki fügt der schwierigen Geschichte von Deutschen und Polen
eine neue literarische Facette hinzu. Mit seinem Roman »Sonate für S.« verpasste er 2001 nur um eine Stimme den wichtigsten
polnischen Literaturpreis NIKE. Doch über 40.000 polnische Leser haben
eindrücklich bewiesen, dass ihnen die Geschichte der nach 1945 vertriebenen
Deutschen nicht gleichgültig ist. Liskowacki erzählt die Geschichte der Stadt
Stettin in jenem dramatischen Augenblick, als Millionen Menschen in Europa in
die Falle der Geschichte geraten, als die Stadt nach Kriegsende nicht länger
deutsch, aber auch nicht wirklich polnisch ist. Liskowacki folgt - voller
Poesie, Neugier und ohne historische Vorurteile - den Spuren einiger »ganz
normaler« Menschen in einer »unnormalen« Zeit, die trotz aller Widrigkeiten an
ihrer Identität festhalten. Da ist der kleine Heini,
der so schön singt, und der Geiger Bonkowsky, da sind Willy Peters, der seine
Familie im Krieg verlor, und August Kugel, der die deutsche Fußballmannschaft
gründet. »Sonate für S.« verteidigt das einzelne Leben
gegen die Vereinnahmung durch wohlfeile Geschichtsbilder und wagt eine
überraschende Perspektive.
Dorota
Masłowska: Die Reiherkönigin. Ein Rap.
Aus dem Polnischen
von Olaf Kühl. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2007. 170 S. € 9,95.
Der Star der
polnischen Literatur rappt. Nach ihrem Debut »Schneeweiß und Russenrot«, das
von Kritikern und Lesern gleichermaßen gefeiert worden ist, landete Dorota
Masłowska mit »Die Reiherkönigin« ihren nächsten großen Coup. Ein
schonungsloser Rap über den Existenzkampf in der Medien- und Konsumwelt, der
mit dem renommierten NIKE-Preis ausgezeichnet wurde. Der Popsänger
Stanisław Retro ist auf dem absteigenden Ast: Seine Freundin verlässt ihn,
die Presse setzt ihm mit verleumderischen Meldungen über sein Sexualleben zu,
und der verzweifelte Versuch seines Managers, ihn als Schwulenstar zu
verkaufen, misslingt. Der nächste große Hype, der ihn von der Bühne fegen wird,
steht bereits in den Startlöchern. Masłowska sampelt Literatur, Popmusik
und Kinderlieder, knöpft sich den Medienjargon vor und entlarvt seine Phrasen.
Sie bedient sich der Zitate und Verweise als Material, formt es zu einer neuen
Art von Poesie und gießt das alles lässig in den Rhythmus des Rap. Ein Sog, dem
man sich nicht entziehen kann, und das überdrehte und farbige Bild einer
beschleunigten Gesellschaft.
Dorota Masłowska: Schneeweiß und Russenrot [Wojna polsko-ruska pod flagą
biało-czerwoną]
Aus dem Polnischen
von Olaf Kühl. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2004. 240 S. € 7,90.
In einer völlig
neuen Sprache, die kreativ mit Regeln spielt, gelingt Dorota Masłowska ein
ganz erstaunliches, zwischen poetisch und schmutzig, nostalgisch und rebellisch
changierendes literarisches Porträt der Subkultur in einer heutigen polnischen
Stadt. Erzählt wird die Geschichte von Andrzej, genannt der Starke, der von
seiner Freundin verlassen wird und dies von seinen Freunden erfährt,
während sich Polen auf einen neuen Krieg gegen Russland vorbereitet. Auf der
Suche nach Speed lässt er sich mit verschiedenen Frauen ein, verliert seinen
Hund, fährt ans Meer, wird verhaftet und verhört, kommt ins Krankenhaus.
Dorota Masłowska landete mit ihrem Debüt einen überraschenden
Bestsellererfolg. Wie Irvine Welsh, Mian Mian und Nick McDonell schreibt sie
abseits des literarischen Mainstreams und fasziniert damit ein ganz neues
Lesepublikum. Schneeweiß und Russenrot erscheint unter anderem in den USA, in
Italien, Russland, Ungarn und Holland.
Zbigniew Mentzel:
Alle Sprachen dieser Welt.
Aus dem Polnischen
von Paulina Schulz. München: dtv 2006. 160 S. € 12,00.
Der Held dieses
Buches ist ein rechter Schlemihl. Während sein Vater erst ein tapferer Soldat
und dann ein pflichtbewusster Angestellter war, der keinen Tag in der pharmazeutischen
Abteilung seines Krankenhauses gefehlt hat, und seine Mutter, die eigentlich
Konzertpianistin und Dichterin werden wollte, große Hoffnungen für ihren Sohn
hatte, sitzt dieser auch mit 46 Jahren noch den lieben langen Tag in seiner
winzigen, mit Büchern vollgestopften Warschauer Wohnung, beobachtet seine
Nachbarn, spekuliert an der Börse und denkt ergebnislos über die »Sprache der
Zukunft« nach.
Der Roman spielt an einem einzigen Tag, knapp zehn Jahre nach dem Ende des
Kommunismus in Polen. Der 17. Januar ist der Jahrestag der „Befreiung“
Warschaus durch die Rote Armee und der letzte Arbeitstag seines Vaters, aber
warum dieser Tag auch für Zbigniew Hintz der wichtigste Tag seines Lebens sein
wird, erfährt der Leser erst am Schluss dieses mit feinem Humor geschriebenen
Romans, der die symbolfixierte Befindlichkeit der polnischen Intelligentsija
und die unglückliche Vergangenheit dieses Volkes in nuce erfasst.
Adam Mickiewicz: Dich anschaun. Liebesgedichte.
Aus dem Polnischen
von Karl Dedecius. Frankfurt/Main: Insel Verlag 1998. 64 S., € 10,80.
Adam Mickiewicz: Dichtung und Prosa
Hrsg. von Karl
Dedecius. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1994. 364 S., € 19,80.
Czesław Miłosz: "Das" und andere Gedichte.
Aus dem Polnischen
von Doreen Daume. München: Hanser Verlag 2004. 136 S. € 14,90.
Der Nobelpreisträger
Czeslaw Milosz zieht die Bilanz seines Dichterlebens: keineswegs altersmilde
will er sich seine Lebenslust, seine Neugier und sein Begehren sogar über sein
Leben hinaus bewahren. Neben der Sammlung "Das" enthält der Band auch
frühere Gedichte, so dass ein Querschnitt durch das große Lebenswerk dieses
Weltbürgers aus Polen vorliegt.
Czesław Miłosz: Mein ABC. Von Adam und Eva bis Zentrum und
Peripherie.
Aus dem Polnischen
und Englischen von Doreen Daume. München: Hanser Verlag 2002. 179 S. € 15,90
Der polnische
Weltbürger und Nobelpreisträger Czeslaw Milosz hat mit seinem ABC eine
besondere Autobiographie geschrieben. Aus den Mosaiksteinen von Adam und Eva bis
Zentrum und Peripherie erhält man mit der Fülle von Orten und seelischen
Zuständen ein faszinierendes Portrait des Dichters.
Czesław Miłosz: Gedichte 1933-1981
Aus dem Polnischen
von Karl Dedecius. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1982. 227 S., € 17,80.
Czesław Miłosz: Hündchen am Wegesrand
Aus dem Polnischen
von Doreen Daume. Stuttgart: Verlag Carl Hanser 2000. 232 S., € 13,90.
Kalendergeschichten,
die von Liebe und Tod, Kirche und Glauben, Philosophie und Literatur handeln,
von allen ersten und letzten Dingen, die jeder auf seine Weise beantworten und
meistern muss. Czeslaw Milosz, der große Schriftsteller und scharfsinnige
Diagnostiker beleuchtet in diesen kurzen Geschichten schlaglichtartig jeweils
einen Aspekt seines lebenslangen Nachdenkens. Ein Stück polnischer
Weltliteratur.
Rezension:
Vielleicht sind es die Auszüge aus Milosz' Sudelbüchern, vielleicht
Fragmente ungeschriebener Erzählungen, ein ganzer Abschnitt trägt die
Überschrift "Themen, die ich anderen überlasse". Der Sarkasmus ist
unüberhörbar. Verunsicherung, Nasführung des Lesers sind wohl die Absicht
dieser Anekdoten, Rätsel und Prosagedichte. Heute, sagt der Autor, zum
Beispiel, ist nicht mehr Religion, sondern Nihilismus das Opium des Volkes:
"Die Gewissheit, dass wir für all unsere Niedertracht, unsere Fehltritte,
Feigheiten und Morde nicht zur Rechenschaft gezogen werden, ist ein ungeheurer
Trost." (Jens Jessen, DIE ZEIT)
Czesław Miłosz: Die Straßen von Wilna
Aus dem Polnischen
von Roswitha Matwin-Buschmann. München: Hanser 1997. 174 S., € 13,90.
Milosz erinnert sich
an das Wilna seiner Kindheit: ein Gedankenspaziergang durch die Straßen einer
lebendigen, vielsprachigen und kosmopolitischen Stadt mit einer langen,
wechselvollen und grausamen Geschichte.
Czesław Miłosz: Das Tal der Issa
Aus dem Polnischen
von Maryla Reifenberg. Frankfurt/Main: Eichborn 2000. 351 S., € 22,90.
Zygmunt
Miłoszewski: Domofon.
Aus dem Polnischen von Katarzyna Opiełka. München: dtv 2008. 379 S.
€ 14,00
Agnieszka und Robert sind frisch
verheiratet und ziehen nach Warschau, in einen Wohnblock im Stadtviertel
Brodno. Sie haben das Haus kaum betreten, da finden sie im Aufzug die Leiche
eines jungen Mannes mit abgetrenntem Kopf. Kein guter Anfang für das
langersehnte Stadt- und Eheleben. Und es kommt noch schlimmer: Robert wird von
wahnhaften Anfällen gebeutelt, Agnieszka hat schreckliche Alpträume - womit sie
nicht allein ist. Der große Wohnblock steht halb leer, doch so gut wie alle der
übriggebliebenen Bewohner werden von Alpträumen geplagt. So furchtbar, dass sie
lieber sterben wollen, als jemals das Ende des Traums zu erleben. Eines Tages
schließt sich das Haus. Keiner der Bewohner kann es mehr verlassen, Telefone
und Computer funktionieren nicht. Der Rollstuhlfahrer, den bisher keiner der Hausbewohner
zu Gesicht bekommen hat und dem kein Geheimnis seiner Nachbarn verborgen
geblieben ist, weiß um die Vergangenheit des Hauses. Doch weiß er auch einen
Weg, hinauszukommen?
Sławomir Mrożek: Das dramatische Werk, 7 Bde. (Striptease; Liebe auf der Krim; Emigranten; Amor; Tango;
Der Botschafter).
Zürich: Diogenes
Verlag. 1998., € 99,90.
Bereits sein erstes
Stück, "Polizei", wurde ein Welterfolg, heute zählt er zu den
bekanntesten Autoren Europas. Seine Stücke haben seit Jahrzehnten einen festen
Platz im Repertoire der internationalen Bühnen und werden von ihrer Bedeutung
her mit den Werken Becketts, Dürrenmatts und Frischs verglichen - Mrozek bleibt
jedoch einmalig. Ungemein witzig, pointiert und schonungslos hinterfragt er
stereotypes Denken und Handeln sowie zweifelhafte Werte - das macht Mrozeks
Werk zeitlos aktuell.
Sławomir
Mrożek: Balthasar. Autobiographie.
Aus dem Polnischen
von Marta Kijowska. Zürich: Diogenes Verlag 2007. 375 S. € 22,90.
Sławomir
Mrożek: Der Doppelgänger und andere Geschichten
Aus dem Polnischen
von Christa Vogel und Ludwig Zimmerer. Zürich: Diogenes Verlag 2000. 272
S., € 22,90.
Der Doppelgänger (The Double) of
the tyrant had represented him for many years at parades and other boring
events, and when he was not on duty he cultivated his land like all other
farmers. But the tyrant had now died. There will now be an end to exploitation
and injustice, said the bodyguards of the dead tyrant as they looked for the
double, and also no more mysterious accidents. There was only one thing they
had to ensure: that the people should not under any circumstances be reminded
of earlier times by a face.
Whether it''s a case of a long
story or a short piece of prose, whether it concerns famous stories of
presidents or slap-stick fables, Mroyek is a master of surprising changes, and
his needle-sharp points penetrate the thickest skin.
Sławomir Mrożek: Lolo und andere Geschichten
Aus dem Polnischen
von Christa Vogel, Ludwig Zimmerer und Witold Kośny. Zürich: Diogenes Verlag
2000. 293 S., € 22,90.
Lolo always presses the right
buttons to keep her bearded master satisfied - and then she gets bacon. But only for Lolo. Until one day, Lolo''s friend, the other
laboratory rat, who is getting hungrier and hungrier because she doesn''t know
how to press the right buttons, finds a method with which she will also get
something ...
In Monisa Clavier, a Polish tourist is lying in wait for a Western film
star. Everything now depends on him catching her attention. As the
complex-ridden Polish youngster fails to do this, he pretends to be a
glass-smashing Russian at a party, because, as foreigners, Russians appear to
enjoy an advantage in the West. In this way, the young Pole reaches his primary
goal, but this is just where his problems really begin.
Sławomir Mrożek: Der Perverse und andere Geschichten
Aus dem Polnischen
von Christa Vogel. Zürich: Diogenes Verlag 1995. 261 S., € 19,90.
Regardless of whether he is making
fun of his compatriots'' new business- orientated awareness following the
merging of Eastern and Western Europe, bringing a breath of fresh air into
stagnating disarmament negotions with his idea of a vampire commando, taking
the mickey out of the official imbecility familiar from the ever-popular
president jokes or mocking the megalomania of modern medicine-men, there is no
escaping Mrozek''s caustic wit. In Der Perverse, the most normal of situations
can suddenly take on an aspect of unreality.
Wiesław Myśliwski: Der
helle Horizont
Aus dem Polnischen von Roswitha
Matwin-Buschmann. Berlin: btb 2003. 680 S., € 24,90.
Eine Kindheit in Polen: Der junge Piotr lebt behütet auf dem Land. Als die
Front in den letzten Kriegstagen immer näher rückt, heißt es Abschiednehmen vom
ländlichen Idyll und der Geborgenheit der Großfamilie. Vater, Mutter und Kind
flüchten sich in eine kleine Stadt, wo sie Unterschlupf finden im Souterrain
der beiden Fräulein Poncka, die ihr Leben offensichtlich mit Liebesdiensten
bestreiten. Aber während die Eltern unter Flucht und Armut leiden und sich nur
schwer an das neue Leben gewöhnen können, verliebt sich Piotr eines Tages in
dieses schöne Mädchen aus der Nachbarschaft, das so wunderbar Orgel spielen
kann ... In einer Prosa von seltener Meisterschaft, die schwebende Leichtigkeit
mit virtuoser Sprachgewalt vereint, lässt Wieslaw Mysliwski das Polen der
Nachkriegszeit wieder auferstehen. Ein großer Roman mit deutlich
autobiografischen Zügen - über die Erinnerung, das Erwachsenwerden und die
Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit in Zeiten des Umbruchs.
Wiesław Myśliwski: Der nackte Garten
Aus dem Polnischen
von Caesar Rymarowicz. München: Goldmann Verlag 2000. 220 S., € 19,00.
Ein Lehrer in einem
kleinen polnischen Bauerndorf blickt zurück auf sein Leben. Dem Strom seiner
Erinnerungen folgend, umkreist er seine Kindheit und Jugend, aber auch das
Verhältnis zu seinem Vater, der dem Sohn gleichsam zum gebrochenen Spiegel
seiner selbst wird. Untrennbar sind ihrer beider Wege
miteinander verbunden, und so entsteht das subtile und vielschichtige Porträt
eines Vaters und eines Sohnes, die zeitlebens nicht aufgehört haben, einander
zu suchen. In einer Prosa von seltener Meisterschaft, die schwebende
Leichtigkeit mit virtuoser Sprachgewalt vereint, lässt Wieslaw Mysliwski vor
dem Auge des Lesers die beinahe vergessene Welt des ländlichen Polen
wiedererstehen - und erschafft eine sensible Hommage an den Vater, der sich
einst einen Sohn erträumte.
Zofia Nałkowska: Die Ungeduldigen
Aus dem Polnischen
von Ursula Kiermeier: Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2000. 260 S., € 17,80.
Waldemar Nocny: Insel im Strom
Aus dem Polnischen
von Ludwig Kozlowski. ??: Atlantik 2006. 350 S. € 15,80.
Ein detailreicher
Roman über den tiefgreifenden Wandel Danzigs zwischen 1920 und 1945, über Totalitarismus
und Mitläufertum und die Unbeugsamkeit von Menschen, die das Leben und die
Freiheit lieben.
Maria Nurowska: Briefe der Liebe
Aus dem Polnischen
von Albrecht Lempp. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag 1995. 255 S., €
8,90.
Elzbieta Elsner hat
sich als blutjunges Mädchen im Warschauer Ghetto durch Prostitution am Leben
gehalten. Nach Kriegsende nahm sie eine neue Identität an, heiratete unter
falschem Namen und lebte in ständiger Angst, entlarvt zu werden. In sieben an
ihren Mann gerichteten Briefen legt sie über sich und die Vergangenheit
Rechenschaft ab.
Maria Nurowska: Dein
Name geht Dir voraus.
Aus dem Polnischen von Paulina Schulz. München: dtv 2008. 240 S. € 14,00.
Elizabeth Connery, eine amerikanische Kunsthistorikerin,
reist zum ersten Mal in ihrem Leben nach Osteuropa, um ihren verschwundenen
Mann zu suchen. Jeff Connery verschwand spurlos, nachdem er sich während einer
Forschungsreise in die Ukraine einer oppositionellen Gruppierung angeschlossen
hatte. So gerät auch Elizabeth in die Wirren der Orangenen Revolution, findet
eine neue Liebe und gewinnt einen völlig anderen Blick auf ihr Leben und das,
was unser aller Leben bestimmt.
Maria Nurowska: Der
russische Geliebte.
Aus dem Polnischen
von Karin Wolff. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag 2000. 253 S. € 8,90.
Die polnische
Literaturprofessorin Julia wird an die Sorbonne eingeladen. Für die
Wissenschaftlerin ist die Pariser Gastdozentur eine berufliche Chance. An die
Liebe glaubt sie schon lange nicht mehr. Doch dann bricht der zwanzig Jahre
jüngere Sascha in ihr Leben ein ... Der Beginn einer großen Leidenschaft.
Maria Nurowska: Jenseits ist der Tod.
Aus dem Polnischen
von Albrecht Lempp. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag 1999. 223 S., €
7,45.
Eine junge Frau ruft
sich nach dem Tod der Mutter alles ins Gedächtnis zurück, was sie von dieser
leidenschaftlichen, mutigen, aber auch rücksichtslosen und egozentrischen Frau
weiß, die ihr Leben bestimmt hat. Die Schilderung einer Beziehung, die
Jahrzehnte lang von Hassliebe geprägt war.
Maria Nurowska: Tango für drei
Aus dem Polnischen
von Bettina Eberspächer. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag 2002. 189
S., € 7,90.
Alexandra ist eine
leidenschaftliche Schauspielerin. Schon die erste Rolle bringt ihr den großen
Durchbruch, und damit nicht genug: Zygmunt, der von ihr bewunderte
Schauspiellehrer und Regisseur, verlässt ihretwegen seine Frau Elzbieta. Diese
versucht nach dem privaten Frust ein Comeback als Schauspielerin. Und wie es
das Schicksal so will, werden alle drei, Zygmunt und die Frauen, für ein
Theaterstück engagiert. Mit einem Mal ist nichts mehr wie es war, und ein Kampf
auf Leben und Tod beginnt.
Maria Nurowska: Wie ein Baum ohne Schatten
Aus dem Polnischen
von Bettina Eberspächer. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag 2001. 283
S., € 9,90.
Das Leben der
Krystyna Skarbek - eine faszinierende literarische Annäherung an eine
beeindruckende Frauengestalt. Sie spielte mit den Männern - und mit ihrem
Leben. Krystyna Skarbek: Polin, Jüdin, eine der erfolgreichsten Agentinnen der
britischen Spionage, eine Frau voller Leidenschaft. In der Fremde hoch
dekoriert, in der Heimat vergessen. Umgebracht von einem eifersüchtigen
Geliebten...
Daniel Odija: Das
Sägewerk.
Aus dem Polnischen
von Martin Pollack. München: Zsolnay 2006. 176 S. € 17,90
Eine neue
Schriftstellergeneration wächst in Polen heran. Einer ihrer Wortführer ist
Daniel Odija. Seine Romane und Dramen spielen in der Provinz. Er berichtet von
Menschen am Rand der Gesellschaft und bietet einen beklemmenden Eindruck in das
Polen von heute und die Entdeckung einer magischen, für unsere Augen
archaischen Welt. Unsentimental erzählt Odija von einem Dorf, das bis zur Wende
von einer Kolchose beherrscht wurde und nun langsam vor die Hunde geht. Einzig
der Schmalspuroligarch und Sägewerksbesitzer Józef Mysliwski versteht es, die
sich bietenden Möglichkeiten zu nutzen. Als er scheitert, ist auch der Traum
vom raschen Aufstieg auf Kosten anderer ausgeträumt.
Włodzimierz
Odojewski: Als der Zirkus kam.
Aus dem Polnischen von Barbara Schäfer. München: SchirmerGraf 2008. 176
S. € 16,80.
Marek
ist kein Kind mehr, als gegen Ende des Kriegs ein Zirkus in die Stadt kommt. Er
verliebt sich in die geheimnisvolle Liliputanerin Simone und sieht sich einem
Sturm schöner, beunruhigender Gefühle ausgesetzt. Meisterhaft versteht es
Odojewski, in diesen Momentaufnahmen das Erwachsenwerden in schwieriger Zeit zu
schildern.
Włodzimierz
Odojewski: Ein Sommer in Venedig.
Aus dem Polnischen von Barbara Schäfer. München: SchirmerGraf 2007. 128
S. € 14,80.
Marek
träumt davon, in den Ferien nach Venedig zu fahren. Das hatte Mama ihm
versprochen. Aber der Sommer 1939 hält andere Überraschungen für ihn bereit. Er
bleibt in Polen, wird aufs Land geschickt, in die Villa seiner Tante Weronika.
Und erlebt eine Reise, die das echte Venedig an Wundersamem, Überraschendem,
Poetischem bei weitem übertrifft.
Eliza Orzeszkowa: Die Blumenhochzeit
Aus dem Polnischen
von Karl Dedecius. Frankfurt/Main: Insel Verlag 2000. 66 S., € 7,50.
Marian Pankowski: Der
letzte Engeltag: Ein Silvenmanuskript
Aus dem Ponischen von Sven Sellmer. Zürich: Secession Verlag 2011. 88 S.,
€ 17,30.
Sprachliche Virtuosität ist eine
Rarität geworden. - Pankowskis Sprache ist eine solche. Seine geistige Freiheit
verschreibt sich keiner Philosophie, keiner Schule, keiner politischen Linie:
sein schärfster auf die Sprache gerichteter Blick wirft das Denken so gegen
alle Erwartung aus bekannten Bahnen, dass etwas Ungewöhnliches durch seine
Texte geschieht: sie erzeugen Glück. - Vor geistiger Schönheit, überraschender
Sinnhaftigkeit, präzisem Humor. In dem Silvenmanuskript Der letzte Engeltag
versammelt der polnische Verleger des Autors eine Auswahl von dessen Notizen,
die datiert sind auf Tage, die in unserer näheren Zukunft liegen. - Eine Zeit,
in der Pankowskis Alter Ego das mosaische Alter von 120 Jahren überschritten
haben wird. Er blickt zurück, zurück auch hinter unsere Zeit, während er eine
Welt vor Augen hat, die die unsrige sein wird. Angestachelt durch die
Beobachtungen zukünftiger Alltage, in deren Abläufe sich immer wieder Bilder
der Erinnerungen drängen, lädt Pankowski sein Alter Ego zu einer grotesk
anmutenden Versammlung ein: Er wird als Gast geladen der voraussichtlich
letzten Konferenz der Engel - "Durch das transkosmische Teleskop in die
Unendlichkeit" - beizuwohnen. In das Szenario von Ausschwitz gebettet,
wird diese Zusammenkunft zu einer furiosen Sprachburleske, in der Erleben und
Kommentieren eine scheinbar spielerisch leicht verknüpfte Verbindung eingehen
über die Hauptfragen von Religion und Metaphysik, Denken und Glauben. Dieses
literarische Kleinod lehrt die Antworten ihre Fragen! Der letzte Engeltag ist
ein Blick zurück voller Humor - zurück in eine Kindheit vor Auschwitz - und
zugleich nach vorn - in eine uns ereilende Zukunft.
Jerzy Pilch: Andere Lüste
Aus dem Polnischen
von Albrecht Lempp. Berlin: Verlag Volk & Welt 2000. 171 S., € 14,30.
"Leichte Zeiten
gibt es nicht", seufzt Kohoutek. Eigentlich könnte er rundum zufrieden sein.
Ja, wäre da nicht Justyna. Seine aktuelle Freundin. Mit ihrer ganzen Bibliothek
und allerlei Habseligkeiten im Koffer kommt sie plötzlich angereist - und schon
ist es vorbei mit der Beschaulichkeit. Flugs muss er sie auf dem Dachboden der
alten Schlachterei (und manchmal sogar auf dem Apfelbaum) verstecken, damit
niemand erfährt, dass er ein alter Wüstling ist, besessen vom
"unersättlichen Dämon der Tastlust" und von noch ganz anderen
Begierden.
Kohoutek sitzt in der Falle, die er sich selbst gestellt hat. Sein Versuch,
die aktuelle Freundin vor Oma, Eltern, Frau und Nachbarn geheim zu halten,
führt zu unvergleichlich komischen Szenen. Am Ende bleibt Kohoutek nur noch die
Flucht aus seinem Dorf im Teschener Ländchen, dieser protestantischen Enklave in
Polen, wo man es mit Sitte, Anstand und Bibel ohnehin ein bisschen strenger
nimmt.
Jerzy Pilch: Die
Talente und Obsessionen des Patryk W.
Aus dem Polnischen von Paulina Schulz. München: dtv 2008. 380 S. € 14,50.
Warschau, im Jahr 2000. Der
Jurastudent Patryk Wojewoda kann Geheimzahlen, wenn sie am Geldautomaten
eingetippt werden, erhören. Eine Fähigkeit, die ihm von Nutzem ist, um etwa
eine attraktive Frau kennenzulernen. Aber Patryk fühlt sich seinem Können auch
verpflichtet und macht es sich zur Aufgabe, erzieherisch auf seine Mitmenschen
einzuwirken, indem er etwa zur Strafe für nachlässige Kleidung Geld vom Konto
des »Missetäters« abhebt, das er diesem später mit einer Belehrung wieder
zukommen lässt. So wird die Polizei auf ihn aufmerksam - und macht ihm ein
fragwürdiges Angebot.
Jerzy Pilch: Zum starken
Engel
Aus dem Polnischen
von Albrecht Lempp. München: Luchterhand Literatur 2002. 256 S. € 20,00.
Juruś hat drei
Leidenschaften: Saufen, Frauen und das Schreiben. Für den fulminanten
Sprachwitz, mit dem er Juruś' Rettung vor der ersten Sucht durch die
beiden anderen inszeniert, hat Jerzy Pilch 2001 den bedeutendsten polnischen
Literaturpreis erhalten.
Halina Poświatowska: Erzählung für einen Freund
Aus dem Polnischen
von Monika Zenkteler-Cagliesi. München: Piper 2000. 240 S., € 18,00.
Halina Poswiatowska
wurde 1935 in Tschenstochau geboren und litt seit ihrer Kindheit an einem
schweren Herzfehler: Nach ersten Gedichtveröffentlichungen 1957
schriftstellerischer Durchbruch; 1958-1961
Amerikaaufenthalt. Ihr autobiographischer Roman "Erzählung für einen
Freund" erschien 1967, nur wenige Monate vor ihrem Tod.
Halina Poświatowska: Immer, wenn ich leben will. Gedichte über die Liebe
und den Tod.
Aus dem Polnischen
von Monika Zenkteler-Cagliesi. München: Piper 2002. 128 S. € 14,90.
1957 setzt eine
junge Frau, die seit ihrer Kindheit im Zweiten Weltkrieg unheilbar herzkrank
ist, die polnische Literaturszene in Aufruhr: Halina Poswiatowska legt ihren
ersten Lyrikband vor. Als sie 1967 erst 32jährig stirbt, bewahren ein
autobiographischer Roman und Hunderte von Gedichten diese faszinierende Stimme.
Ungewöhnlich frei spricht sie von Liebe, Schmerzen und Sehnsucht. Im Wettlauf
mit der Zeit und allen Warnungen der Ärzte zum Trotz hat sich Halina Poswiatowska
ihre Träume erfüllt, ist gereist und zum Studium nach Amerika gegangen, hat
geflirtet, intensiv geliebt und ihr Herz immer wieder auf die Bewährungsprobe
gestellt. 35 Jahre nach ihrem frühen Tod erscheint jetzt zum erstenmal
außerhalb Polens eine Auswahl ihrer schönsten Gedichte.
Janusz Przymanowski: Vier Panzersoldaten und ein Hund.
Aus dem Polnischen
von Ruprecht Willnow. Berlin: Neues Leben 2005. 800 S. € 19,90.
Drei Jahre schon
streift der 15jährige Janek durch die nördlichen Wälder der Sowjetunion, wohin
er bei Ausbruch des Krieges aus Polen geflohen ist. Er begleitet einen alten
Jäger auf seinen Streifzügen. Janek hat einen treuen Gefährten und
unzertrennlichen Freund, seinen Hund Sharik. Eines Tages erfährt er, daß eine
polnische Panzerdivision an der Seite der Roten Armee kämpft. Er hat nur noch
einen Wunsch - mitzukämpfen. Um als Fünfzehnjähriger, noch dazu mit einem Hund,
in eine Panzerbrigade aufgenommen zu werden, muß er sich einiges einfallen
lassen. Das ist die Vorgeschichte zu den Kriegserlebnissen von Janek, den
Panzersoldaten und dem Hund Sharik.
Władysław Stanisław Reymont: In der Opiumhöhle
Aus dem Polnischen
von Olaf Kühl und Renate Schmidgall. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1989. 290 S., €
18,80.
Tadeusz
Różewicz: In der schönsten Stadt der Welt.
Aus dem Polnischen
von Roswitha Matwin-Buschmann. München: Hanser 2006. 184 S. € 17,90.
Tadeusz
Różewicz hat sich in seinen Erzählungen der dramatischen Geschichte der
polnischen Kriegsgeneration gewidmet: Leben und Sterben der Partisanen im
Untergrund, der Verlust an sinnvollen Lebenskonzeptionen, die Brutalität und
die Menschlichkeit unter dem Kriegsrecht. Nun endlich erscheint eine
umfangreiche Sammlung dieser wunderbaren, prosaischen Texte. In seiner knappen,
bildhaften Sprache beweist Tadeusz Rózewicz, dass die Geschichten bis heute
nichts von ihrer Kraft, Schönheit und moralischen Sicherheit eingebüßt haben.
Tadeusz Różewicz: Das unterbrochene Gespräch. Gedichte polnisch/deutsch.
Aus dem Polnischen
von Alois Woldan. Graz: Droschl 1992. 164 S., € 15,50.
Tadeusz Różewicz: Zweite ernste Verwarnung. Gedichte.
Aus dem Polnischen
von Henryk Bereska. München: Carl Hanser Verlag 2000. 120 S., € 13,90.
Tadeusz Rozewicz,
der als Junge mit den Partisanen gegen Hitler kämpfte, hat seine Poetik aus der
Erfahrung des Krieges formuliert: eine schnörkellose, antiillusionistische
Dichtung. Seine mit harten Schnitten arbeitenden Poeme beschreiben eine Welt,
die sich nicht versöhnen lassen will.
Janusz Rudnicki: Der Grenzgänger
Aus dem Polnischen
von Ursula Kiermeier, Doreen Daume und Henryk Bereska. Herne: Gabriele Schäfer
2002. 232 S. € 14,90.
Artur Sandauer: Der Tod eines Liberalen
Aus dem Polnischen
von Urszula Usakowska-Wolff und Manfred Wolff. Bielefeld: Pendragon 2001. 167
S., € 12,68.
Małgorzata Saramonowicz: Die Schwester
Aus dem Polnischen
von Ursula Kiermeier. Hamburg: Rotbuch Verlag 2000. 190 S., € 18,50.
Mit dem Roman Die
Schwester ist Malgorzata Saramonowicz über Nacht zum Star der neuen polnischen
Literatur geworden. Dies ist ein spannendes Buch über Angst, das die Leser in
seinen Bann ziehen wird.
Wenn man den Ärzten glauben darf, dann ist Maria ins Koma gefallen, als sie
hörte, dass sie schwanger ist. Die Mediziner wollen das Kind abtreiben, um
Marias Leben zu retten, doch Jakub, ihr Mann, der Philosoph, widersetzt sich.
Er beginnt eine Suche nach den Gründen dieser Ohnmacht und gelangt bald zu der
Erkenntnis, dass er so gut wie nichts weiß über die Frau, mit der er zusammenlebt.
Im Verlauf seiner Suche beschleicht ihn das Gefühl, dass er in eine ziemlich
dunkle Sache verstrickt wird. Und mit jeder Bewegung macht er mehr unheimliche
Entdeckungen. Die Schwester ist ein ganz und gar außergewöhnlicher Roman. Drei
Erzähler entfesseln einen faszinierenden, mitunter beklemmenden, immer aber
mitreißenden Erzählton. Die erste Stimme ist die der Hauptfigur, Maria. Die
zweite Stimme gehört ihrem Ehemann Jakub, der von seiner Suche nach dem Grund
der Krankheit seiner Frau erzählt und davon, wie er sie retten möchte. Die
überraschendste Stimme aber ist die dritte, ein Flüstern nur.
Małgorzata Saramonowicz: Spiegel
Aus dem Polnischen
von Ursula Kiermeier. Hamburg: Rotbuch Verlag 2002. 261 S., € 19,90.
Bruno Schulz: Die Wirklichkeit ist Schatten des Wortes. Aufsätze und Briefe.
Aus dem Polnischen
von Mikolaj Dutsch (u.a.). München: dtv 2000. 398 S., € 13,50.
Der zweite Band der
Werkausgabe enthält Briefe, Essays, Rezensionen und Skizzen, die das geistige
Porträt des zur literarischen Erneuerung entschlossenen und fähigen Künsters
dokumentieren. Ein ausführlicher Anhang mit Zeugnissen von Freunden und
Zeitgenossen, eine Lebens- und Werkchronik sowie Nachworte des akribischen
Suchers und Herausgebers Jerzy Ficowski helfen, den Menschen und den Künstler
Bruno Schulz kennen zu lernen.
Bruno Schulz: Die Zimtläden
und alle anderen Erzählungen; Die Wirklichkeit ist Schatten des Wortes.
Aus dem Polnischen
von Mikolaj Dutsch (u.a.). München: Hanser 2000. 398 S., € 24,90.
Bruno Schulz verkörpert
jenen Typus des mitteleuropäischen Schriftstellers (und Künstlers), dessen Welt
im Zweiten Weltkrieg endgültig untergegangen ist. Mit visionärer Kraft und
groteskem Humor hat er in den Zimtläden die Geschichten und Träume einer
Gesellschaft dargestellt, die unter der Vorahnung einer verborgenen Katastrophe
lebt.
Piotr Siemion: Picknick am Ende der Nacht [Niskie
Łąki].
Aus dem Polnischen
von Esther Kinsky. Berlin: Verlag Volk & Welt 2000. 395 S., € 22,50.
Wenn Engländer
reisen, geschieht oft, was niemand erwartet, selbst im grau-makabren Polen der
frühen achtziger Jahre: Ein Theatermann kommt nach Wroclaw, um Ibsens Wildente
zu inszenieren, und als erstes findet er sich in der schmutzigkalten Oder
wieder. Wer hat ihn hineingestoßen? Er weiß es nicht. Bald aber lernt er die
näher kennen, die sich seiner angenommen haben: exzentrische junge Leute, die
wissen, dass alles in dieser unmöglichen Welt nichts ist, wenn es nicht Theater
ist. Zwei haben es dem Engländer besonders angetan: Carlos, der im Untergrund
Radio macht, und die schöne Lidka. Die Freundschaft der drei hält über Grenzen
hinweg, und eine gemeinsame Sehnsucht nach der gehassten und geliebten Stadt an
der Oder verbindet sie, als sie sich in New York wiederbegegnen. Kein Wunder,
dass sie nach Wroclaw zurückkehren, sobald die Nacht des Realsozialismus vorbei
ist. Endlich können sie machen, was sie wollen: Carlos gründet einen
Radiosender, der Engländer dreht Dokumentarfilme für die BBC, und Lidka
eröffnet eine Videothek. Schließlich finden sie sich zu einem exzessiven
Frühlingsfest am Ufer der Oder ein. Symbolisch fliegen ihre Sorgen in den
Grenzfluss zwischen Ost und West - in Wahrheit sind es bunte Gartenzwerge -,
und als der Engländer ausrutscht, folgen ihm die anderen freiwillig ins Wasser.
Der Fluß ist wieder schmutzig und kalt, sie aber lachen - so übermütig wie noch
nie in ihrem Leben.
Henryk Sienkiewicz: Mit Feuer und Schwert,
2 Bde.
Übersetzt von Cécile
G. Lecaux. Bergisch-Gladbach: Lübbe 1999. 1344 S., € 14,95.
Henryk Sienkiewicz: Die Kreuzritter
Aus dem Polnischen
vom Verfasser. Berlin: Verlag Neues Leben 2000. 320 S., € 14,30.
Henryk Sienkiewicz: Quo vadis?
Auf der Grundlage
der Übersetzung von J. Bolinski neu erarbeitet von Marga und Roland Erb.
München: dtv 2000. 624 S., € 12,50.
Das dekadente Rom
Kaiser Neros im Widerstreit mit der unwiderstehlichen sittlichen Kraft des
aufstrebenden Christentums und dazu eine von melodramatischen Elementen nicht
freie, großartige Liebesgeschichte zwischen dem Römer Vinicius und der Christin
Lygia - aus diesen Essenzen schuf der polnische Schriftsteller Henryk
Sienkiewicz den Welterfolg "Quo vadis?". Das opulente Werk basiert
auf intensiven Quellenstudien. Seinem Autor geht es aber nicht nur um die
Beschreibung der römischen Welt, sondern, "weil er dem Volk ins Herz
schaut", auch um die Schilderung etwa des Martyriums der Christen oder des
großen Brands und um das Pathos einer tiefen Leidenschaft. So ist ein Klassiker
unter den historischen Romanen entstanden, für den Sienkiewicz 1905 den
Nobelpreis erhielt.
Henryk Sienkiewicz: Wirren
Aus dem Polnischen
von Karin Wolff. Stuttgart: Manesse 2005. 572 S. € 22,90.
Vor genau einhundert
Jahren wurde das literarische Schaffen Henryk Sienkiewiczs mit dem
Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Wie vielfältig sein
Können und wie klar sein Blick auf die Gegenwart war, beweist der Roman
"Wirren", der bis heute völlig zu Unrecht im Schatten des Welterfolgs
"Quo vadis?" steht. Spannend und atmosphärisch dicht erzählt er eine
tragische Liebesgeschichte vor dem Hintergrund revolutionärer Umbrüche.
Als der wenig beliebte, doch außerordentlich vermögende Adam Zarnowski im Jahre
1905 stirbt, reisen Verwandte und Bekannte zu seinem Gutshof, um das Erbe
anzutreten: Sein attraktiver Neffe Władysław Krzycki, die wohlhabende
Jungwitwe Zosia Otocka, deren feenhafte Schwester Marynia und eine
geheimnisvolle Freundin aus England sind nur einige der illustren Gäste, die
sich in der polnischen Ortschaft Jastrząb einfinden. Noch während sich
zwischen ihnen erste zarte Bande entspinnen, sorgt die Eröffnung des Testaments
für eine Überraschung, bei manchem Bauern aus der Gegend auch für Enttäuschung.
In die angespannte Stimmung mischen sich zunehmend gewaltsame Töne, als
revolutionäre Unruhen von Russland auf Polen übergreifen. Eine Katastrophe
bahnt sich an.
Hellsichtig und mit elegantem, fein-ironischem Ton erzählt Sienkiewicz die
Geschichte seiner zwischen Nationalismus und Sozialismus zerrissenen Heimat.
Seine Figuren sind prägnante Charaktere, die zugleich typische Positionen ihrer
Zeit verkörpern. So wird ein wichtiges Kapitel der polnischen Vergangenheit
lebendig.
Juliusz Słowacki: Beniowski. Eine Versdichtung.
Aus dem Polnischen
von Hans-Peter Hoelscher-Obermaier. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1999. 215
S., € 17,80.
Juliusz Słowacki: Des Dichters größter Ruhm. Ausgewählte Lyrik.
Aus dem Polnischen
von Christoph Ferber. Mainz: Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung 1997. 151 S., €
10,00.
Juliusz Slowacki
(1809-1849), neben Mickiewicz und Krasinski der dritte große Dichter der
polnischen Romantik, ist außerhalb seiner Heimat kaum bekannt geworden. Zu
Unrecht, denn seine formale Meisterschaft und seine Sprachgewalt machen ihn zu
einem Klassiker mit größtem Einfluß auf die spätere polnische Dichtung. Sein in
der Tradition von Dante und Petrarca stehendes Poem "In der Schweiz"
und auch die kürzeren Liebesgedichte gehören zum Innigsten und Zartesten, was
in polnischer Sprache über die Liebe gesagt worden ist. Slowackis Lyrik hat
wegen ihres gedanklichen Reichtums und ihrer schöpferischen Originalität bis
heute nichts an ihrer mythenschaffenden Kraft eingebüßt. Die vorliegende
Übersetzung erlaubt es dem deutschsprachigen Leser, einen Eindruck auch von der
Klangfülle seiner Dichtung zu gewinnen.
Juliusz Słowacki: König-Geist
Aus dem Polnischen
übertragen, mit Kommentar und Nachwort versehen von Walter Schamschula.
Frankfurt/Main: Peter Lang 1998. 278 S., € 45,50.
Slowackis
"Król-Duch", ein Meisterwerk der polnischen Romantik, das letzte Werk
des Dichters, ist außerhalb Polens nur wenigen Experten bekannt. Die Probleme
der Textüberlieferung und -analyse haben bewirkt, daß dieses Epos auch in Polen
nicht gebührend gewürdigt wird und daß es keine vollständige Übersetzung in
eine andere Sprache gibt. Diese deutsche Fassung bemüht sich um philologische
Genauigkeit unter Bewahrung der komplizierten Strophen- und Versform und bietet
den bisher umfassendsten Kommentar des Werks.
Marek Śnieciński: Andere Obsessionen. Erzählungen.
Aus dem Polnischen von Bettina
Eberspächer. Leipzig: Edition Erata 2007. 140 S. € 13,95.
Piotr Sommer. Im Dunkeln auch. Gedichte.
Aus dem Polnischen von Renate
Schmidgall und Bernhard Hartmann. Berlin: Matthes & Seitz 2010. 208 S., €
24,80.
Ein Lagerfeuer am See, ein Traum von einer nahen Person, eine
Zigarette auf dem Balkon in einer unbekannten Stadt, es sind die kleinen
Ereignisse, die bei Piotr Sommer zum Wichtigsten werden auf der Welt. Mit
schwebender Leichtigkeit und im Plauderton erzählt er von den großen Dingen im
Kleinen: von Werden und Vergehen, Gegenwärtigem und Vergangenem, dem Leben, das
manchmal sein eigenes Leben führt - und nicht zuletzt vom Ticken der Zeit in
einem selbst. Piotr Sommers Gedichte sind Gespräche, sein Ton ist wie beiläufig,
das Merkmal seiner Poesie ist Bewegung ein Wägen der Gedanken, dessen Ziel ein
möglichst genaues Verzeichnis der Lebensechos ist, denn: »Auch ich suche ein
Atelier, wo alles registriert ist, Tag für Tag, und die Negative weiterhin
aufbewahrt und registriert werden, auch jetzt.«
Piotr Sommer: Ein
freier Tag im April. Gedichte.
Aus dem Polnischen
von Doreen Daume. Wien: Edition Korrespondenzen 2002. 128 S. € 21,50.
Die Stärke der
polnischen Literatur ist die ihrer Dichter - und Piotr Sommer ist einer der
profiliertesten unter ihnen. Ohne große Worte, mit Leichtigkeit und Ironie,
wirft er wie flüchtig ein Licht auf die dämmrige Szenerie unserer Existenz.
Seine Lyrik ist Gespräch, leichtes Parlando, der Ton ein unverkennbarer Sound
des Einfachen, wie nebenbei Hingesagten. Und doch ist diese Schlichtheit eine
nur scheinbare. Sommers Umgang mit der Sprache der öffentlichen Rede, der
Straße und der poetischen Epiphanie ist ein ganz und gar virtuoser.
Andrzej Stasiuk:
Dojczland
Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag
2008. 92 S. € 9,00.
»Beim Anblick eines Mercedes die
Tränen runterschlucken. In die silberne Zigarre des ICE steigen,
Herbst im Herzen. Durch das Olympiastadion in Berlin spazieren und eine
Zigeunermelodie aus Siebenbürgen vor sich hinsummen.«
Der Erzähler des Bestsellers Dojczland, ein literarischer Gastarbeiter auf
Lesereise kreuz und quer durch die Bundesrepublik, verbirgt nicht, dass er
lieber auf dem Bukarester Gara de Nord als am Stuttgarter Hauptbahnhof
angekommen wäre. So selbstironisch spielt Stasiuk mit Ängsten, Vorurteilen und
Klischees, den eigenen, den fremden, dass ihn ein polnisches Skandalmagazin als
»bezahlten Einflussagenten Berlins« anprangerte.
Andrzej Stasiuk:
Fado.
Reiseskizzen.
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag
2008. 158 S., € 9,50.
Während seiner Fahrten durch
Albanien hört Stasiuk den Fado. Melancholie und sanfter Trotz dieser Musik sind
auch den 24 kurzen erzählerischen Meditationen eigen, die thematisch wie
geographisch einen weiten Bogen schlagen: von Südpolen bis Montenegro, vom
Blick durchs Vergrößerungsglas auf eine alte Karte, die bosnische Dörfer
verzeichnet, bis zu den Reflexionen über die neue Mobilität als Flucht aus der
eigenen Geschichte, dem eigenen Leben. "Gibt es eine bessere Metapher für
die Reise als eine brüchige Landkarte? Gibt es eine noblere Art der Reise als
die auf den Spuren eines Schriftstellers, dessen Bücher man bewundert? So eine
Reise ist eine Pilgerfahrt. Und die Pilgerfahrt ist ja nichts anderes als die
ältere Schwester der Reise als solcher. Reisen heißt leben. Jedenfalls doppelt,
dreifach, mehrfach leben."
Andrzej Stasiuk: Das Flugzeug aus Karton. Essays.
Aus dem Polnischen
von Renate Schmidgall. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2004. 200 S. € 19,90.
Eingeschobene
Prosastücke – mitteleuropäische Impressionen und Erinnerungsbilder –
dokumentieren die »Vielfalt der Welten«: hier der mediale Kosmos, die
Verfügbarkeit aller nur denkbaren Informationen, dort ein verfallender Kurort
mit Hotel und Sanatorium, »ein galizischer Zauberberg«.
Nicht ohne Melancholie kündet Stasiuk vom Verlust des Geheimnisses in unserer
total erleuchteten, vom Visuellen beherrschten Welt. Und erinnert an die Magie
eines Kinderfotos, das uns vielleicht einmal vor der letzten, größten
Einsamkeit bewahren wird. Wie uns auch nur ein Flugzeug aus Karton in den
Himmel bringen kann.
Andrzej Stasiuk: Galizische
Geschichten.
Aus dem Polnischen
von Renate Schmidgall. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2002. 130 S. € 19,90.
Südostpolen nach der
Wende. In einem Dorf verrottet die frühere LPG, und das kleine
Menschenuniversum gerät aus den Fugen. Wer nicht mehr fortkommt, bleibt am Fenster
sitzen wie die alte Frau, die noch heute ihre sechs Töchter auf dem Wiesenweg
davongehen sieht, oder wie Herr Lewandowski, der im ungeheizten Zimmer vor dem
Foto seiner Frau hockt und von Warschau träumt. Nur der ewig verschuldete
Wäadek kommt zu Geld. Den vergammelten Kiosk mit Zahnbürsten, Papstbildern,
drei Zigarettensorten und dem blassen, gelangweilten Gesicht der Verkäuferin
verwandelt er in eine gleißende Licht- und Farbenpracht - die Erschaffung der
Welt im grauen Raum zwischen Kneipe und Dorfplatz.
In dieser Gegend, die früher ein Teil Galiziens war und schon immer zu den
ärmsten und rückständigsten Regionen Polens gehörte, findet Andrzej Stasiuk,
was er sucht: Bilder aus dem imaginären Alltagsmuseum Mitteleuropas,
Geschichten, die er sich in dämmrigen Wohnstuben, in Kirchenruinen und an den
Busstationen einer verlassenen Provinz erzählen läßt, Lebensträume und
Hoffnungen, die sich gegen die Gewalt einer ganzen Epoche behauptet haben.
Ein sympathisierender Blick ruht auf den Gestalten, und auch dem
Übernatürlichen und Unwahrscheinlichen verschließt der Autor sich nicht.
Menschen mit sparsamen Strichen und ihr Drama auf wenigen Seiten, unter
Verzicht auf jede Erklärung zu entwerfen, ist eine Kunst, die Andrzej Stasiuk
meisterhaft beherrscht.
Andrzej Stasiuk:
Hinter der Blechwand (Taksim)
Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Frankfurt/Main:
Suhrkamp Verlag 2011. 349 S. € 22,90.
In einem alten Lieferwagen
klappern Władek und Paweł die Märkte und Basare Südosteuropas ab. Bis
vor kurzem sind sie ihre Second-Hand-Klamotten aus »Paris-London-New York« ohne
Probleme losgeworden. Doch neuerdings tauchen zwischen Blech, Beton und
schmutzigen Glasscheiben farbenfrohe Häuserblocks auf: malerische Hieroglyphen
preisen Textilien aus China zu Dumpingpreisen an. Als Władek sich in die
Kartenverkäuferin eines slowakischen Wanderrummels verliebt, werden die beiden
Freunde unversehens in das kriminelle Treiben von Menschenschmugglern
hineingezogen. Was wie eine melancholisch-meditative »road novel« begann,
entwickelt sich zu einer rasanten Verfolgungsgeschichte, in der es nicht mehr
um gefälschte chinesische Westwaren, sondern um Leben und Tod geht. Andrzej
Stasiuk hat einen Roman der Gegenwart und der Zukunft geschrieben – wie die
Globalisierung über den Osten hereinbricht und ihn verwandelt. Szenen von
verstörender Grausamkeit, Episoden von inständiger Zartheit, ein Abgesang auf
den europäischen Kontinent: in dieser Melange liegt der Reiz seines neuen
Buches. Die meisterhaft gezeichneten Landschaften im Abendlicht der Geschichte
bilden den Hintergrund einer Erzählung vom materiellen und moralischen
Zusammenbruch einer ganzen Lebenswelt.
Andrzej Stasiuk: Die Mauern von
Hebron.
Aus dem Polnischen
von Olaf Kühl. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2003. 150 S. € 9,00.
"Aus Langeweile
kaufte ich mir ein Heft und einen Kugelschreiber, setzte mich eines Abends hin
und schrieb, wie mir Opa Jarema geraten hatte, ein Buch über das Gefängnis.
Zwei Wochen habe ich gebraucht. So lange wie die Arbeit in der Zuckerfabrik.
Ich hatte keine Ahnung, daß es so leicht ist, ein Buch zu schreiben."
Stasiuks legendäres Debüt, seit 1992 in Polen immer wieder aufgelegt, verstört
und fasziniert die Leser bis heute. Die gewalttätige Realität des
Gefängnisalltags verlangt dem Autor jene Kraft zur poetischen Überschreitung
ab, für die sein späteres Werk bewundert wird.
In keinem anderen Text Stasiuks ist der Blick auf die Wirklichkeit so
schamlos und gnadenlos. Dem Untergrundverleger war das "Buch eine Spur zu
knastig für diese Zeiten". Heute bildet es das Fundament seines Werkes.
Denn die rauschhafte Schönheit des Lichts und der Landschaft in der Welt hinter
Dukla hätte sich ohne die existentielle Schwärze der Mauern von Hebron
womöglich nie gezeigt
Andrzej Stasiuk: Neun
Aus dem Polnischen
von Renate Schmidgall. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2002. 297 S. € 22,90.
Pawel, ein junger
Geschäftsmann, der es zu einem bescheidenen Textilhandel gebracht hat, erwacht
in einer Trümmerlandschaft. Der Spiegel im Bad ist zerschlagen, Tuben, Bürsten
und Fläschchen liegen auf dem Boden, Kleider sind aus dem Schrank gerissen. Er
verlässt seine Wohnung und fährt durch Warschau, getrieben von Unruhe und
Angst. Er hat Schulden, man ist ihm auf den Fersen, er braucht Geld. Ein
Freund, Jacek, an den er sich um Hilfe wendet, entgeht knapp einem Überfall und
ist ebenfalls auf der Flucht.
Stasiuk erzählt diese Geschichte aus dem kriminellen Milieu so unspektakulär
wie beklemmend. Ohne Kommentare, präzise wie ein allgegenwärtiges Kameraauge,
begleitet er seine Protagonisten von Schauplatz zu Schauplatz: über Bahnhöfe
und Magistralen, durch Industriebrachen und Hotelruinen, wilde Gärten und
aufgeweichte Lehmwege, heruntergekommene Innenhöfe und schließlich auf die
Dächer hoch über der Marszalkowska, wo die Verfolgungsjagd endet. Sein
multipler Erzähler lauscht den Atemzügen der Großstadt, belauert sie wie ein
Lebewesen, spürt dem Vergehen der Zeit nach und wird Zeuge eines Mordes.
Nach "Der weiße Rabe" und "Die Welt hinter Dukla" hat
Stasiuk in seinem neuen Buch - es ist sein neuntes - die poetische Ausmessung
der heutigen polnischen Wirklichkeit weitergetrieben. Hinter allem, was
geschieht, wartet der Stillstand. Das träumerische Wissen um die Vergeblichkeit
jeder Fluchtbewegung gibt dem Roman seinen eigentümlichen Zauber.
Andrzej Stasiuk:
Über den Fluß.
Aus dem Polnischen
von Renate Schmidgall. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2004. 200 S. € 10,00
Andrzej Stasiuks
Zyklus von zwölf aufeinander bezogenen Geschichten beginnt mit drei wunderbaren
Skizzen aus der Kindheit. Es sind kleine Prozessionen, nicht sehr feierlich,
aber voll andächtigen Staunens: ein Gang in die Kirche, in die Bibliothek, in
den Religionsunterricht. Erste Erkundungen des Magischen und Erotischen in
einer unberührten, von Geheimnissen erfüllten Sphäre, in der die Verlockungen,
nicht die Katastrophen der Liebe schon zu ahnen sind. Die von Schatten
gefleckte Straße aus der Schulzeit führt dann direkt in den Warschauer
Underground der siebziger und achtziger Jahre. Dort geschieht nicht viel. Nur
dass ein paar junge Leute unentwegt auf der Grenze zwischen Leben und Tod
balancieren. Stasiuks poetische Messinstrumente zeichnen die Grade ihrer
Verlassenheit auf, doch die Kraft der Bilder, der verwegene Schritt Richtung
Transzendenz verwandelt den traurigen Traum dieser Jugend in große Literatur.
Andrzej Stasiuk: Der weiße Rabe
Aus dem Polnischen
von Olaf Kühl. Reinbek: Rororo 2000. 348 S., € 9,90.
Wer hat nicht schon
mit dem Gedanken gespielt, wenigstens für zwei Wochen aus der Welt zu
verschwinden? Fünf Jugendfreunde im postkommunistischen Warschau, "gut
dreißig, Nachkommenschaft auf dem Hals", brechen ins Ungewisse auf.Ihres
Alltags überdrüssig, lassen sie sich von Wasyl Bandurko, dem gescheiterten
Pianisten, zu einem Abenteuer überreden, das sie in das wilde, spärlich
besiedelte Gebiet an der polnisch-slowakischen Grenze führt. Nicht alle kennen
den Zweck des Ausflugs: Bandurko will seinen eigenen Tod inszenieren.
Andrzej Stasiuk:
Unterwegs nach Babadag.
Aus dem Polnischen von
Renate Schmidgall. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2005. 303 S. € 22,80
Kuhherden auf einer Bahnstrecke hinter
Oradea, Schafe in einer Vorortstraße von Satu Mare, ein Schimmel, der mitten in
Suceava weidet – den schmutzigsten, entlegensten Teil unseres Kontinents
bevölkern die Tiere. In der Endlosigkeit verrosteter Lagerhallen, im Schatten
gigantischer Schornsteine, zwischen schaukelnden Lastwagen zupfen sie
vergiftetes Gras, ohne eine Spur von Angst oder Interesse. Als weideten sie
dort seit Urzeiten. Sequenzen wie aus Filmen von Buñuel oder Fellini
durchziehen Andrzej Stasiuks literarische Reportagen aus Albanien, Moldawien,
Rumänien, der Ukraine, Ungarn und der Slowakei. Nach der Rückkehr kann er kaum
glauben, daß er wirklich dort war, nicht alles nur geträumt hat – die Bunker,
Satellitenschüsseln und UNO-Flaggen, das Dorf im Donaudelta, das langsam im
Wasser versinkt, die Städtchen, in denen die Kinder schon müde zur Welt kommen.
Babadag heißt einer der Orte, die Stasiuk zwischen Ostsee und Schwarzem Meer
durchreist. Einer dieser »schwachen Orte«, die verschwinden, sobald man sich
abwendet. Die Panik, sie und ihre Bewohner könnten aufhören zu sein, wenn er
sie nicht beschreibt, sie könnten mit ihm und seinem erlöschenden Blick
untergehen, treibt ihn an. Aus dieser Angst ist Stasiuks neues Buch entstanden
– sein wohl schönstes über eine Welt weit hinter Dukla.
Andrzej Stasiuk: Die Welt hinter Dukla
Aus dem Polnischen
von Olaf Kühl. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2000. 180 S., € 18,80.
Dukla ist ein
verschlafenes Nest in Südpolen, am Rande der Karpaten, nicht weit von der
slowakischen Grenze entfernt. Auf dem Marktplatz hat sich alle Leere der Welt
versammelt. Ein Wind herrscht, der direkt aus Alaska und Sibirien herüberweht.
Mit seinem bröckelnden Mauern und dem Schloss der Fürsten von Brühl, den beiden
Barockkirchen und der niedergebrannten Synagoge ist Dukla ein Ort, der eine
magische Anziehungskraft auf Stasiuks Ich-Erzähler ausübt. Wie unter Zwang
kehrt er immer wieder in das Städtchen zurück, "um es bei
unterschiedlichem Licht, zu unterschiedlichen Tageszeiten anzusehen". Sein
Versuch, den Geist des Ortes zu fassen, der Materie ihr Gedächtnis zu
entreißen, macht die Spurensuche zu einer dichterischen Expedition. Andrzej
Stasiuk beschreibt sein Buch als einen ''schwer zu beschreibenden Akt
atheistischer Mystik, eine sehr meditative Prosa. Es geht um ein tiefes
Eintauchen in jedes Ereignis, darum, all das, was sichtbar ist, zu notieren -
um ein postreligiöses Erleben der Gegenwart.'' (LITERATUREN)
Andrzej Stasiuk: Wie ich
Schriftsteller wurde
Aus dem Polnischen
von Olaf Kühl. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2001. 139 S., € 9,00
Andrzej Stasiuk wäre
lieber Rockstar geworden als Schriftsteller. Daß es anders kam, verdanken wir
der verwunschenen Trostlosigkeit Warschaus, dem Realismus Godots, der Musik der
Sex Pistols und Leuten wie Lou Reed und Jean Genet. Und einer permanenten
Rebellion gegen Eltern, Schule, Armee und Gesellschaft. Im Dezember 1980, als
das Kriegsrecht in Polen verhängt wurde, kehrte Stasiuk nicht mehr in seine
Kaserne zurück und landete im Gefängnis. Nach seiner Entlassung wurde er als
Held des Widerstands gefeiert. Doch er war weder Pazifist noch Dissident - er
hatte einfach keine Lust mehr. Dieser in einem einzigen, langen Atemzug
erzählte Bildungsroman in ironischer Absicht bestätigt, was Stasiuk-Leser
längst wissen: daß seine poetische Kraft sich nicht nur einem gefährlichen
Leben, sondern auch dem unverwandten Staunen über die Wirklichkeit verdankt.
Julian Stryjkowski:
Asrils Traum. An den Weiden... unsere Harfen. Zwei Erzählungen
Aus dem Polnischen
von Karin Wolff. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1995. 302 S., € 17,80.
Andrzej Szczypiorski. Amerikanischer Whiskey
Aus dem Polnischen
von Klaus Staemmler. Zürich: Diogenes 2000. 257 S. € 7,90.
"Der Mangel an
Bereitschaft, mit der offiziellen Geschichtsschreibung und mit den nationalen
Mythen konform zu gehen, bewirkt, daß man ihn, nicht immer gern, dafür mit um so größerem Respekt, als wahren Spezialisten der Erinnerung
anerkennt."(Süddeutsche Zeitung)
"Szczypiorski ist ein Meister der unterschwelligen, doppelbödigen
Kommunikation zwischen Herr und Knecht, Mächtigem und Bittsteller, Überlegenem
und Unterlegenem. Die hierarchischen Beziehungen sind immer viel komplizierter,
als die institutionalisierte Rollenzuteilung es erwarten läßt. Das Verhältnis
zwischen den Bewachern eines KZ und den Inhaftierten schildert er als ein
vielschichtiges Gemisch aus unmenschlicher Grundsituation und humanitären
Funken. Szczypiorski gelingt es prickelnd, die Ambivalenz und Willkür des
Schicksals einzufangen, den Augenblick etwa, da des Erzählers Zukunft
sekundenlang auf des Messers Schneide
steht."(Mittelbayerische Zeitung)
"Daß Szczypiorski zur Meisterklasse der lebenden europäischen Literatur
gehört, ist inzwischen unter den Kundigen ausgemacht. Szczypiorski, der ja
eigentlich nur von Trübem, Bitterem, Qualvollem zu berichten hat, vermag eine
Leichtigkeit ohne Trivialität, einen Anflug von Humor ohne Verlogenheit zu
bewahren."(Die Zeit)
"Turmhoch stehen diese Erzählungen über dem grassierenden esoterischen
Gefinkel und knieweichen Selbstbeweinen heimischer Floristen."(Der
Spiegel)
Andrzej Szczypiorski: Feuerspiele
Aus dem Polnischen
von Barbara Schäfer. Zürich: Diogenes Verlag 2002. 362 S., € 11,90.
Ein amerikanischer
Industrieller, ein Exilrusse und ein polnischer Jude planen eine
Kunstausstellung privater Sammler im idyllischen Kurort Bad Kranach. Es sollen
reiche Kunstsammler aus allen Teilen der Welt daran teilnehmen. Eine Ausstellung,
die ein Beweis dafür sein könnte, wie haushoch überlegen die schönen Künste
doch kleinkariertem Nationalismus gegenüber sind. Doch bald stellt sich heraus,
dass die wahren Interessen der Beteiligten in Wirklichkeit ganz woanders
liegen...
Andrzej Szczypiorski: Die schöne Frau Seidenman
Aus dem Polnischen
von Klaus Staemmler. Zürich: Diogenes 1996. 268 S., € 8,90.
Dieser Roman handelt
von der Rettung der Irma Seidenman, einer blauäugigen, schlanken und schönen
Polin, und einer Vielfalt von Gestalten und Geschichten, die der Autor in einer
großartigen Komposition um sie herum gruppiert. Ein Roman wie ein
unvergleichliches Gemälde, voller Poesie und leisen Humors, scharf beobachtet
und unsentimental.
Andrzej Szczypiorski: Eine Messe für die Stadt Arras
Aus dem Polnischen
von Karin Wolff. Zürich: Diogenes 1991. 197 S., € 8,90.
Im Frühling des
Jahres 1458 wurde die Stadt Arras von Hungersnot und Pest heimgesucht. Im Laufe
eines Monats starb beinahe ein Fünftel der Bevölkerung. Kurze Zeit später kam
es aus ungeklärten Gründen zur berüchtigten Vauderie d'Arras - grausamen Juden-
und Hexenverfolgungen und Prozessen wegen angeblicher Häresie. Geraume Zeit
danach erklärte der Bischof von Utrecht alle Hexen- und Ketzerprozesse für
nichtig.
Andrzej Szczypiorski: Nacht, Tag und Nacht
Aus dem Polnischen
von Klaus Staemmler. Zürich: Diogenes 2000. 264 S. € 8,90.
A love story and political thriller
with autobiographical elements all in one. The central character, scientist
Antoni, tells a journalist the story of his life, his great love for Justyna, a
member of the resistance who has followed him through many years of
imprisonment all across the country. On a second and third level the same
events are told from the viewpoint of the Communist Czarnocki and of the
Russian functionary Lomakin. In this exciting novel Szczypiorski has created a
clear picture of the events and background forming of European history of this
century to the present day.
Andrzej Szczypiorski: Den Schatten fangen
Aus dem Polnischen
von Barbara Schäfer. Zürich: Diogenes 2000. 176 S. € 7,90.
A la recherche du
temps perdu und einer verlorenen Jugend. Fünfzehn Jahre alt ist Krzys, als 1939
in Polen der Krieg ausbricht
Sommer 1939 in Polen: Wie eine Gewitterwolke hängt die drohende Kriegsgefahr
über dem Land. Der junge Krzys, der an der Schwelle zum Erwachsensein steht und
seine erste Liebe erlebt, verabschiedet sich wehmütig von den liebgewordenen
Erinnerungen seiner Kindheit. Und mit dem Ende der Kindheit von Krzys zieht das
Ende einer polnischen Epoche heran. Krzys kann gerade noch den Schatten
fangen...
Andrzej Szczypiorski: Selbstporträt mit Frau
Aus dem Polnischen
von Klaus Staemmler. Zürich: Diogenes 1996. 256 S., € 8,90.
Der sechzigjährige
polnische Soziologe Kamil wird auf einem Kongress in Genf von der
Rundfunkjournalistin Ruth zu den Ereignissen des politischen Frühlings in Polen
befragt. Die Begegnung ist für beide schicksalshaft. "''Selbstportrait mit
Frau''", so der Autor, "stellt die Unfähigkeit zu einer wahren,
tiefen Liebe zwischen Mann und Frau dar. Auf einer anderen Textebene versuche
ich aber eine viel allgemeinere Überlegung mitzuteilen, nämlich die, dass die
Unfähigkeit zu lieben ein Charakteristikum unserer Zeit ist, ganz unabhängig davon,
ob jemand in der vollkommensten Demokratie oder im schlimmsten Totalitarismus
lebt."
Andrzej Szczypiorski: Der Teufel im Graben
Aus dem Polnischen
von Klaus Staemmler. Zürich: Diogenes 1995. 208 S. € 7,90.
Stanislaw Ruge
erinnert immer irgendwen an irgend jemanden. In der
Kneipe eines polnischen Provinznestes kommt er mit einem Dienstreisenden und
dem ortsansässigen Rostocki ins Gespräch. Rostocki besteht darauf, in Ruge
einen Polizisten wiederzuerkennen, der in der Nazizeit mit den Deutschen kollaborierte.
Am nächsten Morgen wird Ruge überfahren auf den Zuggleisen aufgefunden.
Selbstmord - oder Mord?
Piotr Szewc: Das
Buch eines Tages. Zamość, Juli 1934
Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Edition FotoTapeta 2011. 125 S. €
12,80
Ein Buch, das einen ganzen Tag
erzählt, einen Tag im Sommer, als wäre es ein Idyll das Licht, die Gräser, die
Trägheit, die Passanten, die Kneipengänger, die Händler, die Hure Idyllisch war
und ist wieder auch der Ort, von dem dieser Roman erzählt: Zamość im
Südosten Polens. Ein Städtchen wie eine Renaissance-Schönheit in der
italienischen Provinz. Das Jahr? 1934. Noch ist die Katastrophe nicht da. Aber
wir, die Leser heute, wir wissen, was kam. Im polnischen Original hieß der
Roman von Piotr Szewc sinngemäß Vernichtung. Der Autor beschreibt einen
Sommertag... vor der Vernichtung.
Władyslaw Szlengel: Was ich den Toten las. Texte und Gedichte aus dem Warschauer Getto.
Aus dem Polnischen
von Roland Erb (u.a.). Neumünster: Paranus Verlag 2003. 126 S. € 12,80.
"Die Gedichte
Wladyslaw Szlengels sind das einzige so in sich geschlossene lyrische Dokument
über das Leben im Warschauer Getto, ein Dokument, von dem sich viele Wege in
die Zukunft auftun. Es darf nicht unbekannt bleiben." (Irena Maciejewska).
Seine Texte las der schon vor dem Krieg durch Beiträge in satyrischen
Warschauer Zeitschriften bekannt gewordene Dichter Wladyslaw Szlengel (1914 -
1943) erst den Insassen des Warschauer Gettos vor und dann - während des
Aufstandes - den Aufständigen, mit denen er auch sein Leben verlor. Auf
Polnisch erschienen Szlengels Texte 1977; der Verlag Gustav Kiepenheuer
(Leipzig) brachte 1990 die deutsche Übersetzung heraus."
Wisława Szymborska: Auf Wiedersehn, Bis morgen. Gedichte.
Aus dem Polnischen
von Karl Dedecius. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1998. 78 S., € 5,50.
Die Gedichte von
Wislawa Szymborska zeugen von Augenblicken der Erleuchtung, der Stärke. Die
große polnische Lyrikerin, die im Juli 1998 ihren 75. Geburtstag feierte,
erhielt 1996 den Nobelpreis für Literatur "Für eine Poesie, die mit
ironischer Präzision den historischen und biologischen Zusammenhang in
Fragmenten menschlicher Wirklichkeit hervortreten läßt". Ihre Poesie ist
ihr Lebens-, Empfindungs- und Denkkommentar: Ob "Ende oder Anfang",
ob "Abschied vom Augenblick" oder die Erkenntnis "Nichts ist
geschenkt", die Wirklichkeit ist für Wislawa Szymborska immer etwas,
worüber man sprechen muß.
Wisława Szymborska: Hundert Freuden.
Gedichte.
Aus dem Polnischen
von Karl Dedecius. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1996. 230 S., € 9,00.
In den Gedichten der
Wislawa Szymborska geschieht etwas Wundersames. Lauter einfache Wörter fügen
sich zu lauter einfachen Sätzen, und doch beginnen diese Sätze, in denen von
den alltäglichsten Dingen gesprochen wird, mit einem Mal zu schweben (Neue
Züricher Zeitung).
Olga Tokarczuk. Anna In in den
Katakomben. Der Mythos der Mondgöttin Inanna.
Aus dem Polnischen von Esther Kinsky.
Berlin: Berlin Verlag 2007. 220 S. € 16,00
"Keine Definition von Mythos, die
ich kenne, ist so ungewöhnlich, paradox und witzig wie die von Karl Kerényi
geprägte: Mythos ist die Epiphanie des Göttlichen im Sprachzentrum des
menschlichen Hirns. Man könnte es auch so ausdrücken: ein Mythos ist in dem
Maße wirklich, in dem alles, was wahrgenommen wird, auch wirklich ist. Solange
wir die Götter auf ihren Reisen, Abenteuern, in ihren Metamorphosen, ihren
Schöpfungen und Apokalypsen begleiten, existieren sie auch. Und so existiert
auch Inanna. Mit dieser Geschichte habe ich auf einen der ältesten Mythen der
Menschheit zurückgegriffen. Die Heldin ist die sumerische Göttin Inanna,
Tochter des Mondgottes und der Mondgöttin, Herrscherin über die Stadt Uruk, die
Göttin von Liebe und Krieg. Sie wird mit dem Planeten Venus assoziiert und in
Gestalt des Abend- und Morgen-sterns verehrt. Einerseits gilt sie als
Schutzpatronin der körperlichen Liebe, andererseits steht sie als die ungestüme
und unstete Kriegsgöttin für das Streben ihres Volkes nach größerer
Macht."
Olga Tokarczuk: Der Gesang der Fledermaus.
Aus dem Polnischen von Doreen Daume.
Schoeffling 2011. 352 S. € 22,95
Der
neue Roman von Olga Tokarczuk ist ein spannender moralischer Thriller. Die
schrullige Erzählerin Janina Duszejko, Dorflehrerin für Englisch und im Winter
Hüterin der Häuser von Sommerfrischlern auf einem windgepeitschten Hochplateau
im Glatzer Kessel, hat zwei Leidenschaften: für Astrologie und für Tiere.
Außerdem kämpft sie mit einem tückischen Leiden, liest und übersetzt mit einem
ehemaligen Schüler die Gedichte von William Blake und räsoniert über die
Sterne, die Menschen und die Bedeutung von Namen. Vor allem aber entwickelt die
Erzählerin kuriose Theorien über die an Tieren begangenen Verbrechen. Als in
der Umgebung eine Leiche nach der anderen gefunden wird, ist sie, die allgemein
als Verrückte angesehen wird, der Polizei immer einen Schritt voraus. Dabei
weiß sie das unauffällige Erscheinungsbild einer »alten Frau mit Plastiktüte in
der Hand« geschickt zu nutzen. In ihrem einsamen Kampf für die Sache der Tiere
legt sie sich mit den Honoratioren der Umgebung, mit der Polizei und sogar mit
der Kirche an - und begibt sich dabei in große Gefahr.
Olga Tokarczuk:
Letzte Geschichten.
Aus dem Polnischen
von Esther Kinsky. Stuttgart: DVA 2006. 296 S. € 22,90
Drei kunstvoll verwobene Geschichten
über drei Frauen, einsam und auf der Suche nach sich selbst. Ihre Lebenswege
treffen sich an einzelnen Punkten, und subtil fügt sich das Porträt einer
Gesellschaft und einer Region im südwestlichen Polen an der Grenze zu
Tschechien. Es geht um Ida Marzec, die nach langer Zeit hierher zurückkehrt, wo
sie niemand Vertrauten mehr antrifft und schließlich Zuflucht bei einem alten
Ehepaar findet, das voller Erinnerungen an ihre Familie steckt. Es geht um Idas
Mutter, die alte Paraskewia, die mit ihrer Ziege Tekla zurückgezogen in den
Bergen lebt. Und schließlich um Maja, Idas Tochter und Pareskewias
Enkeltochter, die durch Asien reist und auf einer Insel in einem amerikanischen
Zauberkünstler ihren verschwundenen Vater zu erkennen glaubt.
Olga Tokarczuk: Der
Schrank
Aus dem Polnischen
von Esther Kinsky. München: dtv 2001. 117 S., € 7,50.
Ein Schrank, der für
ein junges Paar Wohnstatt und Zuflucht vor der Welt wird. Der Traum einer
Bankangestellten von der Stimme eines Mannes, der ihr sagt, daß er sie liebt.
Ein Satz Platons, der einen Lehrer zum Werwolf werden läßt. Die Habseligkeiten
der Gäste eines Hotels, die diese in der Vorstellungskraft eines Zimmermädchens
lebendig machen - Olga Tokarczuks Geschichten entführen uns in ein Reich der
Phantasie zwischen Mythen, Träumen und alltägliche Wirklichkeit. - Es sind
Erzählungen voller Magie und Poesie.
Olga Tokarczuk:
Spiel auf vielen Trommeln: Erzählungen.
Aus dem Polnischen
von Esther Kinsky. Berlin: Matthes & Seitz 2006. 144 S., € 14,80.
Olga Tokarczuk: Taghaus, Nachthaus
Aus dem Polnischen
von Esther Kinsky. München: dtv 2004. 318 S., € 10,00.
Olga Tokarczuk: Ur und andere Zeiten
Aus dem Polnischen
von Esther Kinsky. Berlin: btv 2002. 335 S., € 9,90.
Das Städtchen Ur
befindet sich in einem eigens für seine Bewohner erschaffenen kleinen Kosmos,
der von den vier Erzengeln bewacht wird. Gleichzeitig ist dieser Ort in der
realen Welt angesiedelt und schildert die Geschichte Ostpolens von 1914 bis
heute. Mit Leichtigkeit und subtiler Ironie erzählt Olga Tokarczuk Geschichten
aus dem Leben ihrer Figuren: von der zarten, aber unerfüllten Liebe zwischen
Genofewa und dem Jungen Eli; vom verarmten Baron, der den Sinn des Lebens in
einem kabbalistischen Spiel findet; von Genofewas Mann Michal, der 1919 aus dem
Krieg heimkehrt und zum ersten Mal seiner Tochter Misia begegnet. Tokarczuks
besondere Kraft liegt in ihrer bildhaften Erzählweise, in der das Träumen und
Imaginieren seinen Platz hat.
Tomek Tryzna:
Zauberer
Aus dem Polnischen
von Agnieszka Grzybkowska. München: Luchterhand Literaturverlag 2006. 253 S. €
19,90.
Kurz nur hat Romek Stratos seine Spielzeugarmee im Stich gelassen, um
ein paar Runden mit einem Tretauto zu fahren. Aber dieser kurze Augenblick hat
den Einbrechern genügt, um alles auszuräumen, was der Familie Stratos gehörte.
Romek will seine Schuld am Ruin seiner Familie wieder gut machen, und so
beginnt eine abenteuerliche Reise voll Phantastik und Ernüchterung durch das
kommunistische Polen: Noch oft wird Romek alles verlieren, aber ebenso oft wird
er sein Glück machen und der profanen Wirklichkeit eins auswischen. Lala zu
küssen ist eine schlimme Sache, aber ein Kuss ist nunmal der Preis für eine
Runde mit Lalas Tretauto. Noch schlimmer aber ist, dass während der Küsserei
Einbrecher die Wohnung ausräumen, auf die Romek doch eigentlich aufpassen
sollte. Romeks Familie verliert alles und droht auseinanderzubrechen: Der Vater
ist ein wunderbarer Mensch, aber er ist launisch und greift schnell zur
Flasche. Und weil Romek sich schuldig fühlt am Unglück seiner Familie, erfindet
er ein Geschäftsmodell nach dem anderen: mit seinen selbstgegossenen
Zinnfiguren zum Beispiel, die er an seine Schulkameraden verkauft, schafft er
es tatsächlich, ein wenig Geld zurückzulegen. Romek und seine Mutter wagen es
sogar, nach Warschau zu gehen: Ein Modegeschäft will die Mutter gründen, noch
einmal von vorne anfangen. Die Hauptstadt ist eine glitzernde Verheißung, und
wirklich scheinen die Stratos diesmal Glück zu haben: ein Verehrer taucht auf,
vermögend und mit Manieren. Aber weil das Leben ungerecht ist, und die Stratos’
zu naiv sind für die große Stadt, ist auch dieses Glück nicht von langer Dauer
…
Magdalena Tulli:
Dieses Mal
Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Frankfurt am Main: Schöffling
Verlag 2010. 208 S. € 24,95.
Aus maßgeschneiderten Anzügen,
Kleidern und Kostümen schlüpfen mit spielerischer Leichtigkeit die Figuren in
Magdalena Tullis neuem Roman, der zugleich eine Parabel auf den schöpferischen
Akt des Schreibens ist. Dieses Mal lässt ein Reichsstädtchen kurz vor dem
kommunistischen Umsturz entstehen. Bevölkert wird es von dem Schneider, dem
Notar nebst Gattin und Kindern, dem Polizisten, dem Dienstmädchen und seinen
Liebhabern, umfahren von einer Ringstraßenbahn, umgeben von abgründigen
Hinterzimmern, die sich manchmal als Rückräume eines Theaters erweisen. Auch
die Erzählerfigur wechselt die Rollen und probiert mit den Kleidern
verschiedene Haltungen aus. In diese bunte, böse Miniaturwelt dringen
Störenfriede, die ständig alles sabotieren, zum Einsturz bringen und nach
Kräften schiefgehen lassen. Börsenkrach, Studentenunruhen, Attentate und
Flüchtlingselend geben dem Roman eine dramatische Wendung und einen hoch
aktuellen Bezug.
Magdalena Tulli: In Rot
Aus dem Polnischen
von Esther Kinsky. Stuttgart: DVA 2000. 192 S., € 18,90.
Köchin, Soldat,
Mädchen, Liebhaber, Fabrikant und Revuedirektor- ein ganzer Reigen von Personen
bevölkert Magdalena Tullis Roman. Wir befinden uns zu Anfang des 20.
Jahrhunderts. Schauplatz ist die Stadt Sciegi, die sich wandelt wie der
historische Hintergrund, die Ereignisse, die den Personen widerfahren. Mal
Garnisonsstadt in der finsteren Kälte des Nordens, dann wieder Metropole und
Hafenstadt unter blauem Sommerhimmel, am Ende ein Trümmerfeld. Sciegi ist die
Geschichte.
Michał
Witkowski: Queen Barbara
Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Frankfurt/Main:
Suhrkamp Verlag 2010. 255 S. € 18,00.
Tagsüber ist Hubert Kleinganove
und betreibt eine Pfandleihe im Kohlenpott Polens der achtziger Jahre. Nachts
vor dem Spiegel und mit Perlen geschmückt nennt er sich Barbara Radziwill –
nach der Königin von Polen und Großfürstin von Litauen. Sein Geld verdient er
mit »Baguette überbacken«, dem Dönerkebab der Volksrepublik. Und mit
gestohlenen Chrysanthemen vom Friedhof. Wenn es eine Schuld einzutreiben gilt,
sind seine »Hofdamen« zur Stelle, Sascha und Felus. Die beiden Ukrainer wissen,
wie sie ihn um den Finger wickeln können.
Józef Wittlin: Mein Lemberg
Aus dem Polnischen
von Klaus Staemmler. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1994. 82 S., € 8,80.
Józef Wittlin: Das Salz der Erde
Aus dem Polnischen
von Izydor Berman. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2000. 301 S., € 10,00.
Rafał Wojaczek: In tödlicher Not. Ausgewählte
Gedichte
Aus dem Polnischen
von Gregor Simonides und Tobias Rössler. Aachen: Rimbaud Verlagsgesellschaft
2000. 88 S. € 11,00.
Karol Wojtyła: Die Jugendgedichte des Papstes
Aus dem Polnischen
von Blasius Chudoba. Graz: Styria Verlag 2000. 160 S., € 12,90.
Diese Gedichte
verfasste der Papst mit 19 Jahren im Jahr 1939 vor und nach Beginn des zweiten
Weltkrieges und der Besetzung Polens durch die Deutsche Wehrmacht.
Adam Zagajewski: Mystik für
Anfänger. Gedichte
Aus dem Polnischen
von Karl Dedecius. München: Hanser 6. Aufl. 2002. 99 S., € 13,90.
Adam Zagajewski
beschreibt in seinen Gedichten die janusköpfige Welt der Gegenwart. Dabei
stellt er sich der Welt, ist ihr strengster Beobachter, ihr mitleidender
Bewohner auf Zeit.
Adam Zagajewski: Die Wiesen von
Burgund. Ausgewählte Gedichte
Aus dem Polnischen von Karl Dedecius. München: Hanser 2003. 176 S. € 15,90.
Im Mittelpunkt von
Adam Zagajewskis poetischen Erkundungen steht Europa: europäische Musik und
Philosophie, Europas Architektur und seine Landschaften, aber immer auch des
Dichters eigene Geschichte. Er, den seine Ironie davor bewahrt, ein reiner
Elegiker zu werden, verkörpert so tief wie kaum ein anderer das europäische
Bewusstsein mit allen Ambivalenzen.
Andrzej Zaniewski: Die Ratte
Aus dem Polnischen
von Roswitha Matwin-Buschmann. München: dtv 2000. 208 S., € 9,00.
Mit seiner
Biographie einer Wanderratte, von ihr selbst erzählt, hält Zaniewski den Leser
von der ersten bis zur letzten Seite in Atem. Zahlreiche Mythen und Märchen
sind mit den Geschicken der Ratte verwoben. Wir sehen die Welt mit ihren Augen,
leben und leiden mit ihr. Voller Grauen und zugleich voller Bewunderung
erkennen wir in ihrem Leben das Abbild unserer eigenen Zivilisation. Eine
ungeheure Provokation: Der Leser wird zwischen Abscheu und Identifikation hin-
und hergerissen; ein Wechselbad der Gefühle, das unsere menschliche
Überlegenheit und Überheblichkeit radikal in Frage stellt. Ein Roman voller
Abenteuer und Geheimnisse, und dabei eine grausame und schmerzliche Parabel
über die menschliche Existenz zwischen Wohlstand und Elend, Frieden und Krieg.
Stefan Żeromski: Vorfrühling
Aus dem Polnischen
von Kurt Harrer und Eckhart Thiele. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1983. 377
S., € 20,80.